Nachhilfe in den Ferien : Praxistest für Lehramtsstudierende

„climb“ steht für „clever lernen, immer motiviert bleiben“. Mit diesem Anspruch bietet das Hamburger Sozialunternehmen benachteiligten Kindern eine besondere Förderung in den Ferien: Für zwei Wochen kommen Lehramtsstudierende an eine Grundschule in schwieriger Lage. Am Vormittag gibt es Lerneinheiten in Deutsch und Mathematik, am Nachmittag Projekte. Ziel dabei ist, Kindern einen anderen Zugang zum Lernen und Lehramtsanwärtern praktische Erfahrungen zu ermöglichen. Ein Besuch bei den climb-Lernferien im Hamburger Süden.

Annette Kuhn / 24. Oktober 2019
Lehrerin mit Kindern im Klassenraum
Lehramtsanwärterin Annika Lutz beim „Containern" mit Kindern ihrer Klasse. Die Kinder kleben verschiedenfarbige Sticker auf Bögen mit ihren „Containerschiffen" und reflektieren dabei ihr Lernverhalten.
©Annette Kuhn
Schulhof mit Kindern
Maja Kanebley (r.) ist die Koordinatorin der climb-Lernferien an der Stadtteilschule Wilhelmsburg. Sie ist eine Art „Mädchen für alles". Zu ihren Aufgaben gehört auch die Hofaufsicht.
©Annette Kuhn
Wochenplan der Climb-Lernferien mit Stickern
Der Wochenplan bei climb: Morgens gibt es Lernzeiten für Mathe und Deutsch, am Nachmittag ist Zeit für Projekte. In beiden Wochen gibt es einen Ausflug.
©Annette Kuhn
Kinder und Lehrkräfte im Klassenraum bei einem Bewegungsspiel
Bewegungseinheiten zwischendurch sind sehr wichtig. Damit wird auch der Unterricht strukturiert.
©Annette Kuhn
Pinnwand mit Briefumschlägen
Auf dem Flur der Schule ist die „Post": Für jedes Kind und jede Lehrkraft gibt es hier einen Briefumschlag, in den alle anderen Botschaften stecken können. Die Regel: „nett, unterschrieben, geheim".
©Annette Kuhn

Josias, Kim, Elif und Edy beladen gerade ihre Schiffe. Auf manchen sind schon ziemlich viele Container, in Grün, Blau, Lila, Orange. Jede Farbe hat eine eigene Bedeutung. Orange zum Beispiel steht für: „Als es schwierig war, habe ich weitergemacht.“ Blau: „Ich habe Rücksicht genommen (auf mich/auf andere).“ Dunkelgrün: „Ich habe etwas geschafft, auf das ich stolz bin.“ Oder Lila: „Ich habe gut mit anderen zusammengearbeitet.“ Die vier Grundschulkinder gehören zu den „Wilhelmsburg-Matrosen“ und besuchen gerade die Lernferien von climb an der Stadtteilschule Wilhelmsburg in Hamburgs Süden.

Hier ist das „Containern“ fester Bestandteil der individuellen Förderung: Wenn die Kinder am Morgen die Lernzeiten in Mathe und Deutsch hinter sich haben, reflektieren sie den Vormittag und bestimmen für sich, was sie gut gemacht haben. Dafür kleben sie auf ein Blatt Papier, das ein Schiff mit Ladefläche zeigt, verschiedenfarbige Sticker, die die Container  – und damit die Kompetenzen  – symbolisieren.

Eine Möglichkeit für Studierende, sich als Lehrkraft zu testen

Der stärkenorientierte Ansatz ist das Kernstück von climb. Der Name steht für „clever lernen, immer motiviert bleiben“. Mit diesem Anspruch hat sich das Sozialunternehmen vor sieben Jahre in Hamburg gegründet. Ziel der Gründerinnen, die sich zuvor bei der Bildungsinitiative „Teach First“ engagiert haben, war zum einen, ein Ferienangebot zur Förderung von Grundschulkindern zu schaffen, die Lernschwierigkeiten haben und deren Eltern sich nur wenig um ihre Kinder kümmern können, geschweige denn mit ihnen in den Urlaub fahren. Viele dieser Familien beziehen Sozialleistungen, viele haben einen Migrationshintergrund.

Zum anderen bietet climb Lehramtsstudierenden die Möglichkeit, Praxiserfahrungen zu sammeln. Annika Lutz ist im Oktober extra dafür aus ihrem Studienort Freiburg im Oktober für zwei Wochen nach Hamburg gekommen, um in der Stadtteilschule Wilhelmsburg als Lehrkraft zu arbeiten. Der 24-Jährigen gefällt die Fokussierung auf die Stärken, und sie hat den Eindruck, dass die Kinder sonst wenig positive Ansprache erhalten. „Wenn ich Kinder direkt anspreche, wirken sie oft wie ertappt. Manche sagen: ,Ich habe doch gar nichts gemacht, Frau Lutz!‘“, erzählt die Lehramtsanwärterin von ihren Erfahrungen.

Es ist hier sehr viel fordernder, als ich gedacht habe. Man braucht schon krasse Nerven!
Annika Lutz, Lehramtsstudentin und Lehrkraft bei den climb-Lernferien in Hamburg

Leicht sei die Praxis allerdings nicht, räumt sie ein. In der Ferienschule habe sie viel Geduld gelernt, und sie sei oft an ihre Grenzen gestoßen, gibt Annika Lutz zu. „Es ist hier sehr viel fordernder, als ich gedacht habe. Man braucht schon krasse Nerven!“, sagt sie nach den ersten sieben Tagen bei climb.

Aber sie hat auch viel Positives erlebt: „Ein Junge hat sich in der ersten Woche komplett verweigert, war gar nicht ansprechbar – und gestern dann stand er plötzlich auf und hat bei einem Klatschspiel mitgemacht. Seitdem ist er dabei“, erzählt sie voller Stolz. Den Rücken stärken ihr außerdem Workshops, zum Beispiel zu Unterrichtsplanung, individueller Förderung, Körpersprache oder Konfliktmanagement. Zudem gibt es einen intensiven Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sowie Feedbackgespräche zu ihrem Unterricht.

Dabei hat Annika Lutz auch erfahren, dass es anderen ähnlich ergeht wie ihr. Selbst die Projektleiterin Maja Kanebley sagt: „Mein erster Einsatz bei climb war eine echte Herausforderung.“ Die Hamburger Studentin kommt aus einem gutbürgerlichen Stadtteil der Hansestadt. Vor climb hatte sie nur wenig Berührung mit sozialen Problemen oder Menschen aus anderen Kulturen. Aber gerade deshalb war es ihr so wichtig, über den Tellerrand zu schauen.

Mehr als 75 Prozent haben einen Migrationshintergrund

In Wilhelmsburg, im Süden Hamburgs, wohnt die Mehrheit der Menschen in Sozialwohnungen, mehr als 75 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund. Das spiegelt sich in der Stadtteilschule wider, die seit Jahren mit climb kooperiert. Die Lehrkräfte der Schule schlagen auch vor, welche Kinder die Lernferien besuchen sollten.

climb-Lernferien gibt es inzwischen in fünf Städten, an Schulen in schwieriger Lage. In Hamburg sind es drei Standorte, dazu kommen weitere Grundschulen in Bremen, Mainz, Mannheim und Dortmund. Die Standorte werden gemeinsam mit den Kommunen ausgewählt, die climb zum Teil auch finanzieren. Geld fließt außerdem aus dem Sozial- und Teilhabepaket, über das sich die meisten Eltern der teilnehmenden Kinder den „Wertschätzungsbeitrag“ – wie climb ihn nennt – von 50 Euro zurückholen können.

Angebot zur Förderung benachteiligter Kinder hat das „Wirkt!”-Siegel

Zusätzliche finanzielle Unterstützung kommt von Stiftungen und lokalen Förderern. Im kommenden Jahr soll es insgesamt mindestens 50 Lernferien geben – überall in den Sommerferien und an manchen Standorten auch in den anderen Ferien. 2017 bekam das Förderkonzept von climb das „Wirkt!“- Siegel von Phineo verliehen. Das Unternehmen vergibt seit 2010 Spendensiegel nach einem Verfahren, bei dem die Wirkung von Aktivitäten einer gemeinnützigen Organisation bewertet wird.

An der Stadtteilschule Wilhelmsburg sind in diesen Herbstferien 45 Kinder dabei. Sie sind in drei Lerngruppen eingeteilt, für die jeweils mindestens zwei Betreuer – meist Lehramtsstudierende – zuständig sind. Am Vormittag gibt es je eine Lerneinheit in Deutsch und Mathematik, am Nachmittag finden für die Kinder Projekte statt, und einmal in der Woche wird ein ganztägiger Ausflug organisiert.

Vorbereitung ist enorm wichtig. Und immer einen Zeitpuffer einbauen, damit man mehr Flexibilität hat, sich an eine neue Situation anzupassen.“
Maja Kanebley, Koordinatorin der Lernferien in der Stadtteilschule Wilhelmsburg

Die Arbeit in den Lernferien hat Maja Kanebley für ihren Beruf als Lehrerin gestärkt. Mittlerweile ist die Studentin, die gerade ihre Bachelorarbeit schreibt, zum zehnten Mal dabei. In diesen Herbstferien hat sie die Koordination übernommen. Sie ist also fast eine Schulleiterin. Maja Kanebley lacht: „Na, eher so eine Art Mädchen für alles.“

Sie teilt die Lehrkräfte in den Klassen ein, kümmert sich um Materialien, fragt bei den Eltern nach, wenn ein Kind morgens nicht gekommen ist, gibt Essen aus, tröstet weinende Kinder und hilft ratlosen Kolleginnen und Kollegen. Im Lehrerzimmer, einem für zwei Wochen umgebauten Klassenzimmer, ist immer etwas los. Was sie vor allem gelernt hat: „Vorbereitung ist enorm wichtig. Und immer einen Zeitpuffer einbauen, damit man mehr Flexibilität hat, sich an eine neue Situation anzupassen.“

Für viele Kinder ist es ein Erfolgserlebnis, sich für einige Minuten zu konzentrieren

Auch im Klassenzimmer der „Wilhelmsburg-Matrosen“ nebenan werden gerade Flexibilität und Improvisationstalent gebraucht. Die Kinder sind mit ihrer Lese-Rallye schneller fertig geworden als gedacht – jetzt herrscht Unruhe im Raum. Annika Lutz und ihrem Kollegen Nikolas Napierala fällt es schwer, die Konzentration der Kinder auf sich zu lenken. Zum Glück scheint draußen die Sonne. Kurzerhand beschließen die beiden, mit den Kindern auf den Hof zu gehen. „Das Gute an den Lernferien ist ja, dass wir nicht den Lehrplan erfüllen müssen, sondern uns danach richten können, was die Kinder gerade brauchen“, sagt Napierala. Auch das gehört zur Förderung dazu.

Nach der Bewegungseinheit sind die Kinder tatsächlich wieder ruhiger. Josias, Kim, Elif und Edy wirken jedenfalls sehr konzentriert, als Annika Lutz mit ihnen „containert“. Sie fragt jedes Kind einzeln, mit welchen Containern es sein Schiff beladen will und weshalb. Josias klebt gerade einen orangefarbenen Sticker auf sein Schiff, „weil ich bei der Rallye durchgehalten habe“, sagt er. Die Farbe Orange ist auch auf den Schiffen der anderen Kinder stark vertreten. Für sie ist es ein großes Erfolgserlebnis, dass sie nicht gleich aufgegeben haben, dass sie sich zumindest für einige Minuten auf eine Aufgabe konzentriert haben. Und Kim sagt noch: „Wenn Schule immer so ist, dann macht sie richtig Spaß.“

Auf einen Blick

  • climb-Lernferien gibt es mittlerweile an ausgewählten Schulen in Hamburg, Bremen, Dortmund, Mainz und Mannheim. Das Bildungsprogramm findet je zwei Wochen in den Sommerferien statt, zum Teil auch in den anderen Ferien.
  • Am Vormittag gibt es je eine Lerneinheit in Deutsch und Mathematik, am Nachmittag finden Projekte statt.
  • climb trägt das „Wirkt!-Siegel von Phineo , wurde bei startsocial ausgezeichnet und gehörte 2017 zu den Finalisten des Next Econony Awards.
  • climb sucht ständig Interessierte, vor allem Lehramtsstudierende, die bei den Lernferien mitwirken wollen.