Coronavirus : „Diese Ungewissheit ist schwer auszuhalten“

Normalerweise dauern die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest eine Woche. Durch den Ausbruch des Coronavirus haben die chinesischen Behörden die Schulen aber für unbestimmte Zeit geschlossen. Betroffen davon sind auch die beiden Deutschen Schulen Shanghai. Seit Ende Januar sind die Gebäude an den zwei Standorten der Millionenmetropole verwaist. Im Telefoninterview mit dem Schulportal schildern die Schulleiter, wie sie mit dieser Situation umgehen, was die größte Herausforderung ist und was sie über Hamsterkäufe denken.

Annette Kuhn / 06. März 2020
Treppe mit einem Menschen vor Silhouette von Shanghai
Seit Wochen sind in der sonst so quirligen Metropole Shanghai aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nur wenige Menschen unterwegs.
©AP/dpa

An der Deutschen Schule Shanghai Hongqiao ist mittags sonst immer viel los. Den Campus teilen sich die Deutsche und die Französische Schule, zusammen sind es etwa 2000 Schülerinnen und Schüler. Doch an diesem Montag im März ist es ganz still. Nur ein Zimmer auf dem riesigen Gelände ist besetzt. Dort sitzen Susanne Heß, Robert Cohnen und Sven Heineken. Susanne Heß ist erst Mitte Januar von Deutschland nach Shanghai gezogen, um Schulleiterin in Hongqiao zu werden. Eigentlich sollte zum Halbjahreswechsel ganz regulär die Übergabe stattfinden, doch statt Schulleiterin ist Susanne Heß nun wegen des Ausbruchs der durch das Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit COVID-19 Krisenmanagerin. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Stellvertreter Robert Cohnen. Von der Deutschen Schule Shanghai Yangpu ist an diesem Montag Schulleiter Sven Heineken dazugekommen. Auch sonst stehen die drei im engen Austausch, um die Schulen durch diesen Ausnahmezustand zu manövrieren.

Schulportal: Wann haben Sie vom Coronavirus erfahren?
Robert Cohnen: Frau Heß und ich waren in der zweiten Januarwoche bei der Schulleitertagung der Deutschen Auslandsschulen in Berlin. Dort hat uns der Kollege aus Japan angesprochen: Er hätte da etwas in der Zeitung gelesen, das klänge ja nicht so gut und ob wir damit ein Problem bekommen könnten. Da fingen wir erst an, uns mit dem Coronavirus auseinanderzusetzen. Aber so richtig überrumpelt wurden wir erst am ersten Ferientag, am chinesischen Neujahrsfest (am 25. Januar), als die Anordnung kam, dass die Schulen nach den Ferien geschlossen bleiben müssten.

War das Ausmaß bis dahin noch gar nicht absehbar?
Robert Cohnen: Wir haben die Entwicklung der Krankheit im Januar zwar immer im Auge behalten und uns kurz vor den Ferien auch überlegt, was wir vielleicht vorbereiten müssten an Kommunikation – aber dass die Schulen von chinesischer Seite geschlossen werden, war überhaupt nicht abzusehen. Wuhan ist für uns ziemlich weit weg. Wir hatten die Hoffnung: Das ist eine kleine Sache mit wenigen Fällen in einer entfernten Provinz von China.

 

Porträt Robert Cohnen
Robert Cohnen ist stellvertretender Schulleiter der Deutschen Schule Shanghai Hongqiao.
©Deutsche Schule Shanghai

Sven Heineken: Unsere Informationen haben wir ja überwiegend aus den internationalen Medien gehabt. Es waren immer Informationen aus zweiter Hand und dazu viele Gerüchte. Das macht es schwer, die Lage wirklich einzuschätzen. Aber an meinem Standort in Yangpu bin ich am letzten Schultag vor den Ferien durch die Klassen gegangen und habe den Schülerinnen und Schülern gesagt: Wir wissen nicht, was passiert. Nehmt mal besser eure Sachen mit.

Bisher ist an der Schule noch niemand am Coronavirus erkrankt

Gab oder gibt es bereits Coronavirus-Fälle an der Schule?
Susanne Heß: Im Moment findet ja nichts in der Schule statt, aber bislang wurden uns noch keine Krankheitsfälle gemeldet.

Sven Heineken: Wir müssen das jeden Tag überprüfen. Es ist Auflage der Behörden, dass wir jeden Tag melden, ob es in der Schulgemeinschaft Krankheitsfälle gibt. Das heißt: Die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler müssen sich im Krankheitsfall sofort bei uns melden.

Susanne Heß
Susanne Heß ist seit Anfang des Jahres Schulleiterin der Deutschen Schule Shanghai Hongqiao.
©Deutsche Schule Shanghai

Wann soll die Schule wieder öffnen?
Susanne Heß: Das ist die spannendste Frage. Wir würden sehr gern wieder öffnen. Wir machen ständig Pläne und sitzen zusammen, um zu beraten. Aber wir warten auf das Okay der Behörden. Es gibt weder positive noch negative Zeichen. Es gibt gar keine Zeichen.

Wenn die Schule wieder öffnet – geht dann alles wieder seinen Gang wie vorher?
Robert Cohnen: Wir haben ein sehr umfangreiches Dokument von der Erziehungskommission in Shanghai bekommen, das ist unsere vorgesetzte Behörde. Die macht in allen Bereichen strenge Vorschriften. Dabei geht jetzt vor allem um Krankheitsprävention. Bevor man überhaupt wieder in die Schulen gehen darf, muss man in diversen Formularen dokumentieren, wann man in Shanghai eingereist ist, ob man in Krisengebieten war, wie hoch die Körpertemperatur ist. Es wird eine Herausforderung werden, jeden Morgen auf dem Campus sicherzustellen, dass niemand hineingeht, der verdächtig oder gar infiziert ist.

Aber noch viel schwieriger ist die schulische Organisation.

Was passiert denn jetzt gerade: Haben die Schülerinnen und Schüler einfach nur Ferien?
Susanne Heß: Verlängerte Ferien gab es vom ersten Tag an nicht. Der Schulbetrieb geht im Grunde weiter. Wir haben in der ersten Ferienwoche ein Online-Lernprogramm aufgesetzt und haben das von Woche zu Woche nach den Rückmeldungen der Eltern und Schülerinnen und Schülern optimiert. Das sind anerkannte Unterrichtstage, und es gibt auch Leistungsnachweise.

Informationen gehen nicht über morgen hinaus

Bekommen Sie inzwischen mehr Informationen?
Sven Heineken: Nach wie vor gibt es überwiegend Gerüchte, die wir natürlich immer überprüfen müssen. Das ist nicht leicht, und das macht die Arbeit in der Krise auch schwer und anstrengend.

Haben Sie denn nicht über das Auswärtige Amt und die Deutsche Botschaft Informationen bekommen?
Sven Heineken: Die Entwicklung konnte auch dort niemand absehen. Alle Krisenstäbe, ob in der Schule, in Berlin oder in der Botschaft, hängen an den chinesischen Behörden. Es ist nicht leicht, dort verlässliche Informationen zu bekommen, die über morgen hinausgehen.

Sind denn die Schülerinnen und Schüler auf das Online-Learning vorbereitet?
Sven Heineken: Die Umstellung vom Offline- zum Online-Unterricht ist natürlich eine Herausforderung. Aber das haben unsere Schülerinnen und Schüler ganz toll gemeistert. Gerade in den höheren Klassen ist der individuelle Lernprozess, den wir ohnehin anregen, auf einem sehr hohen Niveau. Das ist natürlich auch etwas, wo wir auch nach der Krise schauen wollen, welche Erfahrungen wir in den Alltag mitnehmen können.

Schwierig ist es in den Grundschulklassen, weil die Kinder noch nicht so selbstständig sind. Da können wir nicht einfach sagen: Hier ist euer Wochenplan, macht mal. Da sind wir sehr stark auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Und die ist hervorragend. Die Eltern fügen sich natürlich ihrem Schicksal, denn auch deren Alltag hat sich gewandelt von Parttime: „Ich schaue mir mal die Hausaufgaben an“ zu Fulltime: „Ich muss mein Kind im Lernprozess unterstützen“. Eltern müssen ihre Kinder motivieren, den Tagesablauf gestalten, dafür sorgen, dass die Kinder auch Pausen machen. Da wird den Eltern viel abverlangt.

Porträt Sven Heineken
Sven Heineken ist Schulleiter der Deutschen Schule Shanghai Yangpu.
©Deutsche Schule Shanghai

Von wo wird das Online-Learning gesteuert?
Sven Heineken: Die Lehrkräfte arbeiten auch von zu Hause aus. Allerdings richten wir Zugangstage ein, an denen gestaffelt immer ein paar Kollegen da sind, weil sie zum Beispiel Material brauchen oder mal etwas am Scanner bearbeiten müssen. Aber es dürfen immer nur wenige in der Schule sein.

Hat denn jeder die Ausstattung dafür, von zu Hause aus Online-Learning zu steuern?
Robert Cohnen: Spätestens seit diesem Schuljahr haben alle Kollegen Surface-Pro-Geräte, das ist ein Hybrid aus Tablet und Laptop. Dadurch sind sie auch vernetzt mit den Schulnetzwerken und kommen an die Ressourcen und technischen Möglichkeiten. Auch die Oberstufenschüler haben diese Geräte.

Es gibt immer wieder neue Krisenpläne wegen des Coronavirus

Was ist die größte Herausforderung momentan?
Susanne Heß: Das ist die Sicherstellung der Abschlüsse. Wir haben verschiedene Krisenpläne entwickelt, abhängig davon, wann die Wiedereröffnung sein wird. Wir haben bereits viel verschoben, unser Ziel sind jetzt die schriftlichen Prüfungen im April – für das Abitur, die Fachhochschulreife und den Realschulabschluss. Wir hoffen sehr, dass das funktioniert.

Sven Heineken: Für den Fall, dass die Schülerinnen und Schüler die Prüfungen hier nicht schreiben können, wird von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Zusammenarbeit mit der Kultusministerkonferenz auch gerade an einem Plan gearbeitet, unseren Schülerinnen und Schülern eine Prüfungsmöglichkeit in Deutschland zu schaffen – das ist aber nicht Plan B, sondern eher C oder D. Das wird jetzt natürlich dadurch konterkariert, dass nun auch in Deutschland das Virus ausgebrochen ist. Die Frage ist jetzt, wo der bessere Standort ist.

Schulsozialarbeit hilft in dieser Situation auch bei Erziehungsfragen

Haben eigentlich Lehrkräfte und Familien der Schülerinnen und Schüler China verlassen?
Robert Cohnen: Es gibt Familien, die die chinesischen Neujahrsferien in Deutschland verbracht haben und dann erst mal nicht nach Shanghai zurückgekehrt sind. Die Kinder nehmen aber zeitversetzt am Online-Unterricht teil. Es hat sich niemand bei uns abgemeldet.

Wie viele Schülerinnen und Schüler sind zurzeit nicht in Shanghai?
Robert Cohnen: In den Neujahrsferien waren etwa zwei Drittel weg, aber inzwischen sind viele Familien wieder nach Shanghai zurückgekehrt. Jetzt sind weniger als ein Drittel nicht vor Ort.

Sicher haben viele Kinder, Kolleginnen und Kollegen in dieser Situation viele Fragen zum Coronavirus und auch Ängste. Wie können Sie da helfen?
Susanne Heß: Wir haben an beiden Standorten Angebote der Schulsozialarbeit mit ausgebildeten Kräften. Sie haben eine Art Help Desk eingerichtet. Da geht es um Ängste, die mit dem Coronavirus zu tun haben, aber auch um mögliche Erziehungsprobleme, weil man so eng aufeinandersitzt.

Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus haben psychologisches Gewicht

Sven Heineken: Das ist wirklich nicht einfach. Ich bin auch Vater, habe zwei Kinder, einen elfjährigen Sohn und eine 13-jährige Tochter, die seit fast fünf Wochen zu Hause beschult werden – das ist eine echte Herausforderung für die Kinder. Man kann sich in Shanghai zwar draußen bewegen, aber vieles ist geschlossen, die Kinder sind doch mehr oder weniger ans Haus gebunden, weil die sozialen Kontakte, die sie sonst durch die Schule haben, wegfallen. Und auch diese Ungewissheit ist so schwer auszuhalten. Wann machen wir wieder auf? Diese Frage treibt uns alle um.

Inzwischen breitet sich das Coronavirus ja auch in Deutschland aus. Was würden sie mit ihren Erfahrungen Menschen in Deutschland raten?
Robert Cohnen: Vor allem Nerven bewahren und die Hinweise des Robert-Koch-Instituts beachten. Hamsterkäufe sind überhaupt nicht nötig.

Susanne Heß: Wichtig ist natürlich auch, der Angst zu begegnen. Da haben Vorsichtsmaßnahmen auch psychologisch ein großes Gewicht. Sie vermitteln: Wir schützen uns und schützen andere.

Sven Heineken: Wichtig ist auch, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Über Wochen oder Monate eine Schule zu schließen, halten wir nicht für angemessen. Und vor allem stellt sich doch die Frage: Wie müssen die Zahlen denn sein, damit die Schulen wieder öffnen können? Es ist doch illusorisch anzunehmen, dass es in absehbarer Zeit in China keinen Corona-Fall mehr gibt.

Auf einen Blick

  • Weltweit liegt die Zahl der Menschen, bei denen das Coronavirus festgestellt wurde, nach WHO-Angaben bei mehr als 100.000 (Stand: 9. März). Mehr als 3.800 Menschen sind demnach bislang an COVID-19 gestorben.
  • In China sind seit Ende Januar alle Schulen geschlossen. Nach aktuellem Stand vom Robert-Koch-Institut (8. März) gibt es in China mehr als 80.000 COVID-19-Fälle.
  • In Deutschland wurde inzwischen bei mehr als 1.000 Menschen (9. März) das Coronavirus festgestellt. Die Zahl der gemeldeten Fälle erhöht sich ständig. Eine landesweite Schließung der Schulen ist hier nicht geplant, in manchen Bundesländern sind aber einzelne Schulen bis Mitte des Monats geschlossen.
  • Auch in Italien – dem in Europa am stärksten betroffenen Land – steigt die Zahl der Erkrankten ständig. Inzwischen mehr als 7.000 Menschen (9. März) betroffen. Die Schulen im ganzen Land sind bis vorerst 15. März geschlossen.