Bildungslücken wegen Corona : Berlin plant „Sommerschule 2020″

Wie lässt sich der verpasste Lernstoff nachholen? Berlin will Unterricht in den Sommerferien anbieten – vor allem für Kinder aus finanziell benachteiligten Familien. Die Stadt rechnet mit großem Bedarf.

Dieser Artikel erschien am 18.05.2020 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
Wer es beim Lernen zu Hause besonders schwer hat, soll in Berlin zur Sommerschule (Symbolbild)
©dpa

Berlin will dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche in den Ferien zur Schule gehen können, um nach den wochenlangen Schulschließungen Stoff nachzuholen. Die Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Familie plant eine „Sommerschule 2020″, wie aus einem internen Papier hervorgeht, das dem SPIEGEL vorliegt. Die Pressestelle bestätigte die Richtigkeit des Dokuments, es habe aber noch „Entwurfscharakter”.

Das Ferienangebot richtet sich dem Papier zufolge vor allem an eine bestimmte Gruppe: „Schülerinnen und Schüler, die in Armut aufwachsen oder wenig Unterstützung durch erwachsene Bezugspersonen erfahren, können während der Schulschließung infolge der Corona-Pandemie weniger gut vom Lernen zu Hause profitieren als andere Kinder.”

Bildungsforscher hatten frühzeitig davor gewarnt, dass die sogenannte Leistungsschere zwischen Kindern aus gut behüteten Verhältnissen und finanziell benachteiligten Familien durch die Schulschließungen immer weiter aufgeht – und zwar umso weiter, je länger die Beschränkungen anhalten.

Die in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern ohnehin besonders ausgeprägte Chancenungerechtigkeit verschärfe sich dadurch noch, mahnten Fachleute. In Berlin könnte die Situation brisanter sein als in einigen anderen Bundesländern, weil die Armut hier besonders ausgeprägt ist. In der Hauptstadt lebt fast jedes dritte Kind in einer Familie, die Hartz IV bezieht. Zum Vergleich: In Bayern ist es etwa jedes 17. Kind.

Angebot vor allem für arme Kinder

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will mit dem Angebot in den Ferien nun offenbar für etwas mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Bereits am Freitag hatte sie angekündigt, dass es eine Sommerschule geben solle. Das sei keine Kürzung der Sommerferien, so Scheeres in der „taz”. “Das ist ein Angebot für sozial benachteiligte Kinder, für das wir mehrere Millionen Euro in die Hand nehmen.” Die Senatorin nannte jedoch noch keine Details. Die Entscheidung, wer an dem Unterricht teilnehmen darf, soll dem Papier zufolge an folgenden Kriterien festgemacht werden:

  • Das Angebot richte sich an Schülerinnen und Schüler, die von der Zahlung des Eigenanteils bei Lernmitteln befreit sowie Anspruchsberechtigte nach dem Bildungs- und Teilhabegesetz sind und von den Lehrkräften für die Teilnahme an diesem Programm vorgeschlagen werden.
  • Bei der Auswahl der Schülerinnen und Schüler sollten die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen besonders berücksichtigt werden, heißt es in dem Dokument. Hintergrund dürfte sein, dass vielen dieser Kinder wegen der Schulschließungen ganz besonders die Sprachförderung fehlt.
  • Es könnten auch Schülerinnen und Schüler ausgewählt werden, die aufgrund der Corona-Pandemie in eine Problemlage geraten sind, die zur Verursachung eines Lernrückstandes beigetragen habe, steht in dem Papier. Das Angebot ist demnach auch offen für Kinder, die sich mit dem selbstständigen Lernen zu Hause schwertun – unabhängig vom familiären Hintergrund und dem Geldbeutel ihrer Eltern.

Wer soll wen wie unterrichten?

Der Unterricht in den Ferien soll den Plänen des Senats zufolge nicht durch reguläre Lehrkräfte erfolgen, sondern von einem freien Träger umgesetzt werden. Ein Sprecher des Senats teilte jedoch mit, dies sei nicht gesichert. Dem Papier zufolge sollen pensionierte Lehrkräfte oder Lehramts-Studierende für das Förderangebot eingesetzt werden, und zwar „grundsätzlich auf Honorarbasis”. Außerdem seien regionale Anbieter wie „Studenten machen Schule” oder „Studienkreis” einzubeziehen.

Das Angebot richtet sich nicht an alle Jahrgänge, sondern nur an Schülerinnen und Schüler aus ausgewählten Klassenstufen: Mitmachen dürfen Kinder und Jugendliche – vorbehaltlich der sozialen Kriterien – aus den Jahrgangsstufen 1, 2, 7, 8 oder 9. Maximal acht Schülerinnen und Schüler sollen 15 Zeitstunden pro Woche zusammen in einer Gruppe lernen, heißt es in dem Entwurf. Inhaltlich geht es vor allem um die Kernfächer Mathematik, Deutsch und Englisch.

Wie viele Schüler werden mitmachen?

Die Behörde rechnet den Angaben zufolge damit, dass an Berlins weiterführenden Schulen knapp 28.000 Schülerinnen und Schüler aus Familien stammen, die die genannten staatlichen Leistungen beziehen und zum Beispiel vom Bildungs- und Teilhabepaket profitieren. Sie geht davon aus, dass von dieser Gruppe rund 8000 Schülerinnen und Schüler von den Lehrkräften empfohlen und an dem Angebot teilnehmen werden. So könnten hier maximal tausend Lerngruppen gebildet werden.

Bei den Grundschülern in den Jahrgangsstufen eins und zwei fallen den Berechnungen der Behörde zufolge knapp 18.000 Kinder in die Rubrik „finanzschwach”. Die Autorin des Papiers nimmt an, dass davon rund jedes vierte Kind von den Lehrkräften für die Sommerschule empfohlen und mitmachen werde. So könnten rund 600 kleine Lerngruppen entstehen.

Aus dem Papier geht nicht hervor, wie viele Kinder und Jugendliche in den Berechnungen berücksichtigt werden sollen, die weder finanzschwach noch neu zugewandert sind. Dass sich Förderbedarf von Schülerinnen und Schülern vor allem am Geldbeutel der Eltern festmacht, ist durchaus umstritten. Schon in der Debatte über Kitaöffnungen und die Frage, welche Kinder Vorrang haben sollen, hatten Fachleute vor Stigmatisierung gewarnt.

GEW warnt vor Stigmatisierung

Markus Hanisch, Sprecher des Berliner Landesverbandes Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), mahnte, „eine Verengung des Angebots nur auf ärmere Familien könnte stigmatisierend wirken”. Zusätzliche Angebote für die Kinder, die zuhause nicht gut und konzentriert arbeiten können, seien aber sinnvoll.

Hanisch betonte, Angebote sollten allen offen stehen, die diese nutzen wollen. Der Gewerkschafter forderte zudem, der Bildungsbegriff dürfe nicht nur auf auf Leistung und Lernstoff in den Kernfächern reduziert werden, wie Deutsch, Mathe und Englisch beschäftigen. „Bildung ist mehr als Unterricht und vor allem”, so Hanisch, „Schule ist mehr als ein Ort der Leistungsabfrage!”

Schülervertreter pocht auf Freiwilligkeit

Auf die Pläne zur Sommerschule angesprochen, lobt Miguel Gongora, Vorsitzender des Berliner Landesschülerausschusses (LSA), den „erfreulichen” Ansatz. „Es ist sehr wichtig, Schülerinnen und Schülern besonders nach dem Verlust zahlreicher Unterrichtsstunden eine Präsenzmöglichkeit zum Nachholen des Unterrichtsstoffes bereitzustellen”, teilte er dem SPIEGEL mit.

Aber: Die Teilnahme müsse in jedem Fall freiwillig sein, kein Schüler dürfe zu dem Unterricht in den Ferien verpflichtet werden, sagte Gongora. Das Angebot müsse zudem jedem Schüler ermöglicht werden. „Dabei muss der Fokus auf Schülerinnen und Schüler gerichtet werden, die besonderen Bedarf haben.”

Äußerst fragwürdig sei, dass der Senat bei dem geplanten Programm mit der Unterstützung des LSA rechne, das Gremium jedoch gar nicht an den Planungen beteiligt worden sei. In Berlin sollen noch bis Ende Mai alle Schüler mit verringerter Stundenzahl in die Schulen gehen. Die meisten Jahrgänge gehen seit dem 11. Mai zumindest eingeschränkt wieder zur Schule. Von regulärem Unterricht kann keine Rede sein – nicht nur in Berlin.

Hitzige Debatte über Sommerferien

In fast allen Bundesländern lernen Kinder und Jugendliche seit Wochen in einem Mix aus Fern- und Präsenzunterricht, und ein Ende ist nicht absehbar. Von verschiedenen Seiten, unter anderem Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), war deshalb bereits der Vorschlag gekommen, die Sommerferien zu verkürzen – und zum Lernen zu nutzen.

Ein Aufreger-Thema: Die Idee, die „schönste Zeit des Jahres” zwangsweise mit Unterricht zu verbringen, stieß teils auf massiven Widerstand, nicht zuletzt bei Lehrergewerkschaften: Die Ferien sollten bitte nicht angetastet werden, die Lehrkräfte seien stärker beansprucht gewesen und sollten auf die freie Zeit nicht verzichten.

Bei dem Berliner Modell blieben die Lehrer zumindest verschont. Ob sich das Konzept auf freiwilliger Basis für Schüler durchsetzt, bleibt abzuwarten.