Dieser Artikel erschien am 24.03.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Armin Himmelrath

Eine Million Dollar Preisgeld : Der beste Lehrer der Welt kommt aus Kenia

Eine Million Dollar für super Unterricht: Peter Tabichi, Lehrer in Kenia, gewinnt den „Global Teacher Award“. Er unterrichtet neben Mathe und Physik auch Selbstbewusstsein und Frieden.

Peter Tabichi
Peter Tabichi wurde in Dubai mit dem "Global Teacher Award 2019" ausgezeichnet
©dpa

Peter Tabichi ist der beste Lehrer der Welt. Der kenianische Lehrer für Mathematik und Physik wurde am Sonntag­abend in Dubai mit dem „Global Teacher Award 2019“ ausgezeichnet. Der Preis ist mit einer Million Dollar dotiert.

Tabichi arbeitet an der Keriko Mixed Day Secondary School im Dorf Pwani. Ein Drittel seiner Schüler sind Waisen oder Halb­waisen, 95 Prozent kommen aus ärmsten Verhältnissen. „Drogen, Teenager-Schwanger­schaften, Kinder­heiraten – alles das kann dazu führen, dass Schüler nicht mehr in die Schule kommen“, sagt Tabichi.

Er hält dagegen: mit einem Club für Natur­wissen­schaften und der Teil­nahme an inter­nationalen Wett­bewerben, mit Unterricht über nach­haltige Land­wirtschaft und manchmal auch mit einem Frühstück. „Für viele Schüler ist es schwierig, morgens zuhause etwas zu essen zu bekommen“, sagt der kenianische Lehrer, „sie können sich dann in der Schule nicht konzentrieren, weil sie Hunger haben.“

Ein Computer mit rudimentärer Internet­verbindung

Als bester Lehrer kann ausgezeichnet werden, wer seine Schüler am besten fördert und ein Vor­bild für seine Kollegen ist, heißt es in der Aus­schreibung zum Welt­lehrer­preis. Dass Peter Tabichi knapp 60 Schüler unter­richtet und dafür nur einen einzigen Computer mit rudimentärer Internet­verbindung zur Verfügung hat, beeindruckte die Jury ebenso wie die Tatsache, dass der Kenianer auch noch einen Großteil seines Gehalts an lokale Hilfs­projekte spendet.

Tabichi setzte sich unter anderem gegen Kollegen aus Indien, Australien, Argentinien, Brasilien, Japan und den Nieder­landen durch. Die Final­runde des Wett­bewerbs fand im Rahmen der welt­weit größten Fach­tagung für Schule und Bildung in Dubai statt. Am „Global Education & Skills Forum“ (GESF) nahmen am Wochen­ende rund 2000 Lehr­kräfte, Schul­forscher und Bildungs­politiker teil.

Initiator des GESF und Stifter des millionen­schweren Lehrer­preises ist der aus Indien stammende Unter­nehmer Sunny Varkey. Sein Geld verdiente er unter anderem mit Immobilien­geschäften, als Betreiber von mehr als 130 Schulen in mehreren Ländern ist seine Unternehmens­gruppe aber auch im Geschäft mit der Bildung aktiv.

„Was Lehrer jeden Tag leisten, ist unbeschreiblich“, sagt Varkey. Preis und Kongress sollen dazu beitragen, dass jedes Kind welt­weit – gerade auch in schwierigen sozialen Verhältnissen – Zugang zu guter Schul­bildung erhält. „Lehrer und Schüler zusammen können die Welt verändern“, sagt Varkey. Lehrer haben für ihn „den wichtigsten Beruf in der Gesellschaft“.

Es gebe einen starken Zusammenhang zwischen dem Status des Lehrer­berufs in einer Gesellschaft und der Leistung der Schüler. „Den Lehrer zu respektieren, ist nicht nur eine wichtige moralische Pflicht – es ist auch entscheidend für den Bildungs­erfolg eines Landes“, so der Unter­nehmer.

Eine Klasse mit 155 Kindern

Andrews Nchessie gehörte nicht zu den Finalisten des Lehrer­wettbewerbs. Verdient hätte er den Preis trotz­dem: Der Pädagoge aus Malawi unterrichtet aktuell eine Klasse mit 155 Schülern – allein. „Manche Kinder sitzen direkt vor meinen Füßen auf dem Boden“, erzählt Nchessie am Rande des Kongresses in Dubai.

Laptops oder Tablets für alle? In vielen Work­shops wird hier über den Einsatz digitaler Medien im Unterricht diskutiert, individuell angepasster Unterricht mit Computer­unter­stützung gilt als Schlüssel zu möglichst nach­haltigem Lern­erfolg. Andrews Nchessie sieht das theoretisch genauso. Aber er kennt auch die Realität bei ihm zuhause: „Wenn ich 20 Geräte für meine 155 Schüler habe, dann bin ich schon sehr gut ausgestattet.“

Seine Tafel ist ein Brett, richtige Wände hat das Klassen­zimmer an der Kasungu Demonstration School nicht. Trotz­dem empfängt Nchessie immer wieder Besuch von anderen Lehrern, zeigt ihnen seinen Unterricht, erstellt Material für Kollegen in Malawi und Uganda oder tritt bei Fort­bildungen auf. Seit er 1994 seine erste Grund­schul­klasse über­nahm, hat Nchessie immer wieder experimentiert und neue Lern­formen ausprobiert.

Wie schafft er es, jedem Schüler gegenüber aufmerksam zu sein und möglichst allen Kindern Natur­wissen­schaften oder Englisch bei­zu­bringen? Nchessie lacht. Merken kann er sich die Namen nicht, gibt er zu, aber seine Schüler haben Namens­schilder auf der Brust, so dass er sie direkt ansprechen kann.

Und sein Unterricht, der sei eben ein bisschen anders. Biologie kann da schon mal unter einem Baum vor der Schule statt­finden, „da sitzen dann alle im Kreis und sprechen über das aktuelle Thema“. Klar sei außerdem, dass er die Klasse immer wieder in kleinere Gruppen teile und dass Schüler sich auch gegen­seitig etwas zeigen und beibringen.

Lehrer für alles

„Die Schüler müssen beteiligt werden und selbst möglichst aktiv sein“, sagt Nchessie. Und sie sollen sehen, dass ihre Aktivitäten etwas bewirken, da ist er sich mit Peter Tabichi einig. So haben seine Schüler, um Grund­kenntnisse in der Meteorologie zu bekommen, eine Wetter­station gebaut und, bei der Beschäftigung mit dem welt­weiten Klima­wandel, Bäume gepflanzt. Gesunde Ernährung ist in der Schule in Kasungu ebenso ein Thema wie die HIV-Prävention.

Außerdem werde viel gesungen, das fördere das Lernen, so der Pädagoge. „Bei uns in der Klasse geht es eben um das richtige Leben“, sagt Nchessie. Denn das ist möglicher­weise die entscheidende Botschaft dieser Konferenz: dass sich guter Unterricht auch da verwirklichen lässt, wo die Situation der Schüler und Lehrer auf den ersten Blick fast unzumutbar erscheint. Ein einheitliches, für alle Schüler der Welt passendes Konzept für erfolg­reichen und guten Unterricht gibt es nicht, darüber sind sich die Experten einig.

Umso wichtiger sei es, das Lernen in aktiver Zusammen­arbeit mit den Schülern zu gestalten. Und dazu gehöre auch, sagt Preis­träger Tabichi, das Leben der Schüler außer­halb des Klassen­zimmers. In seinem Fall bedeutet das: In der Gegend, in der der Mathe- und Physik­lehrer unterrichtet, hatte es 2007 nach der kenianischen Präsidenten­wahl schwere Unruhen zwischen verschiedenen Stämmen gegeben. Die Gewalt von damals wirkt bis heute nach. Tabichi hat deshalb eine Friedens­gruppe an der Schule aufgebaut, die teil­nehmenden Schüler stammen aus sieben verschiedenen Volks­gruppen.

Er wolle die Schüler miteinander in Kontakt bringen, sagt Tabichi. Sie müssten reden, um sich zu verstehen. Und sie müssten – das vor allem -, lernen, an sich selbst und an ihre Kraft zu glauben.

Was für ihn einen guten Lehrer ausmacht? Kreativ müsse, man sein, sagt der Träger des Welt­lehrer­preises 2019. Man dürfe außer­dem keine Angst vor neuen Unterrichts­formen haben. Und dann ist da noch etwas, sagt Tabichi: „Du musst weniger reden und mehr handeln.“

Die Berichterstattung aus Dubai wurde durch ein Stipendium der Jacobs Foundation ermöglicht.