Dieser Artikel erschien am 03.09.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Matthias Trautsch

Oberster Elternsprecher : Botschafter der Bildung

Korhan Ekinci weiß, was es heißt, aus einfachen Verhältnissen zu stammen. Fragen nach seiner Herkunft nimmt der Vorsitzende des Landes­eltern­beirats aber gelassen.

Korhan Ekincisteh vor einen Fachwerkhaus
Oberster Elternsprecher: Korhan Ekinci vertritt die Interessen von rund 800.000 hessischen Schülern.
©Korhan Ekinci

Der Vater ungelernter Schlosser, die Mutter Putz­frau. Korhan Ekinci stammt aus einer Familie, die statistisch vermutlich als „bildungs­fern“ eingestuft würde. Doch das wäre nicht fair und recht besehen auch falsch. Denn den Eltern des heute Sieben­und­dreißig­jährigen war der Wert höherer Bildung sehr wohl bewusst – gerade weil sie ihnen fehlte, weil sie sehr hart und körperlich arbeiten mussten und es trotzdem nur für eine Zwei­ein­halb­zimmer­wohnung reichte, in der der Sohn und seine beiden Schwestern die Haus­aufgaben am Küchen­tisch erledigen mussten.

Sein Vater, erinnert sich der gebürtige Berliner, habe ihm immer viel Freiheit gelassen. Aber er habe ihm auch eingeschärft: „Was immer du machst, du musst ein Diplom machen.“ Das sei eine einfache Vor­stellung von Schul- und Berufs­wegen gewesen, aber die Botschaft sei bei ihm angekommen: „Bildung ist wichtig.“ Im Kern ist das dieselbe Botschaft, für die Ekinci heute als Vorsitzender des hessischen Landes­eltern­beirats eintritt.

Spitze der hessischen Eltern­schaft

Seit drei Monaten steht der Wirtschafts­infor­matiker, der mit Frau und zwei Kindern in Taunus­stein wohnt, an der Spitze der hessischen Eltern­schaft. Dass er einmal die Interessen von rund 800.000 Schülern und etwa doppelt so vielen Müttern und Vätern vertreten würde, war nicht von langer Hand geplant – aber das ist der Weg in die Eltern­arbeit wohl in den seltensten Fällen. In den meisten beginnt er spontan, manchmal auch nicht ganz frei­willig am ersten Eltern­abend mit der Gretchen­frage: Wer will sich wählen lassen?

So war es auch, als Ekincis Tochter in den Kinder­garten kam. Immer­hin hatte sich schon eine Mutter für die Wahl als Eltern­sprecherin aufstellen lassen, es ging nur noch um den Stell­vertreter­posten. Ekinci ließ sich dann mit dem Argument überzeugen, er sei doch Dozent an der Mainzer Fach­hoch­schule und deshalb mit Bildungs­arbeit vertraut. Die Wahl zum stellvertretenden Kita-Gruppen-Sprecher war nur der erste Schritt, dem noch am selben Abend der zweite folgte. Denn anschließend sollte ein Eltern­sprecher für den ganzen Kinder­garten bestimmt werden. Das sei nicht ganz einfach gewesen, erinnert sich Ekinci. Die scheidende Vorsitzende habe erzählt, wie viel Arbeit der Job mache und dass sich das eigentlich niemand antun wolle – mit dem Resultat, dass sich dann auch keiner nach vorn drängte.

So ließ Ekinci sich wählen und stieg kurz darauf in den Gesamt­eltern­beirat von Taunus­stein auf. Als seine Tochter vor gut einem Jahr in die Schule kam, wurde er gleich – die anderen Mütter und Väter kannten ihn ja bereits aus dem Kinder­garten – zum Klassen­eltern­beirat und zum Eltern­beirats­vor­sitzenden der Grund­schule gewählt. Von dort ging es direkt weiter in den Landes­eltern­beirat, der ihn dann Ende Mai zum Vorsitzenden wählte. Wenn Ekinci von diesem rasanten Auf­stieg erzählt, wirkt er selbst noch ein wenig verwundert.

Graben­kämpfe in der Eltern­vertretung

Über die Zeit vor seiner Wahl, in der es in der hessischen Eltern­vertretung einige Konflikte, manche sprechen sogar von Graben­kämpfen, gab, will er sich nicht äußern. Er sagt, er wisse darüber nichts – „ich habe keine Vergangen­heit mit irgend­jemandem, für mich gibt es keine Fraktionen“. Wichtig sei ihm und dem ganzen Beirat, dass die Eltern­arbeit über­parteilich sei. Dabei hat er selbst ein Partei­buch – die SPD hat ihn sogar als Kandidaten für die Bürger­meister­wahl in Schlangen­bad aufgestellt, die am 28. Oktober zusammen mit der Land­tags­wahl statt­findet.

Ekinci präsentiert sich als über­parteilicher Bewerber. Er werde von den Grünen sowie einigen in der FDP unter­stützt und werbe um Stimmen von CDU-Wählern. In der Funktion als Landes­eltern­beirats-Vor­sitzender muss er ohnehin mit allen und ins­besondere mit der schwarz-grünen Landes­regierung sprechen. Über Kultus­minister Alexander Lorz (CDU) äußert er sich überaus freundlich – in persönlicher Hinsicht, politisch lässt das Amt des Eltern­vertreters keine allzu große Nähe zu.

„Ich vertrete mehr als zwei Millionen Menschen“

Auch wenn Ekinci dieses Vorgehen als „Angriff auf die Eltern“ anprangert – dass er im direkten Gespräch auf­brausend würde, ist schwer vor­stellbar. Er spricht ruhig und über­legt, trägt Anzug und Krawatte, sein ganze Erscheinung ist gepflegt bis hin zum sorgsam ausrasierten Bart. Dass er Wert auf sein Äußeres legt, streitet er nicht ab. „Ich vertrete mehr als zwei Millionen Menschen, da muss man ein seriöses Auftreten haben.“

Gelassen blieb der Sieben­und­dreißig­jährige auch, als sich die Medien nach seiner Wahl vor allem für seinen Migrations­hinter­grund interessierten. Er kann das verstehen, schließlich ist er der erste Landes­eltern­sprecher mit einem türkischen Nach­namen. Die Frage nach seiner Herkunft, mit der eigentlich die Herkunft seiner Vor­fahren gemeint ist, versteht er nicht als Zeichen der Aus­grenzung, sondern der Neugier. Und um es den Neugierigen etwas leichter zu machen, hat er seinen Namen in Laut­schrift auf die Visiten­karte gedruckt.

Seine Frau, eine Ärztin, tauschte ihren deutschen Geburts­namen gegen den ihres Ehe­mannes ein, den beiden Kindern gaben die Eltern aber Namen, die keinen Migrations­hinter­grund erkennen lassen. Den Prozess der Assimilation vergleicht Ekinci mit der Geschichte der Hugenotten – es dauere eben ein paar Generationen. Aller­dings sieht er auch gegen­läufige Tendenzen, die ihm Sorge bereiten. Dazu gehören die zunehmenden Vorbehalte gegen Muslime, die unter dem General­verdacht des Funda­menta­lismus stünden. „Ja, ich bin muslimisch erzogen worden“, sagt Ekinci. Er glaube an Gott, aber in der Moschee sei er zum letzten Mal bei der Beerdigung seines Vaters vor 15 Jahren gewesen.

Mutter ist stolz auf das Ehren­amt

Dass sein Vater, dem die Bildung so wichtig war, den erfolg­reichen Berufs­weg aller drei Kinder nur teil­weise erlebt hat, tut Ekinci leid. Er ist über­zeugt, dass es dem Vater, der als Schlosser die Schul­busse in Ordnung gehalten hat, gefallen würde, dass der Sohn sich jetzt auf andere Weise für die Schüler einsetzt. Die Mutter, die früher Schul­flure geputzt hat, ist jedenfalls stolz auf das Ehren­amt ihres jüngsten Kindes.

Zwei bis drei Abende in der Woche ist Ekinci für den Landes­eltern­beirat aktiv, hinzu kommen die Aufgaben für den Schul­eltern­beirat und den Gesamt­eltern­beirat in Taunus­stein. Sein Geld verdient er als Bereichs­leiter bei HPM, einer Wiesbadener Agentur zur Digitalisierung von betrieblichen Prozessen. Und als ob Ehren­amt und Haupt­beruf nicht genug wären, lehrt er als Hoch­schul­dozent. Mit leuchtenden Augen erzählt er von seinen Studenten – „lauter jungen Leuten mit messer­scharfem Verstand“, die er in Projekt­management unter­richtet. Wobei er sich abgewöhnt habe, Vorträge zu halten. Viel besser sei es, sich gemeinsam Problemen zu stellen und Lösungen zu erarbeiten.

Offen und dialog­bereit

Offen und dialogbereit zeigt sich der Sieben­und­dreißig­jährige auch in bildungs­politischen Fragen. Den alten Streit zwischen Verfechtern des gegliederten und des integrierten Schul­wesens wischt er mit wenigen Worten beiseite. Es gebe Schüler, bei denen sich schon früh zeige, dass ein Gymnasium die richtige Wahl sei. Anderer­seits wisse er, der ursprünglich nur eine Haupt­schul­empfehlung hatte, aus eigener Erfahrung, wie Kinder sich entwickeln können. Das sei einfacher auf einer Integrierten Gesamt­schule, die bis zur zehnten Klasse alle Wege offen­lasse.

Anders als manche in seiner Partei hängt Ekinci aber nicht dem Glauben an, ein höherer Abschluss sei zwangs­läufig der bessere. Kinder sollten den Bildungs­weg beschreiten, der zu ihnen passe. „Wenn meine Tochter eines Tages sagt, sie liebe es, mit Haaren zu arbeiten, dann will ich alles dafür tun, dass sie Friseurin werden kann.“ Als früherer Geschäfts­führer der Kreis­hand­werker­schaft Mainz-Bingen weiß Ekinci nicht nur, welche Perspektiven das Hand­werk eröffnet, sondern auch, welche Anschluss­möglich­keiten es inzwischen bietet. Wer als Meister ein Studium aufnimmt, kann es auch auf diesem Weg zu dem von Ekincis Vater so geschätzten akademischen Titel bringen.

Der Landes­eltern­beirat

Das Mitbestimmungsrecht von Eltern in schulischen Belangen ist durch die hessische Verfassung und das Schul­gesetz garantiert. Höchstes Gremium ist der Landes­eltern­beirat (LEB), der für drei Jahre gewählt wird und aus 19 Mit­gliedern von zehn Schul­formen besteht. Vorsitzender ist seit Mai dieses Jahres der Taunus­steiner Korhan Ekinci, seine Stell­vertreter sind Zerrin Kiris aus Niedern­hausen und Stephan Wassmuth aus Lohfelden bei Kassel. Das Kultus­ministerium in Wiesbaden muss den LEB bei Lehr­plänen, Ausführungs­verordnungen und teil­weise bei Erlassen konsultieren. Letztlich kann das Votum der Eltern­vertreter, zur Not mit Hilfe eines Kabinetts­beschlusses, aber über­gangen werden. So war es vor zwei Jahren, als das Ministerium einen neuen Lehr­plan zur Sexual­erziehung durch­setzte. Die Macht des Beirats liegt somit vor allem darin, auf Miss­stände hinzu­weisen, für die Interessen der Schüler und Schulen öffentlich einzutreten und die Regierung damit unter Druck zu setzen. So hat sich der aktuelle LEB vorgenommen, die Politik zur Beseitigung des Lehrer­mangels und des Unter­richts­aus­falls zu drängen. Die Eltern­vertreter fordern mehr Plätze in Lehr­amts­studien­gängen und mehr Einstellungen examinierter Lehrer. Zugleich wenden sie sich gegen eine „Ent­profess­ionalisierung“: Wenn Seiten­ein­steiger aus anderen Berufen als Lehrer beschäftigt werden sollten, dann müssten sie pädagogisch ausgebildet werden. (trau.)

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