Corona-Krise : Am seidenen Faden

Viele Gruppen streiten, wer unter der Corona-Krise mehr leidet. Arme Kinder streiten nicht mit. Wie auch? Ob sie unterstützt wurden, hing in der Pandemie von Glück und Zufall ab.

Dieser Artikel erschien am 06.01.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Junge in einem Neubaugebiet
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Als Kind ist Laura Krömer häufiger in den Urlaub nach Nordafrika gefahren. Ägypten und Tunesien seien bis heute ihre beiden Lieblings-Reiseziele. Zum Begriff Kinderarmut, der sie vor zwei Jahrzehnten zum ersten Mal zum wissenschaftlichen Forschungsobjekt gemacht hat, will das nicht recht passen – auch Krömer sieht das so. Vor allem ein Besuch in einem tunesischen Dorf habe ihren Blick geschärft. “Im Vergleich zu den Menschen in diesem Dorf waren wir reich. So war immer meine Sicht”, schreibt sie in einer Whatsapp-Nachricht fünf Tage vor Weihnachten.

Eigentlich hatte es in diesem Jahr ein Treffen geben sollen. Im Februar stand eine Verabredung für Ende März an. Doch dann kam die Pandemie. “Es hat mich nun auch voll mit der Grippe erwischt”, schrieb die junge Frau aus Schwerin zwei Tage nach den Schulschließungen im März. Krömer hatte als Sechsjährige an einer Befragung des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt teilgenommen, der AWO-Studie zur Kinderarmut. Durch die Untersuchung kam eine neue Perspektive auf das Thema hinzu. Armut sei nicht nur ein finanzielles Phänomen, sie wirke sich auf verschiedene Lebenslagen aus: die Grundversorgung, die Gesundheit, die kulturelle und die soziale Lage. Das unterlegte die AWO-ISS-Studie mit Zahlen.

Während in den Vereinigten Staaten zu solchen sozioökonomischen Fragen schon vor Jahrzehnten Ergebnisse aus Längsschnittstudien veröffentlicht wurden, fehlte hierzulande eine Langzeitbetrachtung. Ohne dass dies beabsichtigt war, entwickelte sich die Studie des Frankfurter Instituts über die Jahre dazu. Mit 893 Kita-Kindern im Alter von sechs Jahren, von denen rund ein Viertel in relativer Armut aufwuchs, begann sie. Im Alter von 8, 10, 16/17 und 25 Jahren wurden Teilmengen der Probanden wieder befragt – die Altersstufen wurden so gewählt, dass sich Aussagen über die wichtigen Übergänge im Leben treffen lassen. Damit ist sie zur einzigen Langzeitstudie über Kinderarmut geworden, die deren Folgen bis ins Erwachsenenalter nachzeichnen kann. Und sie ist eine wertvolle Grundlage auch für die Frage, wie sich Corona auf arme Familien ausgewirkt hat.

Laura Krömer war von Anfang an bei der Langzeiterhebung dabei. Sie ist heute 28 Jahre alt, hat lange braune Haare und ist Mutter einer fünf Jahre alten Tochter. Sie lebt in einer Dreizimmerwohnung in einem Hochhaus im Stadtteil Dreesch – viele Sozialhilfeempfänger, leicht überdurchschnittlicher Migrationsanteil. “Wenn ich mich jedoch zwischen den Stadtteilen hier in Schwerin entscheiden müsste, wäre es der Dreesch. Egal, welchen Ruf er hat”, sagt sie. Mit dem Vater ihrer Tochter ist sie weiterhin liiert, lebt aber nicht mit ihm zusammen. Es geht geordneter als in ihrer Ursprungsfamilie zu, Mutter und Vater hatten jeweils Kinder in die Ehe mitgebracht. Nur Laura Krömer und ihr Bruder hatten dieselben Eltern. Krömer ist nach einem Bandscheibenvorfall berufsunfähig. Ihre Ausbildung zur Pflegerin musste sie abbrechen, zuletzt hat sie als Pflegehelferin gearbeitet. Ihre Schulbiographie hatte Höhen und Tiefen. Nach einem Schulverweis machte sie den Realschulabschluss an der Volkshochschule. Ärztin konnte sie so nicht werden. “Mein Abi hätte ich auf der Abendschule machen müssen. Das konnten sich meine Eltern nicht leisten. Der Traumjob war geplatzt”, schreibt sie in einem Whatsapp-Chat, der die Begegnung in Schwerin ersetzen soll und mit einem kurzen Videoanruf endet.

Kinderarmut in Deutschland sei kein unentrinnbares Schicksal, sagt Irina Volf vom Frankfurter Institut. “Aber die Chance auf ein Leben im Wohlergehen ist für arme Kinder nur halb so groß wie bei nicht armen”, fasst sie eines der Ergebnisse der Studie zusammen. Mehr als ein Drittel der Kinder, die in Armut aufwuchsen, waren multipel depriviert – sie hatten also Beeinträchtigungen in allen vier relevanten Lebenslagen.

Um die Situation der Betroffenen im Erwachsenenalter zu vergleichen, hat sie anhand der Kriterien beruflicher Abschluss, eigene Wohnung, Arbeit, feste Partnerschaft und eigene Kinder vier Personengruppen gebildet. Von allen befragten armen und nicht armen Probanden zählten zwei Drittel zu den Verselbständigten. Das restliche Drittel teilte sich auf die Nesthocker, die Spätzünder und die jungen Eltern auf. Laura Krömer zählt als junge Mutter somit zu einer Minderheit. “Ich bin erst am Ende der Schwangerschaft ausgezogen. Schwierig war die erste Zeit alleine in meiner Wohnung. Kaum Möbel drin, mein Partner in der Woche auslegen, mein Vater krebskrank”, erzählt sie im Whatsapp-Chat.

Wer im Jugendalter von Armut betroffen war, hatte deutlich geringere Chancen, in der sozial stabilen Gruppe der Verselbständigten zu enden. Gleichwohl habe sich das Bild von Jugendlichen, die als Berufswunsch “Hartzer” angeben oder die in einer “Sozialhilfedynastie” verblieben, als Klischee erwiesen. “Solche Jugendlichen brauchen eine bessere Unterstützung beim Übergang – zum Beispiel, wie sie einen Ausbildungsplatz finden”, sagt Volf, die aus Kirgistan stammt. Nach ihrem Umzug nach Deutschland hat sie selbst Armutserfahrungen gemacht. Junge Eltern legten es darauf an, Kindern eine bessere Situation zu ermöglichen.

Für Laura Krömer war die Corona-Phase keine allzu große Belastung. Ihre Tochter ging längere Zeit in die Kita. Als die Ausgangsbeschränkungen begannen, konnte sie sich als Arbeitsunfähige recht gut um sie kümmern. Im Sommer wird die Tochter eingeschult. Krömer und ihr Partner haben sich viele Gedanken gemacht und Schlüsse aus ihrer eigenen unerfreulichen Schulkarriere gezogen. “Eine Lehre war es, mein Kind auf einer Privatschule anzumelden”, sagt sie. Die Kinderzahl sei dort geringer als in staatlichen Schulen. Nach Schulschluss wolle sie für ihre Tochter da sein. “Gemeinsam Hausaufgaben erledigen, Gespräche über den Tag führen, dass sie ohne Hektik und Stress den Tag ausklingen lassen kann”, schreibt sie. Eltern und Lehrer müssten Hand in Hand arbeiten, um Kindern gute Bildungschancen zu eröffnen.

Blickt man auf die Situation ärmerer Haushalte insgesamt, haben diese aber unter der Pandemie besonders stark gelitten. Eine Debatte darüber finde indes so gut wie nicht statt, kritisiert Gerda Holz, eine Kollegin von Irina Volf am ISS. Einer Streitschrift gab sie im Oktober den Titel “Corona-Chronik – Gruppenbild ohne (arme) Kinder”. Einzelne gesellschaftliche Gruppen seien in den Fokus gerückt. “Die Perspektive der Kinder und Jugendlichen – insbesondere der armutsbetroffenen – fehlt fast komplett”, schreibt sie mit ihrer Koautorin Antje Richter-Kornweitz von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen.

Die wenigen Untersuchungen aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, die es zur Pandemie gebe, zeigten: “Betroffen sind vermehrt Mädchen und Jungen aus sozial benachteiligten Familien, denen finanzielle Ressourcen und genügend großer Wohnraum fehlen”, schreiben die beiden Armuts-Forscherinnen. Geschlossene Kitas hätten für längere Zeit den üblichen Eintritt in die Gesellschaft verwehrt. Arme Schulkinder seien auf ihr Milieu zurückgeworfen worden und hätten dadurch stärker denn je Bildungsbenachteiligungen erlebt. Die Mittel für digitale Hardware seien ihnen nicht zugutegekommen. “Es fehlt das kostenlose Mittagessen in Kitas, Schulen und Horten. Es findet keine Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag statt”, heißt es in der Streitschrift. Der Internetzugang sei weggefallen – so wie Freizeitangebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Einen genaueren Einblick in dieses Themenfeld erlaubt ein gedanklicher Ausflug in den Aachener Stadtteil Driescher Hof – auch hier war ein physischer Besuch im Dezember leider nicht möglich. Die Kinderarmutsquote gemessen an der Quote der Kinder, die von Sozialgeld leben, liegt hier bei 43 Prozent – doppelt so hoch wie insgesamt in der Stadt. Eine Kinder- und Jugendeinrichtung kämpft dort für die vielen armen Familien des Viertels. Seit eineinhalb Jahrzehnten bemüht sich Sandra Jansen darum, Minderjährigen mit einem anregenden Freizeitprogramm interessante Perspektiven aufs Leben zu eröffnen. Seit 2006 leitet sie die Einrichtung D-Hof für Kinder und Jugendliche. Kurz darauf nahm diese auch die Ganztagsarbeit an einer Grundschule auf. 300 Kinder und Jugendliche sehen sie und ihre Mitarbeiter täglich.

In der Pandemie musste auch der D-Hof seine Pforten schließen. Im März lautete deshalb die Devise, trotz Schließung und Homeschooling so viele jüngere Kinder wie möglich zu sehen. Jansen sorgte sich um das Kindeswohl, weil es unter Stress und in beengten Verhältnissen noch leichter zu Übergriffen kommt. Der D-Hof, dessen Träger ein Verein ist, übersetzte Informationen in viele Sprachen und hängte sie aus, kommunizierte mit den Familien über soziale Netzwerke. So erfuhren einige Familien erstmals, dass keine Pflicht bestand, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Auf Youtube, Instagram und Facebook machte das Team Freizeitangebote, die ansonsten in der Einrichtung stattfinden: Basteltüten mit Anleitungen, Breakdance-Training mit Coach, Vorlesen und Yoga per Video. Nie habe es von Familien so viel Rückmeldung gegeben wie in diesem Jahr. “Ich mache das jetzt schon viele Jahre und bin durchaus selbstbewusst, was unsere Arbeit angeht”, sagt Jansen. “Aber in diesem Jahr ist mir in anderer Form deutlich geworden, welche Rolle wir für die Familien spielen.”

Mit fortlaufender Dauer der Pandemie zeigte sich, wie Dankbarkeit der angesprochenen Familien wuchs – aber auch, welche Lücken gerissen wurden, weil andere Einrichtungen geschlossen waren – Tafeln, Kleiderkammer, kirchliche Essensausgabe. Eltern gestanden ein, dass ihre Kinder kein passendes Schuhwerk für die Jahreszeit hatten. Doch es fehlte Geld, es zu kaufen. Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern flehte, das Jugendamt anzurufen und ihre Familienhilfe wieder zu ihr zu schicken. Eine dritte Frau hatte nicht mitbekommen, dass die Lebensmittelausgabe der Kirche gestoppt worden war. Von da an packten sie am D-Hof jeden Tag Lebensmitteltaschen. Wo sonst Kinder von 8 bis 18 Uhr betreut werden und vom Frühstück über Obst bis zum Nachmittagssnack so versorgt werden, dass sie abends satt nach Hause gehen, mussten nun Familien für alles sorgen.

Irgendwann wurde daraus ein pädagogisches Projekt. “Es musste klar sein, dass es ein pädagogisches Angebot für Kinder und Jugendliche ist”, sagt Jansen. “Wir mussten es so gestalten, dass sie es nicht als Almosen empfinden.” Sechzehn Wochen lang packten ihre Mitarbeiter Kochtüten. Dazu gab es Anleitungen. Die Eltern bekamen auf diese Weise Struktur in ihre Tage, Kinder konnten ihnen zeigen, was sie in der Einrichtung gelernt hatten. Am ersten Tag gingen 35 Tüten weg, später waren es täglich 85. Zum Ende der Ausgangsbeschränkungen hatte der D-Hof 5600 Tüten zu je 7,50 Euro ausgegeben – finanziert durch Spenden und Projektgelder. Es war ein Gesundheitsprojekt und eine Entlastung für die Familien.

Und immerhin: Obwohl sie kaum mit den Kindern sprechen konnten, ob Dinge in der Familie schiefliefen, hatten die Erzieher nun einmal am Tag Gelegenheit, nachzufragen. Doch im Vergleich zu Zeiten außerhalb der Pandemie, wenn 100 Kinder und Jugendliche am Tag die Einrichtung besuchen, ließen sich über das Kindeswohl allenfalls Mutmaßungen anstellen. Es gab auch keine andere Einrichtung, die mehr Erkenntnisse verschaffte. “Das zeigt, wie sehr alles am seidenen Faden hängt”, sagt Jansen. Ob es im Stadtteil eine Einrichtung gebe, die sich engagiere, sei vom Glück abhängig. “Es gibt nach wie vor keine systematische Beschäftigung mit Kinderarmut”, kritisiert sie.

Das führt zurück auf die Streitschrift der Kinderarmuts-Fachleute Holz und Richter-Kornweitz. Auf deren letzter Seite stellen die Autorinnen Fragen, die sie für unbeantwortet halten: Warum werde soziale Infrastruktur nicht als systemrelevant eingestuft, warum seien Vertreter der Kinderperspektive nicht in Krisenstäben vertreten, warum dürften arme Kinder nicht zuerst in Kitas zurück, und wann erhielten Kommunen Finanzmittel, um Präventionsketten von der Geburt bis zum Berufseinstieg zu schaffen?

Was Forscher fordern, um die Kinderarmut zu bewältigen, ist seit langem unverändert: Teilhabe an Bildung als Schutzfaktor, die soziale Infrastruktur besser verzahnen und präventiv ausrichten und eine Kindergrundsicherung etwa. Die seit zwei Jahrzehnten laufende Studie zur Kinderarmut sei zum Teil ermutigend, sagt ihre Koautorin Irina Volf. “Viele haben die Einstellung, sich ein besseres Leben zu wünschen und anzustreben. Sie nehmen nicht die Opferrolle an, sondern versuchen etwas.” Auf die Frage, was sie mit 500 Euro anfangen würden, antworteten viele Teilnehmer mit Armutserfahrung, sie würden sparen – oder ihrem Kind ein schönes Kleid kaufen. Menschen ohne Armutserfahrung dagegen hätten Konzerttickets oder einen Städtetrip genannt. “Hier wird ein klarer Unterschied in den Bedürfnissen sichtbar”, sagt Volf.

Für Laura Krömer in Schwerin ist die Berufsbiographie mit Ende zwanzig erst einmal gebrochen. Der Antrag auf Schwerbehinderung ist eingereicht, als Nächstes kommt ein Antrag auf Berufsunfähigkeitsrente. Bevor sie arbeitsunfähig war, hat sie das Jobcenter als stressig erlebt, weil immer der Druck bestand, irgendeine Stelle anzunehmen. “Wenn ich nichts zu essen habe, ist es nicht egal, doch nicht so schlimm”, schreibt sie. “Doch ich habe eine Tochter, und da sitzt immer die Angst im Nacken.” Einziger Punkt auf ihrer To-do-Liste fürs kommende Jahr sei die Einschulung. “Pläne habe ich grundsätzlich nie. Alles, was ich mir vornehme, klappt dann eh nicht. Deshalb nehme ich es so, wie es kommt”, sagt sie. Kinderarmut wird eines Tages erwachsen, ein leichter Weg ist das nie.