Dieser Artikel erschien am 18.03.2019 in der taz
Autorin: Jolinde Hüchtker

Psychische Gesundheit auf dem Lehrplan : Aufklärung über Depressionen

Ein Drittel der EU-Bevölkerung ist im Laufe des Lebens von psychischen Krank­heiten betroffen. Trotzdem kommt das Thema in der Schule bis jetzt nicht vor.

Die meisten psychischen Krankheiten beginnen während der Schulzeit
Die meisten psychischen Krankheiten beginnen während der Schulzeit
©dpa

Man lernt in der Grundschule richtig Zähne putzen und in der Ober­stufe Kondome über­ziehen. Aber über psychische Krank­heiten wird an den meisten Schulen nicht gesprochen. Sechs Abiturienten aus Tauf­kirchen wollen das nun ändern – mit einer Petition an den Bayerischen Land­tag.

Die Zwölftklässler machen gemeinsam Filme, vor zwei Jahren haben sie eine eigene Produktions­firma gegründet, MovieJam Studios. Zuletzt haben sie eine Spiel­film-Doku über Depression gedreht. „Die meisten wissen nicht, wie sie auf depressive Mit­schüler reagieren sollen. Dann wird später lieber gelästert, als sich damit aus­einander­zu­setzen“, erzählt Alexander Spöri, Mit­begründer von MovieJam.

Deswegen will er, dass im Schul­unterricht verpflichtend über psychische Krank­heiten aufgeklärt wird. Es sollen Lehr­kräfte und Sozial­pädagog*innen zum Thema ausgebildet und Maßnahmen gegen Stigmatisierung ergriffen werden.

Fünf Prozent der Deutschen sind depressiv

Das Thema betrifft viele: In der EU ist ein knappes Drittel der Bevölkerung im Laufe des Lebens von psychischen Krankheiten betroffen, schätzt die WHO. In Deutschland sollen rund 5 Prozent depressiv sein – bei Jugendlichen werden die Zahlen mindestens so hoch geschätzt.

Spöri erinnert sich, wie der Leistungsdruck auf dem Gymnasium ab der neunten Klasse stieg, als die ersten Abschluss­prüfungen kamen: „In unserer Stufe wurden einige psychisch krank, das bekamen wir aber erst später mit“, sagt der 18-Jährige. Es gab zwar einen Sozial­pädagogen, aber viele hätten sich nicht getraut, ihn zu kontaktieren.

In England hingegen läuft eben in einem Modell­projekt „Achtsamkeits-Unterricht“. Entspannungs- und Atem­techniken werden schon in der Grund­schule vermittelt, später kommen Gespräche zu mentaler Gesundheit mit Expert*innen hinzu. In Bayern hält Spöri so etwas aber für unrealistisch: „Neue Fächer zu fordern funktioniert nicht.“ Das Thema könne aber in andere Fächer eingebettet werden: „Wenn wir im Deutsch­­unterricht ‚Bahnwärter Thiel‘ von Hauptmann lesen zum Beispiel.“

Als Argument gegen gezielte Aufklärung würde oft der sogenannte Werther-Effekt genannt, berichtet Spöri. Also die Angst, dass Depressionen oder Suizid­gedanken dadurch bei Schüler*innen erst geweckt würden.

Ein Verein hilft Schulen bei Prävention

Wollen Lehrer*innen auch ohne extra Unterrichts­stunden mit ihrer Klasse über psychische Krank­heiten sprechen, hilft der Verein „Irrsinnig Menschlich“. Er klärt über Krisen, Warn­signale und Bewältigungs­strategien auf. „Die meisten psychischen Krank­heiten beginnen vor dem 20. Lebens­jahr. Die Jugend ist der wichtigste Lebens­abschnitt für Prävention“, sagt Vereins­gründerin Manuela Richter-Werling. Einen Werther-Effekt gebe es dabei nicht: „Wir wecken nichts. Die Probleme sind doch alle schon da.“

Im Auftrag des Vereins hat die Uni Leipzig evaluiert, wie deutsche Schulen sich um Prävention und Gesund­heits­förderung kümmern. Das Ergebnis: ernüchternd. „Die Lehrer haben keine Zeit dafür, oder niemand ist verantwortlich. Die wenigsten Schulen haben eigene Programme“, sagt Richter-Werling.

Seine Forderungen hat MovieJam nicht nur als Online­petition veröffentlicht, sondern auch beim Bildungs­aus­schuss des Bayerischen Land­tags eingereicht.