Religiöse Konflikte in Schulen : Der Koran im Klassenzimmer

„Trag das Kopftuch“: Eine Studie zeigt, dass strenggläubige Muslime an immer mehr Berliner Schulen die Regeln bestimmen und ihren Mitschülern religiöse Vorschriften machen. Politiker ignorieren das Problem.

Dieser Artikel erschien am 04.01.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Schülerin im Islam-Unterricht.
Schülerin im Islam-Unterricht.
©dpa

Spätestens seit vor vier Jahren die ersten Wachdienste an Berliner Schulen engagiert wurden, weiß man, dass manche Bezirke der Hauptstadt für Lehrer und Schüler ein hartes Pflaster sind. Ein großes Problem ist, dass viele Schüler zu Hause kein Deutsch sprechen und dem Unterricht nur schwer folgen können. Ein zweites sind die wachsenden religiösen Konflikte. Über Neuköllner Schulen liegt jetzt eine vom Verein für Demokratie und Vielfalt (Devi) beauftragte Umfrage vor, der zufolge es an neunzig Prozent der zehn befragten Schulen regelmäßig zu religiösen Konflikten kommt, die in erster Linie von strenggläubigen Muslimen ausgehen.

Schüler werden demnach von Mitschülern aufgefordert, den Ramadan einzuhalten oder das Kopftuch zu tragen. Regelmäßig kommt es zu Streit über gottgefälliges Essen oder zu herablassendem Verhalten gegenüber weiblichen Lehrkräften, um nur einige Streitpunkte zu nennen. Lehrer haben generell einen Autoritätsverlust erlitten. In Koranschulen lernen Schüler, die Autorität des Korans und des Propheten unbedingt höher einzuschätzen als die des Klassenlehrers. Von ihren Eltern und einem von vielen Befragten als rückschrittlich empfundenen Umfeld werden sie in ihrer bildungsfeindlichen Haltung unterstützt.

Besonders im Umfeld konservativer Moscheen gelten laut einer Begleitstudie des Devi ungeschriebene Gesetze auf dem Schulhof. Die religiöse Infiltration werde unterstützt durch von Islamisten betriebene Medienkanäle, die Schülern einreden, sie würden in Deutschland wie in einem großen KZ gehalten. Einigen der befragten Lehrer kommt ihre Schule wie eine Insel in einer ihr feindlichen Werteordnung vor. Immer mehr Themen würden nach gut und böse sortiert. Das geht natürlich auf Kosten der Bildung: Konfliktträchtige Stoffe wie der Nahostkonflikt oder Sexualkunde werden zunehmend gemieden. Im Ramadan ist an manchen Schulen kaum Unterricht zu machen, die Schüler leiden unter Durst und Hunger und fallen schulisch zurück.

Fehler der Extremismusprävention

Das Ergebnis der Umfrage kommt nicht überraschend. Es deckt sich mit einer Hamburger Studie aus dem Jahr 2014, die erstmals die Öffentlichkeit alarmierte. Der Journalist Joachim Wagner hat in dem umfassend angelegten Buch „Die Macht der Moschee“ (2018) zudem aufgewiesen, dass ähnliche religiöse Konflikte nicht nur in Berlin-Neukölln, sondern auch an Hanauer oder Nürnberger Schulen ausgetragen werden. Das wäre weniger besorgniserregend, wenn Politik und Schulbehörden das Problem nicht verdrängen würden. Als völlig untauglich bewertet die Studie eine Präventionsarbeit, die religiösen Extremismus als verständliche Reaktion auf eine feindselige Umwelt verharmlost und die konkreten Ursachen der Radikalisierung ausblendet. Sie hat viele Anhänger.

Die Zeitung „Die Welt“ hat als erste über die Devi-Studie berichtet und sich an verantwortlichen Lokalpolitikern der Grünen und der Linkspartei, die sie daraufhin befragte, die Zähne ausgebissen. Entweder will man das Problem nicht sehen, oder man schiebt es unter dem Vorwurf „muslimfeindlich“ vom Tisch. Kein Muslim wird jedoch stigmatisiert, wenn über derartige Vorkommnisse sachgerecht berichtet wird. Vielmehr sind moderate Muslime selbst den Angriffen ihrer orthodoxen Mitschüler ausgesetzt. Besonders betroffen sind muslimische Schülerinnen, die schon im Kindesalter in eine unterwürfige Rolle gedrängt werden. Auch der Umgang mit Homosexualität ist wieder zu einem großen Problem an den Schulen geworden. Warum nehmen die Grünen und die Linkspartei ausgerechnet eine reaktionäre, intolerante Ausprägung des Glaubens in Schutz und verraten dadurch ihre progressiven Werte? Reicht es ihnen, wenn diese nur für eine Klientel gelten, das sich mit solchen Problemen nicht herumschlagen muss?

Es gibt in allen Parteien Politiker, die auf das Problem hinweisen und dafür innerhalb ihres Lagers unter Druck geraten, und es gibt mutige Lehrer, die von den Schulbehörden alleingelassen werden. Auch in Frankreich hat die Politik seit Langem von der religiösen Radikalisierung an den Schulen gewusst, den entsprechenden Bericht aber zurückgehalten. Christian Lindner stellte nach der Ermordung von Samuel Paty im Namen der FDP eine Anfrage an den Bundestag über Gewalt an den Schulen. Das Problem ist bekannt. Es wird interessant sein, ob sich die neue FDP-Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger ihm stellt.