Konzept

Selbstwirksamkeit : Mit der „Schmetterlingspädagogik“ zum Lernprofi

Auch wenn die Schulschließungen 2020 für alle überraschend kamen, war die Alemannenschule Wutöschingen gut vorbereitet auf das Homeschooling. Schon vor den Schulschließungen haben die Schülerinnen und Schüler an der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg ihr Lernen weitestgehend selbst organisiert und zum Teil auch das eigene Zuhause zum Lernort gemacht. Die Arbeit mit iPads, digitalen Unterrichtsmaterialien und der schuleigenen Lernplattform ist für alle selbstverständlich. Die Schule hat die Pandemie nun dazu genutzt, ihr digital gestütztes Lernkonzept weiterzuentwickeln. Hervorgegangen ist daraus die „Schmetterlingspädagogik“.

19. April 2021
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Das Konzept

An der Alemannenschule Wutöschingen ist alles etwas anders: Es gibt keine Klassenräume, Stundenpläne und Schulbücher, dafür einzelne Arbeitsplätze in großen Lernlandschaften, Tablets für alle und neue schulinterne Begriffe wie „Schmetterlingspädagogik“ oder „DiLer“. Die Lehrerinnen und Lehrer sind hier Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter, die Schülerinnen und Schüler nennen sich Lernpartnerinnen und Lernpartner.

Die Kinder und Jugendlichen waren es schon vor der Corona-Pandemie gewohnt, weitestgehend selbstorganisiert zu lernen. Sie wählen selbst, mit welchen Themen sie sich wann, wie lange und in welcher Form und auf welchem Niveau beschäftigen. Sie können dabei auch selbst entscheiden, welche Materialien und Unterstützungsangebote sie dafür nutzen.

Die Schmetterlinge symbolisieren die Kompetenzen, die von den Lernpartnern nachgewiesen werden und so ihr schulischen Leben bunter machen.
Stefan Ruppaner, Schulleiter

Als die Schule im März 2020 von einem auf den anderen Tag schließen musste, konnten die Kinder und Jugendlichen ohne wesentlichen Einbruch ihren Lernprozess fortsetzen. Möglich war das durch die sogenannte „Schmetterlingspädagogik“, die die Schule in der Corona-Pandemie entwickelt hat. Sie besteht aus den beiden Flügelseiten „Selbstorganisiertes Lernen“ und „Lernen durch Erleben“. „Die Schmetterlinge symbolisieren die Kompetenzen, die von den Lernpartnern nachgewiesen werden und so ihr schulisches Leben bunter machen“, erklärt Schulleiter Stefan Ruppaner.

Selbstorganisiertes Lernen umfasst alle Elemente, die eigenständiges Lernen ermöglichen. Zentral sind dabei die Kompetenzraster, die es für jedes Fach gibt und die in verschiedene Teilstufen untergliedert sind. In Deutsch zum Beispiel gehören dazu Lesen, Sprechen, Literatur, Sprachwissen oder Präsentieren. Für jedes Kompetenzraster gibt es einen Mindest-, Regel- und Expertenstandard. Zum Erarbeiten der Kompetenzen stehen den Schülerinnen und Schülern verschiedene Materialien und digitale Anwendungen zur Verfügung. Über Stempelkarten können sie ihren Lernerfolg Schritt für Schritt nachvollziehen.

Statt Klassenarbeiten können Schülerinnen und Schüler Gelingensnachweise machen

Wenn sie eine Kompetenz erarbeitet haben, können sie zu einem selbst gewählten Zeitpunkt einen Gelingensnachweis machen und sich dem nächsten Kompetenzbereich widmen. So entwickeln sie sich im Laufe ihrer Schullaufbahn vom Starter zum Lernprofi. Die Lernfortschritte und -ziele besprechen sie in den dafür vorgesehenen Coaching-Terminen mit ihren Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern. Während der Pandemie fanden diese Besprechungen per Video statt.

Die zweite Seite des Schmetterlings, Lernen durch Erleben, bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen an verschiedenen Lernorten durch Handeln und Forschen Lernerfahrungen machen. Das können sie zum Beispiel bei Exkursionen in die Natur oder auch in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Kooperationspartnern der Schule. So ist das Lernen nicht auf die Alemannenschule als Ort beschränkt, sondern die ganze Gemeinde Wutöschingen kann zum „Lerndorf“ werden. Lernorte, wo es etwas zu entdecken und erleben gibt, können zum Beispiel auch das Rathaus, das Altenpflegeheim oder ein nahegelegener Bauernhof sein. In der Corona-Zeit wurde auch die unmittelbare schulische und häusliche Umgebung der Kinder zu einem Ort für Lernen durch Erleben. So haben Kinder und Jugendliche den eigenen Schulgarten saniert. Außerdem konnten sie sich an einem Fotowettbewerb der Schule beteiligen und selbst Lernmaterialien in der Pandemie entwickeln.

Die zentrale Schnittstelle für beide Seiten des Schmetterlings ist die digitale Plattform „DiLer“, auf der die Schülerinnen und Schüler alle Lernmaterialien und digitalen Hilfsmittel finden.

Schülerinnen und Schüler haben in der Pandemie selbst Lernvideos produziert

Damit das Lernen zu Hause noch besser gelingt, haben die Schülerinnen und Schüler selbst Lernmaterialien erstellt und hochgeladen. So hat die Schule die Plattform „DiLer“ durch die zusätzliche Materialsammlung „DiLerTube“ ergänzt. Hier konnten die Kinder und Jugendlichen selbstproduzierte Lernvideos, Filme oder Podcasts hinterlegen. Erstellt haben sie sie in einem eigens dafür geschaffenen „medialab“. In diesem Labor standen ihnen zum einen die nötigen Tools und Hilfsmittel zur Verfügung, zum anderen bekamen sie hier Unterstützung bei der Produktion durch die Lehrkräfte. Die Erstellung der Erklärvideos und anderer Lernmaterialien ist auch ein Beispiel für die Schmetterlingspädagogik. Hier wenden die Schülerinnen und Schüler zugleich die von ihnen erlernten digitalen und fachlichen Kompetenzen an und werden selbst zu Gestalterinnen und Gestaltern.

Nominierung Deutscher Schulpreis 20I21

Die Alemannenschule Wutöschingen ist für den Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial nominiert. Mit dem Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial zeichnen die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung zukunftsweisende Konzepte aus, die Schulen in der Corona-Krise entwickelt oder weiterentwickelt haben und die das Potenzial haben, das Lernen und Lehren langfristig zu verbessern. Alle Konzepte der Bewerberschulen sehen Sie hier.