Psychische Gesundheit auf dem Lehrplan : Aufklärung über Depressionen

Ein Drittel der EU-Bevölkerung ist im Laufe des Lebens von psychischen Krank­heiten betroffen. Trotzdem kommt das Thema in der Schule bis jetzt nicht vor.

12. März 2019
Die meisten psychischen Krankheiten beginnen während der Schulzeit
Die meisten psychischen Krankheiten beginnen während der Schulzeit
©dpa

Man lernt in der Grundschule richtig Zähne putzen und in der Ober­stufe Kondome über­ziehen. Aber über psychische Krank­heiten wird an den meisten Schulen nicht gesprochen. Sechs Abiturienten aus Tauf­kirchen wollen das nun ändern – mit einer Petition an den Bayerischen Land­tag.

Die Zwölftklässler machen gemeinsam Filme, vor zwei Jahren haben sie eine eigene Produktions­firma gegründet, MovieJam Studios. Zuletzt haben sie eine Spiel­film-Doku über Depression gedreht. „Die meisten wissen nicht, wie sie auf depressive Mit­schüler reagieren sollen. Dann wird später lieber gelästert, als sich damit aus­einander­zu­setzen“, erzählt Alexander Spöri, Mit­begründer von MovieJam.

Deswegen will er, dass im Schul­unterricht verpflichtend über psychische Krank­heiten aufgeklärt wird. Es sollen Lehr­kräfte und Sozial­pädagog*innen zum Thema ausgebildet und Maßnahmen gegen Stigmatisierung ergriffen werden.

Fünf Prozent der Deutschen sind depressiv

Das Thema betrifft viele: In der EU ist ein knappes Drittel der Bevölkerung im Laufe des Lebens von psychischen Krankheiten betroffen, schätzt die WHO. In Deutschland sollen rund 5 Prozent depressiv sein – bei Jugendlichen werden die Zahlen mindestens so hoch geschätzt.

Spöri erinnert sich, wie der Leistungsdruck auf dem Gymnasium ab der neunten Klasse stieg, als die ersten Abschluss­prüfungen kamen: „In unserer Stufe wurden einige psychisch krank, das bekamen wir aber erst später mit“, sagt der 18-Jährige. Es gab zwar einen Sozial­pädagogen, aber viele hätten sich nicht getraut, ihn zu kontaktieren.

In England hingegen läuft eben in einem Modell­projekt „Achtsamkeits-Unterricht“. Entspannungs- und Atem­techniken werden schon in der Grund­schule vermittelt, später kommen Gespräche zu mentaler Gesundheit mit Expert*innen hinzu. In Bayern hält Spöri so etwas aber für unrealistisch: „Neue Fächer zu fordern funktioniert nicht.“ Das Thema könne aber in andere Fächer eingebettet werden: „Wenn wir im Deutsch­­unterricht ‚Bahnwärter Thiel‘ von Hauptmann lesen zum Beispiel.“

Als Argument gegen gezielte Aufklärung würde oft der sogenannte Werther-Effekt genannt, berichtet Spöri. Also die Angst, dass Depressionen oder Suizid­gedanken dadurch bei Schüler*innen erst geweckt würden.

Ein Verein hilft Schulen bei Prävention

Wollen Lehrer*innen auch ohne extra Unterrichts­stunden mit ihrer Klasse über psychische Krank­heiten sprechen, hilft der Verein „Irrsinnig Menschlich“. Er klärt über Krisen, Warn­signale und Bewältigungs­strategien auf. „Die meisten psychischen Krank­heiten beginnen vor dem 20. Lebens­jahr. Die Jugend ist der wichtigste Lebens­abschnitt für Prävention“, sagt Vereins­gründerin Manuela Richter-Werling. Einen Werther-Effekt gebe es dabei nicht: „Wir wecken nichts. Die Probleme sind doch alle schon da.“

Im Auftrag des Vereins hat die Uni Leipzig evaluiert, wie deutsche Schulen sich um Prävention und Gesund­heits­förderung kümmern. Das Ergebnis: ernüchternd. „Die Lehrer haben keine Zeit dafür, oder niemand ist verantwortlich. Die wenigsten Schulen haben eigene Programme“, sagt Richter-Werling.

Seine Forderungen hat MovieJam nicht nur als Online­petition veröffentlicht, sondern auch beim Bildungs­aus­schuss des Bayerischen Land­tags eingereicht.