Kolumne

Medienkompetenz : Wenn Verschwörungstheorien sich ausbreiten wie angesagte Songs

„Ist Corona wirklich so schlimm?“, fragte neulich ein Schüler. Auch wenn einen das bei einem 12-Jährigen nicht sofort an die „Querdenken“-Bewegung denken lässt, ist doch auffällig, wie viele Schülerinnen und Schüler sich auf TikTok oder WhatsApp informieren und wie viel wildes Halbwissen, Nichtwissen und manchmal dann Doch-ganz-gut-Bescheid-Wissen die Kids in ihrem Kopf verquirlen. Die Lehrerin und Schulportal-Kolumnistin Ulrike Ammermann hat eine Website aufgesetzt, auf der Schülerinnen und Schüler sich über Corona informieren, diese Informationen kritisch überprüfen und um eigene Beiträge und Links ergänzen können.

Drei Teenager schauen auf's Handy
In den sozialen Netzwerken der Kinder und Jugendlichen mischen sich richtige Informationen und Fake News. Für viele ist der Unterschied schwer zu erkennen.
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In deutschen Lehrplänen wird vielfach verlangt, die Kompetenz des kritischen Denkens zu fördern. Heranwachsende sollen lernen, nicht alles, was irgendwo gesagt oder geschrieben wird, ungefragt zu übernehmen. Auf der Basis von Fakten sollen sie eine eigene Meinung formulieren und begründen können. Heute geht das nicht mehr ohne Medienkompetenz, insbesondere der Onlinemedien. Denn genau wie ihre Eltern schauen die Kids heute „im Internet“ nach. Auf die Frage: „Wo hast du diese Info gefunden?“, erhalte ich meistens die Antwort: „Im Internet“; dicht gefolgt von: „Bei Google.“ Beides wenig hilfreich, wenn beurteilt werden soll, ob eine Quelle seriös ist. Ob sie beispielsweise den Konsens der aktuellen Forschung wiedergibt oder ob ihre Darstellungen auf nachvollziehbaren Fakten beruht.

Corona und die Langzeitfolgen in den Köpfen der Kinder

Eine der Pandemie-Folgen sind Verschwörungstheorien, die sich in den Köpfen unserer Kinder genauso leicht und schnell ausbreiten wie angesagte Songs und Trends aus dem Internet. Schon aus praktischen Gründen müssen wir in der Schule immer wieder über die Pandemie sprechen. Denn häufig erlässt die Schulbehörde Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen, die die Schülerinnen und Schüler hinnehmen müssen.

Wenig verwunderlich also, dass sie sich fragen, ob das wirklich alles nötig ist. „Wie finde ich heraus, ob nicht bloß ein paar wenige Leute gestorben sind? Menschen, die eh gestorben wären, weil sie alt waren?“, das gab Ole* aus der Sechsten zu denken.

Gute Frage. Ich schlug vor, dass wir Fragen zur Pandemie sammeln, um am folgenden Freitag eine Doppelstunde lang alle zu beantworten. Etliche Finger schnellten in die Höhe.

Viele meiner Sechstklässlerinnen und Sechstklässler hatten so allerlei gehört. Dass Corona gar nicht so gefährlich sei. Das würden „die da oben nur behaupten“, damit sie uns zu Hause einsperren könnten. So was habe ein Typ neulich auf TikTok erklärt, erzählt Emre*. Außerdem könnten Kinder gar nicht an COVID erkranken.

Auch Ida* hatte von einer Verschwörung gehört. Bei ihr waren es US-amerikanische Geheimagenten, die das Virus absichtlich ausgesetzt hätten, um uns alle krank und gefügig zu machen. Jonas hatte ein Video gesehen, demzufolge unsere Handys schuld an der Erkrankung waren. Besorgtes Murmeln machte sich breit. Auf meine Frage, woher sie all diese Erkenntnisse hätten, nannten die Kinder die üblichen Verdächtigen: TikTok, Facebook, WhatsApp.

Höchste Zeit also für eine Unterrichtseinheit zur Medienkompetenz.

Jeder kann etwas ins Internet schreiben, auch Schülerinnen und Schüler

Also habe ich eine „Padlet“-Site aufgesetzt, auf der sich meine Schülerinnen und Schüler über die durch Corona ausgelösten Atemwegserkrankungen, milde und schlimme Verläufe, Übersterblichkeit und Schutzmaßnahmen informieren konnten. Außerdem sollten sie diese Informationen kritisch überprüfen und – fast am wichtigsten – um eigene Beiträge und Links ergänzen. Denn ins Internet kann heutzutage jede und jeder etwas schreiben – das wissen doch alle. Tatsächlich? Meinen 12-Jährigen jedenfalls war das offenbar nicht so klar.

Ich hatte in den „Padlet“-Beitrag extra ein paar unglaubliche Dinge über unseren Direktor und die Leiterin der Unterstufe reingeschrieben. Behauptungen über deren äußere Erscheinung, die jede Schülerin und jeder Schüler täglich sofort selbst überprüfen konnte. Das Gejohle war groß, als die Schüler die falschen Behauptungen über den orangenen Bart des Direktors und das Alter der Unterstufenleiterin entdeckt hatten. Noch größer wurde es, als die Ersten entdeckt hatten, wie sie mit ihren Handys selbst in die Website reinschreiben konnten. Die meisten begnügten sich dabei mit dummen Sprüchen. Innerhalb weniger Minuten gingen lauter digitale Graffitis online. „Hallo ihr Checker“, „Was geht?“. Ich hatte die Nutzungsrechte auf der Website zunächst nicht eingeschränkt, was allseits unbändigen Spaß auslöste. Aber auch Nachdenken. „Kann das wirklich jeder lesen?“, fragte Sina ungläubig. „Auch meine Mama zu Hause?“

Auf dem Schulhof sind Kinder Experten, wenn es um Lüge und Wahrheit geht

Schülerinnen und Schüler sind eigentlich die besten Experten für Wahrheit und Lüge. Denn damit setzen sich Teenager nicht nur beim Flaschendrehen auseinander, sondern quasi den ganzen Tag. Auf dem Schulhof geht es täglich darum, wer was über wen gesagt hat und ob das denn auch stimmt. Von Behauptungen wie „Bei Frau Bertold* sind die Klassenarbeiten total schwer!“ oder „Sabrina ist eine Schlampe!“ hängt im Schulalltag eine Menge ab.

Auf dem Schulhof geht es täglich darum, wer was über wen gesagt hat und ob das denn auch stimmt.

In einem Brainstorming sammelte die Klasse Strategien, wie sie bei Gerüchten die Spreu vom Weizen trennen. Schnell wurde klar, dass die Glaubwürdigkeit höher ist, wenn man die Person kennt, die eine bestimmte Geschichte erzählt. Und noch höher, wenn diese die Geschichte auch noch selbst erlebt hat. Das alles ist dann nur noch zu toppen, wenn man dieselbe Geschichte unabhängig davon von einer weiteren vertrauenswürdigen Person erzählt bekommt. Auch über die Gewichtung der Kriterien waren sich die Kids schnell einig.

Und im Internet? Da bringen all die schönen erarbeiteten Kriterien erst mal gar nichts. Im Gespräch landeten wir wieder bei all den „Also, ich hab gehört“-Geschichten. Also schrieben wir eine „Übersetzung“. Das Kriterium vom Schulhof „Ich kenne die Person, die diese Geschichte erzählt“ wird in Bezug auf das Internet zu: „Ich muss eine echte Person finden oder eine vertrauenswürdige Institution, die für die genannten Fakten bürgt.“ Die Aussage „Ich finde auf dem Schulhof noch jemanden, der dieselbe Geschichte auch erzählt“ wird zu: „Ich finde im Internet eine zweite vertrauenswürdige Quelle.“

Bloß: Wann ist eine Quelle denn vertrauenswürdig? Bei der Einschätzung haben meine Sechstklässler doch noch erhebliche Schwierigkeiten. Wir übten, auf der jeweiligen Website das Impressum zu suchen. Auf diese Weise konnten wir schon mal eine Menge wenig vertrauenswürdige  Websites aussortieren. Als Nächstes überlegten wir, was denn eine vertrauenswürdige Institution ist. Eine „richtige Schule“, wurde vorgeschlagen. Okay, gute Idee. Ich schlug Universitäten vor, die Bundeszentrale für politische Bildung und – speziell im Fall der Pandemie – das Robert Koch-Institut.

An der eigenständigen Bewertung müssen wir in den kommenden Schuljahren unbedingt noch weiterarbeiten. Zwei Doppelstunden haben wir für die Erarbeitung bis hierhin gebraucht. Für das Verständnis der Sachtexte – die auch viele Erwachsene überfordern! –, brauchen die Kinder unbedingt eigene, an ihr Alter angepasste Lesestrategien. Wir werden also noch einige Kommentare zu den verlinkten Seiten der Fachleute erarbeiten müssen.

Dafür und für eigene Texte über die Pandemie und ihre Folgen aus Sicht der Schülerinnen und Schüler plane ich nach den Sommerferien vier weitere Doppelstunden ein. Zeit, die ich bei anderen Themen einsparen muss.

* Namen sind geändert

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Wie Lehrerinnen und Lehrer das Thema Verschwörungstheorien im Unterricht aufgreifen und zu einem kritischen Umgang mit Querdenkern und Co. anregen können, zeigt der Politikdidaktiker Andreas Petrik von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) in einem Beitrag im Fachjournal „Gesellschaft. Wirtschaft. Politik”.

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin. In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Sie ist Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einer Hamburger Stadtteilschule Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft). Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.