Studie „Jugend in Deutschland“ : Der Krieg macht mehr Angst als der Klimawandel

Junge Menschen fürchten den Krieg und blicken pessimistisch auf die Gesellschaft, zeigt die aktuelle Jugendstudie. Ihre persönliche Zukunft sehen sie optimistischer.

Dieser Artikel erschien am 03.05.2022 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Trotz Kriegsangst und Corona-Folgen macht auch der Klimawandel jungen Menschen Angst.
Trotz Kriegsangst und Corona-Folgen macht auch der Klimawandel jungen Menschen Angst.
©dpa

Klimawandel, Corona, und nun der Krieg: Die Krisen hinterlassen Spuren bei jungen Menschen in Deutschland, viele von ihnen fühlten sich ohnehin gestresst und schätzen nun ihre psychische Situation noch schlechter ein. Aber auch ihre Erwartungen an die Zukunft verändern sich, wie die neue Studie Jugend in Deutschland von Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann zeigt. Für die Studie haben die Forschenden im März gut 1.000 14- bis 29-Jährige befragt.

Verändert hat sich, wovor die Befragten Angst haben. Ihre größte Sorge ist nicht mehr der Klimawandel, sondern der Krieg – mehr als 70 Prozent fürchten sich davor. Das heißt jedoch nicht, dass die Angst vor dem Klimawandel abgenommen hat, wie in vorangegangenen Studien gibt etwas mehr als die Hälfte der Befragten an, sich davor zu fürchten.

Trendstudie „Jugend in Deutschland“

Die Trendstudie Jugend in Deutschland ist eine Jugendstudie, die seit dem Jahr 2020 halbjährlich durchgeführt wird. Das Ziel der Studienreihe ist es, aktuelle gesellschaftliche Themen und Trends gemeinsam mit jungen Menschen zu erforschen. Die Trendstudie wird von dem Jugendforscher und Studienautor Simon Schnetzer in Kooperation mit dem Jugend- und Bildungsforscher Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann als wissenschaftlicher Berater und Co-Autor veröffentlicht.

Die vorliegende repräsentative Onlinebefragung wurde vom 9. bis zum 21. März 2022 durchgeführt. Sie ist die vierte Trendstudie der Serie Jugend in Deutschland. Sie wurde anfangs unter dem Titel Jugend und Corona veröffentlicht. 1.021 Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren haben sich beteiligt.

Besonders die wirtschaftlichen Folgen des Krieges beschäftigen die meisten der Befragten: Über zwei Drittel sorgen sich vor hohen Energiepreisen und Inflation. Etwa ein Viertel fürchtet ebenfalls, längerfristig in Angst vor dem Krieg zu leben, selbst zum Militär eingezogen zu werden oder eine Atomwolke über Deutschland zu erleben. Die Kriegsangst – so vermuten die Autoren – könnte auch deshalb besonders belastend sein, weil junge Menschen die psychischen Folgen der Corona-Pandemie noch nicht überwunden haben.

Das führt derzeit jedoch nicht dazu, dass viele Jugendliche in den Krieg ziehen wollen oder Deutschland in der Pflicht sehen, einzugreifen. Die meisten denken eher pazifistisch: Die Aufrüstung der Bundeswehr oder die Lieferung von Waffen an die Ukraine findet keine klare Mehrheit. Viele sind noch unsicher. Nur wenige der unter 18-Jährigen wollen nach der Schule zur Bundeswehr (vier Prozent). Einen Wehrdienst können sich die meisten nicht vorstellen. Die beliebtesten Parteien bleiben bei den jungen Menschen unverändert die Grünen und die FDP.

Corona wirkt auf die Psyche

Grundsätzlich gehen die 14- bis 29-Jährigen noch immer verantwortungsbewusst und vorsichtig mit der Gefahr einer Corona-Infektion um. Junge Menschen sind deutlich häufiger geimpft als die Gesamtbevölkerung. Nur zwölf Prozent haben sich nicht impfen lassen, im Vergleich zu 24 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Auch sonst ist die Mehrheit der jungen Menschen eher vorsichtig, lässt sich regelmäßig testen, hält sich nach eigenen Angaben an die Hygieneregeln. Viele verzichten noch immer auf große Partys. Und das, obwohl nur noch wenige sich vor einer Infektion fürchten – vor Isolation und Quarantäne jedoch schon. So hat auch fast die Hälfte der jungen Menschen Sorge, die schönste Zeit ihres Lebens zu verpassen.

Die Grafik zeigt die Lebensbereiche, die sich für junge Menschen verschlechtert haben. Am meisten leiden sie psychisch, fast die Hälfte sagt, ihre psychische Situation habe sich verschlechtert. Sehr viele haben das Gefühl, dass sie durch die Corona-Krise nicht mehr über ihr eigenes Leben bestimmen können.

Was die Grafik nicht abbildet: In allen Lebensbereichen schätzten die jungen Menschen ihr Leben im Winter 2021/22 wieder deutlich besser ein als im Sommer 2021, wie die vorangegangenen Studien zeigten. Offensichtlich war die Hoffnung groß, dass mit der Impfung und dem Frühjahr bald alles vorbei sein könnte. Doch in der aktuellen Befragung im März 2022 sank der Optimismus wieder deutlich.

Die größte Motivation sich anzustrengen: Geld

Corona ist jedoch nicht die einzige Ursache für psychische Probleme. Fast die Hälfte der Befragten empfindet Stress, der oft auf Leistungsdruck in der Schule, Ausbildung oder Uni zurückgeht, aber den sich Jugendliche laut Studienautoren auch in sozialen Medien machen. Daneben fühlen sich viele junge Menschen antriebslos (35 Prozent), erschöpft (32 Prozent), gelangweilt (32 Prozent) und depressiv (27). Viele wünschen sich deshalb mehr psychologische Unterstützung direkt in der Schule.

Sinn finden viele junge Menschen nach wie vor vor allem in der Familie, aber auch bei anderen Menschen: bei Freundinnen oder Liebespartnern. Religion spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Und die Arbeit?

Die Pandemie hat nicht dazu geführt, dass sich junge Menschen Homeoffice als Dauerzustand wünschen. Dafür steht weit oben in der Wunschliste eine gute Atmosphäre – also lieber mit den netten Kollegen zusammen zu sein. Arbeit soll Spaß machen und die Balance zwischen Arbeit und Freizeit muss stimmen. Dass der letzte Punkt so wichtig war, könnte auch auf die Erfahrungen beim Homeschooling und im Homeoffice zurückzuführen sein. Denn zu Hause waren beide Bereiche nicht gut zu trennen.

Ein weiterer Punkt fällt auf: Ein gutes Einkommen halten viele zwar für erstrebenswert, aber Geld soll lediglich für ein gutes Leben reichen. Reichtum ist nicht das Ziel der Mehrheit. Aber auf die Frage, was denn zu hohen Leistungen motivieren könne, antworten die jungen Menschen in der aktuellen Studie am häufigsten: Geld.

Wie zufrieden junge Menschen sind

Ihre persönliche Situation schätzen die meisten jungen Menschen noch immer relativ optimistisch ein. Sie fühlen sich meist gesund, glauben, beruflich gute Chancen zu haben und fühlen sich einigermaßen anerkannt. Sie glauben auch daran, dass sie in zwei Jahren noch zufriedener sein werden. Nur die psychische Verfasstheit und die finanzielle Situation schätzen sie zwar noch leicht positiv ein, aber in wesentlich geringerem Maße als die anderen Punkte. Die Krisen verunsichern sie.

Deutlich schlechter sieht es aus, wenn nach der Einschätzung der gesellschaftlichen Situation gefragt wird. Die wirtschaftliche Entwicklung schätzen die meisten nur noch sehr verhalten positiv ein. Der Schutz der Umwelt, die politischen Verhältnisse und der gesellschaftliche Zusammenhalt werden sogar als leicht negativ erlebt. Die 14- bis 29-Jährigen erwarten zudem, dass sich im Laufe der nächsten zwei Jahre das Meiste weiter verschlechtern wird. Immerhin glauben die jungen Menschen daran, dass im Umweltschutz mehr getan werden wird als heute und sich die Situation leicht verbessern wird.
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