Legalisierung von Cannabis : „Gerade jetzt wäre Präventionsarbeit an Schulen sehr wichtig“

Die neue Bundesregierung will den Verkauf von Cannabis an Erwachsene erlauben. „Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein. Dadurch wird die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet“, heißt es im Koalitionsvertrag. Aber was bedeutet die Legalisierung für die Schulen? Und wie müssen sich Prävention und Intervention verändern? Das Schulportal sprach dazu mit Anke Timm, Geschäftsführerin der Fachstelle für Suchtprävention Berlin.

Annette Kuhn 15. Dezember 2021
Cannabisprävention Person zündet sich Joint an
Der Konsum von Cannabis steigt bei Jugendlichen seit Jahren. Umso wichtiger ist eine umfassende Präventionsarbeit an Schulen.
©Fabian Sommer/dpa

Deutsches Schulportal: Cannabis ist in Deutschland die am häufigsten konsumierte Droge bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wie spiegelt sich das in den Schulen wider?
Anke Timm: Meine Beobachtungen stützen sich in erster Linie auf Berlin. Da ist Cannabis ein wichtiges Thema an Schulen und in der Stadt überhaupt. Jugendliche erleben, dass Cannabis fast überall sehr offen konsumiert wird. Zugleich ist ihnen die rechtliche Lage aber meist nicht bekannt. Das liegt auch daran, dass es zu wenig Aufklärung gibt, weil Schulen fürchten, in ein schlechtes Licht gerückt zu werden, wenn sie offen zugeben, dass Cannabis bei ihnen ein Thema ist. Aber wenn Cannabis an Schulen tabuisiert wird, verbreiten sich Gerüchte und Mythen.

Welche Mythen und Gerüchte hören Sie da?
Es gibt sehr viele Unklarheiten zur rechtlichen Einordnung. Jugendlichen ist oft gar nicht bewusst, dass der Verkauf von Cannabis bislang illegal ist, obwohl der Konsum nicht strafrechtlich verfolgt wird. Und Jugendliche halten Cannabis meist für eine harmlose Substanz. Sie wissen oft auch nicht, welche schwerwiegenden Auswirkungen Cannabis auf die Entwicklung des jugendlichen Gehirns haben kann.

Schulen brauchen eine klare Haltung im Umgang mit Drogen

Vor welchen Herausforderungen stehen Schulen im Umgang mit Cannabis?
Gerade durch die Corona-Zeit hat sich der Konsum bei Jugendlichen noch verstärkt. Fast jede weiterführende Schule zumindest in Berlin muss sich mit dem Thema auseinandersetzen. Zugleich haben Lehrkräfte aber gerade jetzt in der Corona-Zeit vielfältige Probleme zu lösen. Einerseits wäre also gerade jetzt Präventionsarbeit an Schulen sehr wichtig, zugleich fehlen dafür aber die personellen Ressourcen.

Welche zusätzlichen Probleme könnten auf die Schulen durch eine Legalisierung von Cannabis zukommen?
Das wird an den Schulen auf jeden Fall ein großes Thema werden. Hier brauchen Schulen unbedingt eine klare Haltung, angelehnt an den Umgang mit Alkohol oder Tabak: Der Konsum hat vor und in der Schule sowie in schulischen Veranstaltungen außerhalb der Schule nichts zu suchen. Aber wenn es zu einem Vorfall kommt, muss man nicht gleich die Polizei rufen, denn so schafft man es nicht, mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Das Thema Helfen und Aufklärung muss im Vordergrund stehen.

Ein Problem wird sicher auch die Weitergabe von Cannabis durch volljährige Schülerinnen und Schüler an Minderjährige. Und es muss auch Regelungen zum Beispiel für Klassenfahrten geben, wenn Jugendliche unter und über 18 Jahren dabei sind.

Anke Timm, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention Berlin
Anke Timm, Geschäftsführerin der Fachstelle für Suchtprävention, Berlin.

Cannabisprävention nicht mit erhobenem Zeigefinger

Ist davon auszugehen, dass der Konsum von Cannabis bei Jugendlichen durch die Legalisierung noch weiter zunimmt?
Wenn man zum Beispiel in die USA schaut, ist das nicht der Fall. Dort hat die Freigabe bei Volljährigen zwar zu einer Zunahme bei Erwachsenen geführt, aber nicht bei Minderjährigen. In den US-Staaten, in denen keine Freigabe erfolgt ist, hat der Konsum unter Jugendlichen hingegen zugenommen. Wichtig ist aber, den Jugendschutz unbedingt einzuhalten und die Freigabe mit einer intensiven Aufklärung zu flankieren.

Gerade jetzt ist dafür eine gute Gelegenheit. Bis eine Legalisierung in Deutschland tatsächlich erfolgt, dauert es noch. Das ist kein Prozess, der von heute auf morgen vollzogen wird. Da sollten Schulen jetzt die Präventionsarbeit stärken.

Abschreckung funktioniert nicht – sie kann sogar schädlich sein. Wenn Filme gezeigt werden, die nur auf Abschreckung setzen, sagen die meisten Jugendlichen: „Das kann mir ja nicht passieren.”

Worauf kommt es bei einer erfolgreichen Cannabisprävention an?
Für eine erfolgreiche und nachhaltige Prävention muss das ganze System einbezogen werden. In der Schule sind das Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und Schulleitungen, Schülerinnen und Schüler und auch Eltern. Um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen Präventionsangebote auch dauerhaft etabliert werden. Es reicht nicht, nach einem Vorfall einmal eine Infoveranstaltung abzuhalten. Und die Angebote sollten ohne erhobenen Zeigefinger laufen. Sonst bringen sie nichts. Und natürlich müssen die Veranstaltungen auch nach den Qualitätsstandards der Suchtprävention durchgeführt werden. Qualitätsstandards sind die Expertise der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder das Kölner Memorandum zur Evidenzbasierung in der Suchtprävention oder die „Empfehlungen zur evidenzbasierten Suchtprävention in Deutschland“ des Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) in Hamburg.

Cannabisprävention ab der achten Klasse

Cannabis Prävention Rucksack mit Unterrichtsmaterial
Für Schulen gibt es einen Rucksack mit Arbeitsmaterial für den „Cannabis-Präventions-Parcours“.
©Fachstelle für Suchtprävention Berlin

Wie sieht das konkret aus – was bewährt sich, was eher nicht?
Abschreckung funktioniert nicht – sie kann sogar schädlich sein. Wenn Filme gezeigt werden, die nur auf Abschreckung setzen, sagen die meisten Jugendlichen: „Das kann mir ja nicht passieren.“ Es gibt aber viele bewährte Methoden. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Berliner „Cannabis-Präventions-Parcours“, der sich an das Präventionsprogramm Quo Vadis anlehnt. Die Durchführung dieses Parcours dauert etwa zwei Stunden. Jugendliche bekommen an sechs interaktiven Stationen zum Beispiel fachlich fundierte und realistische Informationen, es wird gesundheitsförderliches Verhalten gestärkt, und es findet eine Aufklärung über soziale Folgen des Konsums statt.

Und dann hat sich wirklich bewährt, aufzuklären, ohne zu moralisieren, Freiraum zum Nachdenken zu geben und den Austausch der Jugendlichen auch untereinander zu fördern.

Wichtig ist außerdem, die Ansprache auf die Zielgruppe abzustimmen. Die Ansprache muss altersgerecht und auf die Sprache der Jugendlichen abgestimmt sein.

Ab welcher Klassenstufe sollte Cannabisprävention erfolgen?
In der Regel findet Cannabisprävention ab Klasse 8 statt. Aber Prävention sollte als Thema eigentlich schon in der ersten Klasse ansetzen. Da ist dann der Substanzbezug nicht wesentlich, sondern es geht eher um das Vermitteln von Lebenskompetenzen. Je früher Kinder lernen, mit Stresssituationen umzugehen, desto besser sind sie davor geschützt, später schnell zu Substanzen zu greifen, um den Stress loszuwerden.

Die Gründe für den Cannabiskonsum sind unterschiedlich

Gibt es Schularten, an denen Cannabis ein besonders großes Problem ist?
Tatsächlich kommt Konsum in allen Schulformen vor. Auch bei der Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) lassen sich keine signifikanten Unterschiede nach Schulformen feststellen. Selbst in Berliner Grundschulen, die bis zur sechsten Klasse gehen, ist das ein Thema, wenn auch nicht so groß.

Unterschiede zwischen Schulformen gibt es aber, was die Konsumgründe anbelangt. Am Gymnasium kiffen Jugendliche eher, um dem Leistungsdruck auszuweichen. In einem schwierigen sozialen Umfeld geht es dagegen eher darum, das Leben insgesamt auszuhalten.

Was sollten Lehrerinnen und Lehrer machen, wenn sie glauben, dass Schülerinnen und Schüler Cannabis konsumieren?
Immer Hilfe anbieten und mit einer wertschätzenden, empathischen und zugewandten Ansprache an die Schülerin oder den Schüler herangehen. Und wenn Lehrkräfte unsicher sind, sollten sie sich unbedingt Unterstützung suchen – bei erfahreneren Kolleginnen und Kollegen, bei einer Kontaktperson für Suchtprävention oder bei einer Beratungsstelle. Bei uns gibt es zum Beispiel offene Sprechzeiten, zu denen man einfach kommen kann. Auch für Jugendliche gibt es Beratungsstellen, die sie mit und ohne Eltern aufsuchen können. Auf diese Angebote können Lehrkräfte hinweisen.

Konsum von Cannabis

  • Während der Konsum von Tabak und Alkohol bei Jugendlichen in Deutschland zurückgeht, nimmt er bei Cannabis seit Jahren zu. Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge unter Jugendlichen. Nach aktuellen Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben bundesweit 10,4 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Cannabis schon einmal konsumiert. Bei den 18- bis 25-Jährigen sind es bereits 46,4 Prozent.
  • Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit auf Platz fünf in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen. Nur in Frankreich, Tschechien, Estland und Dänemark haben mehr Jugendliche und junge Erwachsene Cannabis schon mal ausprobiert.
  • Aufklärungs- und Informationsmaterial zu Cannabis gibt es zum Beispiel bei der BZgA, nach Schulformen sortiert steht hier auch ein Leitfaden für Lehrkräfte zur Verfügung. Die Seite „Cannabisprävention“ spricht die Zielgruppen Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte auch gesondert an.