Berufswechsel : Vom Lehrer zum Medienberater

15 Jahre war Andreas Hofmann Lehrer an der Waldschule Hatten in Niedersachsen, dann machte er sich selbstständig und ging in die Lehrerfortbildung. Das Schulportal hat ihn gefragt, wie es zu diesem Berufswechsel kam, was ihn motivierte und ob er sich den Weg zurück in den Lehrerberuf heute noch vorstellen kann.

Annette Kuhn 28. März 2022
Andreas Hofmann Medienberater
Heute berät Andreas Hofmann Lehrkräfte bei der Digitalisierung von Schulen.
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Andreas Hofmann
... bis 2018 stand er noch als Lehrer im Klassenzimmer.
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Lehrer war für Andreas Hofmann ein Wunschberuf. „Ich habe das Lehrersein geliebt“, sagt der 48-Jährige heute. Und doch ist er heute kein Lehrer mehr. Seit knapp vier Jahren arbeitet er selbstständig als Medienberater, Fortbildner und Coach, um in Schulen Digitalisierungsprozesse voranzubringen und begleiten. Dazu hat er 2018 die „mobile Schule“ gegründet, die verschiedene Formate der Lehrerfortbildung anbietet.

Aber all das hatte Andreas Hofmann nicht im Sinn, als er 1995 mit dem Lehramtsstudium auf Realschullehramt in Oldenburg begann, und auch nicht, als er 2003 an der Waldschule Hatten als Lehrer für Englisch, Geschichte und Politik anfing. Heute ist die Schule in Niedersachsen Vorreiter beim Thema Digitales Lernen und wurde schon mehrfach dafür ausgezeichnet. Als Andreas Hofmann an die Oberschule (Realschule und Hauptschule) kam und seine erste Klasse übernahm, sollte diese Entwicklung gerade erst losgehen.

Bei der digitalen Entwicklung seiner Schule war Andreas Hofmann von Anfang an dabei

Als im Kollegium gefragt wurde, wer sich für den digitalen Entwicklungsprozess der Schule den Hut aufsetzen möge, hat Andreas Hofmann gleich den Finger gehoben: „Ich fand das spannend, bei diesem Prozess bei null zu starten und ihn mitzugestalten.“ Außerdem habe ihn gestört, dass alles Digitale in der Schule negativ behaftet war, obwohl es doch immer stärker zur Lebensrealität der Kinder gehörte.

„Ich war allerdings überhaupt kein Medienprofi“, gibt er zu. Um einer zu werden, war Andreas Hofmann dann ständig unterwegs und hat jede Fortbildung in Niedersachsen mitgenommen, die angeboten wurde. Parallel dazu hat er sich mit seiner Klasse auf den Weg gemacht und – aus seiner Sicht ganz wichtig – auch die Eltern mit an Bord geholt. Alle Schülerinnen und Schüler bekamen digitale Endgeräte, und gemeinsam haben sie damit auch im Unterricht gearbeitet. Lehrmaterial und erprobte Praxis gab es damals noch kaum, daher betrat er mit jedem Schritt Neuland. „Das war ein sehr spannender und auch lehrreicher Weg mit einer ganz neuen Fehlerkultur.“

Ein schleichender Berufswechsel

Andreas Hofmann ging in dieser Rolle auf. „Ich habe so für das Thema gebrannt“, sagt er heute. Und schnell wurde der Digitalisierungsprozess zu seiner eigentlichen Aufgabe an der Schule. Bald wurde Hofmann für Vorträge angefragt, und irgendwann kam das Niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) auf ihn zu und fragte, ob er Landesbeamter für Medienberatung werden wolle.

„Das war der Anfang vom Ende“, sagt Hofmann heute. So negativ, wie das klingt, meint er es nicht. Nur fing er damit an, sich schleichend aus seinem eigentlichen Beruf zu verabschieden. Zunächst war er sechs Stunden Medienberater und unterrichtete nur noch zwei Drittel seines Stundendeputats. Später waren es 14 Stunden, und irgendwann war Hofmann nur noch freitags in der Schule. Am Schluss hatte er schon keine eigene Klasse mehr, und er gibt heute zu: „Als Lehrer war ich nicht mehr richtig bei der Sache, meinen Unterricht machte ich eher halbherzig, es ließ sich alles nicht mehr gut miteinander vereinbaren.“ Im Kollegium wurde er häufig mit Sätzen begrüßt wie: „Na, auch mal wieder da?“

Es ist Teil meiner DNA als Lehrer, dass ich Sicherheit brauche.

Als er 2018 dann tatsächlich die Waldschule Hatten verließ, um ganz in die Fortbildung und Medienberatung zu gehen, sei der Weg dahin dann nur noch kurz gewesen – und gewissermaßen folgerichtig. „Es lief alles darauf zu – ein Schlüsselmoment gab es nicht“, sagt er. Es habe sich darum auch nicht wie ein Schnitt in seinem beruflichen Werdegang angefühlt. Den hätte er sich wohl auch nicht zugetraut. „Es ist Teil meiner DNA als Lehrer, dass ich Sicherheit brauche.“ Weil er das Risiko scheut, würde er auch bis heute keine Leute einstellen, sondern arbeite mit einem Netzwerk an Referentinnen und Referenten.

Zu wenig Anerkennung als Lehrer

Und doch ist er bis heute froh über den Berufswechsel und den Schritt in die Selbstständigkeit: „Ich brauche die kreative Arbeit und die planerische Freiheit“, sagt er. Beides habe er als Lehrer vermisst. „Die Schule kam mir oft wie ein Korsett vor.“ Und bei seinen Vorträgen, Beratungen und Fortbildungsveranstaltungen bekomme er auch viel mehr Anerkennung als bei seiner Arbeit in der Schule.

Heute sieht seine Arbeitswoche nie gleich aus. Vor Corona war Andreas Hofmann die ganze Woche über in Deutschland unterwegs. In der Corona-Zeit verlagerte sich seine „mobile Schule“ dann ganz ins Digitale. Heute bietet er weiterhin viele Fortbildungsformate digital an, organisiert aber auch Tagungen wieder vor Ort.

Mit Vollgas geht es nicht – da machen viele gleich das Rollo runter.

Und er ist auch weiterhin noch viel an Schulen. Dabei profitiert er davon, Lehrer gewesen zu sein. „Weil ich selbst Pädagoge bin, werde ich von den Lehrkräften ganz anders betrachtet und habe mehr Glaubwürdigkeit“, so seine Erfahrung. Und er weiß, wie Kollegien ticken, worauf es ankommt, damit Digitalisierungsprozesse an Schulen gelingen. „Da habe ich selbst in meiner Zeit an der Waldschule Hatten viele Fehler gemacht“, glaubt er heute, vor allem, was das Tempo anbelangt: „Mit Vollgas geht es nicht – da machen viele gleich das Rollo runter.“

Debatte über Digitalisierung nicht Ed-Tech-Unternehmen überlassen

Heute sei er viel vorsichtiger und findet es besser, einen Gang zurückzuschalten, sonst könne es nicht gelingen, alle Kolleginnen und Kollegen auf dem Weg mitzunehmen. Und auch mit den Ängsten der Lehrkräfte setzt er sich heute stärker auseinander, als er es früher an seiner Schule gemacht hat. Man müsse diese Ängste wahrnehmen und ernst nehmen, sonst würden sie noch größer werden.

Und auch noch aus einem anderen Grund hält er es für wichtig, dass mehr Pädagoginnen und Pädagogen die Fortbildung rund um die Digitalisierung an Schulen gestalten: „Schulen dürfen die Diskussion über die Digitalisierung nicht aus der Hand geben und Ed-Tech-Unternehmen überlassen.“ Die Debatte werde schnell viel zu technologisch geführt, dabei müsse das Thema vor allem auf der pädagogischen Ebene bearbeitet werden. Hofmann sieht die größte Herausforderung im Digitalisierungsprozess darin, wie sich der Unterricht durch den Einsatz digitaler Medien weiterentwickeln und verbessern könne.

Arbeit mit Schülerinnen und Schülern vermisst Andreas Hofmann schon

Hofmanns Ziel ist es, die Schulen mit Unterstützung seiner Fortbildungen selbst zu befähigen, den Digitalisierungsprozess abgestimmt auf die jeweiligen Strukturen und Bedürfnisse zu gestalten und weiterzuentwickeln. Dazu sollte es in jedem Kollegium Personen geben, die dafür geschult sind. Ein Stück weit versteht er seine Arbeit daher auch als Hilfe zur Selbsthilfe.

Und wenn alle Schulen so weit sind – kann er selbst sich vorstellen, irgendwann wieder als Lehrer zurück an die Schule zu gehen? Die Antwort kommt prompt: „Nein, ich sehe mich nicht mehr in diesem System. Das ist alles so defizitär und so wenig nachhaltig. Da schreibt man an einem Konzept, und es landet doch wieder in der Tonne.“ Aber das Klassenzimmer, die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern, die Begleitung ihrer Entwicklung für einige Jahre – das alles vermisse er schon manchmal.

Drei Hinweise für den Berufswechsel

Wenn jemand Andreas Hofmann fragen würde, auf welche Punkte es ankomme, damit der Berufswechsel gelingt, hat er vor allem drei Hinweise:

  • Finanzielle Planung: Damit aus einer Idee ein Unternehmen wird, brauche man realistische Zahlen. „Das ist unromantisch, aber wichtig.“
  • Netzwerkarbeit: Ganz allein sollte man sich nicht auf den Weg machen, sondern sich unbedingt mit anderen Menschen vernetzen und austauschen.
  • Zuversicht: „Wir Pädagoginnen und Pädagogen können so viele Dinge und haben so viele Kompetenzen – allein, was den Umgang mit Menschen anbelangt –, das wird überall gebraucht“, ist Andreas Hofmann überzeugt. Er will zwar angesichts des enormen Lehrermangels niemanden dazu verleiten, den Lehrerberuf zu verlassen, aber wenn der Leidensdruck groß sei, gebe es auf jeden Fall Alternativen.