Dieser Artikel erschien am 06.11.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Jonas Wengert

Trans- und Homosexualität : Auszeichnung für die Akzeptanz

Eine Klasse der Mittelschule Aßling gewinnt den Michael-Schmidpeter-Preis, der an den Tod eines homosexuellen Jugendlichen erinnert. Mit Gedichten zum Thema gelingt den Schülern eine Premiere.

Regenbogenflagge
©dpa

Die Videobotschaft von Jim sei für ihre Schülerinnen und Schüler ein Highlight gewesen, erzählt Lehrerin Marion Berberich. Jim hieß früher Isabella, ein Junge, geboren im Körper eines Mädchens. Die Geschichte seiner Trans­sexualität verfolge die Klasse 9 a der Mittel­schule Aßling in der mehr­teiligen Dokumentation „Transgender – der lange Weg zum eigenen Ich“ des Bayerischen Rund­funks. Ihre Eindrücke und Empfindungen aus den Filmen verarbeiteten die Schüler in Gedichten, welche dann der damaligen Partner­klasse aus der sechsten Jahr­gangs­stufe vor­gestellt wurden. „Egal wie es für andere klingt, es ist wichtig, dass sie glücklich sind“, heißt es in einem Vers bezogen auf homo- und trans­sexuelle Menschen. Für ihr kreatives Werben um Toleranz wurden die Jugendlichen mit dem zweiten Platz des Michael-Schmidpeter-Preises aus­gezeichnet. Jim richtete einen persönlichen Dank an die Klasse und meinte, er hätte sich gewünscht, dass es so etwas auch an seiner Schule gegeben hätte, dann wäre sein Weg vermutlich leichter gewesen.

Den Stein ins Rollen brachte Klassenleiterin Berberich. Sie besuche mit jeder ihrer Abschluss­klasse die HIV-Beratung von Stephan Zippel von der Uniklinik München. Dieser werbe seit Jahren für den Michael-Schmidpeter-Preis. „Bei der letzt­jährigen neunten Klasse hatte ich von Anfang an das Gefühl, die könnte ein gutes Projekt auf die Beine stellen“, sagt Berberich. Man müsse alles tun, damit sich ein Fall wie der von Michael Schmidpeter nicht wiederhole. Obwohl sein Coming-Out von der Familie gut aufgenommen wurde, nahm sich Michael Schmidpeter 2006 das Leben. Gerade mal 17 Jahre alt, war er am Coming-out-Prozess seiner Homo­sexualität innerhalb der Gesellschaft verzweifelt und sah in der damaligen Zeit keine andere Möglichkeit. Seine Eltern riefen daraufhin mit Hilfe des Jugend­netz­werks „Lambda Bayern“ den Michael-Schmidpeter-Preis ins Leben. Dieser wird jährlich an Schulen, die sich mit den Themen Homo- oder Trans­sexualität auseinander­setzen, verliehen.

„Vielleicht geht es ja einer Schülerin oder einem Schüler von mir genauso wie damals Michael Schmidpeter“, meint Berberich. Dieser Gedanke sei ihr schon oft gekommen. Ausdrücke wie „Schwuchtel“ würden auf dem Schulhof immer noch als Beleidigung verwendet. Zwar habe sie, so sie es mitbekam, derlei Äußerungen stets aufgefangen, im Unterricht fehlt aber oft auch die Zeit, das Thema detaillierter zu besprechen. Die Parade am Christopher-Street-Day 2018 in München sei Anlass gewesen, um sich mit der TV-Dokumentation über Trans­sexualität zu beschäftigen.

Aßling sei ein sehr konservatives Dorf, sagt die 35-Jährige, ihre Klasse sei der Thematik jedoch sehr offen begegnet. Jims Lebens­weg sei nicht belächelt worden nach dem Motto: „Schau mal, der lässt sich umoperieren.“ Das gesamte Thema Sexualität sei für Jugendliche in der Pubertät ein heikles, sagt die Lehrerin. Die Neigung zum eigenen Geschlecht oder das Gefühl, im falschen Körper geboren worden zu sein, seien da zusätzliche Reiz­punkte. „Ich glaube, dass sich Jungs mit dem Thema schwerer tun als Mädchen“, so Berberich. Sie könne sich das mit dem Mangel an schwulen Vorbildern beispiels­weise im Sport erklären. Das Klischee „schwul gleich Weichei“ sei unter­schwellig noch vorhanden. In den Gedichten sei der Tenor am Ende „Akzeptanz für Alle“ gewesen. Es solle jeder und jede so sein können wie er oder sie ist, keine Personen­gruppe diskriminiert werden.

Das Projekt sei in der gesamten Schulgemeinschaft gut angekommen. „Meine Kollegen waren begeistert, dass wir uns damit beschäftigen“, erzählt die Klassen­leiterin. Ihre Schüler hätten sich nach den stressigen Abschluss­prüfungen mit der nicht unkomplizierten Thematik aus­einander­gesetzt. Auch bei jüngeren Schülern der Aßlinger Mittel­schule sei man mit dem Vortrag der Gedichte auf Interesse gestoßen. Auf Betreiben der Schüler habe man sich noch eine Stunde danach über die Akzeptanz verschiedener Lebens­formen aus­getauscht. Berberich möchte auch schlichtes Bewusstsein schaffen. Vielleicht denke nun der ein oder andere noch einmal darüber nach, wenn ihm das Wort „schwul“ in einem negativen Kontext herausrutsche.

Die Auszeichnung unterstütze den positiven Prozess zusätzlich. Aßling wurde als erste Mittelschule mit dem Michael-Schmidpeter-Preis ausgezeichnet – als Zweit­platzierter, vor einem Gymnasium und einer Real­schule . „Das ist eine Bestätigung für die Schüler, dass ihre Arbeit mithalten kann“, sagt Berberich. Jeder in ihrer Klasse sei durch die Ehrung und den persönlichen Gruß von Jim sprich­wörtlich um einen halben Kopf gewachsen. Auch dieses Gefühl von Stolz auf die eigene Leistung trage dazu bei, dass der Gedanke der gegen­seitigen Akzeptanz nach­haltig in den Köpfen verankert bleibe.

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