Kolumne

Corona-Pandemie : Wie geht Schulpflicht ohne Anwesenheitspflicht?

Die Schulpflicht in Deutschland gilt auch während der Pandemie. Aber fast zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik war sie in den vergangen Wochen und Monaten nicht durchgehend mit einer Anwesenheitspflicht verbunden. Und auch in Zukunft wird es vermutlich Phasen des Distanzlernens geben. Was heißt das für die Schülerinnen und Schüler? Und wie können die Lehrkräfte sicherstellen, dass die Kinder und Jugendlichen zu Hause wirklich lernen und nicht einfach abtauchen? Die Hamburger Lehrerin Ulrike Ammermann plädiert für einen Bildungsvertrag mit jeder einzelnen Schülerin und jedem einzelnen Schüler.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann / 02. September 2020
Zwei Mädchen liegen im Gras und schauen auf ihr Smartphone
Wie finden wir heraus, wer sich während des Fernunterrichts der Schulpflicht entzieht?
©Getty Images

Schulpflicht in Deutschland bedeutet, vereinfacht gesagt, dass Kinder zwischen 6 und 16 Jahren wochentäglich in die Schule gehen müssen. Ausnahmen werden im Krankheitsfall gemacht. Nimmt ein Kind diese Ausnahme auffällig oft in Anspruch, kann die Schule ihm eine Attestpflicht auferlegen. Dann muss dieses Kind ein ärztliches Attest vorlegen, wenn es dem Unterricht fernbleibt. Sie sehen, wir meinen das ernst mit der Schulpflicht in Deutschland. Dann kam die Corona-Pandemie, und wir alle mussten in ganz neuer Dringlichkeit darüber nachdenken, wie ernst wir das das mit der Schulpflicht nehmen.

Nicht immer war die Teilnahme am digitalen Unterricht verpflichtend

„Das ist neu, das ist neu. Hurra, hurra, die Schule brennt“, sangen einst „Extrabreit“ auf der Neuen Deutschen Welle. Neu war im vergangenen Schuljahr so einiges. Und so ähnlich wie bei einem Brand fiel die Schule wochenlang aus. Halt, nicht ganz: Unterrichten wollten wir unsere Kinder und Jugendliche trotzdem. Sie sollten nicht wichtige Lebenszeit verlieren. Also haben die Lehrerinnen und Lehrer schriftliche und digitale Unterrichtsmaterialien erstellt, Unterricht per Videokonferenz und Einzeltelefonate angeboten.

Aus Gründen der Fairness können wir nicht erwarten, dass unsere Schülerinnen und Schüler sich alle mit dem eigenen Laptop in die Videokonferenz der Mathelehrerin einloggen.

Nicht immer war die Teilnahme verpflichtend. Das ging auch gar nicht anders. Aus Gründen der Fairness können wir nicht erwarten, dass unsere Schülerinnen und Schüler sich alle mit dem eigenen Laptop in die Videokonferenz der Mathelehrerin einloggen. Leider haben nämlich gar nicht alle einen eigenen Computer, nicht in allen Elternhäusern gibt es stabiles WLAN, das die nötigen Datenmengen überträgt, und längst nicht jedes Kind hat einen eigenen Schreibtisch, um ungestört daran arbeiten zu können. Wir brauchten also individuelle Lösungen.

Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Das gilt für alle Kinder – für Kinder, deren Eltern in einem systemrelevanten Bereich arbeiten, genauso wie für Kinder, deren Eltern sie in schulischen Belangen nicht unterstützen können oder wollen. Dafür gibt es viele Gründe. Die Familie von Lela zum Beispiel lebt in einem Flüchtlingsheim, ihre Eltern sprechen kaum Deutsch. Die Mutter einer anderen Schülerin ist drogensüchtig und kaum in der Lage, ihrem Kind einen geregelten Alltag zu bieten. Schule war für Alina* bisher ein Anker in ihrem Leben. Etwas, das verlässlich jeden Tag stattfand. Deshalb hatten die Schulen für einige Kinder immer geöffnet.

Manche Menschen waren vom Erdboden verschwunden

Zum Recht auf Bildung gehört in Deutschland zwangsläufig auch die Schulpflicht. Die gab es auch während des Shutdown. Nur: Wie finden wir heraus, wer sich der Schulpflicht entzieht? Und: Was machen wir dann genau?

Die meisten meiner Schülerinnen und Schüler sind gut mit ihren schulischen Verpflichtungen klargekommen. Wir haben am Telefon und in Videokonferenzen viel miteinander gesprochen. Alles super also. Halt, nicht ganz. Manche Menschen waren schlicht vom Erdboden verschwunden. Alina zum Beispiel ist nicht ans Telefon gegangen – nie, egal, wann ich es versucht habe. Irgendwann hörte ich von einer Mitschülerin, die Nummer, die sie erst Anfang des Halbjahres im Schulsekretariat angegeben hatte, sei nicht mehr gültig. Sie habe jetzt ein neues Handy.

Also habe ich mir die neue Nummer geben lassen. Da ging aber auch niemand ran. Dann habe ich alle ihre Klassenkameraden und Freundinnen gebeten, ihr zu schreiben, sie möge sich bitte bei mir melden. Nichts passierte. Die Telefonnummern, die wir von Mutter und Oma hatte, führten ebenfalls ins Nichts. Das Jugendamt hatte zuletzt vor Monaten mit ihr Kontakt gehabt, rausfahren durften die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort nur in absoluten Notfällen. Ob wir einen solchen hatten, wusste ich auch nicht. Ihre Freundinnen versicherten mir, sie hätten Alina gesehen, es gehe ihr gut. Nur für die Schule war sie nicht zu sprechen.

War es nun meine Pflicht, Alina an ihre zu erinnern? Sollte ich zu ihr nach Hause fahren und mit ihr reden? Nach Rücksprache mit meinem Schulleiter schied das aus. Auch wir Lehrerinnen und Lehrer durften nicht einfach jemanden besuchen. Wir hätten die Familie ja anstecken kennen. Oder sie uns. Es war zum Mäusemelken.

Wir müssen über Schulpflicht und Kinderrechte reden

Als wir die Schule wieder für alle geöffnet haben, kam Alina in den Unterricht, als sei nichts gewesen. Gelernt hatte sie in all den Wochen des Shutdown nichts, auf Nachfragen murmelte sie abweisend etwas von „schwierigen Zeiten“. Und: „Das ist privat, Frau Ammermann.“ Die bittere Wahrheit ist also: Ich weiß nicht, was Alina in den vergangenen Wochen gemacht hat. Genau das aber wäre meine Pflicht gewesen.

Kinder dürfen uns nicht so einfach durchs Netz rutschen – auch nicht in einer Pandemie.

Zu Beginn des neuen Schuljahres haben wir Alina und ihre Mutter in die Schule einbestellt. Wir müssen über die Schulpflicht und Kinderrechte reden. Außerdem haben wir einen Arbeitskreis gebildet: Lehrerinnen, Lehrer, Schulleitung und das Jugendamt müssen Prozesse erarbeiten. Kinder dürfen uns nicht so einfach durchs Netz rutschen – auch nicht in einer Pandemie.

Wir brauchen einen Bildungsvertrag mit jeder einzelnen Schülerin und jedem Schüler. Für Alina könnte das bedeuten, dass sie montags bis freitags ihre Klassenlehrerin anrufen muss um mit ihr den Lernstoff am Telefon zu besprechen. Andere Kinder müssten ihre Arbeitsblätter rechtzeitig auf dem Schulserver hochladen. Und die Oberstufenschüler und Oberstufenschülerinnen sowie ihre Klassenkameradinnen und Klassenkameraden sollten pünktlich und vorbereitet am Videokonferenzunterricht teilnehmen. Wer seinen Bildungsvertrag nicht einhält, „schwänzt“ nach dieser Definition „die Schule“. Vielleicht wäre das der Weg, der auch den Jugendämtern ermöglicht, Kinder zu schützen?

Namen geändert

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einem Hamburger Gymnasium Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.