Berufsorientierung : Sie wollen keine „Corona-Generation“ sein

Swenja und Leon besuchen die neunte Klasse einer Gemeinschaftsschule in Halle. Im kommenden Schuljahr wollen sie ihren Realschulabschluss machen. Weil sie damit nicht zu den Abschlussklassen zählen, lernen sie seit Dezember nur zu Hause. Praktika, die jetzt eigentlich auf dem Plan standen, wurden abgesagt. Berufsmessen gibt es höchstens virtuell. Berufsorientierung ist so nur schwer möglich. Für einen Ausbildungsplatz sollten sie sich aber schon bald bewerben. Wie können die beiden 15-Jährigen nun herausfinden, welchen Weg sie nach der Schule einschlagen wollen? Und wie geht es ihnen in dieser Situation?

Annette Kuhn 24. Februar 2021 Aktualisiert am 14. Juli 2021
Berufsorientierung Svenja und Leon vor ihrer Schule
Swenja und Leon sind in der neunten Klasse der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle-Neustadt: Wie läuft für sie die Berufsorientierung in der Corona-Pandemie?
©Annette Kuhn

Es ist der erste Tag in diesem Jahr, der den Frühling ankündigt. Die Sonne scheint, der Schnee schmilzt, Vogelgesang ist aus den kahlen Bäumen zu hören. Dieser Februartag taucht selbst die Plattenbauten in Halle-Neustadt in ein warmes Licht. Es ist auch der erste Tag in diesem Jahr, an dem Swenja und Leon wieder in die Schule gehen. Die beiden 15-Jährigen haben an diesem Tag aber keinen Unterricht, sondern sie kommen, um zu erzählen, wie es ihnen in der Corona-Zeit geht.

Swenja und Leon besuchen die neunte Klasse der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine am Rande von Halle-Neustadt. Zurzeit aber im Fernunterricht – zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres. Andere Schülerinnen und Schüler des neunten Jahrgangs haben Unterricht in der Schule. Nur wer in diesem Jahr seinen Abschluss macht, ist im Präsenzunterricht. Das sind an der „GMS Heine“, wie sich die Schule kurz nennt, etwa 100 der insgesamt 800 Schülerinnen und Schüler. Sie machen entweder in der neunten Klasse ihren Hauptschul- oder in der zehnten Klasse ihren Realschulabschluss. „Es ist jetzt sehr still in der Schule – zu still!“, sagt Mandy Rauchfuß, die Schulleiterin.

Berufsorientierung ist schwer in diesen Zeiten

Swenja und Leon machen erst im kommenden Jahr ihren Realschulabschluss. Berufsorientierung ist für sie aber jetzt schon ein Thema. Wann für sie der Unterricht in der Schule wieder regulär beginnt, steht noch nicht fest. „Anfang März wahrscheinlich“, sagt Swenja. Aber Mandy Rauchfuß schüttelt den Kopf: „Wahrscheinlich später.“ Also erst mal weiter Fernunterricht. Im November ging das wieder los. Erst waren die Corona-Zahlen in Halle so hoch, dass die Schule wieder auf Wechselunterricht umsteigen musste, im Dezember machten dann ja alle Schulen zu.

Svenja vor ihrer Schule
Swenja, Schülerin der neunten Klasse an der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine.
©Annette Kuhn

 

 

Ich finde das nicht gut, dass unsere Jugend jetzt so eingeschränkt ist.

 

 

Ein Jahr haben sie noch bis zu ihren Abschlussprüfungen, aber bald beginnt für sie schon die Bewerbungsphase für einen Ausbildungsplatz. „Auch wir sind doch fast Abschlussklassen“, sagen beide. Jetzt müssen die Jugendlichen herausfinden, was sie nach der Schule machen wollen. Berufsorientierung ist jetzt ein wichtiges Thema. Für den neunten Jahrgang hätten im Januar eigentlich zwei Wochen Berufspraktika auf dem Plan gestanden. Wegen der Corona-Pandemie sind aber alle Praktika ausgefallen. Auch Berufsmessen finden jetzt höchstens virtuell statt. Wie soll man da als junger Mensch herausfinden, welcher Beruf zu einem passt?

Die meisten in der neunten Klasse wissen noch nicht, was sie nach der Schule machen wollen

Leon ist froh, weil er schon einen Plan hat: „Erst eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker und dann zur Feuerwehr.“ Dass der Weg zum Feuerwehrmann über verschiedene Ausbildungen führen kann, weiß er. Er hat sich informiert. Und dass er zur Feuerwehr will, weiß er, seit er die Serie „9-1-1. Notruf L.A.“ über Notfall-Ersthelfer gesehen hat. „Man kann anderen helfen, der Beruf ist abwechslungsreich und einen Adrenalinkick gibt es auch“, so beschreibt Leon seine Motivation für seinen Berufswunsch. Weil er sich außerdem für Autos interessiert, passt auch der Kfz-Mechatroniker.

 

 

Die Tage sind alle gleich – am Wochenende gibt es nur keine Aufgaben.

 

 

Leon vor seiner Schule
Leon, Schüler der neunten Klasse an der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine.
©Annette Kuhn

Eigentlich hätte er im Januar ein Berufspraktikum für den Kfz-Mechatroniker gemacht, und einen Praktikumsplatz bei der Feuerwehr hatte er auch schon. Beides ist abgesagt worden. Das hat Leon einen Dämpfer gegeben. Aber nicht von seinen Berufsplänen abgebracht. „Vielleicht klappt es noch im Sommer mit dem Praktikum“, sagt er.

Swenja weiß noch nicht, was sie machen will. Und wie ihr geht es wohl den meisten Jugendlichen, die im kommenden Schuljahr ihren Abschluss machen. „Meine Mutter macht mir immer mal Vorschläge, und dann überlegen wir zusammen“, erzählt sie. Im Januar hätte sie ein Berufspraktikum als Zahntechnikerin gemacht. Ob der Beruf tatsächlich etwas für sie ist, weiß sie noch nicht. Und kann es jetzt auch nicht herausbekommen ohne Praktikum. Berufsorientierung ist schwer in diesen Zeiten. „Ich kann gut für mich arbeiten, ich brauche nicht ständig Kontakt zu Menschen.“ Das immerhin hat sie schon über sich selbst herausgefunden.

Zu Hause ist selten jemand, der bei den Aufgaben helfen kann

Zurzeit sind es Swenja aber eindeutig zu wenig Kontakte. Sie würde gern wieder in der Schule lernen, mit den anderen aus ihrer Klasse, nicht immer allein in ihrem Zimmer. Aber sie versucht, ihrem Tag eine Struktur zu geben: „Morgens stehe ich um 7 Uhr auf, dann mache ich meine Aufgaben, damit ich bald fertig bin.“ Sie hat sich daran gewöhnt, aber es sei ziemlich eintönig und einsam. Schule auf Sparflamme.

Leon macht es anders. Er schläft jetzt meist bis 9 Uhr, dann macht er ein Workout und verabredet sich am Vormittag mit ein paar Freunden über WhatsApp, um gemeinsam die Aufgaben zu erledigen. „Das geht schneller, und wir können uns gegenseitig helfen“, sagt er. Seine Lehrerinnen und Lehrer vermisst er aber schon. Wenn er Fragen hat, muss er ihnen meist eine Mail schreiben. Leons Eltern sind nicht im Homeoffice, er ist tagsüber allein zu Hause. Da kann ihn niemand unterstützen. Swenjas Mutter ist im Lockdown zwar zu Hause, aber sie weiß auch nicht immer weiter. „Es ist schwer, sich alles selbst beizubringen“, findet sie.

Die Schule liegt in einem der ärmsten Stadtteile Deutschlands

Für die meisten Kinder und Jugendlichen in Halle-Neustadt ist das Lernen zu Hause schwierig. Viele Familien in dem von Plattenbausiedlungen dominierten Stadtteil erhalten Unterstützungsleistungen, die Arbeitslosenquote ist hoch, die Überalterung und die Armut sind es auch. Halle-Neustadt – einst ein Vorzeigeviertel in der DDR – gehört heute zu den ärmsten Vierteln Deutschlands. 1989 wohnten hier etwa 100.000 Menschen, nach der Wende wollten viele weg – der Leerstand wuchs, die Bevölkerung des Stadtteils halbierte sich. Inzwischen geht es wieder etwas bergauf. Einige Hochhäuser wurden abgerissen, andere saniert. Als Brennpunkt gilt Halle-Neustadt aber immer noch.

Schulleiterin Mandy Rauchfuß mag diesen Stempel nicht, aber sie hat eine eigene Übersetzung gefunden: „Wir leben ,Brennpunkt‘ so: Wir brennen für (Herzens-)Bildung, Erziehung und sinnvolle Freizeitgestaltung“, steht auf der Homepage der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine, die am Rande von Neustadt liegt.

Vor 13 Jahren wurde das Schulgebäude saniert. Seitdem ist es strahlend weiß, mit etwas Grün, Gelb und Orange auf der Fassade. Vor zehn Jahren noch machten viele einen Bogen um die Schule. „Bloß nicht Halle-Neustadt“, war damals die Haltung. Heute ist die Schule wieder begehrt.

Viele Jugendliche haben an Selbstbewusstsein verloren

Vor sechs Jahren hat Mandy Rauchfuß die Schulleitung übernommen. Ihr größtes Ziel ist es, die Kinder und Jugendlichen trotz ihrer oft schwierigen Lebensbedingungen zu stärken, ihnen Freude am Lernen zu vermitteln und die Schule zu einem Ort werden zu lassen, in dem sie gern ihre Zeit verbringen.

Mit Sorge sieht sie aber, dass „viele Jugendliche ihr Selbstbewusstsein in der Corona-Pandemie verlieren“. Der Austausch, die Möglichkeit, sich in der Gruppe zu präsentieren und auszuprobieren – all das fehle jetzt, sei aber für die Entwicklung der Jugendlichen und für die Berufsorientierung so wichtig. Sie hofft, dass jetzt keine „Corona-Generation“ entsteht.

Swenja hat das gerade neulich bei einer Unterrichtsaufgabe gemerkt: dass sie unsicherer ist als vor der Pandemie. Sie sollte eine fiktive Partei gründen und diese dann in einem Video vorstellen. „Das war mir total peinlich, mich so darzustellen und mir vorzustellen, dass die ganze Klasse das sieht.“ Vor der Corona-Pandemie hatte es ihr nicht viel ausgemacht, vor der Klasse zu stehen.

Aber auch wenn das Lernen jetzt schwieriger ist: Ihre Motivation haben Swenja und Leon nicht verloren. Beide wollen einen erweiterten Realschulabschluss schaffen. Das heißt: In Deutsch, Mathematik und Englisch müssen sie eine Zwei schaffen. Damit könnten sie sogar aufs Gymnasium wechseln und ihr Abitur machen. Beide schütteln aber den Kopf.

Etwas mulmig ist Leon schon, wenn er an die Zukunft denkt

Swenja war bis zur achten Klasse auf einem Gymnasium, „damit bin ich nicht zurechtgekommen, am Schluss hatte ich viele Fünfen“. Solch eine frustrierende Erfahrung will sie nicht wieder machen. „Jetzt habe ich keine Drei auf dem Zeugnis“, sagte sie stolz.

Auch Leon winkt ab. Er habe das bei seinem großen Bruder gesehen. Der hatte in der elften Klasse den Anschluss verloren und das Abitur geschmissen. Leon ist dann schulisch von vornherein einen anderen Weg gegangen. Außerdem freut er sich ja auch auf den Berufseinstieg. Wenn denn alles so klappt, wie er es sich vorstellt. Ein bisschen mulmig ist ihm aber schon, wenn er an die Zukunft denkt. Es ist immer so ein Druck da. Und ein Fragezeichen.

Zeit, an die Zukunft zu denken, haben die beiden Jugendlichen jetzt mehr, als ihnen lieb ist. Wenn sie mit den Aufgaben fertig sind, passiert ja nicht viel in ihrem Leben. „Ich sitze dann viel vor dem Computer“, sagt Leon. Spielen, was nachschauen. Solche Sachen. Das ist neben der fehlenden Berufsorientierung ein zweites Problem.

Der letzte Kinobesuch scheint eine Ewigkeit her zu sein

Swenja geht nach ihren Aufgaben öfter zu ihrem Freund. Sie ist froh, dass sie ihn hat. Aber sie würde sich gern auch mal wieder mit anderen treffen. Anfang Februar hatte sie Geburtstag. Sie hatte gehofft, mit vielen Freunden ins Kino zu gehen, aber daraus wurde natürlich nichts. „Ja, mal wieder ins Kino! Mit Nachos …“ – auch für Leon scheint das eine Ewigkeit her.

Eigentlich wäre mit ihren 15 Jahren jetzt die Zeit, wo sie mal ausgehen, neue Leute kennenlernen, sich ausprobieren könnten, sagt Swenja. Stattdessen sitzen sie meistens zu Hause. „Ich finde das nicht gut, dass unsere Jugend jetzt so eingeschränkt ist“, sagt sie. Auch wenn diese Einschränkungen für sie zum Alltag geworden sind.

Swenja und Leon freuen sich, dass es nun zumindest wärmer geworden ist, dass man es draußen wieder länger aushalten kann. Ein sonniges Wochenende steht ihnen bevor. Wie sie das verbringen? Leon zuckt mit den Schultern und sagt: „Die Tage sind alle gleich – am Wochenende gibt es nur keine Aufgaben.“

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Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht davon aus, dass sich die Corona-Pandemie und die wochenlangen Schulschließungen deutlich auf die Berufsorientierung von Jugendlichen auswirken werden. Viele Jugendliche könnten auf der Strecke bleiben und ihre Karrierechancen nachhaltig geschädigt werden – mit gesellschaftlichen Folgen wie häufiger Arbeitslosigkeit als Langzeiteffekt, fürchtet Bernd Fitzenberger, Direktor des Nürnberger Instituts. Ein verlorenes Schuljahr bedeutet nach Rechnung des OECD-Bildungsdirektors und PISA-Verantwortlichen Andreas Schleicher ungefähr sieben bis zehn Prozent verlorenes Lebenseinkommen.

Studien zufolge ist auch der seelische Druck bei jungen Menschen gestiegen. Eine Umfrage der Universitäten Hildesheim und Frankfurt zeigte zuletzt, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene Zukunftsängste haben. Wie stark die langfristigen Auswirkungen auf die Jugendlichen seien, hänge auch davon ab, wie die Familie mit der Corona-Situation zurechtkomme, sagt Alexandra Langmeyer, Wissenschaftlerin am Deutschen Jugendinstitut in München.

Auch die Bundesschülerkonferenz warnt angesichts der Corona-Pandemie vor düsteren Zukunftsaussichten für die derzeitige Schülergeneration, insbesondere mit Blick auf die berufliche Orientierung. Doch Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, sieht auch positive Seiten: „Ich glaube, dass ,Generation Corona’ eher ein Qualitätssiegel als ein negativer Stempel ist.” Alle boxten sich seit nunmehr einem Jahr durch diese herausfordernde Zeit. „Meine Mitschüler haben so viele Dinge in Windeseile lernen müssen, für die andere normalerweise länger brauchen. Sie haben einen Turbo-Reifeprozess durchlaufen.” dpa