Dieser Artikel erschien am 12.11.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Autorin: Corinna Budras

Bemerkenswerter Schulausflug : Der Große Krieg und die kleinen Kinder

Was passiert, wenn eine engagierte Lehrerin mit Grund­schülern das Grauen der Schlachten durch­nimmt und zu den Schützen­gräben im Elsass reist.

SchülerInnen bei einem Schulausflug
©dpa

Spätestens auf dem Elternabend hätte die Sache schiefgehen können. Viele Vor­haben scheitern da, an den elterlichen Bedenken­trägern, die ihren Kindern nichts zutrauen. Die bleibende Schäden befürchten, weil die Kinder die Schrecken des All­tags nicht bewältigen können. Den Schul­weg zum Beispiel oder schlechte Noten. Dann mit dem Ersten Welt­krieg zu kommen, in der vierten Klasse, ist natürlich eigentlich nicht zu verantworten. Es ist ein Wunder, dass niemand den Mund auf­machte, als das Gespräch darauf kam.

Das lag an Frau Neumann, der resoluten Frau Neumann, die schon so viel Herz­blut in das Vorhaben gelegt hatte, dass es unmöglich und auch ein bisschen undank­bar erschien, die Sache jetzt scheitern zu lassen. Frau Neu­mann ist jung und engagiert, der Zukunft zugewandt, aber nicht geschichts­vergessen. Ihr zu wider­sprechen, fällt schon Kindern schwer, den Eltern noch mehr. Außer­dem freuten sich die Kinder schon so. Wer wollte da kleinlich sein? Es gab nur ein paar fragende Blicke, einige Mütter schnappten kurz nach Luft, als Frau Neumann auf das schwer­mütige Thema der Projekt­fahrt zu sprechen kam. Dann ging es weiter im Text, die Fahrt war gerettet.

Deshalb ist dies auch die Geschichte darüber, warum man kluge Lehrer einfach mal machen lassen sollte, vor allen Dingen, wenn sie bereit sind, an die Grenzen ihrer Leistungs­fähig­keit zu gehen. Denn Frau Neumann hatte Großes mit den Kindern vor, etwas, über das sie vorher und nachher noch lange reden sollten. Schon Anfang der vierten Klasse war der Brief an die Eltern gekommen. Eine ganz besondere Arbeits­gemein­schaft war an der Fried-Lübbecke-Schule geplant; so etwas hatte es an der kleinen Frankfurter Grund­schule noch nie gegeben, wahr­scheinlich auch nicht an besonders vielen großen. Ein Aus­tausch mit einer französischen Klasse schwebte Frau Neumann vor, damit die deutsch-französische Freund­schaft nicht nur ein leeres Versprechen bleibt, an das die Bundes­kanzlerin hin und wieder erinnert, wenn sie den französischen Präsidenten Emmanuel Macron trifft. Oder wenn, wie an diesem Sonntag, 70 Staats- und Regierungs­chefs zu einem Friedens­gipfel nach Paris kommen, am Tag des Waffen­still­stands des Ersten Welt­krieges, vor genau hundert Jahren.

Arbeit verdrängte das Spiel

Freundschaft lebt nicht nur von großen staats­männischen Gesten, sie lebt vor allem im Kleinen. Ein ganzes Schul­jahr lang lernten also die kleinen Frankfurter, kaum zehn Jahre alt und wie in Frankfurt so üblich aus vieler Herren Länder, die Besonder­heiten der deutsch-französischen Beziehungen kennen, was die Völker einst trennte und heute eint. Bald war auch eine Klasse aus der Nähe von Bordeaux gefunden, mit der sich ein Treffen in Colmar arrangieren ließ. Briefe gingen hin und her im rade­brechenden Französisch. Die Eltern halfen, wo sie konnten. Es durfte mit­machen, wer wollte, und fern­bleiben, wer nicht wollte. 18 Kinder wollten.

Das Treffen in Colmar sollte die Krönung sein, ein großes organisatorisches Unter­fangen, noch dazu nicht ganz günstig. Das Deutsch-Französische Jugend­werk unter­stützte das Projekt finanziell. Aller­dings fördert es keine Lust­fahrten, sondern Projekte, die die Jugend auch wirklich weiter­bringen. Hundert Jahre nach dem Ersten Welt­krieg – hundert Projekte für den Frieden sollten es sein. Die 18 Grund­schüler waren eines davon.

Doch wie spricht man mit Viertklässlern über Krieg? Spart man das Grauen aus, wird es belang­los. Spricht man es aus, droht Über­forderung.

Kinder beeindruckt vor allem, was Kindern wider­fährt. Wie selbst Vier­zehn­jährige 1914 von der Mobil­machung angesteckt wurden und in den Krieg ziehen wollten wie die Großen. Die Propaganda, bis dahin niemals so effektiv ein­gesetzt wie in diesem Krieg, zeigte ihre Wirkung. Jede sieg­reiche Schlacht brachte einen Tag schul­frei, wie sollte man sich diesen Vorzügen des Krieges entziehen? Doch mit jeder Schlacht wich die Euphorie dem Grauen. Väter und Brüder zogen in den Krieg und fehlten zu Hause. Mütter und Kinder mussten die Lücken schließen. Arbeit verdrängte das Spiel.

Die Sinnlosig­keit des Krieges

Das Schicksal der Kinder im Ersten Weltkrieg ist erstaunlich gut dokumentiert, in ihrer eigenen Schrift. Getragen von der Euphorie des Krieges forderten Lehrer dazu auf, ein Tagebuch über die Helden­taten deutscher Soldaten zu führen. Auf diesen Tage­büchern basiert eine Serie von Einzel­schicksalen, die der deutsch-französische Fernseh­sender Arte schon vor einigen Jahren verfilmt hat. „Kleine Hände im Großen Krieg“, nannte er sie. Die Folgen zogen die Frankfurter Kinder in ihren Bann, sie werden in diesen Tagen wieder­holt.

Das Grauen nimmt aber auch Gestalt an, wenn man selbst durch Schützen­gräben wandert. Deshalb zog es die Kinder im März nach Colmar im Elsass, jener Region in Frankreich, die über die Jahr­hunderte zum Spiel­ball der Nationen geworden war. Dort liegt der Lingekopf, der sich im Jahr 1915 in ein grauen­haftes Schlacht­feld verwandelte. Ein kleines Museum zeugt von den Schrecken des Krieges. Mannshoch und an den Seiten fest vermauert sollten Schützen­gräben den Soldaten Schutz geben. Dass dies oft nicht gelang, beweist die schier endlose Zahl von Soldaten­gräbern am Fuß des Berges. Kälte, Wind und Regen brachten die Über­lebenden an ihre Grenzen.

Auch als die Kinder, Deutsche und Franzosen gemeinsam, an einem kalten Märztag durch die schnee­bedeckten Gräben stapften, waren die Entbehrungen groß, und doch nichts im Vergleich zu dem, was sich vor hundert Jahren dort ereignete. Abseits der Schützen­gräben machten sich die Gemeinsam­keiten breit. Kinder sind Kinder, bei der Stadt­rallye oder beim Spiele­abend, auch wenn sie nicht dies­selbe Sprache sprechen. Wohin Kriege führen können, wenn sie irgend­wann über­wunden sind, zeigte der Besuch in Straßburg, im Europäischen Rat, bei Arte.

Was bleibt von diesem Schuljahr und der Reise? Vor allem die Erkenntnis über die Sinn­losig­keit des Krieges. Da kann die rast­lose Frau Neumann noch so viel über Ursachen berichten und das Attentat beschreiben, das Unverständliche bleibt unverstanden. Warum es diesen Krieg gab, kann noch immer keines der Kinder sagen. Wohl aber, warum es die deutsch-französische Freund­schaft und die EU braucht.

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