Antisemitismus : Antisemitismus verschwindet nicht durch Verbote

Unser Autor schwang als Schüler antisemitische Parolen, in der Schule erlebte er keinerlei Korrektiv. Heute ist er Lehrer und berichtet, wo er und seine Kollegen ansetzen

Dieser Artikel erschien am 20.05.2021 auf ZEIT Online
Mansur Seddiqzai
Demo gegen Antisemitismus in Hannover (Symbolbild)
Demo gegen Antisemitismus in Hannover (Symbolbild)
©dpa

In den vergangenen Tagen ist der Nahost­konflikt wieder in den Schlagzeilen. Raketen­beschuss, das Recht auf Selbst­verteidigung und anti­semitische Demonstrationen in Deutschland sind Themen, die die Zeitungen beherrschen und auch meine Schülerinnen und Schüler beschäftigen. „Hass ist keine Lösung“, sagt eine Schülerin angesichts des verbreiteten Anti­semitismus auf vermeintlichen Pro-Palästina-Demonstrationen.

Pandemiebedingt ist es derzeit schwer, engagierte Klassengespräche von Angesicht zu Angesicht zu führen. In der Vergangenheit ergaben sich infolge von Eskalationen im Nahen Osten manchmal sehr emotionale Diskussionen im Unterricht. Also habe ich meine Schüler und Schülerinnen in der vergangenen Woche per Messenger und im Video-Unterricht gefragt, was sie über den Konflikt denken und wie sie sich fühlen, wenn sie die Bilder der teils gewaltsamen Demonstrationen in Deutschland sehen oder die hass­erfüllten, anti­semitischen Parolen von jungen Menschen in Gelsenkirchen oder Berlin hören.

Viele Schüler haben sich auf meinen Aufruf gemeldet – ihre Meinungen liegen nicht weit auseinander. Dabei äußert sich keine meiner Schülerinnen und Schüler zum Existenz­recht Israels oder zum Anspruch der Palästinenser auf einen eigenen Staat. Was sie viel mehr bewegt, ist der Umgang mit dem Konflikt hier in Deutschland. Alle sind geschockt von den Bildern aus Gelsenkirchen am Freitag. Meine Schüler halten besonders den Rassismus auf beiden Seiten für ein großes Übel: „Zu sagen, dass alle Juden schuld sind oder dass alle Muslime Terroristen sind, bringt nichts“, schrieb ein Schüler. Insgesamt haben sie kein Verständnis für die antisemitischen und hasserfüllten Parolen, die zu hören waren.

Trotzdem fühlen sich die meisten meiner muslimischen Schülerinnen und Schüler den Palästinensern verbunden. Wenn Bilder toter palästinensischer Kinder in den Newsfeeds die Runde machen, wühlen diese natürlich emotional auf. Als Lehrer möchte ich dafür sorgen, dass sie den Konflikt nicht zu einseitig sehen und vor allem, dass sie nicht an antisemitische Narrative vom Juden als Kinder­mörder glauben, so wie ich es als damals tat. Dafür braucht es viel Einfühlungs­vermögen.

Als Jugendlicher erlebte ich die israelisch-palästinensischen Konflikte im Gegensatz zu meinen Schülern ohne soziale Medien. Radikalisiert wurden wir durch junge Männer, Mitte zwanzig, die in den Moscheen für uns den Nahost­konflikt in ein anti­semitisches Weltbild einordneten, Selbst­mord­attentäter als mutig anpriesen.

Empathischere Sichtweise

Ein großes Problem war damals das fehlende Korrektiv – zum Beispiel in der Schule. Über den Nahost­konflikt sprach man nicht, über die Hinter­gründe lernten wir nichts. Wenn wir als Jugendliche doch einmal im Unterricht über unsere antisemitischen Ansichten diskutieren wollten, wurden wir von den Lehrern entweder abgewürgt oder man gab uns mit einem geraunten „Über Israel dürfen wir Deutschen ja nichts Negatives sagen“ indirekt recht.

Damals in der Oberstufe nahm ich an einer antiisraelischen Demonstration teil. Ähnlich wie in Gelsenkirchen vermischten sich damals antisemitische Rufe zu einem vulgären Chor. Unsere Wut reagierten wir auf der Demo ab, wir wollten etwas gegen die gefühlte Ungerechtigkeit tun. Es war ein Gefühl des Triumphs, für das ich mich heute schäme.

Es hat lange gedauert, bis ich so differenziert auf das Problem schauen konnte, wie es viele meiner Schülerinnen und Schüler heute tun. Eine Schülerin erzählte mir, wie enttäuscht sie von den Jugendlichen in Gelsenkirchen ist: „Sie nutzen den Konflikt, um Judenhass zu verbreiten.“ Tatsächlich machen meine Schülerinnen und Schüler einen großen Unterschied zwischen tatsächlich Betroffenen und Tritt­brett­fahrern. Ein Mädchen empört sich: „Was mich sehr aufregt, sind Menschen, die eigentlich gar nicht unter dem Konflikt leiden, aber sich trotzdem auf eine Seite schlagen.“ Wenig später postete ein Schüler eine Kachel mit einem Laschet-Zitat in unsere Chatgruppe. Laschet hatte auf Facebook gepostet, dass seine tiefe Solidarität den Menschen in Israel gilt. Das Zitat macht viele meiner Schüler wütend. Für sie gießt eine einseitige Solidaritäts­bekundung Öl ins Feuer.

„Ich habe dann das Gefühl, dass sich solche Politiker über den Konflikt freuen, statt dass sie sich ein Ende wünschen“, sagte eine meiner Schülerinnen. Insgesamt empfinden viele Jugendliche an meiner Schule die Bericht­erstattung hier­zu­lande als zu einseitig. Noch vor wenigen Jahren wurde solche Kritik im Klassenzimmer mit dem anti­semitischen Narrativ des „alles beherrschenden Welt­judentums“ unterfüttert. Meine heutigen Schüler sehen das nicht so, formulieren ihre Medienkritik viel sachlicher – und ohne dahinter eine Verschwörung zu wittern. Auch bemühen sich meine Schülerinnen und Schüler darum, die Perspektive zu wechseln – und auch die Israelis nicht als völlig homogene Gruppe wahrzunehmen: „Soweit ich weiß, gibt es auch viele Israelis, die ihre Regierung kritisieren und das Leid der Palästinenser schlimm finden“, höre ich von ihnen. Und auch, dass sie sich eine diplomatische Lösung des Konfliktes wünschen.

Mein persönlicher Eindruck: Der Antisemitismus, der vor wenigen Jahren an unserer Schule noch zu hören war, ist in den vergangenen Jahren tendenziell einer viel empathischeren Sichtweise gewichen. Vielleicht liegt es daran, dass wir seit einigen Jahren gerade im islamischen Religions­unterricht das Thema Israel und jüdisches Leben ganz bewusst aufgreifen. Meine Kolleginnen und ich reden mit unseren Schülern über jüdisches Leben nicht nur im Zusammenhang mit dem Holocaust oder dem Nahost­konflikt. Stattdessen haben wir auch andere Schwerpunkte gesetzt, versuchen unseren Schülern jüdisches Alltags­leben näherzubringen, egal, ob in Deutschland, den USA oder auch Israel.

Emotionalen Abstand aufbauen, Objektivität versuchen

Wer Menschen einer bestimmten Religion nur im Zusammenhang mit Krieg und Tod kennenlernt, wird zu ihnen nur schwer ein gesundes Verhältnis aufbauen. Juden werden in der Schule oft nur als die stummen Opfer des Holocausts wahr­genommen oder tauchen vielleicht im Politikbuch auf einem kleinen Foto in Armee-Uniformen auf. Im privaten Leben lernen die meisten unserer Schüler nie jüdische Menschen kennen, auch ich musste dafür damals erst nach Japan reisen. Dort studierte ich während meines Auslandsstudiums gemeinsam mit Sivan, einem jüdischen Israeli, dessen Familie in der Nähe der israelischen Stadt Sderot wohnte. Sowohl Sivan als auch ich hatten uns nie mit „der Gegenseite“ unterhalten, ich war der erste nicht-arabische Muslim, den Sivan kennenlernte, und er der erste Israeli, dem ich begegnete. Der Perspektivwechsel half uns Empathie zu entwickeln, die uns beiden in unserer Jugend abtrainiert worden war.

Und doch ertappe ich mich selbst auch manchmal dabei, wie mein altes Ich meine Emotionen bestimmt, wenn ich sehe, wie die israelische Polizei die Al-Aksa-Moschee stürmt, Tränen­gas­granaten und Gummigeschosse in den Gebetsraum auf die Betenden feuert. Die Videos erzählen natürlich nicht, was kurz vorher passiert ist: Warum die Polizei die Moschee stürmte, dass Jugendliche mit Steinen warfen und sich anschließend in der Moschee versteckten. Und genau das ist so schwierig wie wichtig: immer wieder genauer hinzuschauen, emotionalen Abstand aufzubauen, und zu versuchen, die Lage objektiv zu beurteilen. Die Schüler und Schülerinnen brauchen einen geschützten Raum, in dem sie mit ihren Emotionen nicht allein sind und wo sie trotzdem immer wieder auch für die Warte der anderen Seite sensibilisiert werden.

Politiker, die heute im Wahlkampfmodus nach den neusten antisemitischen Entgleisungen wieder reflexartig nach härteren Strafen rufen, werden wieder verstummen, sobald der Nahost­konflikt aus den Schlag­zeilen verschwunden ist. Wer allerdings nachhaltig etwas verändern möchte, der muss in den Kern­lehr­plänen der gesellschafts- und geistes­wissen­schaftlichen Fächer verbindliche Lehrangebote zur Anti­semitismus­prävention machen. Diese Aspekte müssen in das Lehr­amts­studium und in die sich daran anschließende Lehr­amts­ausbildung einfließen, damit Lehrkräfte bei dem Thema nicht überfordert werden. Aber vor allem brauchen wir Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihren Schülern offen und an einigen Stellen auch provokativ über das Thema sprechen – ohne von ihnen zu erwarten, dass sie stumm zu politisch korrekten Ansichten nicken. Denn Antisemitismus lässt sich verbieten, verschwindet deswegen aber nicht. Genau das müsste die deutsche Mehrheitsgesellschaft ja am besten wissen.