Schule und Islamismus : Der Prophet im Klassenzimmer

Wenn der Koran spricht, schweigen die Schulbehörden. Der Islamismus ist auch an deutschen Schulen ein großes Problem.

Dieser Artikel erschien am 05.11.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Junge studiert den Koran
Autoritätskonflikt: Über dem Lehrer steht mancherorts das Wort des Propheten.
©dpa

Der Lehrerin der Grundschule im Frankfurter Vorort Griesheim schwante nichts Böses, als sie mit ihrer Klasse das örtliche Architekturmuseum besuchte. Am Tag darauf beschwerten sich muslimische Mütter heftig bei ihr, ihre Kinder seien beschmutzt worden und hätten sich nur mit aufwendigen Ritualen von dem Makel reinigen können. Was war geschehen? Das Architekturmuseum liegt in einem Karmelitenkloster, das seit langem nicht mehr als Kirche genutzt wird. Andere hatten sich schon beschwert, als ihre Kinder bei einem Klassenausflug eine Kirche von außen betrachten mussten. Was für eine Auffassung anderer Religionen schwingt mit, wenn der Besuch oder Anblick eines Gotteshauses als beschmutzend empfunden wird?

Nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty war die Diskussion aufgekommen, ob der radikale Islam auch in deutsche Klassenzimmer einzogen sei. Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sprach von einem Klima der Einschüchterung. Seine Quelle war neben Erfahrungsberichten das Buch “Die Macht der Moschee” des Fernsehjournalisten Joachim Wagner, der darin zu dem Ergebnis kam, dass der Islamismus an vielen Schulen mit hohem Anteil an muslimischen Schülern kein Randphänomen mehr sei. Wagner hatte für sein Buch 21 Schulen von Nürnberg bis Hamburg besucht und dort mit Lehrern, Direktoren und Schülern gesprochen. Wie Meidinger geht er davon aus, dass die Islamisierung des Unterrichts nicht alle Schulen betreffe und nicht von der Mehrheit der muslimischen Schüler getragen werde. Das Phänomen sei aber stark im Wachstum begriffen. An Hauptschulen und integrierten Gesamtschulen, etwas weniger an Grundschulen, komme es inzwischen gehäuft zu religiösen Konflikten. An Gymnasien sei das Klima freundlicher.

Davon weiß, wenn man Ingrid König glaubt, auch die Bundeskanzlerin. Die frühere Direktorin einer Grundschule im Frankfurter Stadtteil Griesheim hatte ebenfalls in einem Buch, aus dem das einleitende Beispiel stammt, vor den Folgen der Islamisierung an den Schulen gewarnt. Nach einer Fernsehsendung war sie zusammen mit 49 weiteren Pädagogen ins Bundeskanzleramt eingeladen worden. Die Kanzlerin wollte sich ein Bild von den Schulen machen. Als König davon sprach, dass Schüler an einigen Schulen inzwischen von einer islamischen Mehrheit unterdrückt würden, habe die Kanzlerin genickt: “Das weiß ich.”

Wie weit die Islamisierung reicht, weiß dagegen niemand genau. Das Buch von Wagner, das keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, ist bisher die fundierteste Recherche. Die Wissenschaft meidet das Thema, die Kultusministerien haben kein Interesse an Studien, die den Integrationserfolg schmälern, die Schulen selbst sorgen sich um ihren Ruf. Die Lehrer sind auf sich allein gestellt.

An der Neuköllner Schule, an der Claudia Leikam unterrichtet, beträgt der muslimische Anteil achtzig Prozent. Die wenigsten Schüler sprechen zu Hause Deutsch. Aus Sorge vor Repressionen will Leikam ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Die Schüler gingen im Allgemeinen freundlich miteinander um, sagt sie, erst wenn Religion zum Thema werde, komme es zu harten und unversöhnlichen Konflikten. Und das passiere immer häufiger. Besonders in der jüngeren Generation würden immer mehr scheinbar harmlose Dinge in den Religionsstreit hineingezogen. Prügeleien arteten zu brutalen Gruppenkämpfen aus. Die Schule hat inzwischen, nicht als einzige in Berlin, einen Sicherheitsdienst engagiert. Geschützt werden müssen auch die Lehrer vor den wachsenden Ansprüchen der Eltern, die sich im Allgemeinen zwar wenig um die Schule kümmerten, aber aggressiv bis drohend aufträten, wenn Forderungen nicht erfüllt würden. “Ich habe lange gedacht, dass sich das Verhalten mit der Eingewöhnung in ein anderes Land ändert”, sagt Leikam. “Aber wenn es hart auf hart kommt, zählt nur die Religion. Der muslimische Wertekanon steht über allem.”

Die religiöse Spaltung hat Ursachen, die außerhalb des Schulhofs liegen. Ein großer Einfluss geht von den Koranschulen aus, die Joachim Wagner Bastionen der Gegenerziehung nennt. Dort werde den Schülern ein fundamentalistisches Weltbild eingetrichtert, das sie ihrer Umwelt entfremde, und eine klare Linie gezogen zwischen dem, was nach dem Willen des Propheten erlaubt und verboten sei. Das religiöse Gebot schwächt die Autorität der Lehrer. Ingrid König berichtet von einer Schülerin, die ihre Lehrerin dafür bedauerte, ins Feuer zu kommen. Warum? Weil sie keinen Schleier trage. Die Pflicht zur Verschleierung geht zwar nicht aus dem Koran hervor. Aber wo die heilige Schrift schweigt, ist man erfindungsreich. Nach der Beobachtung von König und Leikam tragen immer mehr Grundschülerinnen ein Kopftuch, obwohl das von Religionsgelehrten erst von der Pubertät an empfohlen wird und, wie beschrieben, die Religion für diese Frage eigentlich gar nicht zuständig ist. Leikam berichtet von Eltern, die ihre Kinder fürs Kopftuchtragen und das Fasten im Ramadan bezahlen. Ihre größte Sorge ist, dass der Berliner Schulsenator das Neutralitätsgesetz für Schulen kippen will, das für Lehrer und Schüler, die sich religiöser Indoktrinierung entziehen wollen, der einzige Schutzwall sei.

Neukölln ist überall? Vermutlich nicht. Man spricht gern von sozialen Brennpunkten, was den Eindruck erweckt, es handele sich um Einzelfälle. Nach den Recherchen von Joachim Wagner gibt es viele solche Brennpunkte in allen Teilen des Landes. Die Schule im Kölner Stadtteil Bilderstöckchen liegt in einem sogenannten Sozialraum. Sandra Harms, die ebenfalls ein Pseudonym vorzieht, unterrichtet dort seit siebzehn Jahren unter anderem in Deutsch-Förderklassen. Die Zahl der Nichtmuttersprachler liegt bei siebzig bis achtzig Prozent. Harms sagt, sie unterrichte gern, obwohl sich die Situation massiv verschlechtert habe. Als eines der größten Probleme bezeichnet sie die Bildungsgegnerschaft vieler Familien, die häufig mit der Ablehnung der deutschen Gesellschaft einhergehe. Harms spricht nicht mehr von Parallel-, sondern von Gegengesellschaften, geteilt in haram und halal. Schülerinnen ohne Kopftuch oder mit leichter Bekleidung würden als “Nutten” und “Schlampen” beschimpft und zu islamischem Verhalten gedrängt. Die patriarchale Sozialisierung der Schüler sei besonders für Frauen und homosexuelle Lehrer oder Schüler, die als minderwertig betrachtet würden, ein “sehr großes Problem”.

Die Konflikte massieren sich im Ramadan, der neben dem Schwimmunterricht und den mittlerweile häufig geforderten Gebetsräumen eines der regelmäßig wiederkehrenden Streitthemen ist. Gebetsräume kann die Schule nicht gewähren, ohne ihren Anspruch auf Neutralität zu verletzen. Von Joachim Wagner befragte Direktoren zweifeln allerdings, ob dieses Prinzip aufrechterhalten werden kann, wenn der Anteil muslimischer Eltern größer wird. An fünf bis zehn Prozent der Schulen herrschten muslimische Mehrheitsverhältnisse mit steigender Tendenz.

Im Ramadan ist die Schulpflicht vielerorts faktisch schon ausgehebelt. Schüler fehlten entschuldigt oder unentschuldigt, Klassenfahrten und Prüfungen würden verschoben, zum Nachteil der Schüler, für die sich die Prüfungen nun massieren. “Der Unterricht liegt darnieder”, sagt Sandra Harms. Durch das Fasten, das für Schüler eigentlich keine religiöse Pflicht ist, sinken Konzentration und Leistungsfähigkeit. Die Noten verschlechtern sich. Der Verband der Kinder- und Jugendärzte warnt seit Jahren vor Übelkeit oder Schwindel infolge der verweigerten Nahrungsaufnahme. Wagner berichtet von einem Fall in Offenbach, wo ein Schüler bei den Bundesjugendspielen erschöpft zusammenbrach und aus religiösen Gründen jede Hilfe verweigerte. Dazu kommt es selten. Wenn Bundesjugendspiele im Ramadan stattfinden, sagt Sandra Harms, “geht kaum jemand hin”.

Über manche Themen kann man im Unterricht offenbar nur mit Vorsicht sprechen. Die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall, die Schulen bei religiösen Konflikten berät, berichtet von einer Lehrerin an einer hessischen Schule, die den Nahost-Konflikt thematisiert habe und dafür von einem Schüler körperlich angegriffen worden sei. Dessen Vater habe später eine Morddrohung hinzugefügt. Berichtet wird von Mobbing gegenüber den Angehörigen anderer Religionen wie Christen, Aleviten und besonders Juden. Rund achtzig Prozent der körperlichen Angriffe auf Juden in der Schule gehen nach einer Studie von Julia Bernstein und Andreas Zick von Muslimen aus. Klassenfahrten in ehemalige Konzentrationslager gelten in einigen Schulen als schwer vermittelbar.

Die befragten Lehrer sind sich darin einig, dass die Konflikte von einer religiös-konservativen Minderheit ausgehen. Der Haltungsschwäche vieler Schulleitungen sei es zuzuschreiben, dass die Fundamentalisten im Klassenzimmer immer lauter und die gemäßigten Muslime immer schweigsamer würden. Lehrer, die auf das Problem aufmerksam machen, stießen bei den Behörden auf taube Ohren. “Es ist ein Tabuthema”, sagt Heinz-Peter Meidinger, von dem man auf behördlicher Ebene aber durchaus weiß. Joachim Wagner zitiert einen Bericht des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung: “Der ,tägliche Kleinkrieg’ um Religionsfragen ist unglaublich anstrengend, strapaziert die pädagogische Konfliktfähigkeit, senkt die Toleranzschwelle und provoziert Überreaktionen.” Darunter leidet die Bildung. Ansprüche werden gesenkt, was die Behörden akzeptieren, solange darüber nicht öffentlich gesprochen wird. Man darf den Lehrern, die dieses Tabu brechen, nicht vorwerfen, das Stocken der Integration mit Genugtuung zu konstatieren. Es geht auf ihre Kosten. Solange ihre Stimme nicht gehört wird, bessert sich die Lage nicht.