Moderne Pädagogik : Besser lernen an der frischen Luft

In der „Draußenschule“ tauschen die Benediktbeurer Grundschüler ihr Klassenzimmer gegen die Natur. Der Unterricht im Freien stößt auch bei Pädagogen anderer Schulen auf großes Interesse.

Dieser Artikel erschien am 29.10.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Sophia Ulrich
Unterricht am Lagerfeuer: Die Draußenschule beginnt im Gemeinschaftsgarten des Klosters Benediktbeuern mit einer Versammlung.
Unterricht am Lagerfeuer: Die Draußenschule beginnt im Gemeinschaftsgarten des Klosters Benediktbeuern mit einer Versammlung.
©Manfred Neubauer

Es ist ein aufregender Tag für die Klasse 2b der Grundschule Benediktbeuern. Denn die Grundschüler verbringen diesmal ihren gesamten Schultag im Freien – in der Draußenschule. Das Projekt ist eine Kooperation von Lehrern der Grundschule und Umweltpädagogen des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK) und wird bereits seit 2017 angeboten. Ursprünglich war es nur für die dritten und vierten Klassen gedacht. „Die Resonanz war groß“, erzählt jedoch Martin Malkmus, Bildungsreferent am ZUK. „Mittlerweile bieten wir es für alle Klassen an. Wir haben viel zu tun, und das ist auch gut so.“ Pünktlich um 8 Uhr beginnt der Unterricht in der Draußenschule. Die Kinder treffen sich dafür mit ihrer Klassenleiterin Eva Ranz an der Feuerstelle im Gemeinschaftsgarten des Klosters Benediktbeuern. Dort versammelt sich die Klasse in einem Sitzkreis aus Holzklötzen um das brennende Lagerfeuer. Andrew Blackwell, Bildungsreferent am ZUK, und Cedric Sulzbacher, der einen Teil seines Freiwilligendienstes bei den Mönchen im Kloster verbringt, leiten den Tag der Klasse 2b in der Draußenschule, die zum vierten Mal an dem Projekt teilnimmt. Für die Schüler ist es jedes Mal eine Überraschung, was sie in der Draußenschule erwartet.

Die Kinder werden vom Kuscheltier-Eichhörnchen Lilly begrüßt, dem Maskottchen der Aktion, und auf das Thema eingestimmt. Bei einem Spiel dürfen die Zweitklässler unterschiedliche Gegenstände in einem Stoffbeutel ertasten und erraten: eine Zucchini, einen Kürbis, Rote Beete und eine Walnuss. Schnell wird klar: Das Erntedankfest steht auf dem Programm.

Das Konzept der Draußenschule orientiert sich am Lehrplan. So wird zum Beispiel mit der ersten Klasse das Thema „Wiese und Hecke“ bearbeitet. Die Drittklässler beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit. Malkmus ist es wichtig, dass die Kinder „ganzheitlich“ lernen, also mit „Kopf, Herz und Hand“, wie er sagt. In der Draußenschule rechnen die Schüler mit Kartoffeln, sähen Blumenwiesen an oder arbeiten mit einem Kompass, um ein Gefühl für die verschiedenen Himmelsrichtungen zu bekommen.

Auch die Werteerziehung kommt nicht zu kurz. Themen wie beispielsweise Konsum und Weihnachten werden besprochen, um den Kindern auf einer philosophischen Reise bewusst zu machen, was wir wirklich zum Glücklichsein brauchen, erklärt Malkmus. Der Diplom-Geograf ist überzeugt, dass die Draußenschule ein „Geschenk“ für alle Kinder ist: „Sie lernen anders als in der Schule. Meines Erachtens ist es nachhaltiger. Die letzte vierte Klasse wusste beim Abschied noch alles, was wir in der Draußenschule gelernt haben“.

Für die 2b geht es nach der Brotzeitpause in den Obstgarten des Klosters. Dort sammeln die Kinder zunächst Äpfel und Birnen vom Boden auf. Anschließend rüttelt Blackwell mit einer Obsterntestange an einem großen Apfelbaum. Gespannt beobachten die Kinder die Äpfel, die auf den Boden aufprallen. Dabei ist Sicherheitsabstand gefordert, schließlich sollen die Früchte niemandem auf den Kopf fallen. Blackwell gibt ein Zeichen – und schon stürmen die Kinder los, um die Äpfel in einer Kiste zu sammeln. Ein paar sollen aber noch hängen bleiben: „Wir ernten nicht alle Äpfel, damit am Mittwoch für die nächste Gruppe auch noch welche da sind“, sagt Blackwell.

Gemeinsam tragen die Schüler die schwere Obstkiste zurück zum Gemeinschaftsgarten, der sich direkt neben der Energiezentrale des Klosters befindet. Dort wird die Klasse in vier Arbeitsgruppen geteilt. Schließlich sollen die Äpfel und Birnen zu einem Saft weiterverarbeitet werden. Zunächst wird das Obst in einem Kübel mit warmem Wasser gereinigt. Dann werden die Früchte in vier Stücke geschnitten. Die Schüler benutzen dafür ein Messer und ein Schneidebrett, um Druckstellen vorsichtig zu entfernen. Die nächste Gruppe verarbeitet die Obststücke in einer Mühle zu Maische, einem „Apfelmatsch“. Im letzten Schritt wird die Maische in einer großen, roten Saftmaschine gepresst. Dafür wird sie zunächst in ein Presstuch gewickelt und zwischen zwei schwere Platten gelegt. Durch den Druck, der mit der Saftpresse ausgeübt wird, entsteht frischer Apfelsaft, verfeinert mit ein paar Birnen.

Die Draußenschule sei nur möglich, weil das Projekt vom Umweltministerium unterstützt werde, betont Malkmus. Trotzdem zahlen die Eltern zwei Euro pro Kind für den Unterricht im Freien. Im örtlichen Gemeinderat wurde jedoch ein Antrag auf Unterstützung gestellt.

Der regelmäßige Schultag an der frischen Luft ist aber nicht nur an der Grundschule Benediktbeuern ein wichtiger Baustein. Lehrkräfte und Pädagogen engagieren sich bundesweit für den Unterricht im Freien, dessen positive Auswirkungen auf die Lernmotivation nachgewiesen wurde. Im Oktober fand deshalb die Fachtagung „Schule 2030: Draußen lernen für einen klimafreundlichen Wandel“ im ZUK statt – eine Kooperation mit der Umweltstation Königsdorf, dem Pullacher Naturerlebniszentrum Burg Schwaneck und der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Bayern. Bei Impulsvorträgen und Workshops wurden die Teilnehmer im Bereich „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und in verschiedenen Methoden des „Draußenlernens“ geschult.

Auch Anreize für den eigenen Unterricht wurden bei der Tagung in Benediktbeuern geschaffen: So könnten auch digitale Medien in den Unterricht im Freien eingebunden werden, erklärte Umwelt- und Medienpädagogin Julia Fritzemeyer in ihrem Impulsvortrag. Mit Smartphones lassen sich beispielsweise Tierspuren festhalten und zu Rätselbildern verwandeln. In der Draußenschule können auch Kurzfilme gedreht oder eine Schnitzeljagd per App organisiert werden. Dadurch lässt sich der Unterricht in der Natur mit Medienkompetenz verbinden.

Die Schule im Freien hat Potenzial. Das zeigen auch etablierte Unterrichtskonzepte wie der „Schulwald“, ein Projekt, bei dem Schüler eine kleine Waldfläche bewirtschaften. Sie übernehmen dabei nicht nur Verantwortung für den Wald und die Gruppe, auch die Mathematik kommt nicht zu kurz. Schließlich müssen die Kinder auch den Holzvorrat pro Hektar Wald kalkulieren. Die Draußenschule kann also auch im Sekundarbereich effektive Lernergebnisse erzielen.

Die Kinder der 2b sollen begreifen, was die Natur zu bieten hat – wenn man sich ein bisschen anstrengt. Während die letzten Obststücke gepresst werden, dekorieren einige Schüler schon die Tische mit bunten Blättern und Kastanien. Dann ist es so weit: Der selbstgemachte Saft, den manche Schüler „ganz schön süß“ finden, wird gleichmäßig auf alle Gläser verteilt. Die Kinder sind stolz. Sie staunen darüber, was sie zusammen geschafft haben und stoßen an: „Auf den Herbst!“ Zum Abschluss liest Blackwell eine Herbstgeschichte vor und bespricht mit den Schülern, wofür man dankbar sein könne. „Apfelsaft, Nüsse und die schönen Blätter“ – ganz im Sinne des Erntedankfestes.