Buch-Tipp : Mehr Gehör für Schülerinnen und Schüler!

„Sie sehen ja, was gerade los ist“ war so ein Satz, mit dem Dario Schramm zu Beginn des zweiten Lockdowns von der Kultusministerkonferenz abgewimmelt wurde. Dabei ging es dem früheren Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz gerade darum, dass in dieser Zeit auch die Stimmen der Schülerinnen und Schüler gehört werden. Über seine Begegnung mit der Bildungspolitik in der Corona-Pandemie, über Absurditäten im Schulalltag und über Ideen für die Schule der Zukunft hat der 21-Jährige ein Buch geschrieben: „Die Vernachlässigten“.

01. Februar 2022 Aktualisiert am 23. Februar 2022
Dario Schramm Porträt
Dario Schramm hat die wochenlangen Schulschließungen als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und als Abiturient erlebt. In einem Buch rechnet er jetzt mit der Bildungspolitik ab.
©Torben Krauß/Dario Schramm/dpa

Das Buch kommt wie eine Warnweste daher. Das Orange auf dem Cover ist knallig. „Die Vernachlässigten. Generation Corona: Wie uns Schule und Politik im Stich lassen“, heißt das Buch von Dario Schramm. Er hat tatsächlich beide Ebenen selbst erlebt. Seit 2019 engagierte er sich bei der Bundesschülerkonferenz, von Oktober 2020 bis November 2021 als ihr Generalsekretär. Und im vergangenen Jahr hat er Abitur an der Gesamtschule Paffrath in Bergisch Gladbach gemacht.

Dario Schramm hat während der Corona-Pandemie viele Einblicke in die Gestaltung des Schullebens und in die Bildungspolitik bekommen. Er ist überzeugt: Manches hätte anders laufen können – und müssen.

In den fast zwei Jahren Pandemie wurde dazu schon einiges geschrieben. Jetzt also noch ein weiteres Buch zum Thema „Corona und Schule und was alles schiefgelaufen ist“? Ja und nein. Ja, Dario Schramm übt Kritik. Und nein, es bleibt nicht bei der Kritik – er macht konstruktive, praxisbezogene Vorschläge. Und, vor allem: nein, weil der ehemalige Bundesschülersprecher denjenigen eine Stimme gibt, über die in der Pandemie zwar schon viel gesagt und geschrieben wurde, die aber bislang selbst nur wenig zu Wort gekommen sind: den Schülerinnen und Schülern.

Dario Schramm weiß, wie allein Kinder und Jugendliche in der Pandemie sind

Schon der zweite Satz im Buch regt zum Nachdenken an: „Wie konnte es passieren, dass sich Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen von Schüler:innen in Deutschland völlig allein gelassen fühlen?“ Er weiß selbst, wie es sich anfühlt, wenn Schule und Freizeit plötzlich im selben Zimmer stattfinden, wenn zwischen Bett und Schreibtisch vielleicht nur ein Meter Platz ist. „Es gab keine Termine, wir konnten uns nicht treffen und waren es nicht gewohnt, allein zu lernen. Da war es wirklich nicht leicht, Struktur in den Tag zu bekommen“, erinnert sich Schramm im Gespräch mit dem Schulportal.

Welche Auswirkungen das Alleingelassensein, die Haltlosigkeit während der wochenlangen Schulschließungen für Kinder und Jugendliche hat, wird vielleicht erst jetzt in seinem ganzen Ausmaß deutlich. Die Bundesschülerkonferenz und mit ihr Dario Schramm haben auf die psychosozialen Belastungen allerdings schon früh aufmerksam gemacht.

Schramm wusste aus erster Hand, wie es den Schülerinnen und Schülern beim Lernen zu Hause ging. „Anfang 2021, als die Schulen zu waren, haben wir gesehen, dass Hotlines für junge Menschen gar nicht immer erreichbar waren“, erzählt Dario Schramm „dabei brauchten Kinder und Jugendliche gerade in dieser Zeit Ansprechpartner.“ Die Bundesschülerkonferenz hatte sich Unterstützung in der Politik und beim Kinderhilfswerk gesucht und tatsächlich erreicht, dass einige Hotlines während der Schulschließungen immer erreichbar waren. „Das war ein sehr schöner Moment, weil wir gemerkt haben, dass das, was wir tun, auch Wirkung zeigt.“

Gerade in der Zeit der Schulschließungen wäre es so wichtig gewesen, dass wir uns gemeinsam hinsetzen und miteinander reden.
Student Dario Schramm, früher Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz

Dies sei ein Höhepunkt in seiner Zeit als Bundesschülersprecher gewesen, so Dario Schramm heute. Den Tiefpunkt erlebte er allerdings zur selben Zeit. Kurz vor den zweiten Schulschließungen im Dezember 2020 sei ein Treffen zwischen Kultusministerkonferenz und Bundesschülerkonferenz geplant gewesen. „Das Treffen wurde immer wieder verschoben mit der Begründung: ,Sie sehen ja, was gerade los ist.‘ Das hat mich geärgert, denn natürlich haben wir gesehen, was los ist, und gerade deshalb wäre es in der Zeit der Schulschließungen so wichtig gewesen, dass wir uns gemeinsam hinsetzen und miteinander reden.“ Der Termin habe den ganzen Lockdown über nicht mehr stattgefunden.

Und auch die Planung des Corona-Aufholprogramms sei aus seiner Sicht nicht gut gelaufen. Ganz am Anfang sei die Bundesschülerkonferenz noch dabei, aber bei der Ausgestaltung dann doch wieder außen vor gewesen.

Eine Petition gab den Anstoß für sein Engagement in der Schule

Mehr Gehör, mehr Begegnung auf Augenhöhe und überhaupt mehr Kommunikation hätte sich Schramm in seiner Zeit als Bundesschülersprecher gewünscht. Er habe an seiner eigenen Schule gesehen, wie das gehen kann. Dort habe es eine offene Kommunikationskultur gegeben, hier sei Demokratie gelebt worden. Sonst wäre Dario Schramm vielleicht gar nicht erst Klassensprecher und schließlich Bundesschülersprecher geworden.

Den Anstoß, sich zu engagieren, bekam er am Ende der zehnten Klasse. Damals startete er eine Petition, weil er und viele andere Mitschülerinnen und Mitschüler eine der zentralen Abschlussprüfungen am Ende der zehnten Klasse wiederholen lassen wollten. Viel zu schwer sei die gewesen. Die Petition war erfolgreich. Dieser Moment habe ihn in dem Glauben bestätigt, „alles verändern zu können, wenn ich mich nur mutig genug dafür einsetze“. Bald darauf war er Schülersprecher seiner Schule, und etwa zur selben Zeit trat er auch in die SPD ein – mit 17 Jahren.

In seinem Buch beschäftigt sich Dario Schramm aber nicht nur mit der Pandemie. Er macht auch die großen Themen auf: Bildungsgerechtigkeit, Inklusion, Nachhaltigkeit, Digitalisierung. Gerade das Thema Bildungsgerechtigkeit liegt ihm am Herzen. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, dass er seit dem Wintersemester in Frankfurt/Oder Rechtswissenschaften studiert.

Dario Schramm wünscht sich an jeder Schule eine Zukunftgruppe

Und er erzählt – oft unterhaltsame und mitunter absurde – Episoden aus dem Schulalltag. Sie zeigen, wo aus seiner Sicht überall Reformbedarf besteht. Zum Beispiel beim Thema Nachhaltigkeit, wenn ein Lehrer unzählige Papierkopien mit Informationen und Aufgaben zum Thema Schutz des Regenwalds an die Klasse verteilt. Und er schreibt über die bürokratischen Hürden, die sich auftun, wenn eine Glühbirne in einem Klassenzimmer kaputt ist.

Ich würde das ,Zukunftsgruppe‘ nennen, weil der Blick nach vorn gerichtet sein sollte.

Dario Schramm spricht sich für einen „Modernisierungspakt Schule“ aus. Auch der Digitalpakt Schule könne erst danach funktionieren. Und noch etwas würde Dario Schramm gern an Schulen etablieren: ein verbindliches Schulentwicklungsgremium. „Ich würde das ,Zukunftsgruppe‘ nennen, weil der Blick nach vorn gerichtet sein sollte.“

Wie so ein Gremium genau arbeitet und welches Programm es entwickelt, das müsse jede Schule nach ihren eigenen Herausforderungen und Bedürfnissen festlegen. „Ich bin doch kein Bildungsexperte und kein Pädagoge. Das wäre völlig vermessen, wenn ich sagen würde, wie das auszusehen hat“, betont Dario Schramm. Verbindlich aber sollte aus seiner Sicht sein, dass es so ein Gremium an jeder Schule gibt. Und dass alle, die wollen, an diesem Entwicklungsprozess auch mitarbeiten und ihre Ideen einbringen können.

Eine Einführung in (Über-)Lebenskunde – das hat ihm gefehlt

Mitgenommen hat Dario Schramm aus seiner eigenen Schulzeit vor allem den positiven Blick auf Heterogenität. „Meine Schule hat Inklusion gelebt, die Schülerschaft war sehr bunt, und trotzdem oder gerade deshalb hatten wir eine sehr gute Gemeinschaft“, sagt er.

Und was hätte er sich anders gewünscht? Die Antwort kommt schnell: „Steuern, Miete und Krankenversicherung.“ Von alldem habe er nach dem Abitur keine Ahnung gehabt, und über dieses Unwissen sei er beim Übergang ins Studentenleben und bei den ersten Jobs gestolpert. Eine Einführung in (Über-)Lebenskunde –  die hätte er gut brauchen können.

Am Donnerstag, 3. Februar 2022, um 20 Uhr, stellt Dario Schramm sein Buch bei einem Live-Termin auf Instagram vor. Mehr zu diesem Termin und zu weiteren Veranstaltungen zur Buchpräsentation gibt es hier. 

Mehr zum Thema

  • Wie sich die Corona-Pandemie auf Jugendliche ausgewirkt hat, untersucht die bundesweite Studie „Jugend und Corona“ (JuCo). Dreimal wurden dafür junge Menschen ab 15 Jahren zu ihren Erfahrungen in der Pandemie befragt: zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020, im November 2020, und die dritte Befragungsrunde fand im Dezember 2021 statt. Ergebnisse von JuCo 1 gibt es hier, und von JuCo 2 hier. Erste Ergebnisse von JuCo 3 wurden Ende Februar 2022  veröffentlicht.
  • Im Fokus der dritten Befragung stand die Frage, wie sich das Leben der Jugendlichen durch mehr als anderthalb Jahre Pandemie verändert hat. Demnach fühlen sich Jugendliche jetzt mehr gehört. Allerdings hat die Mehrheit nach wie vor den Eindruck, dass sie politische Entscheidungen nicht beeinflussen kann. Positiv vermerken einige Jugendliche auch, dass ihre Schulen nun digital besser ausgestattet seien. Auch der Anteil von Jugendlichen, die wieder ihren Hobbys nachgehen können, hat sich erhöht. Diejenigen, die auch während der Pandemie ihre Hobbys leben konnten, sind demnach weniger häufig von psycho-sozialen Belastungen berichten als diejenigen, die deutliche Einschränkungen in ihrem Sozialleben erfahre haben. Insgesamt aber hat die Pandemie bei jungen Menschen deutliche Spuren hinterlassen. Der Anteil der jungen Menschen, die Angst vor der Zukunft haben, hat sich im Laufe des Jahres 2021 sogar noch einmal erhöht. Etwa 20 Prozent geben an, professionelle Hilfe- und Beratungsangebote zu brauchen, jedoch nicht über ein entsprechendes Angebot zu verfügen.
  • Insgesamt haben sich an den Befragungen für die ersten beiden Studien mehr als 12.000 Jugendliche beteiligt, die meisten von ihnen waren Schülerinnen und Schüler. Das Durchschnittsalter lag in den ersten beiden Studien bei 19 Jahren.
  • Hinter der JuCo-Studie steht der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“. Er besteht aus dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Stiftung Universität Hildesheim und dem Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung.
  • Neben JuCo hat der Forschungsverbund außerdem die Studie „KiCo – Familien mit Kindern unter 15 Jahre und ihre Erfahrungen in der Corona-Krise“ durchgeführt. Dafür haben sich Ende April/Anfang Mai 2020 mehr als 25.000 Kinder und Eltern zu den Auswirkungen der Pandemie auf ihr Wohlbefinden und den Familienalltag geäußert.