Mord an Samuel Paty schockiert Frankreich : Der Lehrer, der die Meinungs­freiheit verteidigte

Frankreich trauert um Samuel Paty, der Opfer eines islamistischen Anschlags wurde. Schüler, Kollegen und Eltern beschreiben den Lehrer als Vorbild­pädagogen, der zuletzt sehr verunsichert worden war.

Dieser Artikel erschien am 20.10.2020 in DER SPIEGEL
Tanja Kuchenbecker
Menschen versammeln sich auf dem Place de la République in Paris, um Samuel Paty zu gedenken
Menschen versammeln sich auf dem Place de la République in Paris, um Samuel Paty zu gedenken
©Getty Images

Ein Blumenmeer liegt vor der Schule Collège Bois d´Aulne im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine. Schüler, Eltern und Lehrer haben sich zur Trauer versammelt, viele Schüler weinen. Inmitten der Blumen steht ein Schild „Ich bin Lehrer, ich bin Samuel“; es erinnert an den Ausspruch „Ich bin Charlie“ nach dem Attentat vor fünf Jahren auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Französische Medien sind in diesen Tagen voll von Bildern wie diesen.

Die Schüler und Lehrer trauern um den Geschichtslehrer Samuel Paty, der am Freitagabend in der Nähe der Schule mit einem Messer enthauptet wurde. Der 18-jährige Täter mit tschetschenischen Wurzeln wurde kurz darauf von der Polizei erschossen. Präsident Emmanuel Macron wertete das Attentat als islamistischen Terrorakt.

Nun stehen die Franzosen unter Schock, vor allem die Lehrer sind fassungslos. Den grausamen Mord verstehen sie auch als Angriff auf die Freiheit zu lernen und die französische Schule. Ihnen ist bewusst geworden, was sie jeden Tag riskieren: ihr Leben. Man kann sterben, weil man Lehrer ist. Und das in einem demokratischen Land. Das Attentat trifft die Republik mitten ins Herz.

Paty, 47, verheiratet und Vater eines fünfjährigen Sohnes, war dafür bekannt, sich für Meinungsfreiheit einzusetzen. So hatte er, um das Thema zu illustrieren, seinen Schülern im Staatsbürgerunterricht Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt. Er wollte seine Schüler zum Nachdenken anregen. Deshalb sprach er Probleme der Gesellschaft ganz konkret an.

„Monsieur Paty“, ein begeisterter Tennisspieler, war einer der beliebtesten Lehrer der Schule. Sehr freundlich und sehr engagiert sei er gewesen, sagen Schüler. „Er wollte uns wirklich etwas beibringen. Wir haben oft debattiert“, erinnern sich die Jugendlichen im französischen Fernsehen oder in den sozialen Medien und schwärmen von Patys interessantem Unterricht, in dem er Hintergründe erklärt habe, anstatt die Kinder nur Dinge auswendig lernen zu lassen. Lustig sei er auch gewesen: „Er machte Witze und lachte.“

All das ist in Frankreich nicht gerade der Normalfall, im strengen Unterricht, der meist frontal abläuft.

„Er war ein ausgezeichneter Lehrer, der sich Gedanken um seine Schüler machte“

Auch Freunde, Kollegen und Eltern beschreiben Paty als Vorbild. „Er war mein Freund an der Universität in Lyon, ein ausgezeichneter Student, ein guter Lehrer, jemand, der den Dialog suchte“, sagte sein Weggefährte Christophe Capuano. „Er war geradeaus und davon überzeugt, dass Bildung Menschen verändern kann“, meinte eine Kollegin. Und die Mutter einer Schülerin befand: „Er war ein ausgezeichneter Lehrer, der sich Gedanken um seine Schüler machte.“

Paty unterrichtete seit 1997 in der Gegend um Paris und war seit drei Jahren Lehrer an der Schule. Er hatte jedes Jahr im Unterricht dieselben Karikaturen gezeigt, so auch am 5. Oktober 2020. Zuvor hatte es keine Zwischenfälle nach seiner Unterrichtseinheit gegeben. Möglicherweise spielte diesmal der Kontext eine Rolle: In Paris läuft gerade der Prozess zum Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“. In dem Zusammenhang hatte das Satireblatt die Karikaturen erneut veröffentlicht. Das hatte die Stimmung aufgeheizt.

Der Vater einer Schülerin hatte sich in den sozialen Netzwerken über Paty beschwert und Anzeige wegen Verbreitung von „pornografischen Bildern“ erstattet. Paty erfuhr schockiert von der Anzeige, als er am 12. Oktober von der Polizei verhört wurde.

Seit dem Vorfall wirkte er eingeschüchtert, einige beschuldigten ihn auch des Rassismus. Der Lehrer hatte daraufhin eine Gegenanzeige wegen Diffamierung eingereicht. Nun fragen sich viele in Frankreich, warum er nicht unter Polizeischutz gestellt worden war. Doch Beschwerden über Lehrer sind in Frankreich häufig, die Polizei hatte nicht reagiert, vermutlich, weil die Anzeige auf „pornografische Bilder“ lautete.

Einige Tage, nachdem Paty die Karikaturen gezeigt hatte, gab es in der Schule ein Treffen mit Eltern, dem Direktor und einem Beamten der Schulaufsicht. Paty entschuldigte sich, dass er die Botschaft offenbar nicht richtig herübergebracht hatte.

Nach seinem Tod schaltete sich Bildungsminister Jean-Michel Blanquer ein und betonte Paty sei von der Schulaufsicht „voll und ganz unterstützt“ worden. Zuvor hatte es Gerüchte über mögliche Sanktionen gegen den Lehrer gegeben.

Seine Kollegen fordern nun Aufklärung. Eine Untersuchung soll durchgeführt werden, um zu klären, wie die Schulbehörde tatsächlich mit der Auseinandersetzung vor Patys Tod umgegangen ist und warum die Polizei nicht eingeschaltet wurde. Das Entsetzen ist groß, dass nach der Pressefreiheit bei „Charlie Hebdo“ und nach der Freiheit zu feiern – bei der Terrorserie in Paris, unter anderem auf die Konzerthalle Bataclan – nun auch die Freiheit zu lernen zur Zielscheibe geworden ist.

Doch die Schüler wollen sich nicht einschüchtern lassen. So verbreitete sich die Nachricht eines Sechstklässlers rasant in den sozialen Netzwerken: „Wir müssen weiterlernen, damit die Terroristen nicht gewinnen.“