Bildungspolitik : Braucht es eine Kita­pflicht für Kinder mit schlechten Deutsch­kenntnissen?

Schleswig-Holsteins Kultusministerin stößt nach dem schwachen Abschneiden deutscher Viertklässler in einer Studie eine Debatte an – und damit auf Widerstand des Koalitionspartners.

Dieser Artikel erschien am 26.10.2022 in der Süddeutschen Zeitung
Paul Munzinger
Kinder in der Kita
©Sebastian Gollnow/dpa

Eine Woche nach dem schlechten Abschneiden deutscher Viertklässler im IQB-Bildungstrend ist in vielen Bundesländern die Diskussion über Ursachen und Konsequenzen in vollem Gange. Britta Ernst, SPD-Kultusministerin im besonders gebeutelten Brandenburg, will in der Grundschule mehr Deutsch- und Matheunterricht. In Nordrhein-Westfalen fordert die Opposition eine Bildungskonferenz. Und Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident des einst erfolgsverwöhnten, aber seit Jahren im Abstieg begriffenen Baden-Württemberg, streitet sich mit den Lehrerverbänden darüber, ob die Probleme eher mit der Qualität des Unterrichts oder mit dem Lehrermangel zu tun haben.

Den weitreichendsten und zugleich kontroversesten Vorschlag unterbreitete Karin Prien, Kultusministerin in Schleswig-Holstein und derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz: Die CDU-Politikerin forderte eine Kitapflicht für Kinder, die nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. „Eine Verpflichtung ist für diese Kinder der richtige Weg, um die Bildungschancen zu verbessern”, sagte Prien den Kieler Nachrichten. Sie regte an, spätestens mit vier Jahren den Sprachstand aller Kinder zu erfassen. Sollte dabei ein Sprachförderbedarf festgestellt werden, „sollte mindestens das letzte Kita-Jahr für dieses Kind verpflichtend” sein.

Im IQB-Bildungstrend 2021 hatten sich Viertklässler in Deutsch und Mathematik in allen Bundesländern gegenüber der letzten Untersuchung 2016 deutlich verschlechtert. Besonders negativ ist der Trend bei Kindern mit Zuwanderungshintergrund und aus sozial benachteiligten Familien.

Andere Bundesländer haben längst etwas unternommen

Neu ist Priens Vorschlag nicht. Rufe nach einer Kita- oder auch Vorschulpflicht wurden in der Vergangenheit häufig laut, wenn Schülerinnen und Schüler schlechte Ergebnisse in Bildungstests erzielten. In manchen Bundesländern existieren entsprechende Regelungen bereits. In Hamburg etwa, aber auch in Berlin, wo die Sprachkenntnisse eines Kindes vor dessen Einschulung erhoben werden; zeigt sich dabei ein Förderbedarf, muss es an einer Sprachförderung in der Kita teilnehmen – fünf Tage die Woche, fünf Stunden täglich, 18 Monate lang. Das geht über Priens Forderung sogar hinaus. In Hessen gibt es bei mangelnden Deutschkenntnissen sogenannte Vorlaufkurse in der Kita oder der Grundschule, die ein Jahr dauern und ebenfalls verpflichtend sind. Deutschlandweit besuchen nach Angaben der OECD 39 Prozent der Kinder unter drei Jahren eine Kita, zwischen drei und fünf Jahren sind es 94 Prozent.

In Schleswig-Holstein werden die Deutschkenntnisse von Kindern ebenfalls erfasst, allerdings erst kurz vor der Einschulung. Für Fördermaßnahmen steht damit weniger Zeit zur Verfügung, das Programm zur Sprachintensivförderung trägt nicht ohne Grund die Abkürzung „Sprint”. Verpflichtend ist es auch nicht, ebenso wenig wie etwa der „Vorkurs Deutsch” in Bayern. Dennoch stößt Prien mit ihrem Vorstoß auf massiven Widerstand beim Koalitionspartner in Kiel. Aminata Touré, als grüne Sozial- und Familienministerin anders als Prien für Kitas tatsächlich zuständig, beantwortete die Frage, ob sie eine Kitapflicht für Kinder mit mangelnden Sprachkenntnissen befürworte, mit einem Wort: Nein.

Gegenwind bekommt Prien auch aus anderen Ländern. Eine Kitapflicht sehe man „nicht als zielführend” an, um Kinder mit Schwierigkeiten in der sprachlichen Entwicklung besser zu fördern, teilt ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministers Grant Hendrik Tonne (SPD) mit. „Das widerspricht dem Inklusionsgedanken, ist zudem praktisch schwer umsetzbar und zweifelhaft ob der Wirksamkeit.” Der Schlüssel zur Stärkung der Sprachförderung liege nicht in einer Kitapflicht, so der Sprecher, sondern darin, „die Kitas ausreichend mit Fachkräften auszustatten”.

Auch in Sachsen, wo der CDU-Politiker Christian Piwarz das Kultusministerium führt, wird ein Kitapflichtjahr nicht erwogen, teilt eine Sprecherin mit. Sie verweist auf eine Betreuungsquote von über 95 Prozent bei den Drei- bis Sechsjährigen. Auch sei zu klären, „wie Kinder identifiziert werden sollen, die Sprachdefizite aufweisen”. Denn entsprechende Untersuchungen, so die Sprecherin, fänden nur bei Kindern statt, die eine Kita besuchen.