Ausbildungsplatzsuche in der Pandemie : Schulabschluss – und was dann?

Swenja und Leon stehen kurz vor ihrem Realschulabschluss in der zehnten Klasse. Seit mehr als einem Jahr begleitet das Schulportal die beiden Jugendlichen aus Halle, deren Schulleben seit zwei Jahren von der Corona-Pandemie geprägt ist. Beim dritten Treffen erzählen sie, wie sie den Abschlussprüfungen entgegensehen, wie es nach der Schule für sie weitergeht und was sie vermissen werden, wenn ihre Schulzeit im Sommer endet.

Annette Kuhn 08. April 2022
Swenja und Leon vor ihrer Schule kurz vor dem Schulabschluss
Swenja und Leon sind neugierig auf das, was nach dem Schulabschluss kommt - ein bisschen mulmig ist ihnen aber auch.
©Annette Kuhn

Nach fast zehn Jahren Schulen geschieht nun vieles zum letzten Mal: Zum letzten Mal gab es in der vergangenen Woche Musikunterricht, zum letzten Mal hatten sie in dieser Woche regulären Unterricht nach Stundenplan, zum letzten Mal beginnen für Swenja und Leon jetzt Osterferien. Die beiden 16-Jährigen gehören zum zehnten Jahrgang der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle und stehen kurz vor ihrem Schulabschluss. Nach den Osterferien haben sie noch drei Wochen Unterricht in den Hauptfächern Deutsch, Mathe, Englisch, in denen sie dann geprüft werden. Danach kommen die mündlichen Prüfungen. Dann ist ihre Schulzeit vorbei.

Die Prüfungen für den Schulabschluss laufen fast so ab wie immer. Neu ist nur, dass die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen nach den schriftlichen Arbeiten keinen regulären Unterricht mehr haben, sondern Konsultationen, um sich besser auf die mündlichen Prüfungen vorbereiten zu können.

Aber eigentlich ist für diesen Jahrgang nichts wie immer.

Die meisten Schülerpraktika sind ausgefallen

Seit mehr als zwei Jahren haben Swenja, Leon und all ihre Mitschülerinnen und Mitschüler Unterricht nur unter Pandemiebedingungen erlebt. Für die 8. und 9. Klassen, also für ihren Jahrgang, dauerten die Schulschließungen in den meisten Ländern sogar länger als für andere Klassenstufen. Und auch als die Schulen wieder öffneten, gab es für sie weitere Einschränkungen durch Quarantäne und Wechselunterricht. Die Schülerpraktika sind größtenteils ausgefallen.

Was hat das mit den Schülerinnen und Schülern gemacht? Wo stehen sie jetzt, kurz vor ihrem Schulabschluss? Seit Februar 2021 begleitet das Schulportal Swenja und Leon – stellvertretend für viele andere Jugendliche vor den Abschlussprüfungen.

Beim ersten Besuch des Schulportals im Februar 2021 waren die beiden noch mitten im zweiten Lockdown und kamen zum Treffen in eine fast leere Schule. Damals erzählten Swenja und Leon, wie ermüdend Fernunterricht sein kann, wie schwierig es ist, sich ohne Praktika beruflich zu orientieren, und wie sehr sie sich danach sehnten, mal wieder unbeschwert Zeit mit Freunden zu verbringen.

Wieder kein normales Schuljahr

Beim zweiten Treffen am Ende des Schuljahres 2020/21 haben die beiden von ihrer Hoffnung gesprochen, dass das neue – ihr letztes – Schuljahr ein normales werden würde. Aber dieser Wunsch hat sich nicht ganz erfüllt. Zwar gab es in diesem Jahr keine flächendeckenden Schulschließungen, aber die Einschränkungen sind geblieben. Und es war für viele Schülerinnen und Schüler auch nicht leicht, da anzuknüpfen, wo sie vor der Pandemie standen.

Auch Swenja und Leon wussten im vergangenen Sommer nicht, ob sie genug gelernt hatten, ob sie vielleicht keinen so guten Schulabschluss machen würden, wie sie es sich vorgenommen hatten. Da sind sie heute beruhigter. Beide sind zufrieden mit ihrem Schnitt. Und sie haben schon mit der Vorbereitung begonnen. „Wir haben in der Corona-Zeit gelernt, selbstständig zu arbeiten“, sagt Swenja. Nur vor Englisch haben beide etwas Angst – „da kann man sich nicht so gut drauf vorbereiten“, sagt Leon, „aber das wird schon“.

Psychosoziale Auswirkungen der Pandemie

Die Lernrückstände, die sich bei vielen anderen Schülerinnen und Schülern zeigen, sind allerdings nur die eine Seite der Pandemie-Folgen. Die andere sind die psychosozialen Auswirkungen. Die aktuelle Befragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer zur Corona-Krise hat gezeigt, dass bei Schülerinnen und Schülern aggressives Verhalten, Motivationsprobleme, Zurückgezogenheit bis hin zu Absentismus deutlich zugenommen haben. All das erlebt auch Mandy Rauchfuß, die Schulleiterin der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine. Die Schülerinnen und Schüler der Abschlussjahrgänge hat sie dabei besonders im Blick, weil sie ohnehin so viele Dinge auf einmal leisten müssten: Schulabschluss, berufliche Orientierung und sich in den Wirren der Pubertät zurechtfinden. Und dies erlebten sie nun alles unter Pandemiebedingungen.

Swenja von der GMS Heinrich Heine
Swenja

Manchmal hatte ich vier Vorstellungsgespräche in einer Woche und Schule – dazu immer die Unsicherheit, wie ich angekommen bin.

Leon von der GMS Heinrich Heine
Leon

Die lange Zeit zu Hause hat mich schon runtergezogen. Es ging mir auch zu viel durch den Kopf – vor allem, was nach der Schule kommt.

In so einer Situation braucht es manchmal nicht viel, um Jugendliche zu verunsichern. Leon erzählt, dass er in den vergangenen Wochen nicht immer so entspannt war. Sieben Wochen sei er aus Krankheitsgründen nicht in der Schule gewesen – „erst hatte ich eine Sportverletzung, dann Corona und dann noch eine zweite Viruserkrankung“. Mit Aufgaben war er zwar in dieser Zeit versorgt, „aber es ist mir doch sehr schwergefallen, schon wieder so ganz ohne Kontakte zu sein“. Das hatte er vorher, während der Schulschließungen, schon zu lange machen müssen. „Die lange Zeit zu Hause hat mich schon runtergezogen, und es ging mir auch zu viel durch den Kopf, vor allem, was nach der Schule kommt.“

Der ursprüngliche Berufsplan ist geplatzt

Diese Frage beschäftigt die Zehntklässlerinnen und Zehntklässler besonders – vielleicht auch deshalb, weil dieser Jahrgang kaum Praktika machen, sich überhaupt noch nicht ausprobieren konnte. Dabei war sich Leon vor einem Jahr sicher: „Ich will mal zur Feuerwehr.“ Er hatte sich auch schon informiert, welcher Weg dorthin führt – eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker oder zum Sanitäter. Für beides hat er sich nach den Sommerferien beworben und es bis in die letzte Runde geschafft. Dann kam aber doch die Absage. Natürlich sei er erst mal frustriert und verunsichert gewesen. Aber jetzt, ein paar Wochen später, ist er auch stolz, dass er bei insgesamt 210 Bewerbungen für drei Ausbildungsplätze so weit gekommen ist.

Leon hat inzwischen einen Plan B. Wenn alles gutgeht, wird er im August eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei den Stadtwerken in Halle anfangen. Im April wird er wohl erfahren, ob es klappt.

50 Bewerbungen, 30 Vorstellungsgespräche

Swenja ist schon weiter. Dabei hatte sie vor einem Jahr noch keine Idee, was sie nach der Schule machen würde. Sie dachte immer, dass sie gern allein arbeiten würde, „ohne so viel Kontakt zu anderen Menschen“. Sie hatte sich daher ein Schülerpraktikum als Zahntechnikerin gesucht. Erst wurde es wegen Corona abgesagt, dann konnte sie es im vergangenen Sommer doch nachholen. Darüber war sie froh – denn schon nach zwei Tagen wusste sie: „Das ist nichts für mich – ein bisschen mehr Kontakt zu Menschen wäre schon gut. Aber nichts mit Anfassen.“ Also: kein Gesundheitsberuf.

Swenja hat sich schließlich für verschiedene kaufmännische Berufe beworben: Bankkauffrau, Immobilienkauffrau, Industriekauffrau, Hotelkauffrau. „Für mich ging es im Sommer los“, erzählt sie, „als ich auf Social Media immer gehört habe, dass man sich jetzt bewerben sollte, hat mir das Druck gemacht.“ Und ihre Mutter habe auch oft nachgefragt.

Viele haben noch überhaupt keinen Plan, was sie nach dem Schulabschluss machen.
Mandy Rauchfuß, Schulleiterin der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle

Insgesamt 50 Bewerbungen hat Swenja geschrieben, viele Online-Tests gemacht, etwa 30 Vorstellungsgespräche geführt. Sie bekam Zusagen und Absagen und hat zuletzt einen Vertrag für einen Ausbildungsplatz zur Hotelkauffrau bei einer großen Hotelkette unterschrieben. Am 1. August fängt sie in Halle an, freut sich aber auch schon darauf, vielleicht mal in eine andere Stadt zu gehen.

„Die vielen Bewerbungen waren anstrengend. Manchmal hatte ich vier Vorstellungsgespräche in einer Woche und Schule – dazu immer diese Unsicherheit, wie ich angekommen bin“, erzählt sie. Aber die 16-Jährige ist daran auch gewachsen. Sie ist offener und selbstbewusster geworden.

Schuleigene Ausbildungsmesse geplant

Viele in ihren beiden Klassen sind noch nicht so weit wie Swenja und Leon. „Ich schätze, dass von den anderen nicht mal die Hälfte einen Ausbildungsvertrag hat – manche haben sich noch nicht mal beworben“, sagt Leon. Auch Mandy Rauchfuß sieht das so: „Viele haben noch überhaupt keinen Plan, was sie nach dem Schulabschluss machen.“

Es sind vielleicht mehr als in früheren Jahren. Der Schulleiterin bereitet das Sorge, aber sie ist kein Typ, der es dabei belässt. Um möglichst allen Schulabgängerinnen und Schulabgänger eine Perspektive nach dem Schulabschluss zu geben, organisiert sie im Mai eine schulinterne Messe. Kooperationspartner der Schule, die sonst Schülerinnen und Schüler der Schule für ein Praktikum aufnehmen, kommen dann mit Angeboten für Ausbildungsplätze in die Schule.

Viele Eltern können Kinder nicht unterstützen

Auch die Eltern lädt Mandy Rauchfuß zur Messe ein, weil diese oft auch keinen Überblick hätten und ihre Kinder daher nur wenig bei der beruflichen Orientierung unterstützen könnten. Die Schule liegt in Halle-Neustadt, heute eine der ärmsten Gegenden in Deutschland. Einen Job zu haben ist hier keine Selbstverständlichkeit.

Auch deshalb sind Swenja und Leon froh, dass sie bereits eine Perspektive nach der Schule haben. Und sie freuen sich auch darauf, nun Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, bald ihr erstes eigenes Geld zu verdienen, eigenständig zu werden.

Ein bisschen Angst vor der Zukunft haben sie dennoch. „Wird alles so mit der Ausbildung laufen, wie ich mir das vorstelle?“, „Und was, wenn nicht?“ – diese Fragen gehen Leon schon oft durch den Kopf. Es sind Gedanken, die Jugendliche beim Übergang von der Schule ins Berufsleben immer begleiten. Aber die Pandemie hat diesen Gedanken noch mehr Gewicht gegeben und die Jugendlichen ernster werden lassen.

Vorfreude auf den Abschlussball

Schulleiterin Mandy Rauchfuß
Schulleiterin Mandy Rauchfuß hat sich für den Abschlussball 2019 als Zirkusdirektorin verkleidet.
©privat

Der Abschied von der Schulzeit fällt ihnen beiden nicht leicht. „Ich bin schon ein bisschen traurig, dass es bald vorbei ist“, sagt Swenja. Und Leon ergänzt: „Mit Freunden in der Klasse zu sein, das kommt so wahrscheinlich nicht wieder. Zwar sagen alle immer, dass man weiter Kontakt hält, aber danach geht doch jeder seinen Weg.“

Noch ist die Schulzeit allerdings nicht ganz vorbei. Noch haben sie drei Monate, bis sie ihr Abschlusszeugnis bekommen. Und neben den vielen letzten Malen, die Swenja und Leon gerade erleben, haben sie auch noch zwei erste Male vor sich: die Abschlussfahrt nach Rimini – für Swenja und Leon die erste Reise nach Italien – und den Abschlussball. Für Schulleiterin Mandy Rauchfuß sind beides wichtige Ereignisse, und sie ist froh, dass beides nach drei Jahren endlich wieder in gewohnter Form stattfinden kann. Das Feiern gehört für sie genauso zum Schulabschluss dazu wie die Prüfungen.

Mehr zum Thema

  • Wie sich die Corona-Pandemie auf Jugendliche ausgewirkt, hat die bundesweite Studie „Jugend und Corona“ (JuCo) untersucht. Dreimal wurden dafür junge Menschen ab 15 Jahren zu ihren Erfahrungen in der Pandemie befragt: zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020, im November 2020, und die dritte Befragungsrunde fand im Dezember 2021 statt. Ergebnisse von JuCo I gibt es hier und von JuCo II hier. Erste Ergebnisse von JuCo III wurden Ende Februar 2022 veröffentlicht.
  • Im Fokus der dritten Befragung stand die Frage, wie sich das Leben der Jugendlichen durch mehr als anderthalb Jahre Pandemie verändert hat. Demnach fühlen sich Jugendliche jetzt mehr gehört. Allerdings hat die Mehrheit nach wie vor den Eindruck, dass sie politische Entscheidungen nicht beeinflussen kann.
  • Positiv vermerken einige Jugendliche, dass ihre Schulen digital nun besser ausgestattet seien. Auch der Anteil von Jugendlichen, die wieder ihren Hobbys nachgehen können, hat sich erhöht. Diejenigen, die auch während der Pandemie ihre Hobbys leben konnten, berichten demnach weniger häufig von psychosozialen Belastungen als diejenigen, die deutliche Einschränkungen in ihrem Sozialleben erfahren haben.
  • Insgesamt hat die Pandemie bei jungen Menschen deutliche Spuren hinterlassen. Der Anteil junger Menschen, die Angst vor der Zukunft haben, hat sich im Laufe des Jahres 2021 sogar noch mal erhöht. Etwa 20 Prozent geben an, professionelle Hilfe- und Beratungsangebote zu brauchen, jedoch nicht über ein entsprechendes Angebot zu verfügen.
  • Hinter der JuCo-Studie steht der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“. Er besteht aus dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Stiftung Universität Hildesheim und dem Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung.