Konzept

Digitales Lernen in der Primarstufe : Maßgeschneiderte Lern-App für Grundschulkinder

Wie lassen sich Kinder erreichen, wenn sie nicht mehr in die Schule kommen können? Und wie lassen sie sich in der Schule erreichen, wenn sie den rein analogen Unterricht nicht mehr relevant genug finden, weil er nicht an ihre Lebenswirklichkeit außerhalb von Schule anknüpft? Die Offene Ganztagsgrundschule (OGS) Heiligenhaus in Nordrhein-Westfalen hat zunächst aus der Not heraus eine Lösung für die erste Frage gefunden. Anschließend wurde diese Idee strategisch weiterentwickelt. Auf diese Weise ist die App „#digiclass“ entstanden, die jetzt auch gute Antworten auf die zweite Frage liefert. Inzwischen arbeiten bereits weitere Grund- und Förderschulklassen in mehreren Bundesländern damit.

03. Mai 2021 Aktualisiert am 18. Mai 2021
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Das Konzept

Mit der Schulschließung aufgrund der Corona-Pandemie hat sich die Offene Ganztagsgrundschule (OGS) Heiligenhaus auf ein Experiment eingelassen: Sie hat die Beteiligungs-App „#stadtsache“ spontan eingesetzt – als Unterrichtswerkzeug und um mit den Kindern in Kontakt zu bleiben. Federführend war die Medienpädagogin der Schule, Anne Lachmuth, die mit #stadtsache bereits mehrere Beteiligungsprojekte an der Schule durchgeführt hatte, beispielsweise um die Schülerinnen und Schüler bei der Planung des Schulneubaus einzubeziehen. Aufgrund dieser guten Erfahrungen entschloss sich die Schule kurzerhand, die App für das Lernen auf Distanz umzunutzen und gemeinsam mit dem Entwicklerteam als Unterrichtstool weiterzuentwickeln.

Was sind die Vorzüge der eigenen App?

Die App bietet fünf entscheidende Vorteile gegenüber anderen Lernplattformen:

  1. Sie ist einfach zu bedienen. Schon Kita-Kinder arbeiten damit. Und sie ist barrierearm. Lernende aller Altersstufen, die noch nicht lesen können oder sehbehindert sind, können sich die Inhalte anhören. Und durch das Erstellen von Videos lassen sich Lernschritte, Lerninhalte und auch Gebärden darstellen.
  2. Die App ist datensicher und kompatibel mit jedem Smartphone. Das war wichtig, denn die meisten Grundschulkinder sind zu Hause nicht mit einem eigenen digitalen Endgerät ausgestattet. Die App können sie mit dem Smartphone der Eltern oder mit einem ausrangierten Smartphone ohne SIM-Karte nutzen.
  3. Die App ist beim Start leer und stellt auf diese Weise die Lernbeziehung in den Mittelpunkt: Die Aufgaben können von den Lehrkräften maßgeschneidert und persönlich mit multimedialen Mitteln erstellt und damit den individuellen Bedürfnissen jeder Lerngruppe angepasst werden.
  4. Die Kinder werden zu bewussten Medienproduzentinnen und Medienproduzenten, die altersgerecht und auf ihre eigene Weise kreativ werden können. Dabei lernen sie das Tool als Werkzeug zum Forschen und Kommunizieren kennen.
  5. Die App bietet Schülerinnen und Schülern eine Lernwelt, die die Grenzen realer Klassenzimmer auflöst. Denn sie kann die Kinder zu allen Orten begleiten, wo Lernen stattfindet – zum Beispiel in die Küche zu Hause, an den Brunnen auf dem Dorfplatz oder in den Wald. Außerdem ermöglicht sie, dass von überallher zusammengearbeitet werden kann. So können beispielsweise auch externe Expertinnen und Experten aus Kultur, Wissenschaft und Forschung in den digitalen Lernraum eingebunden werden.

Wie wird die App genutzt?

Seit der ersten Woche Fernunterricht im März 2020 besitzt jede Klasse in der App ihren eigenen virtuellen Klassenraum, in dem die Kinder untereinander und mit ihrer Klassenlehrerin oder mit ihrem Klassenlehrer in Kontakt stehen.

Von Montag bis Freitag finden sie dort die tagesaktuelle Begrüßung ihrer Lehrkraft und multimediale Aufgaben mit Erklärvideos und Lösungsbeispielen. Im Fokus jeder Aufgabe steht immer eine „echte“ analoge Handlung. Das können Rechengeschichten sein, Lese- und Sprachaufgaben oder eine Tanzchoreografie des Sportlehrers als Video mit der Aufforderung: „Und jetzt du!“ Die Schülerinnen und Schüler können aus dem Aufgaben-Angebot frei wählen und haben die Woche über Zeit, ihre Ergebnisse per Foto, Video oder Audiodatei einzustellen. Die Kommentare und Rückmeldungen der Lehrkräfte und der Dialog zwischen ihnen und den Kindern sowie zwischen den Kindern untereinander sind ebenfalls multimedial.

Seit September 2020 ist die App „#digiclass“ zum regulären Unterrichtstool geworden. Sie hat sich bei allen Unterrichtsszenarien als wertvolle Ergänzung der anderen Angebote herausgestellt. In Phasen des Distanzunterrichts und beim hybriden Wechselunterricht liegt der Schwerpunkt darin, den Kindern über die App „mit Stimme und Gesicht“ zu begegnen, um sie auf vertraute Weise zu begleiten. Außerdem können die Kinder in der Lernzeit zu Hause sowohl den passenden Zeitpunkt wie die für sie passende Aufgabe in der App selbst wählen – so wie sie es aus der Schule kennen. Die Freiheit, zeitversetzt und selbstbestimmt zu arbeiten, kommt auch den Familien generell zugute und entlastet alle Beteiligten.

Im Präsenzunterricht nutzen die Kinder die App für ihre selbstständige Arbeit, beispielsweise zum Forschen und Dokumentieren. Auch für die Lehrer und Lehrerinnen hat das asynchrone Arbeiten Vorteile, denn die App erlaubt ihnen, sich ein Stück weit zu „multiplizieren“, indem sich Kinder beispielsweise eingestellte Erklärungen mehrfach anhören können oder Ergebnisse dokumentieren, die in der Unterrichtszeit nicht alle gewürdigt werden könnten.

Wie funktioniert Beteiligung über die App?

Zusätzlich zur Bearbeitung der Unterrichtsthemen dient die Plattform auch als digitales „Schwarzes Brett“ und als schulinternes Messenger-Tool, um Wichtiges und Unterhaltsames auszutauschen. Neben den Rubriken „Infos“, „Musikwünsche“ für das Schulradio „Morgenmuffel“ oder „Buchtipps“ für Mitschüler und Mitschülerinnen aus der Schulbücherei können auch Umfragen durchgeführt werden, um die Kinder an Entscheidungen zu beteiligen. Das Messenger-Tool wird außerdem zur Produktion von Schulradiosendungen genutzt.
Der Schwerpunkt Partizipation bildet sich auch in den Lernräumen ab. Die Kinder wünschen sich zum Beispiel eine Art „Freundebuch“ in der App, um sich gegenseitig in der Klasse besser kennenzulernen. Zu diesem Zweck wird aktuell ein spezieller Kinder-Raum in der App eingerichtet – den die Schüler und Schülerinnen so weit wie möglich selbstständig planen und betreuen.

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Präsentation des Konzepts beim Digitalen Impuls der Deutschen Schulakademie

Die Offene Ganztagsgrundschule Heiligenhaus ist für den Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial nominiert. Mit dem Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial zeichnen die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung zukunftsweisende Konzepte aus, die Schulen in der Corona-Krise entwickelt oder weiterentwickelt haben und die das Potenzial haben, das Lernen und Lehren langfristig zu verbessern. Alle Konzepte der Bewerberschulen sehen Sie hier.