Deutscher Schulpreis 2022 : Was ist so besonders an den Schulen in Solingen?

Die Jury für den Deutschen Schulpreis 2022 hat drei Schulen auf die TOP-20-Liste gesetzt. Ist das Zufall, oder gibt es Besonderheiten in der nordrhein-westfälischen Stadt, die diesen Erfolg erklären können? Das Schulportal war unterwegs auf Spurensuche in Solingen und traf engagierte Akteurinnen und Akteure einer besonderen Kommune.

Annette Kuhn 03. Juni 2022 Aktualisiert am 07. Juni 2022 1 Kommentar
Solingen
So unterschiedlich die Schulen in Solingen sind, so unterschiedlich sind auch die Stadtteile. Neben Fachwerk wie hier in Burg, gibt es auch viele Nachkriegsbauten.
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Solingen ist eine Stadt, wie es viele in Nordrhein-Westfalen gibt: knapp 163.000 Einwohnerinnen und Einwohner, mehr als ein Drittel davon mit Migrationshintergrund, wenig Geld, eine verwaiste Fußgängerzone in der Innenstadt.

In fast jedem deutschen Haushalt steckt ein bisschen von der „Klingenstadt Solingen“ – eine Schere, ein Messer oder ein Maniküre-Set, denn Solingen ist Sitz der Schneidwarenindustrie und das Zuhause von Traditionsunternehmen wie Zwilling.

Und dann hat Solingen 1993 auch noch traurige Berühmtheit erlangt: Auf dem Höhepunkt deutschlandweiter rassistischer Angriffe auf Migrantinnen und Migranten hatten vier Rechtsradikale das Haus einer türkischstämmigen Familie in Solingen angezündet, fünf Menschen kamen dabei ums Leben.

Der „Solinger Weg“ hat in der Pandemie bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt

Auch im Herbst 2020 war Solingen wieder in den Schlagzeilen – diesmal mit dem „Solinger Weg“: Als die Infektionszahlen in der zweiten Corona-Welle rasant anstiegen und mehr als ein Zehntel aller Schülerinnen und Schüler in Quarantäne waren, entschloss sich die Stadt im November 2020 gemeinsam mit ihren Schulen, auf Wechselunterricht umzustellen. Kurz bevor es losging, wurde das Vorhaben von der Landesregierung in Düsseldorf allerdings untersagt, weil sie auf der Aufrechterhaltung des vollständigen Präsenzunterrichts bestand. Mit der bekannten Folge, dass einen Monat später alle Schulen bundesweit wieder in einen Lockdown geschickt wurden.

Der „Solinger Weg“ war schon ein erstes Indiz dafür, dass in der Schullandschaft der Stadt manches anders läuft. Man wartet hier offenbar nicht darauf, dass sich Probleme von allein lösen oder dass sie gar von oben gelöst werden – man versucht hier, selbst Lösungen zu finden.

Sprecherrat der Schulleitungen und Rathaus tauschen sich aus

Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach hatte im Herbst 2020 die Schulleitungen, Elternvertretungen und Schülervertretungen an einen Tisch geholt und überlegt, was zu tun sei, um die Ausbreitung der Corona-Infektionen in den Schulen zu stoppen.

Aber wie bekommt man alle 39 Schulen der Stadt so schnell an einen Tisch? In Solingen gibt es seit einigen Jahren einen Sprecherrat der Schulleitungen, mit dem der OB regelmäßig im Austausch steht. Auch das ist eine Besonderheit der Stadt.

Im Sprecherrat ist jede Schulart vertreten, Grundschulen sind wegen ihres größeren Anteils doppelt besetzt. Alle zwei Jahre wechseln die Sprecherinnen und Sprecher der einzelnen Schularten nach einem rollierenden System. So kennen sich die Schulen untereinander gut. Im Sprecherrat werden kleine Dinge besprochen – wie die Festlegung flexibler Ferientage, damit Eltern in der Stadt besser planen können –, aber auch große Fragen werden geklärt, zum Beispiel, welche Schule einen Zug mehr aufmacht, damit die wachsende Stadt die steigende Schülerzahl bewältigen kann.

Tim Kurzbach Oberbürgermeister von Solingen
Tim Kurzbach, Oberbürgermeister von Solingen

„Schulen stehen ganz oben auf meiner Prioritätenliste“, betont der Oberbürgermeister. Er sagt auch Sätze wie: „Es kann keine sinnvollere Investition geben als die in die Köpfe unserer Kinder“ oder „Ich will Schulen auf einen Standard der 2020er-Jahre bringen, nicht nur mit ein bisschen Farbe alles überpinseln“. So etwas sagt man ja gern in der Politik.

Ich im Rathaus kann doch nicht immer alles wissen, was für Schulen richtig ist.
Tim Kurzbach, Oberbürgermeister von Solingen

Aber dass Tim Kurzbach das Thema Schule wirklich wichtig ist, lässt sich vielleicht schon daran ablesen, dass er sich trotz eines vollen Terminkalenders für einen Besuch des Schulportals Zeit nimmt, um seine Sicht auf den Erfolg der Solinger Schulen bei der ersten Runde des Deutschen Schulpreises darzulegen. Und er nimmt sich diese Zeit auch dann noch, als der Besuch ihn wegen einer 100-minütigen Verspätung der Bahn lange warten lassen muss.

Digitalisierung hat in Solingen lange vor der Pandemie begonnen

2016, als der gebürtige Solinger Tim Kurzbach neu im Amt war, habe er gleich zwei Mega-Projekte begonnen: eine 350-Millionen-Euro-starke Schulbauoffensive und die Digitalisierung der Schulen. Die Pandemie war noch in weiter Ferne, als Solingens Schulen bereits ans Glasfasernetz angeschlossen waren und WLAN in allen Räumen hatten. Da Digitalisierung aber nur mit der entsprechenden Unterstützung funktioniert, hat Tim Kurzbach auch noch sieben Stellen für den IT-Support von Schulen geschaffen. Bei dem leer gefegten Markt für IT-Fachkräfte und der knappen Haushaltslage der Stadt ist auch das ungewöhnlich. Und mit Stolz verkündet der OB noch einen Superlativ: NRW-weit sei Solingen 2020 Spitzenreiter beim Abruf der Fördermittel aus dem Digitalpakt Schule gewesen. Damals wurden 15 Millionen Euro von allen NRW-Kommunen zusammen abgerufen, davon allein 3,1 Millionen von Solingen.

Die Grundschule Bogenstraße sollte mal geschlossen werden

Solingen war also früh dran mit der Digitalisierung. Sicher spielt auch das eine Rolle für die Aufbruchstimmung, die sich an den Solinger Schulen beobachten lässt – zumindest an den drei Schulen, die auf der TOP-20-Liste für den Deutschen Schulpreis stehen.

Nicole Wrana, Schulleiterin der Grundschule Bogenstraße
Nicole Wrana
©Annette Kuhn

Zum Beispiel in der Grundschule Bogenstraße. Die Schule hat die digitalen Möglichkeiten genutzt, um den Unterricht neu und digitaler zu gestalten. Die Grundschule mit heute 234 Schülerinnen und Schülern sollte vor zehn Jahren fast geschlossen werden. Das Kollegium war überaltert, die Schülerzahlen eingebrochen, „und das Schulgebäude sah aus wie eine Kaserne“, erzählt Schulleiterin Nicole Wrana. Heute ist es frisch gestrichen und eine Abwicklung längst keine Option mehr.

Dafür wäre Nicole Wrana auch nicht angetreten. Sie wollte Neues in der Schule aufbauen und hatte das Gefühl, dies mit Rückendeckung der Stadt machen zu können. Auch sie sagt: „Es gibt in Solingen eine Offenheit gegenüber dem, was Schulen entwickeln.“

Wir müssen es miteinander machen – Schule kann Bildung nicht allein leisten.
Nicole Wrana, Schulleiterin der Grundschule Bogenstraße in Solingen

Diese Offenheit hat sie auch im direkten Umfeld der Schule gefunden, als sie vor ein paar Jahren einen „Design Thinking“-Prozess angestoßen hat, um herauszufinden, wie die Digitalisierung ihre Grundschule voranbringen könnte. „Häufig sind wir so stark reglementiert durch knappe Ressourcen und denken daher klein“, sagt sie. Nicole Wrana wollte aber etwas Größeres – und vor allem „in Sachthemen denken, nicht in Strukturen“.

Netzwerkarbeit spielt an den Schulen in Solingen große Rolle

Es hatte sich damals an ihrer Schule eine „Freitagsgruppe“ gebildet, mit verschiedensten Akteuren aus dem Umfeld der Schule: Vertretern der Stadt, dem Schuldezernat, Akteuren aus Wirtschaft und Kunstszene. Daraus sei ein wichtiges Netzwerk erwachsen, sagt die Schulleiterin, und alle hätten die Erkenntnis gewonnen: „Wir müssen es miteinander machen – Schule kann Bildung nicht allein leisten.“

Zu diesem Miteinander gehört für Nicole Wrana auch eine Vernetzung mit Kitas und weiterführenden Schulen. Die Grundschule Bogenstraße und die nahe gelegene Geschwister-Scholl-Schule haben gemeinsam Wertemodule entwickelt, die sie in den vierten und fünften Klassen umsetzen. Das sind Unterrichtseinheiten mit dem Ziel, einen besser vorbereiteten Übergang schaffen.

Die „Scholle“, wie sie in Solingen alle nennen, ist eine weitere der drei TOP-20-Schulen. Schulleiterin Elke Mosebach-Garbade managt die Schule mit mehr als 1.000 Schülerinnen und Schülern an zwei Standorten, dennoch ist es ihr sehr wichtig, auch noch selbst zu unterrichten. Wenn sie über die Neugestaltung des Schulhofs spricht und dem Besuch dabei mit Begeisterung erklärt, welche Rolle das Baumaterial für die Nachhaltigkeit spielt, dann weiß man auch schnell, welches Fach sie am liebsten unterrichtet: Chemie.

Elke Mosebach-Garbade, Schulleiterin Geschwister-Scholl-Schule
Elke Mosebach-Garbade
©Annette Kuhn
Natürlich sind wir im Sprecherrat nicht immer einer Meinung – aber dann wird eben diskutiert, bis wir eine für alle tragbare und nachvollziehbare Lösung finden.
Elke Mosebach-Garbade, Schulleiterin der Geschwister-Scholl-Schule in Solingen

Und die „Chemie“ ist es wohl auch, die in Solingen sprichwörtlich stimmt. „Natürlich sind wir im Sprecherrat nicht immer einer Meinung – aber dann wird eben diskutiert, bis wir eine für alle tragbare und nachvollziehbare Lösung finden.“ Wenn eine Schulform gegen etwas sei, dann werde es auch nicht gemacht.

Und noch etwas schätzt Elke Mosebach-Garbade am Sprecherrat und an der Zusammenarbeit mit der Stadt: den intensiven Erfahrungsaustausch. Davon könne man zum Beispiel bei der Anschaffung digitaler Geräte profitieren. Und wenn sich mehrere Schulen auf einen Gerätetyp verständigen, erleichtere das wiederum den Support.

39 Schulen gibt es in Solingen, drei davon haben Chance auf den Deutschen Schulpreis

Bei solchen Sätzen sieht man fast Dirk Braun in der knapp sechs Kilometer entfernten Gesamtschule Höhscheid nicken – der dritten der Solinger TOP-20-Schulen. „Wenn es Fragen gibt, dann bekommt man Unterstützung, zugleich können wir Schulen aber auch sehr selbstständig arbeiten und neue Wege gehen.“ Davon macht der Schulleiter gern Gebrauch, schließlich wurde seine Schule erst 2014 gegründet. Sie hat ein ausgefeiltes Unterrichtskonzept, das vor allem auf Differenzierung setzt.

Um das zu verwirklichen, wollte Dirk Braun im sanierten Gebäude den Raum zwischen zwei Klassenräumen in kleine Differenzierungsräume teilen. Erst hieß es vonseiten der Architekten: „Geht nicht, Klassenräume in Solingen müssen mindestens 14 Quadratmeter groß sein.“ Am Lächeln des Schulleiters kann man aber – bevor er es selbst sagt – schon ablesen, dass es dann eben doch ging. „In Solingen gibt es eine große Offenheit gegenüber neuen Ideen der Schulentwicklung“, sagt Braun.

Dirk Braun, Schulleiter der Gesamtschule Höhscheid
©Annette Kuhn
In Solingen gibt es eine große Offenheit gegenüber neuen Ideen der Schulentwicklung.
Dirk Braun, Schulleiter der Gesamtschule Höhscheid in Solingen

Und so nimmt auch Carlos Sánchez die Schullandschaft in Solingen wahr. Sánchez ist in der Bezirksregierung Düsseldorf als Dezernent in der Schulaufsicht zuständig für die Gesamtschulen in Solingen: „Solingen bietet eine Atmosphäre des Ermöglichens und der Partizipation.“ Das kenne er so ausgeprägt anderswo nicht. Er macht dafür vor allem auch den Sprecherkreis der Schulleitungen verantwortlich und das Engagement des Oberbürgermeisters. Der wiederum sagt: „Ich im Rathaus kann doch nicht immer alles wissen, was für Schulen richtig ist. Und vor allem: Es gibt nicht ,die eine‘ Lösung, die für alle Schulen gleichermaßen gut ist.“

Wenn er diesen Satz sagt, wird Tim Kurzbachs Stimme etwas lauter. Es wirkt fast so, als würde er sich wünschen, dass dieser Satz auch in der Nachbarstadt gehört wird – Düsseldorf, dem Sitz des Schulministeriums. Denn er könne als Bürgermeister die Spielräume für die Schulen natürlich nur so weit öffnen, wie es der vom Land aufgestellte Rahmen zulasse. Und wie eng der manchmal sein kann, das hat er ja beim „Solinger Weg“ gesehen.

Die Mentalität des „Bergischen Tüftelns“ prägt die Stadt

Wen man in Solingen auch fragt – die Schulleitungen, den Oberbürgermeister oder die Stadtdirektorin Dagmar Becker, die auch verantwortlich ist für das Ressort Schule: Die unterschiedlichen Zuständigkeiten in Sachen Schule auf kommunaler und Landesebene und die administrative Trennung äußerer und innerer Schulangelegenheiten halten alle für wenig zeitgemäß. Zum Glück aber würden sich die Schulen in Solingen in ihrer Kreativität dadurch nur wenig bremsen lassen, findet die Stadtdirektorin. Als Politikerin begründet sie das vor allem mit dem großen Engagement für Schulen in Solingen. Aber sie ist auch gebürtige Solingerin und sieht als solche noch etwas. Sie nennt es das „Bergische Tüfteln“ und meint damit eine Haltung des Einfach-mal-Machens und Ausprobierens.

Eine Grundschule und zwei der vier Solinger Gesamtschulen haben also einfach mal gemacht, sich für den Deutschen Schulpreis beworben und es auf die Top-20-Liste geschafft. Am liebsten würden sie nun auch noch zusammen zu den 15 Nominierten gehören und dann gemeinsam im September zur Preisverleihung nach Berlin fahren, sagt die Schulleiterin der „Scholle“. Da ist es wieder, dieses besondere Solinger Zusammengehörigkeitsgefühl.

Der Deutsche Schulpreis 2022

  • Mit dem Deutschen Schulpreis zeichnen die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung seit 2006 Schulen aus, die sich durch innovative und erfolgreiche Konzepte hervorgetan haben.
  • Eine 50-köpfige Jury aus Bildungswissenschaft, Schulpraxis und Bildungsverwaltung hat aus allen Bewerbungen zunächst die TOP-20-Schulen für den Deutschen Schulpreis 2022 ausgewählt.
  • Die Juryteams besucht und begutachtet diese 20 Schulen. Danach kommt das Auswahlgremium Ende Juni zur zweiten Jurysitzung zusammen und wählt 15 Schulen aus, die für den Deutschen Schulpreis nominiert werden. Wer in der letzten Runde dabei ist, wird Anfang Juli bekannt gegeben.
  • Die Preisträger werden in Anwesenheit von Bundeskanzler Olaf Scholz am 28. September live in Berlin verkündet.
  • Die beste Schule des Jahres erhält den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis. Vier weitere Schulen bekommen Preise in Höhe von jeweils 30.000 Euro. Alle anderen nominierten Schulen erhalten einen Anerkennungspreis in Höhe von 5.000 Euro.