Studie : Corona-Krise droht Kinderarmut zu verschärfen

Trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung hat sich einer Studie zufolge an der Situation armer Kinder kaum etwas verbessert. Die Wissenschaftler sprechen von einer „unbearbeiteten Großbaustelle“ – und warnen vor den Folgen der Corona-Pandemie.

Dieser Artikel erschien am 22.07.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Edeltraud Rattenhuber
schaukelndes Kind
Mehr als 20 Prozent der Kinder in Deutschland sind der Bertelsmann-Studie zufolge von Armut betroffen.
©dpa

Sie schlagen Einladungen zum Geburtstag aus, weil sie sich kein Geschenk leisten können, melden sich bei Ausflügen krank, weil sie die Tickets nicht zahlen können, und werden von den Klassenkameraden wegen uncooler Kleidung gehänselt: Kinderarmut zeigt sich in vielerlei Aspekten. 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, also mehr als ein Fünftel (21,3 Prozent), sind in Deutschland davon betroffen.

Ein zu hohes Niveau, kritisiert die Bertelsmann-Stiftung nun in einer neuen Analyse. Diese bemängelt vor allem, dass sich an den Zahlen in den vergangenen Jahren trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung kaum etwas geändert hat. Die Corona-Krise drohe, das Problem nun weiter zu verschärfen.

„Kinderarmut bleibt ein ungelöstes strukturelles Problem in Deutschland, mit erheblichen Folgen für das Aufwachsen, das Wohlbefinden, die Bildung und die Zukunftschancen der Kinder“, schreibt die Stiftung. Sie vergleicht Kinderarmut in Deutschland mit einer „unbearbeiteten Großbaustelle“.

Was die Grundsicherung, also Hartz-IV, betreffe, habe es im bundesweiten Durchschnitt allerdings Verbesserungen gegeben, vor allem in Ostdeutschland. 2014 waren dort noch 22,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Hartz IV, bis 2019 sank die Zahl auf 16,9 Prozent. In Westdeutschland dagegen scheint die Politik der Kinderarmut nicht beikommen zu können – oder zu wollen. Dort stagniert die Hartz-IV-Quote von Kindern bei 13 Prozent.

Besonders was Mobilität, Freizeit und soziale Teilhabe betreffe, seien Familien im Hartz-IV-Bezug „teils erheblich unterversorgt“, so die Studie, die sich hier auch auf aktuelle Auswertungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bezieht.

Die Corona-Krise trifft Eltern, die es ohnehin schwer haben, besonders hart – und damit auch ihre Kinder. Wer in Teilzeit oder als Minijobber arbeite, gehöre zu jenen Gruppen, die als Erste ihre Jobs verlören oder nur vergleichsweise wenig beziehungsweise gar kein Kurzarbeitergeld erhielten, so die Studie.

Zudem fielen während der Corona-Krise außerhäusliche Unterstützungsangebote weg – die Folgen für die bedürftigsten Kinder und Jugendlichen wögen schwer. Viele bekamen beispielsweise kein kostenloses Mittagessen mehr.

Weniger Geld, keine Unterstützungsangebote, fehlende Mittel fürs Homeschooling

„Und auch beim Homeschooling waren Kinder aus armen Verhältnissen benachteiligt, verfügen sie doch seltener über die notwendige technische Ausstattung und haben zum Teil auch keine Rückzugsräume zum ungestörten Lernen“, heißt es in der Analyse. 24 Prozent der Kinder im Grundsicherungsbezug hätten keinen internetfähigen PC im Haushalt, 13 Prozent keinen ruhigen Platz zum Lernen. Und fast die Hälfte der Kinder wohne in beengten räumlichen Verhältnissen.

Generell kritisiert die Stiftung zu geringe Anstrengungen der Politik, um Kinderarmut zu reduzieren. Wegen der Corona-Krise drohten nun weitere Kinder „durchs Raster zu fallen“, warnt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Dräger fordert daher, jetzt dem Kampf gegen Kinderarmut Priorität einzuräumen und neue sozial- und familienpolitische Konzepte zu erarbeiten, wie sie auch Sozialverbände bereits vorgeschlagen haben. Zum Beispiel ein Teilhabegeld oder eine Grundsicherung für Kinder.