Austauschprogramme : Corona-Krise lässt Traum vom Auslandsjahr platzen

Austauschprogramme und Highschooljahre bilden interkulturell, fördern Sprachkenntnisse und Selbstständigkeit. Aber während der Corona-Krise müssen diese Erfahrungen zurücktreten. Die Pandemie hat 2020 Tausende Schülerinnen und Schüler zum vorzeitigen Abbruch ihrer Reisen gezwungen oder ganz um die Erfahrung gebracht – vorerst. In Schulen und Austauschorganisationen ist die Hoffnung groß, dass schulische Auslandsaufenthalte zeitnah wieder anlaufen. Ein Überblick über die Aussichten und mögliche Hürden.

Alexandra Mankarios / 03. Juli 2020
Hände mit Flaggen verschiedener Länder aufgemalt
Viele Jugendliche können ihr Auslandsjahr oder den Schüleraustausch in diesem Jahr nicht antreten. Durch die Corona-Pandemie mussten viele Programme ausgesetzt werden.
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Eigentlich wollte Elza ihren 16. Geburtstag in Michigan feiern. Ende März sollte die Hamburger Waldorfschülerin in die US-Kleinstadt Ann Arbor reisen und dort für drei Monate die Rudolf Steiner School besuchen. Aber das Coronavirus machte ihr einen Strich durch die Rechnung – die USA verhängten ab 12. März ein Verbot für Einreisen aus der EU. „Wir haben noch versucht, einen Flug für den 11. März zu buchen. Aber meine Gastmutter hatte Bedenken, weil ihre Tochter Asthma hat und eine Corona-Infektion für sie gefährlich wäre“, erzählt Elza. „Ich war wahnsinnig enttäuscht. Aber im Rückblick bin ich froh, dass ich nicht geflogen bin. Ich wäre sowieso wieder zurückgeholt worden.“

Austauschprogramme gesetzlich wie Pauschalreisen behandelt

Rund 4.000 Jugendliche sind allein über die im Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch (AJA) vertretenen Organisationen im Frühjahr aus dem Ausland zurückgeholt worden. „Viele waren immerhin schon kurz vor dem Ende ihres Aufenthalts. Aber gerade die letzten Monate sind oft die schönsten, weil sich die Jugendlichen eingelebt haben und sprachlich gut klarkommen“, sagt Uta Wildfeuer, die Geschäftsführerin von AJA.

Die Kosten für die komplexe Organisation eines Austauschs entstehen ja bereits vor Reiseantritt. Bei einem Abbruch ist das Geld weitgehend aufgebraucht, und die Organisationen müssen die Entschädigungen aus eigenen Mitteln aufbringen. Für viele ist das existenzbedrohend.
Uta Wildfeuer, Geschäftsführerin des Arbeitskreises gemeinnütziger Jugendaustausch (AJA)

Finanziell haben die Zurückgeholten Glück im Unglück. Weil Austauschprogramme unter das Pauschalreisegesetz fallen, haben Eltern Anspruch auf eine Entschädigung für die entgangene Auslandszeit ihrer Kinder. „Aber was für die Eltern eine gewisse Sicherheit darstellt, ist für die Organisationen eine Katastrophe“, sagt Wildfeuer. „Die Kosten für die komplexe Organisation eines Austauschs entstehen ja bereits vor Reiseantritt. Bei einem Abbruch ist das Geld weitgehend aufgebraucht, und die Organisationen müssen die Entschädigungen aus eigenen Mitteln aufbringen. Für viele ist das existenzbedrohend.“ Für das anstehende Programmjahr rät sie Eltern und Organisationen, frühzeitig zu besprechen, ob auch eine Verschiebung des Austauschprogramms infrage kommt, falls eine Reise wegen Corona nicht wie geplant angetreten werden kann.

Verschieben: Pro und Kontra

Eigentlich wollte Elza schon im März für drei Monate in die USA - doch dann kam Corona.
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Auch Elza denkt darüber nach, ihre Reise zu verschieben. „Die Schule und die Gastfamilie wären damit einverstanden“, sagt sie. Allerdings steht bei ihr nächstes Jahr der mittlere Schulabschluss an. „Ich hatte mich für eine Waldorfschule in den USA entschieden, weil sie dem gleichen Curriculum folgt wie meine Schule und ich hier schnell wieder den Anschluss gefunden hätte. Aber ich bin nicht sicher, ob ich bei einem Aufenthalt im nächsten Jahr nicht doch zu viel wichtigen Stoff verpassen würde.“ Deshalb denkt sie über einen verkürzten Aufenthalt nach, vielleicht über die Sommerferien. „Dann könnte ich wenigstens meine Gastfamilie einmal kennenlernen.“

Dass das Zeitfenster für schulische Auslandsjahre eng ist, weiß auch Bernd Böttcher, Projektkoordinator der Initiative „Austausch macht Schule“: „Die Chance gibt es meist nur in der zehnten oder elften Klasse. Danach wird es schwierig.“

Deshalb geht er davon aus, dass auch im kommenden Schuljahr Jugendliche für mehrere Monate ins Ausland gehen werden – vor allem in andere EU-Staaten. Für die meisten anderen Länder gilt noch immer eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts, viele haben Einreisesperren verhängt. „Aber die Vorbehalte sind groß“, erzählt Böttcher. Die Branche rechne mit weniger als 25 Prozent der gewohnten Ausreisen. Zuversichtlicher sehen die Organisationen Aufenthalte im Schuljahr 2021/22 – die Bewerbungsphase für alle Länder läuft.

Keine Auslandsklassenreisen bis zu den Herbstferien

Auch an der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck (EGG) war Mitte März die Enttäuschung groß, als zwölf Jugendliche eine lange geplante Sambia-Reise nicht antreten konnten. „Einen Tag vor unserer Abreise kam die Anweisung der Landesregierung, dass keine Fahrten ins Ausland stattfinden dürfen“, erzählt Mathematik- und Physiklehrer Ronald Kuhn. Die Reise ins südliche Afrika ist seit Jahren Teil eines Projektkurses in Klasse zwölf: Im Herbst besuchen Jugendliche der zwei sambischen Partnerschulen die EGG, im März tritt eine Gruppe aus Gelsenkirchen den Gegenbesuch an.

Man kann hier nicht lernen, wie das Leben in einem Entwicklungsland aussieht. Das muss man vor Ort sehen.
Ronald Kuhn, Leiter des Projektkurses „Sambia-Austausch“ an der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck

Obwohl die Reise ausgefallen sei, hätten die Schülerinnen und Schüler viel gelernt, betont Kuhn. Im Kurs hätten sie sich auf die Fahrt vorbereitet, online Kontakt nach Sambia gehalten und im Herbst die sambischen Schülerinnen und Schüler in Deutschland getroffen. „Aber die Reise ist immer der Höhepunkt“, sagt Kuhn. „Man kann hier nicht lernen, wie das Leben in einem Entwicklungsland aussieht. Das muss man vor Ort sehen.“ Wenn möglich, soll die Reise nächstes Jahr nachgeholt werden – falls bis dahin das Ministerium schulische Auslandsreisen wieder zulässt. Wie in vielen anderen Bundesländern sind in Nordrhein-Westfalen Klassenreisen in andere Länder vorerst bis zu den Herbstferien untersagt.

Digitale Angebote werden ausgebaut

Um Austauschinteressierten auch während der Corona-Krise die internationale Kontaktpflege zu erleichtern, arbeiten mehrere Organisationen aktuell daran, ihre digitalen Angebote auszubauen, sei es für Beratung und Unterstützung, sei es für die digitale Zusammenarbeit. Bernd Böttcher rechnet bis Ende des Jahres damit, dass weitere praktische Möglichkeiten für Videokonferenzen, Dokumentenaustausch und Chats bereitstehen. Das Interesse der Schulen sei groß und solche Formate auch nach Corona nützlich. „Klassen können damit schon vor einem persönlichen Treffen gemeinsam an Projekten arbeiten und einander kennenlernen. Wenn sie sich dann treffen, ist das Verhältnis gleich enger“, sagt Böttcher. „Viele Austausche dauern nur wenige Tage. Da ist es hilfreich, wenn man sich vorher schon kennt.“

Mehr zum Thema

  • Eine Übersicht über die Vorgaben der Kultusministerien zu schulischen Reisen ins Ausland gibt es hier.
  • Der Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz verantwortet das Austauschprogramm Erasmus+ für Schulen und dessen digitale Plattform eTwinning.
  • Wer unsicher ist, ob der Auslandsaufenthalt nach dem Sommer stattfinden kann oder nicht, findet aktuelle Reisehinweise zu jedem Land beim Auswärtigen Amt.
  • Auslandsaufenthalte sind teuer. Es gibt aber auch Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung zu bekommen.