Schulen in der Pandemie : Das bisschen Alltag

Die Infektionszahlen steigen auf Rekordwerte. Wie geht es Pädagogen und Schülern damit? Was brauchen sie, um Lernlücken zu schließen und verpasste Erfahrungen aufzuholen?

Dieser Artikel erschien am 20.01.2022 in DIE ZEIT
Johanna Schoener und Jeannette Otto
Schülerin mit Corona-Schnelltest
©dpa

Die Schulen sollen möglichst offen bleiben. Aber Schülerinnen und Schüler müssen wegen Omikron überall eine medizinische Maske tragen, außer an sächsischen Grundschulen. Sie werden in der Regel dreimal pro Woche getestet, und vielerorts schließt die Testpflicht Geimpfte und Genesene mit ein. Hier erzählen Schülerinnen und Pädagogen, was ihnen fehlt.

„Ich sitze gerade mal wieder in meinem Zimmer fest. Erst ein positiver Schnelltest in der Schule, dann Schlangestehen für den PCR-Test – jetzt habe ich Omikron und bin mindestens eine Woche in Quarantäne. Schon im Lockdown fiel es mir schwer, in dem Raum zu lernen, in dem auch mein Bett steht und immer ruft: Komm, ruh dich aus. Da schiebt man schnell alles auf … Dabei fühle ich mich ziemlich unter Druck. Ich mache nächstes Jahr Abi, ich will ein gutes Zeugnis, studieren, ein schönes Leben haben.

Im Moment sehe ich vor allem, was ich alles nicht habe. Ich feiere meinen 18. Geburtstag nun in Quarantäne, obwohl ich doppelt geimpft bin. Ich dachte immer, in der Oberstufe würde ich durch das Kurssystem viele neue Leute kennenlernen, auf Klassenfahrt und ins Kino gehen, reisen. Vor Corona war es so selbstverständlich, mit anderen in Kontakt zu kommen. Heute stehe ich vor meinen Mitschülern und bin unsicher: Okay, was kommt nach dem Hallo? Was soll ich eigentlich über mich reden? Ich hoffe so sehr, dass es nicht wieder einen Lockdown gibt.“
Cintia de Pina Pires, 17, Schülerin am Hannah-Arendt-Gymnasium in Berlin-Neukölln

Deutschland im Januar 2022. Die Virusvariante Omikron bestimmt das Leben und die politische Debatte. Anders als vor einem Jahr sollen die Schulen in diesem Winter offen bleiben. Dazu haben sich Ampelkoalition und Kultusminister bekannt. Doch sind volle Klassenzimmer mit bis zu 30 Schülerinnen und Schülern wirklich zu verantworten, wenn die Inzidenzen unter Kindern und Jugendlichen vielerorts auf Rekordwerte von über 1000 steigen? Wer schützt die Heranwachsenden, wer die Lehrkräfte? Was genau ist der Plan B zum Präsenzunterricht? Das sind Fragen, die für Streit sorgen.

Lehrerverbände und Gewerkschaften fordern von der Politik klarere Vorgaben und mehr Gesundheitsschutz für den Schulbetrieb. Bildungswissenschaftler und Kinderärzte warnen vor den Konsequenzen geschlossener Schulen, diese seien für Kinder und Jugendliche gravierender als die Folgen einer Infektion. In den sozialen Netzwerken liefern sich zwei Lager von Eltern Wortgefechte: Die einen verlangen nach mehr Vorsicht, die anderen nach mehr Normalität für ihre Kinder. Und die Bundesregierung berichtet über radikale Impfgegner, die vor Schulen gegen Corona-Maßnahmen protestieren und Drohschreiben an Schulleiter verschicken.

Keine einfache Aufgabe für die rund 800.000 Lehrerinnen und Lehrer, die in dieser aufgeheizten Stimmung jeden Tag die Klassenzimmer aufschließen und versuchen ihren Schülern ein wenig Alltag und Gemeinschaft zu ermöglichen.

„Wir sind inzwischen in einer Art Pandemie-Routine angekommen. Wir haben ein paar Ungeimpfte im Kollegium, die müssen sich jeden Morgen eine halbe Stunde vor Beginn des Unterrichts unter den Augen der Schulleitung einem Schnelltest unterziehen, keine so schöne Situation, aber es wird hingenommen. Wir hatten auch den Fall, dass Fachlehrer sich in Quarantäne begeben mussten. Solange sie ohne Symptome zu Hause saßen, haben sie dann von dort online unterrichtet. Das schnelle Umschalten auf Digitalunterricht ist an unserer Schule inzwischen problemlos möglich – das ist ein großer Gewinn.

Mehr noch als Omikron beschäftigen uns die Lernlücken unserer Schüler. Klar sehen wir hier auch Elftklässler, die eineinhalb Jahre lang keine großen Texte mehr schreiben mussten, die können gar nicht mehr richtig formulieren. Die letzten Zeugnisse aus dem Sommer waren größtenteils nicht valide, wir hatten durch die lange Zeit im Distanzunterricht nicht genügend Noten und damit keine aussagekräftige Grundlage. Im Herbst sind Fünftklässler neu an unsere Schule gekommen, die unter normalen Umständen wohl nicht alle eine Gymnasialempfehlung bekommen hätten. Das macht sich bemerkbar. Obwohl wir hier auch Schüler sehen, die zu Hause große Fortschritte gemacht haben, geht es in allen Klassenstufen gerade um die Frage, ob wir die Anforderungen aufrechterhalten können oder runterschrauben. Als Fachlehrer hat man bis zu 200 Schülerinnen und Schüler pro Woche. Wie soll man da jedem gerecht werden? Wir können es uns nicht leisten, dass noch mehr Präsenzunterricht ausfällt. Wenn Tests und FFP2-Masken das Mittel gegen Distanz- und Wechselunterricht sind, soll es so sein. Denn dahin will hier wirklich kaum einer zurück.“
Steffen Wenker, 51, Stellvertretender Schulleiter am Dientzenhofer-Gymnasium in Bamberg

Das Corona-Management verdrängt die inhaltliche und pädagogische Arbeit

Rund 36 Wochen waren die Schulen in Deutschland während der Pandemie geschlossen. In Europa war nur Polen restriktiver. Die Folgen spüren Lehrer und Schüler in vielen Unterrichtsstunden. Auch deshalb herrscht unter den meisten Pädagogen und Familien Einigkeit darüber, dass die Bildungseinrichtungen in der fünften Corona-Welle offenbleiben müssen.

Die Angst vor einer Ansteckung im Klassenraum ist trotzdem nicht weg. Doch den Großteil der Erwachsenen schützt die Auffrischungsimpfung davor, schwer zu erkranken. Und Kinder- und Jugendmediziner beobachten bei Omikron keine schlimmeren Verläufe als bei vorherigen Varianten. Die Hospitalisierungsrate bei Kindern und Jugendlichen ist nach wie vor niedrig, ernsthaft krank werden die wenigsten, oft verläuft die Infektion sogar symptomlos.

Umso verblüffender war der Vorstoß des Thüringer Kultusministers Helmut Holter, der seine Schulen zur Sicherheit nach den Weihnachtsferien für mindestens zwei Wochen in den Distanzunterricht schicken wollte. Was der Linken-Politiker übersah: Für das Schließen von Schulen gibt es aktuell keine rechtliche Grundlage mehr. Entsprechend aufgebracht reagierte die Schulgemeinschaft. Zumal das Ministerium dann auch noch beschloss, die Entscheidung für Präsenz-, Wechsel- oder Distanzunterricht komplett den Schulleitern zu überlassen.

„Ich frage mich zunehmend, von wem sich die Landesregierung in Erfurt eigentlich beraten lässt, wen sie in ihre Entscheidungen einbezieht. Mit den Schulleitern spricht sie jedenfalls nicht. Auch nicht, wenn es um die Lerndefizite der Schüler geht. Die Mittel aus dem Aufholpaket fließen ja nicht in den Unterricht. Es heißt, man solle Kindern Erlebnisse verschaffen, bei denen sie Spaß haben. Das ist sicher ein wichtiger Ansatz, aber was wir mit all den Kindern machen, die den Anschluss nicht mehr finden, das bleibt jeder Schule selbst überlassen.

Es geht ja nicht nur um Stoff oder Noten. Ein Lehrer hat ein konkretes Gesicht vor Augen, er weiß, wie derjenige heißt, was er nicht lernen konnte und wie sehr er darunter leiden wird. Die Lehrer opfern sich auf, aber ihre Arbeit wird gesellschaftlich und politisch nicht wertgeschätzt. Ich habe als Schulleiter große Sorge, dass einige die Belastung nicht aushalten, ausbrennen, krank werden. Klar kümmere ich mich, versuche aufzubauen und zu motivieren. Doch für diese zwischenmenschliche Arbeit bleibt zu wenig Zeit. Täglich muss ich Listen über Testungen, Infektionszahlen und Quarantänemaßnahmen ans Ministerium schicken, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie überhaupt jemand anschaut.“
Sven Stötzer, 60, Schulleiter am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Erfurt

Nicht nur in Thüringen verdrängt das Corona-Management an vielen Schulen die inhaltliche und pädagogische Arbeit. Dabei war sie nie dringender. Von Lehrern und Schulleitern, die sich kaum noch auf Schulentwicklung und die individuelle Förderung von Kindern einlassen können, berichtet auch Simone Fleischmann. Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) hat vor wenigen Tagen in einem offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder ein „Sofortprogramm für die Schulen“ angemahnt. Sie fordert darin unter anderem, Schulleitungen von ihrer Unterrichtsverpflichtung zu entlasten und ihnen mehr Zeit für Führungsaufgaben zu geben. Außerdem sei es an der Zeit, ehrlicher mit dem immer massiveren Personalmangel umzugehen: „Wir mussten in Bayern vor Weihnachten nicht nur wegen Corona Schulen schließen, sondern auch, weil sie nicht mehr genug Lehrer hatten.“

Laut dem BLLV haben im Jahr 2021 dort allein aufgrund der Überlastung durch Corona mehr als 60 Schulleiter von Grund-, Mittel- und Föderschulen ihr Amt aufgegeben. Zu diesem Befund passt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes für Bildung und Erziehung vom November: Mehr als die Hälfte der deutschlandweit befragten Schulleiter gibt an, dass sich ihre Motivation durch Corona zum Negativen verändert habe. Zehn Prozent würden den Job „auf keinen Fall“ weiterempfehlen.

Kinder und Jugendliche jetzt auf Menschen angewiesen, die sich kümmern

„In dieser Krise wird offensichtlich, dass Schule in Deutschland immer als Lern- und Leistungsbetrieb gesehen wurde, aber nicht als Ort, der in der Lage sein muss, auf individuelle Bedürfnisse Einzelner einzugehen. Viele unserer Lehrerinnen und Lehrer sind auf das, was von den Schulen jetzt verlangt wird, nicht vorbereitet. Unsere Schüler haben sich verändert, die Grundschüler haben wichtige Entwicklungsschritte, die nur durch die Gemeinschaft gelernt werden, verpasst. Bei den Älteren beobachten wir eine Art verschobene Pubertät. Neunt- und Zehntklässler verhalten sich wie Siebt- und Achtklässler. Die Mädchen zicken sich an, und die Jungs spielen oft noch in einer Weise, die für dieses Alter untypisch ist. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, um die wir uns verstärkt kümmern müssen, hat sich verdoppelt.

Wir beobachten nicht nur sinkende Leistungen, sondern auch Jugendliche, die sich körperlich verändern, die immer dünner werden, den ganzen Tag mit Kapuze oder Mütze auf dem Kopf herumlaufen, sich aus eigener Motivation kaum noch äußern. Wir haben 672 Schüler von der ersten bis zur elften Klasse. Sie müssen sich 1,5 Sozialarbeiterstellen teilen. Also sagt die Politik, die Lehrer könnten Stunden aufstocken, um den Bedarf an sozialer und emotionaler Unterstützung abzudecken. Aber viele können das nicht leisten, arbeiten in Teilzeit, haben zu Hause kleine Kinder. Der Umgang mit schwierigen oder psychisch belasteten Schülern fällt auch nicht jedem Lehrer leicht. In der klassischen Ausbildung wird einem das nicht beigebracht.“
Axel Weyrauch, 56, ist Schulleiter der Gemeinschaftsschule Wenigenjena in Jena

Wie immer, wenn die Gesellschaft mit Problemen kämpft, sind die Schulen als Reparaturbetrieb gefragt. Pädagogen werden dann neue Aufgaben zuteil, die sie meist klaglos übernehmen. Der Nachteil: Für ihre eigentliche Aufgabe, guten Unterricht zu machen, bleibt weniger Zeit und Energie. Dass moderne Schulen mehr Professionen brauchen als fachlich und didaktisch ausgebildete Lehrkräfte, haben Länder wie Finnland, Dänemark oder Kanada längst erkannt. Dort werden Schulen eher als Bildungsorte verstanden, die von vielen getragen werden: Schulkrankenschwestern gehören genauso zum Team wie Sozial- und Sonderpädagogen, Psychologen oder Ergotherapeuten.

Die seit Januar amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz Karin Prien will die Krise nutzen, um auch an deutschen Schulen eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, die Personalfrage steht ganz oben auf ihrer Agenda. Damit der Bund künftig dabei unterstützen kann, auch Lehrerstellen zu finanzieren, strebt die CDU-Politikerin eine deutlich engere Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern an.

„Viele machen sich gar nicht klar, dass die Corona-Situation an Schulen enorme Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Systeme hat. Wer jetzt seinen mittleren Schulabschluss macht, war zu Beginn der Pandemie in der 8. Klasse. In diesem Jahrgang habe ich immer noch Probleme, Namen und Gesichter zuzuordnen, weil ich die Schüler und Schülerinnen fast nur hinter Masken kenne und viele direkte Gespräche weggefallen sind. Auch das lockere Kontakteknüpfen mit möglichen Arbeitgebern hat nicht stattgefunden.

Einige unserer Jugendlichen kommen aus Familien, die von Armut betroffen sind, die Eltern arbeiten im Schichtdienst oder im Niedriglohnsektor. Diese Jungen und Mädchen hatten im Lockdown oft wenig Unterstützung. Sie merken natürlich, dass ihre fachlichen Kompetenzen abgenommen haben – und sind darüber sehr unglücklich. Und jetzt erwarten wir von ihnen, dass sie sich für eine Ausbildung entscheiden, sich bewerben, sich im besten Licht präsentieren. Wie soll das gehen? Neulich erzählte mir die Ausbilderin eines Krankenhauses, dass die neuen Pflege-Azubis völlig anders drauf wären als die früheren. Sie würden weniger Eigeninitiative zeigen, weniger mitdenken, weniger Verantwortung übernehmen. Wen wundert das? Sie saßen ja auch über Monate vor Kacheln statt vor Menschen. Bei vielen Kindern hat Corona bewirkt, dass sie den Schulbesuch – anders als früher – als wichtig und schön empfinden. Jetzt sind die Erwachsenen dran: Sie müssen Schule endlich als sozialen Ort ernst nehmen.“
Schewa van Uden, 41, Sozialwissenschaftlerin, koordiniert das berufsvorbereitende Aletta-Haniel-Programm in Duisburg

Wie wird es weitergehen? Wie lässt sich auffangen, was die Pandemie an Lernlücken hinterlassen hat, an verpassten Erfahrungen und Möglichkeiten? Die Schulen offen zu lassen, ohne sie grundlegend zu verändern, wird dafür nicht ausreichen. Genauso wenig wie die zwei Milliarden Euro, die das Aufholpaket der Bundesregierung dafür vorsieht, um die gröbsten Schäden zu beseitigen. Vielmehr sind Kinder und Jugendliche jetzt auf Menschen angewiesen, die sich kümmern. Auf Lehrerinnen und Lehrer, Schulleiterinnen und Sozialpädagogen, die da sind, egal wie sehr das Virus wütet. Viele von ihnen haben längst angefangen, weit über diese Krise hinaus für die Zukunft zu arbeiten.