Soziales Unternehmertum : Der Starthelfer vom Fußballplatz

Mit seinen Sportzentren gibt der Unternehmer Florian Zech benachteiligten Jugendlichen in Südafrika eine Perspektive. Jetzt will er das Modell in seine deutsche Heimat exportieren.

Dieser Artikel erschien am 28.01.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Claudia Bröll
Mann mit Fußball in der Hand
©Claudia Bröll

Florian Zech ist einer der wenigen „Mlungus“ – so werden Weiße in Südafrikas Xhosa-Sprache genannt -, die das Leben in einer Township erlebt haben. Das war 2006 in Khayelitsha, einem Armenviertel bei Kapstadt. Er war 19 Jahre alt und wollte seinen Zivildienst in Afrika ableisten. Ein Jahr lang blieb der Oberbayer vom Chiemsee in „Khaya“, wie die Bewohner das Viertel nennen, arbeitete in einem Kinderheim. Die Erlebnisse prägten ihn für sein Leben. Heute, 15 Jahre später, treffen wir uns in Soweto bei Johannesburg, in einem neuen Jugendzentrum kurz vor der Eröffnung. Es ist der größte von sieben „Safe-Hubs“, die das von ihm gegründete soziale Unternehmen Amandla in Südafrika geschaffen hat. Amandla heißt übersetzt Kraft. Es ist ein Ruf aus der Widerstandsbewegung gegen die Rassentrennung.

Der Gründer grüßt in Sporthemd, Jeans, Turnschuhen. Auch wenn kurz vor dem Start noch nicht alles fertig ist, wirkt er ziemlich entspannt. „Die Safe-Hubs sollen Orte sein, wo sich Jugendliche sicher und wohl fühlen, wo sie wissen, dass jemand an sie glaubt“, erklärt er in bedächtigem Ton bei einem Rundgang durch das Gebäude. Zudem sollen sie Orientierungshilfen für Ausbildung und Beruf erhalten, Spaß haben und – wie soll es im einstigen Gastgeberland der WM 2010 anders sein – Fußball spielen. Hinter dem mehrstöckigen neuen Backsteingebäude liegt denn auch ein tiefgrüner, frisch angelegter Fußballplatz in der südafrikanischen Frühlingssonne.

Soziale Initiativen gibt es viele in Südafrika, doch nicht alle halten sich. Amandla hat über die Jahre hinweg einen weiten Investoren- und Partnerkreis um sich geschart: von Adidas über südafrikanische Konzerne und Entwicklungsbanken bis hin zur Stiftung von Oliver Kahn, dem Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München. Eine stattliche Organisation ist entstanden, mit wohltätigem Ziel, unternehmerischem Geist und internationalen Expansionsplänen.

Wenig überraschend ist Zech selbst ein begeisterter Teamsportler. Allerdings hat er früher eher Handball als Fußball gespielt. „Als 19 Jahre alter Neuankömmling in Khayelitsha hatte ich damals gedacht, dass man Teamsport organisieren müsse, damit junge Menschen nachmittags etwas zu tun haben. Für die meisten findet ein großer Teil des Lebens auf der Straße statt, wo sie vielen Risiken ausgesetzt sind.“ Mit einer Fußball-Liga für Kinderheime fing es an. Dann entstand die Safe-Hub-Idee. Freunde und Jugendliche aus der Township planten mit. „Wir erträumten uns einen idealen Ort“, erinnert er sich. „Und das war die Anfangsstunde.“

Einer der am längsten etablierten „Hubs“ befindet sich nicht weit von Zechs damaligem Wohnort, in Gugulethu bei Kapstadt. Am Lotus Park, dem Bahnhofsvorplatz, herrscht an einem Freitagnachmittag Hochbetrieb. Straßenhändler haben Kleidung in allen Farben auf der Straße ausgelegt, auch Abflussrohre und Spülbecken gibt es zu kaufen. Bei „Nolie’s Take-Away“ brutzeln anständig große Steaks auf einem Grill, während vor dem Bahnhof ein laut hupendes Sammeltaxi nach dem anderen stoppt. Ein Zug ist hier zuletzt vor einem Jahr abgefahren. Dann stahlen Diebe die Stromkabel.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, vor dem „Safe-Hub Oliver Kahn“, steht eine quirlige Menge von Mädchen und Jungs Schlange. Jeder kennt den Corona-Drill: Maske tragen, Temperatur messen, Namen nennen, ein paar Spritzer Desinfektionsmittel auf die Hände, und los geht’s. Vom Fußballplatz dröhnt Partymusik. An den Adidas-Trainingsanzügen und an ihrer guten Laune sind die „Playmaker“, die Jugendbetreuer, sofort erkennbar. Eine von ihnen ist Keisha, sie tanzt sich mit ihren Kollegen schon mal warm. Die Herausforderungen für Jugendliche in dieser Gegend kennt sie selbst, erzählt sie später in einer kurzen Pause. Sie kommt aus Manenberg, einem berüchtigten und kriminalitätsgeplagten Nachbarort. Jammern will die junge Frau aber nicht. „Man muss hier irgendwie über die Runden kommen“, sagt sie mit einem schiefen Lachen und tanzt weiter.

Kriminalität ist nur eines von vielen Problemen in Orten wie Khayelitsha, Gugulethu und Manenberg. Südafrika hat eine der höchsten Quoten der Jugendarbeitslosigkeit auf der Welt: Schätzungen nach sind 74 Prozent der 15- bis 24-jährigen nach einer erweiterten Definition arbeitslos. Das liegt an vielen Faktoren. Das staatliche Schulwesen landet in internationalen Bildungsstatistiken regelmäßig auf einem der hinteren Plätze. Für die weiterführende Ausbildung finden sich in Südafrika zwar mehrere Top-Universitäten von Weltrang, aber an Angeboten für die Berufsbildung besteht chronischer Mangel. Wie Keisha berichtet, haben viele ihrer Freunde auch keinen Überblick über die vielfältigen Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten außerhalb der Townships. Sie wählen Berufe, die sie aus der näheren Umgebung kennen und stecken in einer Sackgasse fest.

Sie selbst wollte nach der Schule „irgendwie mit Kindern arbeiten“, sagt Keisha. Hoch motiviert machte sie ein Praktikum an einer Grundschule. Doch wie es danach weitergehen sollte, wusste sie nicht so recht. Sie dachte auch daran, wegzuziehen, Manenberg ist ein gefährliches Pflaster, ein Hotspot der Bandenkriminalität. „In unserer Gegend gibt es viele Schusswechsel“, sagt sie. „Leider ist die Polizei nicht immer verfügbar.“

Trotzdem ist Manenberg Keishas Zuhause. Sie blieb, auch weil das Geld für den Wegzug fehlte, entdeckte den Safe-Hub und machte schließlich die Ausbildung zur Playmakerin. Diese führt nach einem Jahr zu einem Abschluss als „Sports Administrator“. Damit können die Absolventen auch in der Privatwirtschaft, vor allem in der Sportbranche, arbeiten. Die Ausbildung ist begehrt: Jedes Jahr bewerben sich bei Amandla 200 bis 300 junge Leute auf einen der 13 Plätze.

Vor dem Anpfiff setzen sich Keisha und die anderen „Playmaker“ mit den Kindern in kleinen Gruppen auf den Rasen. Die meisten reden Xhosa, zwischendurch fallen ein paar Worte auf Afrikaans und Englisch. Die Themen heute sind „Verantwortung“ und „Vorbilder“. Zwei forsche Mädchen nennen die Mutter und die Großmutter. Die anderen müssen noch etwas nachdenken. Als die Kleinen dann im Chor einen Merksatz skandieren sollen, sind alle dabei: „Wir müssen Verantwortung übernehmen, um mit Hilfe unserer Vorbilder gesunde Beziehungen aufzubauen.“ Solche Sätze haben ihre Altersgenossen aus den reicheren Vororten schon in den privaten Kindergärten gelernt. Kapstadt ist bekanntlich eine Stadt der Extreme. Zwischen dem Alltagsleben in Vierteln wie Gugulethu und den reichen Suburbs in wenigen Kilometern Entfernung liegen Welten.

Florian Zech war sich dieser Unterschiede bei seiner Ankunft in Südafrika zuerst nicht bewusst. Erst nach drei Wochen verließ er zum ersten Mal Khayelitsha. Das Viertel war zu dem Zeitpunkt sein Referenzpunkt für den Lebensstandard in Südafrika. „Da ist mir die Ungleichheit richtig bewusst geworden. Als junger Mensch empfindet man die Privilegien als normal, mit denen Leute wie ich am Chiemsee oder in den Vororten aufwachsen. Man sieht nicht, dass nur sehr wenige Menschen solche Chancen haben.“

Motiviert von der Idee, den Kindern im Armenviertel ähnliche Möglichkeiten wie in den Vororten zu verschaffen, setzte er sich im Waisenhaus für eine Vorschulklasse ein und sammelte Spenden, um eine Lehrkraft zu bezahlen. Später, als Amandla gegründet und in Südafrika wie in Deutschland als gemeinnütziger Verein registriert war, nahm das Fundraising professionellere Formen an. Einen Schub lieferte dann die Fußball-WM 2010. Zech will seine Organisation zwar nicht als „WM-Wunder“ abstempeln lassen. „Aber die Aufmerksamkeit zu der Zeit hat uns sehr geholfen“, gibt er zu. Gute Beziehungen waren ein weiterer Erfolgsfaktor. Auch Zufälle spielten eine Rolle. So kam der Kontakt zu Oliver Kahn gerade rechtzeitig zustande, als ein wichtiger Kapitalgeber kurz vor dem Start eines Safe-Hub abgesprungen war. Der frühere Nationaltorwart hatte ein Mutmacher-Buch mit dem Titel „Du packst es!“ geschrieben und suchte nach Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis.

Für die Geldgeber freilich ist die wichtigste Frage diejenige nach dem viel zitierten „Impact“. Das ist schon in entwickelten Ländern ein schwieriges Unterfangen, aber noch mehr in Armenvierteln, wo bereits die Datenerhebung eine Herausforderung darstellt und sich die vielen Einflussfaktoren schwer voneinander trennen lassen. Amandla hat trotzdem ein Evaluierungssystem entwickelt, um die eigenen Angebote laufend zu prüfen und anzupassen. Demnach haben die Zentren die Kriminalität in direkter Umgebung um 44 Prozent reduziert. Fast doppelt so viele Jugendliche befinden sich in Arbeit oder einer Ausbildung. Und die Abschluss-Schulnoten der Teilnehmer verbesserten sich um bis zu 49 Prozent.

Zech selbst hat sich zwar in jungen Jahren zweimal für Studiengänge eingeschrieben, aber nie kein Studium abgeschlossen. Wie man eine Organisation aufbaut und führt, das lernte er in der Praxis. Entscheidend sei ein ganzheitlicher Ansatz, ist er überzeugt. „Es reicht nicht, hier ein Fußballfeld zu legen und dort ein Jugendcafé zu eröffnen.“ Da eine einzelne Organisation nicht Hilfen für alle Herausforderungen der Jugendlichen bieten kann, sieht er die Safe-Hubs als Plattformen für spezialisierte Anbieter von Förderprogrammen. Ein weiterer Grundsatz ist die Diversität: Nicht nur ist die Hälfte des Management-Teams weiblich, alle Hierarchieebenen sollen so zusammengesetzt sein, dass sie die Bevölkerungsstruktur des Landes widerspiegeln: „Ich umgebe mich gerne mit Menschen, die sich auf unterschiedlichen Gebieten sehr viel besser auskennen als ich.“

Das Konzept der Safe-Hubs lässt sich aus seiner Sicht auch auf andere Orte und Länder übertragen. Ein internationales Social-Franchise-System soll entstehen. Bis zum Jahr 2025 sind 20 Safe-Hubs in Südafrika geplant, weitere sollen im Ausland folgen, beispielsweise in den Vereinigten Staaten und in Deutschland. „Von Süden nach Norden also.“ Das ist dem Deutschen, der heute in einem Johannesburger Vorort lebt, mit einer Südafrikanerin verheiratet ist und zwei kleine Töchter hat, wichtig. Ein Zentrum ist im Berliner Stadtteil Wedding geplant. Es soll im Jahr 2023 eröffnen.

So reibungslos, wie es im Rückblick erscheint, ist die Geschichte des sozialen Unternehmens freilich nicht verlaufen. Zech äußert sich diplomatisch. „Man muss lernen, mit allen Herausforderungen, die es in einem Schwellenland wie Südafrika gibt, umzugehen“, sagt er. Das erfordere stets neue Energie. Einmal wurden sein Team und er Opfer eines Überfalls. Glücklicherweise war der Schaden nur materiell. Nachwirkungen blieben trotzdem. „Ich habe dadurch ein Stück meiner vorigen Sorglosigkeit verloren.“

In Gugulethu ziehen die kleinen Fußballstars aus dem Safe-Hub gegen Abend müde nach Hause. Stattdessen kommen ältere Jugendliche zur „Friday-Night-League“. Auch diese Idee hatte der Amandla-Gründer während seiner Zivi-Zeit in Khayelitsha. An Freitagabenden passieren in Südafrika die meisten Alkoholdelikte und kriminellen Taten. Eine Alternative zu Tavernen musste her: ein Spielfeld, Bälle, zwei Tore und eine Flutlichtanlage. Auch das lag auf der Hand. Es scheint zu funktionieren.