Corona-Impfungen an Schulen : „Dann brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen“

In Schleswig-Holstein wird nun an Schulen gegen Corona geimpft – zum Ärger von Impfgegnern, einigen Kinderärzten und mancher Eltern. Was sagen eigentlich die Kinder dazu?

Dieser Artikel erschien am 19.08.2021 auf ZEIT Online
Frida Thurm
Ärzte erklren Schüler:innen die Impfung
Die Ärzte des mobilen Impfteams erklären den Schülerinnen und Schülern einer Kieler Gemeinschaftsschule, wie die Impfung ablaufen wird und welche Nebenwirkungen es geben kann.
©Getty Images

Die derzeit wohl umstrittenste Maßnahme zur Corona-Bekämpfung wird an diesem Donnerstag in einem Randbezirk von Kiel vorgestellt. Neonlicht strahlt auf die Tischreihen eines Chemieraums in einer Gemeinschaftsschule. Vor den Schülerinnen und Schülern stehen zwei Männer mit Masken, „Moin“ sagt einer von ihnen fröhlich. „Wir sind die Impfärzte.“ „Moin“, murmelt es aus dem Raum zurück.

Mit einem von zehn mobilen Impfteams ist der Arzt Leonhard Hojanski seit diesem Donnerstag an Schleswig-Holsteins Schulen unterwegs, um Kinder ab zwölf Jahren gegen das Coronavirus zu impfen. Das Bundesland geht diesen Weg gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommern als erstes. Auch die Landesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ist da, Kamerateams haben aufgebaut. Doch der Termin, so die dringende Bitte, sollte nicht angekündigt werden. Ebenso bleibt geheim, an welchen Schulen in den nächsten Wochen noch geimpft wird. 250 sind es insgesamt, mehr als 10.000 Kinder sind angemeldet.

Diese Zurückhaltung hat einen Grund: „Sie vergiften unsere Kinder“, stand in einem Brief, der vor einer Schule in Niebüll abgelegt wurde, darin auch die Namen mehrerer Lehrer und Lehrerinnen. Allerdings habe es keine konkrete Bedrohungslage gegeben. Das Ministerium geht davon aus, dass es keine Eltern der Schule waren, sondern ein „gut organisiertes Netzwerk“ von Impfgegnern.

Keine Spur von Impfgegnern

Von Impfgegnern fehlt an diesem Morgen in Kiel wie erhofft jede Spur, stattdessen warten aufgeregte Schülergrüppchen unter Bäumen darauf, dass sie nun einzeln wieder zurück in den Chemieraum gehen, wo sie vorher gemeinsam von den beiden Ärzten über die Impfung aufgeklärt wurden. Möglich sind vor allem Armschmerzen, hatte ihnen Dr. Hojanski erklärt, „oder dass ihr euch ein bisschen maddelig fühlt“, seltener Fieber. „Und wenn es euch schlechter geht, sagt bitte euren Eltern Bescheid und geht zum Arzt. Und ganz wichtig: kein Sport.“

David, 14, kennt das Virus schon: Seine Familie hatte erst im April Corona, seine Uroma sei sogar daran gestorben, erzählt er. Auch sein Vater und seine Oma seien sehr krank gewesen, er selbst hatte vor allem Kopfschmerzen. Nun zieht er seinen Spongebob-Pulli aus, damit Dr. Hojanski ihn impfen kann. Ob er noch Fragen habe, will der Arzt wissen, nachdem er die Einverständniserklärung mit ihm durchgegangen ist. „Ja“, sagt David, „kann ich heute trotzdem meine Familie besuchen?“ Da spreche überhaupt nichts dagegen, sagt Dr. Hojanski. Ein Piks, ein Pflaster, das war es schon.

125 der insgesamt 700 Schülerinnen und Schüler hätten sich für die Impfung heute angemeldet, sagt der Schulleiter Dieter Ruser. Seine Gemeinschaftsschule liegt in einem Teil von Kiel, in dem viele Menschen einen Migrationshintergrund hätten, sagt er, außerdem seien viele Familien arm.

Bildungsministerin Prien meint offenbar Orte wie diesen, wenn sie sagt, die Informationen über die Impfungen „dringen in bestimmte Milieus nicht vor, da braucht es ein sehr niedrigschwelliges Angebot“. Ruser sagt, die Eltern hätten großes Vertrauen in die Schule, schon vor der Stiko-Empfehlung habe es viele Anmeldungen gegeben. Das Infoschreiben wurde in sechs verschiedenen Sprachen verteilt. „Eltern, die immer alles kommentieren, die gibt es eher am Gymnasium“, sagt Ruser. Und tatsächlich haben sich am Gymnasium nebenan nur wenige Schülerinnen und Schüler zum Impfen gemeldet, sagt der dortige Schulleiter am Telefon.

David wollte sich gleich impfen lassen, erzählt er. Aber seine große Schwester, bei der er lebt, sei erst dagegen gewesen. Er habe sie schließlich überzeugen können – und wenn er geimpft sei, wolle auch sie einen Termin machen. Viele der Schüler und Schülerinnen haben Verschwörungstheorien über das Coronavirus gehört, einige sind verunsichert. Er erlebe häufig, welchen Einfluss das Umfeld habe, erzählt Hojanskis Kollege Stefan Nußbaumer. Zusammen waren sie auch schon als mobiles Impfteam an sogenannten Brennpunkten. „Die Skepsis hat sich schnell gelegt, wenn einer aus der Gruppe oder der Familie erst mal geimpft ist.“ Die Gruppendynamik sehen sie als hilfreich an. Und auch Schulleiter Ruser sieht das so: Viele der Familien an seiner Schule seien anders gar nicht zu erreichen. Heute seien dagegen sogar gleich einige Mütter mitgekommen und hätten sich impfen lassen. „Die Eltern sagen: Endlich informiert uns mal einer“, sagt Ruser.

Mama sagt: Geh impfen

Fragt man die Schülerinnen und Schüler, warum sie sich impfen lassen, sagen sie: Na, wegen Corona. Oder: Dann brauche ich mir keine Sorgen machen, meine Eltern anzustecken. Oder: Dann kann ich zur Kieler Woche. In den Hansapark. Reisen. Ins Restaurant. Oder: Ich wollte gar nicht, aber meine Eltern haben gesagt: Geh impfen.

Als die Schulimpfungen angekündigt wurden, stießen sie aber nicht allein bei Impfgegnern auf Kritik. Einige Eltern zeigten sich irritiert darüber, dass ihre Kinder ab 14 schon selbst über die Impfung entscheiden dürfen. Da habe es „kritische Rückfragen“ gegeben, sagt eine Sprecherin des Bildungsministeriums. Das entspreche aber der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Der impfende Arzt müsse sich aber im Gespräch davon überzeugen, ob der Jugendliche einwilligungsfähig ist, also überhaupt versteht, worum es bei der Impfung geht.

Tatsächlich haben zwar alle hier eine unterschriebene Einverständniserklärung dabei, aber manche der Älteren haben sie selbst unterschrieben. Doch gegen den expliziten Willen der Eltern ist hier in Kiel wahrscheinlich kaum einer der Jugendlichen gekommen. Zumindest erzählen viele, ihre Eltern seien ebenfalls geimpft oder hätten einen Impftermin.

„Ich hab’ ein Foto mit Frau Prien!“

Halan, 14, graue Kapuzenjacke, wartet auch auf die Spritze. „Wenn man schon mal die Möglichkeit hat“, sagt er. Dann verschwindet er kurz, kommt gleich danach strahlend wieder zu seinen Freunden gelaufen, die noch vor dem Chemieraum warten „Ich hab’ ein Foto mit Frau Prien!“, ruft er strahlend. „Wer?“, fragt einer aus der Gruppe. „Bildungsministerin!“, antwortet Halan, „du bist gar nicht gebildet, Bruder.“ Er zeigt es stolz.

Vor dem Impfstart an den Schulen meldeten sich Kinderärzte verärgert zu Wort, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fürchtet „Gruppenzwang“ und sähe es lieber, wenn die Schülerinnen zu ihren vertrauten Kinderärzten gingen, um sich individuell beraten zu lassen. Den Vorteil, den die Impfärzte sehen, dass andere nachziehen, wenn einer aus der Familie oder Clique sich impfen lässt, sehen sie als Gefahr. Doch das, sagt Schulleiter Ruser, sei „eine bürgerliche Diskussion, die mit der Realität an unserer Schule nichts zu tun hat“.

Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, freut sich auch über die mobilen Impfteams an Schulen, weil sie eine unkomplizierte und einfache Lösung seien. Aber er hätte es für wichtig gehalten, dass die Entscheidung Eltern und Kinder gemeinsam treffen. Und dass an den Schulen darauf geachtet werde, dass kein Druck entsteht, sich impfen lassen zu müssen. Hier in Kiel sieht es zumindest nicht danach aus. Ein Junge begleitet seinen Freund in der Impfschlange – obwohl er sich selbst nicht impfen lassen will. Keiner scheint ein Problem damit zu haben.

Aber da ist noch eine größere politische Frage: Ob die Kinder mit diesen Impfungen eigentlich Fehler der Politik und Gesellschaft ausbaden sollen. Sie haben das geringste Risiko von schweren Verläufen, sollten sie sich mit dem Coronavirus infizieren. Sollen Kinder und Jugendliche nun trotzdem durchgeimpft werden, weil die Generationen ihrer Eltern und Großeltern es nicht für nötig halten, sich für eine Herdenimmunität impfen zu lassen? Weil die Bildungsministerien und Schulträger nicht ausreichend Luftfilter in die Klassenräume stellen?

Die Infektionszahlen steigen schließlich. In Kiel liegt die Inzidenz über dem Bundesdurchschnitt mit derzeit 88 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in einer Woche. Zudem sind die Infektionen sehr unterschiedlich verteilt, bei den über 80-Jährigen liegt die Inzidenz bei null. Aber bei den 5- bis 14-Jährigen lag die Inzidenz am Dienstag bei fast 330. Landesbildungsministerin Prien machte in einem Radiointerview trotzdem klar, dass inzwischen auch eine hohe Inzidenz kein „vertretbarer Anlass mehr“ sei, Schulen zu schließen. Wenn nicht die Luftfilter, so werden möglicherweise die Impfungen dabei helfen, dass die Kinder nicht ständig in Quarantäne geschickt werden.

„Ist die Zeit jetzt um?“, fragt die zwölfjährige Tasnim die Arzthelferin, die streng darüber wacht, dass alle Kinder nach der Impfung noch eine Viertelstunde im Nebenraum ausruhen. Neben ihr sitzt die gleich alte Shirin, beide haben die Apfelschorle vor sich auf dem Tisch, die es nach der Spritze gab. Kurz vorher hätten sie beide noch geweint, aus Angst vor der Spritze, sagt Shirin. Dann haben sie Schnick-Schnack-Schnuck gemacht, wer als Erste drankommen sollte. Shirin verlor. Dann sei es gar nicht so schlimm gewesen, sagt sie. „Ist die Zeit jetzt um?“, fragt Tasnim noch einmal, sie wollen endlich zurück in ihre Klasse. Zum Unterricht? Nein, heute gucken sie einen Film, er hat schon angefangen.