Cem Özdemir : Das Thema Islamismus gehört in die Schule

Die mutmaßlich islamistischen Attentate in Frankreich und Wien beschäftigen auch die Schulen in Deutschland. Das Schulportal sprach mit dem Bundestagsabgeordneten der Grünen, Cem Özdemir, über die Verantwortung der Schulen im Kampf gegen Extremismus. Als Wertebotschafter der Bildungsinitiative GermanDream sucht Özdemir selbst das Gespräch mit jungen Menschen über Toleranz und Demokratie und zeigt ihnen, warum es sich lohnt, sich für diese Werte zu engagieren. Im Interview spricht er auch darüber, was ihn dabei antreibt und wie er seine eigene Schulzeit erlebt hat.

Florentine Anders / 09. November 2020
Cem Özdemir
„Insgesamt brauchen wir mehr Politik, mehr demokratische Gesellschaftskunde an unseren Schulen", sagt Grünen-Politiker Cem Özdemir.
©Sedat Mehder (CC BY 3.0)

Schulportal: In Zusammenhang mit den islamistischen Attentaten in Frankreich gaben viele Lehrkräfte in Deutschland an, sie würden Diskussionen zum radikalen Islamismus vermeiden, aus Angst vor den heftigen Reaktionen der islamischen Communitys. Denken Sie, dass Islamismus stärker in der Schule thematisiert werden muss?
Cem Özdemir:
Es macht mir große Sorge, wenn Lehrerinnen und Lehrer sagen, dass sie Angst haben, bestimmte Themen anzusprechen. Das ist ein schrillendes Warnsignal, und das muss in der Politik ankommen. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir die Verantwortung nur auf die Lehrerinnen und Lehrer abschieben. Aber ja, das Thema gehört zwingend in die Schule. Denn wenn es dort nicht diskutiert wird, wo denn dann?

Schule ist die einzige Möglichkeit, über die Milieus hinweg Kinder und Jugendliche zu erreichen, die zu Hause Dinge lernen, von denen wir ganz sicher nicht wollen, dass sie in der Gesellschaft mehrheitsfähig werden.

Schule ist die einzige Möglichkeit, über die Milieus hinweg Kinder und Jugendliche zu erreichen, die zu Hause Dinge lernen, von denen wir ganz sicher nicht wollen, dass sie in der Gesellschaft mehrheitsfähig werden. Weil sie gegen unser Grundgesetz und unsere Auffassung einer liberalen Demokratie verstoßen. Die Schule ist der wichtigste Ort der Demokratievermittlung, und die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich darauf verlassen können, dass die Schulverwaltung und die gesamte Politik dabei hinter ihnen steht.

Wenn Eltern Druck machen auf Lehrkräfte, dann müssen die Eltern spüren, dass das bei uns nicht akzeptiert wird. Im Zweifel müssen solche Eltern in die Schule zitiert werden, im schlimmsten Fall muss es einen Schulverweis geben.

Ich bin nicht bereit, zu akzeptieren, dass zum Beispiel jüdische Kinder eine Schule verlassen müssen, weil sie in der Schule gemobbt werden oder in bestimmten Stadtteilen Angst haben. Umgekehrt muss es sein: Die Kinder bleiben – und wenn andere Eltern gegen jüdische Menschen hetzen, müssen sie Konsequenzen spüren.

Insgesamt brauchen wir mehr Politik, mehr demokratische Gesellschaftskunde an unseren Schulen. Jedem Schüler, jeder Schülerin müssen unser Grundgesetz, die Demokratie und die Werte Europas und der Aufklärung nahegebracht werden. Und jede Art von Extremismus und Rassismus muss im Unterricht thematisiert werden – dazu gehört selbstverständlich auch das Thema Islamismus. Die überwiegende Mehrheit der muslimischen Menschen sieht das im Übrigen genauso und ist dankbar dafür, wenn man sie nicht mit den Fanatikern alleinlässt.

Kennen Sie selbst solche heftigen Reaktionen, wenn Sie mit Menschen mit muslimischem Hintergrund über Extremismus sprechen?
Zuerst einmal gehe ich unvoreingenommen davon aus, dass man mit jedem reden kann. Das Problem ist nicht selten eher, dass es zu wenige Gelegenheiten für ein Gespräch gibt. Es gibt zudem Leute, die solch ein Gespräch fürchten und versuchen, den Austausch zu verhindern. Die Türkei etwa, aber auch andere versuchen, diese Gespräche bewusst zu sabotieren – indem sie zum Beispiel dafür sorgen, dass ich als Politiker mit einer glasklaren Positionierung in DITIB-Moscheen nicht mehr eingeladen werde.

In Medien, die der türkischen Regierung nahestehen, findet eine Verleumdungskampagne gegen alle statt, die sich hier in Deutschland für ein friedliches Zusammenleben und für Integration einsetzen. Wer sieben Tage in der Woche „Erdoğan-TV“ schaut, weil das hier über Kabel leider das Einzige ist, was aus der Türkei bzw. auf Türkisch zu empfangen ist, dem wird dort vermittelt, dass man sich hier sozusagen auf Feindesterritorium bewegt. Das macht was mit einem. Aus Ankara gibt es den Versuch, die Radikalisierung in unsere Gesellschaft hineinzutragen, und uns fehlen die Kanäle, um darüber ins Gespräch zu kommen. Das ist ein riesiges Problem, und das erhöht noch einmal die Bedeutung der Schulen als Vermittlungsstelle für demokratische Werte.

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Als Wertebotschafter von GermanDream gehen Sie an Schulen und sprechen dort mit den Kindern und Jugendlichen. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?
Das macht mir riesigen Spaß. Ich rede dabei auch viel über meine eigene Schulzeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch die Lehrerinnen und Lehrer begrüßen, wenn mal jemand von außerhalb kommt, der Interesse weckt für die Politik, für gesellschaftliches Engagement. Und die Schüler diskutieren gerne über ihre Erfahrungen.

Sie selbst kommen aus einer Einwandererfamilie mit türkischen Wurzeln. Haben Sie, obwohl Sie in Deutschland geboren sind, in der Schule Diskriminierung oder Alltagsrassismus erlebt?
Ja, ich weiß, wie sich Diskriminierung anfühlt. Und in der Regel unterscheidet Rassismus ja auch nicht danach, ob Sie nun in Deutschland geboren sind oder nicht. In meiner Schulzeit damals wurden die Kinder schon in der ersten Klasse innerhalb des Klassenverbands nach Leistungsstärke eingeteilt. Und so saßen dann die Kinder aus Migrantenfamilien und Familien, die von Sozialhilfe leben mussten, an einem Tisch und die anderen Kinder an dem Tisch für die „Leistungsstarken“. Mein erster Eindruck in der Schule war also, dass man gleich nach Herkunft sortiert wird.

Ich erinnere mich auch daran, wie in der vierten Klasse der Lehrer fragte, auf welche weiterführende Schule wir gehen wollen. Als ich mich für das Gymnasium meldete, dauerte es eine Weile, bis mich der Lehrer in der letzten Reihe entdeckte. Dann bekamen der Lehrer und fast die ganze Klasse einen Lachkrampf, weil die es so lustig fanden, dass jemand mit meinem Namen – so ein „Özelbrötzel“ – auf die Idee kam, auf ein Gymnasium zu gehen. Das ist wohl kaum die angemessene pädagogische Reaktion, wenn es um Zukunftsträume von Kindern geht – ganz unabhängig von den Schulnoten.

Die Schule damals war überhaupt nicht auf Kinder vorbereitet, deren Muttersprache nicht die deutsche ist. Die Vormittagsschule baute darauf auf, dass in der Regel die Mutter zu Hause war und mit dem Kind die Hausaufgaben machte. In einer Arbeiterfamilie wie der meinigen entsprach das aber nicht der Realität – und tut das auch heute nicht.

Was hat Ihnen geholfen, Ihre Träume zu verfolgen, und welche Rolle spielten dabei Lehrkräfte oder Freunde in der Schule?
Ich habe mal gesagt, dass die Erziehung eines Kindes mit Migrationshintergrund auch über das Wohnzimmer einer deutschen Mittelstandsfamilie laufen kann. Bei mir war das so. Ich hatte Freunde aus der Mittelschicht, die mich mit nach Hause genommen haben. Und wenn dort die Mutter dann nach den Hausaufgaben fragte, hat sie auch mich gefragt. Das waren dann die wenigen Male, dass ich meine Hausaufgaben gemacht hatte.

In der fünften Klasse der Hauptschule hatte ich dann eine Nachhilfelehrerin. Sie heißt Frau Naumann und hat ein Programm ganz speziell für mich gemacht. Sie hat mir zum Beispiel drei einfache Worte vorgegeben, aus denen ich Dreiwortsätze bilden sollte. Und sie hat mir nicht vorgerechnet, wie viele Worte ich in einem Diktat oder Aufsatz falsch geschrieben habe, sondern wie viele Worte richtig waren. Viele waren es anfangs nicht.

Gute Lehrkräfte, die auch auf die soziale Vielfalt von Kindern vorbereitet sind, sind ganz entscheidend.

Helferinnen und Helfer wie Frau Naumann, die braucht es, um den Nachteil auszugleichen, den einige Kinder von zu Hause mitbringen, wenn die Eltern nicht helfen können. Manchmal sind zu Hause nicht einmal die Räume da, wo man in Ruhe lernen kann. Solch eine Unterstützung ist natürlich an einer Ganztagsschule, an der idealerweise die Hausaufgaben in der Schule gemacht werden, einfacher. Gute Lehrkräfte, die auch auf die soziale Vielfalt von Kindern vorbereitet sind, sind ganz entscheidend.

 Was treibt Sie an, sich als Wertebotschafter an Schulen zu engagieren?
Ich möchte damit ein bisschen zurückgeben von dem, was ich an Unterstützung erfahren habe. Ich habe das Glück gehabt, dass ich in der Schule die richtigen Leute gefunden habe. Menschen, die sich nicht damit abfinden wollten, dass der Weg eines Cem Özdemir aus einer Gastarbeiterfamilie vorbestimmt ist.

Als Wertebotschafter möchte ich die Schülerinnen und Schüler motivieren. In meiner Rolle als Abgeordneter kann ich ihnen sagen: Ich komme auch nicht aus privilegierten Verhältnissen und bin heute Bundestagsabgeordneter, und ihr könnt noch viel weiter kommen als ich.

GermanDream ist ein ganz großartiges Projekt und macht Mut. Ich bin dankbar, dass Düzen Tekkal diese Initiative auf den Weg gebracht hat. Davon brauchen wir mehr!

Zur Person

  • Cem Özdemir ist Bundestagsabgeordneter und Außenexperte von Bündnis 90/Die Grünen. Von 2008 bis Januar 2018 war er Bundesvorsitzender der Partei.
  • In seinen Büchern „Currywurst und Döner. Integration in Deutschland“ und „Ich bin Inländer“ reflektiert er seine multikulturellen Erfahrungen in Deutschland.
  • 2019 wurde er mit der Raoul-Wallenberg-Medaille und dem Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung ausgezeichnet.
  • Özdemir ist Wertebotschafter der 2019 gegründeten Bildungsinitiative GermanDream.
Cem Özdemir legt bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der islamistischen Anschläge eine weiße Rose nieder
Cem Özdemir legt bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der islamistischen Anschläge in Frankreich am Neuköllner Rathaus eine weifle Rose nieder.
©Fabian Sommer/dpa

GermanDream

  • GermanDream wurde 2019 von der Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal gegründet. Die überparteiliche und unabhängige Bildungsinitiative setzt sich für die Vermittlung von gesellschaftlichen Werten ein.
  • Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter aus Politik, Wirtschaft und Kultur diskutieren bundesweit mit jungen Menschen über die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und sprechen dabei auch über ihre biografischen Erfahrungen, Herausforderungen und Chancen.
  • Viele Prominente unterstützen die Bildungsinitiative als Wertebotschafter und Wertebotschafterinnen, beispielsweise Dorothee Bär (CDU/CSU), Lars Klingbeil (SPD), Linda Teuteberg (FDP), Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Model und Unternehmerin Sara Nuru, der ehemalige Profifußballer Ivan Klasnić oder Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer.
  • Die Wertedialoge finden in Schulen, Vereinen, Jugendzentren und an anderen kulturellen und religiösen Treffpunkten von jungen Menschen statt. Derzeit gibt es die Wertedialoge auch im virtuellen Klassenzimmer, in Form von Webkonferenzen. Das Angebot richtet sich an Jugendliche im Alter von 12 bis 20 Jahren.