Kolumne

Integration : Wie geht es Tatjana, der neuen Schülerin aus der Ukraine?

Kurz nach dem Angriff auf die Ukraine ging es den Schülerinnen und Schülern in der achten Klasse vor allem darum, wer für oder wer gegen Putin ist – wie bei einem Fußballspiel. Seit einigen Wochen nun sitzt in der Klasse ein Mädchen aus der Ukraine, geflohen vor dem Krieg. Lehrerin und Kolumnistin Ulrike Ammermann erzählt von Sprachlosigkeit, vorsichtigen Annäherungen und neuen Einsichten.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann 16. September 2022 Aktualisiert am 20. September 2022
Allein auf dem Schulhof: Tatjana fällt es anfangs schwer, Kontakt aufzunehmen. Und auch die Anderen sind erstmal unsicher im Umgang mit der neuen Schülerin (Symbolbild).
©Oliver Berg/dpa

Vor einem halben Jahr ist die russische Armee in die Ukraine einmarschiert, zum zweiten Mal, nachdem 2014 schon die Krim und der Donbass besetzt worden waren. Seitdem ist in Teilen des Internets ein Meinungskrieg über Schuld und Kriegsverbrechen ausgebrochen – und die Frage, wem was zusteht. Dieser Streit ist auch in unseren Schulen angekommen: Er wird von Schülerinnen und Schülern aus der ehemaligen Sowjetunion und deren Teilrepubliken mit auf den Schulhof gebracht. Die Geschichten von Siegen und Niederlagen, Ehre und Ruhm, Hinterhalten und Verschwörungen kommen häufig von Tiktok und Facebook. Doch ebenso wie die Geschichten vom Krieg kommen Menschen in unseren Schulen an, die vor genau diesem Krieg geflohen sind.

Mit ihrer sorgfältigen runden Mädchenschrift hat sie im Vokabeltest jedes englische Wort ins Deutsche übersetzt, sogar die unregelmäßigen Verben hat sie alle geübt. Eine glatte Eins. Dabei hat Tatjana* erst seit einem guten Jahr Deutsch in der Vorbereitungsklasse gelernt. Blass und still sitzt sie seit einigen Wochen in meiner Klasse. Die meiste Zeit verwendet sie wohl aufs Lernen. Wenn sie gut lernt – vielleicht wird dann alles andere auch wieder gut? Ich weiß natürlich nicht, ob sie das denkt oder ob Lernen eben das Einzige ist, was sie zurzeit im Griff hat. Neue Freunde in einer fremden Sprache zu finden ist weitaus schwieriger als „build, built, built“ auswendig zu lernen.

Neuer Alltag in der Fremde

Ich hatte die Teenager meiner achten Klasse auf Tatjanas Kommen vorbereitet, kurz erzählt, dass sie mit ihrer Familie aus einem Kriegsgebiet kommt. Vor allem hatte ich mit den 14-Jährigen noch einmal besprochen, was es bedeutet, in einen Raum voller fremder Menschen zu kommen. Und alles neu finden zu müssen: eine neue beste Freundin genauso wie den Weg zum Musikunterricht. Neue Schulbücher müssen besorgt werden, und mit einem neuen Sitzplatz würde sich die neue Klassenkameradin auch anfreunden müssen.

Wie „peinlich“ so etwas ist, konnten sich die Kids sehr gut vorstellen. Einige in der Klasse können sich an eine Zeit erinnern, als sie selbst noch nicht gut Deutsch sprachen. „Alles war anstrengend“, sagt Antonin. „Und irgendwie langweilig“, erzählt Irina, „als wäre man den ganzen Tag allein, obwohl überall andere Kinder waren.“ Fast als sei man Luft, sagen die beiden. Ihre Klassenkameradinnen und -kameraden können sich den Zustand der Sprachlosigkeit vielleicht doch nicht so richtig vorstellen. Alle wirken erleichtert, als ich ihnen erzähle, dass die neue Mitschülerin wohl Russisch spricht. Das können viele in der Klasse. Die Kids finden, das Problem sei damit gelöst.Ob es wirklich so einfach wird?

Zwei Tage später ist es so weit. Ich bitte alle russischen Muttersprachlerinnen und Muttersprachler in der Klasse, sich zu melden. Tatjana soll sehen, wer ihr helfen kann, wenn sie etwas nicht versteht oder einfach jemanden zum Reden braucht. Sofort schnellen zig Arme hoch. Reden will die Neue aber erst mal nicht, das merken alle. So unauffällig wie möglich setzt sie sich auf ihren neuen Platz. Ihren Banknachbarn scheint sie kaum zu bemerken. Sie holt einen linierten Collegeblock heraus und schreibt konzentriert mit, wenn ich im Unterricht eine Frage stelle oder ein Arbeitsergebnis zusammenfasse. Sie darf ein Wörterbuch benutzen, zumindest schriftlich kann sie sich schon ganz gut ausdrücken.

Bereits in der ersten kleinen Pause verwickelt Alicia Tatjana in ein Gespräch auf Russisch. Für einen Moment bin ich erleichtert. Das wird schon. Später steht Tatjana dann aber doch allein auf dem Schulhof. Und das ist auch am nächsten, übernächsten und allen folgenden Tagen so. Nach gut einer Woche frage ich die Mädchen, ob sie ihre neue Mitschülerin nicht ab und an mal ein bisschen mitnehmen wollen. „Die will aber nicht“, sagt Sophia. „Wir haben sie jetzt schon ganz oft gefragt – sie will nie mitkommen, wenn wir zum Kiosk gehen oder so.“ Einige Tage später, als sie mal wieder allein auf der Schaukel sitzt, frage ich Tatjana, ob es anstrengend sei, den ganzen Tag Deutsch zu reden. Sie lächelt leise und wirkt erleichtert. Von da an lasse ich sie erst mal in Ruhe.

Tiktok und verschwörerische Erzählungen

Wilde Erzählungen über Russlands Ruhm stehen besonders bei einigen Jungs weiterhin hoch im Kurs. Allerdings nicht mehr ganz so laut wie noch vor einem halben Jahr. Den einen oder anderen haben wir mit unseren Klassengesprächen zum Nachdenken gebracht. Aber das Gefühl – ach, das Gefühl …! Teil einer großartigen und ruhmreichen Nation zu sein fühlt sich eben toll an. Toller als Vernunft und Fair Play.

Für viele Jungs aus unserer Klasse scheint der Krieg gegen die Ukraine wie ein wichtiges Fußballspiel zu sein. Und natürlich sollen die „eigenen“ Spieler gewinnen. Die Teenager denken nicht an die Grausamkeiten des Kriegs, die können sie sich wahrscheinlich auch gar nicht vorstellen. Tatjana, unsere Neue, finden sie trotzdem ganz nett. Die hat damit ja nichts zu tun. Sie wiederum scheint davon nichts zu bemerken. Und ich bin unsicher. Sollen wir im PGW-Unterricht noch mal eine Unterrichtseinheit zu Krieg und Vertreibung, zu Kriegsberichterstattung und Propaganda machen? Das würde Tatjana in eine herausgehobene Rolle katapultieren, selbst wenn ich sie und ihre Herkunft nie anspräche. Eine Rolle, die sie ganz offensichtlich nicht will.

Andere Herkunftssprachen eröffnen Möglichkeiten

Erst einmal passe ich unseren Sitzplan an. Nun sitzen Alicia und Tatjana zusammen. Die beiden reden in der Pause immer öfter miteinander. Tatjana darf zwar ein Russisch-Deutsches Wörterbuch nutzen, aber bestimmt sind Alicias Übersetzungen und Erklärungen oft schneller. Auch Alicia profitiert, wenn sie Neues noch einmal durchdenkt, um es ihrer Banknachbarin zu erklären.

Es ist anstrengend, eine neue Sprache zu lernen. Klar, davon kann Tatjana ein Lied singen. Aber viele Sprachen zu sprechen ist auch ein Geschenk – eines, das viele meiner Schülerinnen und Schüler in ihr erwachsenes Leben mitnehmen und hoffentlich vielfältig nutzen werden. Wir sollten viel mehr über die Chancen reden, die damit verbunden sind.

In der nächsten Doppelstunde lasse ich die Teenager ihren jeweiligen Geburtsort und die Geburtsorte ihrer Eltern und Verwandten auf eine Karte aufmalen. Wir finden viele weit auseinanderliegende Regionen der Welt, zu denen wir eine Beziehung haben. All diese Orte verbinden wir mit den Sprachen, die wir zu Hause und in der Schule sprechen: Russisch, Englisch, Kurdisch, Arabisch, Spanisch, Französisch und Deutsch.

Ganz schön viel können wir, stellen die Achtklässler mit neuem Stolz fest. In der achten Klasse steht bei uns Berufsvorbereitung auf dem Programm. Also überlegen wir im nächsten Schritt, welche Möglichkeiten unsere Herkunftssprachen uns eröffnen. Übersetzer, Einkäuferin von Ersatzteilen auf dem russischen Markt, Religionspädagogin … – uns fallen viele Möglichkeiten ein.

Fürs Erste ist Tatjana jetzt einfach Tatja, eine aus der achten Klasse. Wo genau sie herkommt, wollen ihre Klassenkameraden gar nicht so genau wissen. Aber sie ist allmählich eine von ihnen geworden, hat wie einige in der Klasse das Extra-Können der Herkunftssprache auf ihrer Haben-Seite. Und das ist eine gute Sache.

* Namen der Schülerinnen und Schüler geändert.

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einer Hamburger Stadtteilschule Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.