Kolumne

Folgen der Pandemie : Wenn das Schreiben- und Lesenlernen unterbrochen wird

Die Grundschulen sind deutschlandweit wieder geöffnet, Wechsel- oder Schichtunterricht prägt das Unterrichtsgeschehen. Dabei sollte vor allem der Lese- und Schreibprozess der Schulanfängerinnen und -anfänger im Vordergrund stehen, meint Kolumnistin und Lehrerin Sabine Czerny. Denn letztlich sind es diese Grundfähigkeiten, auf denen eine erfolgreiche Schulkarriere aufbaut. Was bedeutet es, wenn der Lese- und Schreiblernprozess von Erstklässlern im Lockdown unterbrochen wird, welche Folgen hat das, und wie können wir sinnvoll darauf reagieren?

Sabine Czerny Sabine Czerny 11. März 2021 1 Kommentar
Auch wenn der Lese- und Schreiblernprozess in der Schule laut Lehrplan auf mehrere Jahre angelegt ist, erfordern doch die anderen Fächer bereits nach wenigen Monaten eine hohe Lese- und Schreibkompetenz.
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Ich spreche heute nicht von den Kindern, die das Glück haben, in bildungsinteressierten und sprachreichen Familien aufzuwachsen und dadurch so viele Vorerfahrungen mit Lauten und Schriftzeichen gemacht haben, dass sie oft, scheinbar von alleine, lesen und schreiben lernen und teilweise nur noch auf die korrekte Schreibweise von Buchstaben hingewiesen werden müssen. In diesen Familien gehört das Lesen meist ganz selbstverständlich zum Alltag – das Vorlesen ebenso wie das Selber-Lesen und das Darüber-Sprechen. Mit diesen Kindern wird auch zu Hause Lesen geübt, Fehler beim Schreiben besprochen und erklärt, sodass man hier pandemiebedingt nicht von einer „Unterbrechung des Schulunterrichts“ sprechen kann.

Schreiben- und Lesenlernen ist ein aufwendiger Prozess, wenn Anregungen im Elternhaus fehlen

Kinder, die dieses Glück nicht haben, haben es ungleich schwerer. Lesen- und Schreibenlernen ist ein unglaublich komplexer und aufwendiger Prozess, wenn man ihn nicht „nebenbei mitbekommt“, sondern sich selbst erwerben muss. Für beides braucht es zunächst die Kenntnis der Buchstaben und der zugehörigen Laute. Das sind weit über 60 verschiedene Zuordnungen, die teilweise zusätzlich noch in Kombinationen, zum Beispiel bei Doppellauten wie „au“, „ei“ oder Phonogrammen wie „sch“ und „sp“, vorkommen.

Da Kinder noch nicht – wie wir Erwachsenen – gezielt und bewusst auswendig lernen können, lernen sie über den Prozess, dass ihnen diese Zuordnungen immer wieder begegnen. Im besten Fall immer wieder im Alltag, spätestens ab dem Kindergartenalter, im schlechtesten Fall erst in der Schule. Im schlechtesten Fall deshalb, weil Schule heute diese Vorerfahrungen an sich voraussetzt.

Lese- und Schreibkompetenz wird in allen Fächern nach wenigen Monaten vorausgesetzt

Auch wenn der Lese- und Schreiblernprozess in der Schule laut Lehrplan auf mehrere Jahre angelegt ist, erfordern doch die anderen Fächer bereits nach wenigen Monaten eine hohe Lese- und Schreibkompetenz, sodass sowohl der grundlegende Buchstabenlehrgang als auch der Lese- und Schreiblehrgang doch teils sehr schnell durchgezogen werden. Auch bei der Leistungsbewertung der Kinder spielt es keine Rolle, auf welche Weise sie in den vorausgehenden sechs Jahren aufgewachsen sind.

Ein weiterer Schwellenschritt beim Lesenlernen ist das Zusammen-Lesen. Selbst wenn ein Kind bereits einige Buchstaben und deren Laute erfasst hat, ist es für viele Kinder sehr schwer, aus beispielsweise „L“ und „a“ ein „La“ zu modulieren. Es benötigt teilweise ein monatelanges Vorsprechen, Nachsprechen und „Den-Schriftzeichen-mit-dem Finger-Folgen“, bis Kinder Buchstaben verbunden aussprechen können.

Wenn dies dann gelungen ist, ist die nächste Hürde, Silben zu erfassen und an die korrekte Aussprache anpassen zu können, um den Sinn aufnehmen zu können. So gibt es beispielsweise kurze und lange Vokale, und ein Wort klingt häufig völlig entfremdet, wenn ebendiese falsch ausgesprochen werden. Übers Feld läuft eben nicht ein „Hasse“, sondern ein „Hase“. Im Deutschen wird nicht wie in anderen Sprachen durch Zusatzzeichen kenntlich gemacht, ob etwas kurz oder lang ausgesprochen wird. An sich muss man häufig die Wörter bereits beim Lesen kennen, um sie  richtig aussprechen zu können. Gerade für nicht deutsch muttersprachliche Kinder ist das oft ein großes Problem, da sie nicht über den nötigen Wortschatz verfügen.

Und dann kommen natürlich noch die ganzen Besonderheiten der deutschen Sprache dazu, angefangen vom vokalisierten „r“ – beispielsweise bei „Birne“ – über die verschiedenen Aussprachemöglichkeiten diverser Buchstaben – wie zum Beispiel das „C/Ch“ das so verschieden klingen kann wie „sch“ (Chef), „k“ (Clown), „z“ (Circus), „s“ (Cent), „ch“ wie bei „Buch“ oder „ch“ wie bei „Milch“, die Umlaute, die Phonogramme, die Doppellaute und noch einiges mehr. Und alles muss teils mühsam erworben und verinnerlicht werden.

Für das Lesen und Schreiben brauchen Kinder Automatismen durch wiederkehrende Erfahrungen

Das Verschriften – also die Vorstufe des Schreibens, bei dem jedes Wort lautiert wird (Maus: M Mau Maus – M au s), um es schreiben zu können – ist in vielen Teilen ähnlich bzw. reziprok zum Lesenlernen, sodass sich die Prozesse gegenseitig unterstützen. Sehr schwer fällt es Kindern aber oftmals, die einzelnen Laute aus einem Wort herauszuhören, insbesondere die Vokale. Statt „Banane“ steht dann da „Bnn“. Auch hierfür übt man am besten einige Monate lang täglich zwei, drei Wörter, bis Kinder einen gewissen Automatismus und dazu Erfahrung erworben haben, und das immer besser auch allein gelingt. Ein einmaliges Erklären, wie zum Beispiel bei sachkundlichen Themen, also zum Beispiel den Wasserkreislauf oder die Kontinente, reicht hier nicht aus – es ist ein Prozess, der über einen längeren Zeitraum beständig genährt werden muss, um verinnerlicht zu werden.

Hat ein Kind das Grundgerüst des Lesens und Schreibens erst einmal erworben, geht es oft nur noch um reines Üben, das möglichst täglich stattfinden sollte, um wirklich flüssig lesen und problemlos verschriften zu können. Wer hingegen noch dabei ist, mühsam Buchstaben aneinanderzureihen, kann weder den Inhalt eines Textes verstehen noch selbst einen formulieren. Und wer nicht übt, kommt über dieses Stadium nur schwerlich hinaus – und ihm oder ihr fehlt dann die wichtigste Grundkompetenz für jedes andere Fachgebiet. Nicht oder nicht wirklich flüssig und sinnerfassend beziehungsweise sinngebend lesen und schreiben zu können, wirkt sich in höchstem Maße negativ auf den Erwerb jeglicher weiterer Fähigkeiten und Kompetenzen aus.

Allein lesen und schreiben zu üben bekommen viele Kinder nicht hin

Die Problematik wird aber noch dadurch erweitert, dass meist gerade die Kinder, denen die Vorerfahrungen fehlen, auch kaum über Exekutivfunktionen verfügen, das heißt, sie können sich nur schwer auf ihre Aufgaben konzentrieren, wenn sie nicht immer wieder ermuntert werden. Häufig finden sie sich in ihren Heften nicht zurecht, und es fällt ihnen schwer, Ordnung zu halten. Sich selber so weit zu strukturieren, dass sie gewisse Teilbereiche allein üben könnten, bekommen viele Kinder nicht hin. In der Klasse schweifen sie häufig mit ihren Gedanken ab, statt aufmerksam dem Lehrer oder der Lehrerin zu folgen. Für diese Kinder wäre eine 1:1-Situation das Richtige, in der die Lehrkraft oder ein Helfer, eine Helferin sie immer wieder auf die Inhalte zurückführt, viel vorspricht, mitspricht auffängt, wenn das Kind stockt, und unmittelbar reagiert. Lehrkräfte in der Schule bemühen sich immer wieder, für einzelne Kinder – auch inmitten des Klassen-Geschehens – solch eine direkte Begleitung zu ermöglichen, damit diese Kinder auf längere Sicht aus dem Unterricht auch etwas mitnehmen.

Korrigieren, bevor beim Schreiben der falsche Bewegungsablauf verinnerlicht ist

Nun waren aber pandemiebedingt die Schulen geschlossen, und ebendiese Kinder haben ebendiesen notwendigen Input und all die vielen speziellen Übungen, die für das Lesenlernen nötig wären, nicht bekommen. Oftmals hatten die Schülerinnen und Schüler zwar Schreibübungen auf, um einzelne Buchstaben schreiben zu lernen. Gerade da wäre es aber wichtig gewesen, insbesondere die ersten Buchstaben direkt zu begleiten und, falls der Bewegungsablauf beim Schreiben falsch war, sofort zu korrigieren, bevor das kindliche Gehirn das Falsche verinnerlicht. Denn: Kinder, die die Buchstaben nicht im richtigen Bewegungsablauf schreiben lernen, laufen Gefahr, niemals wirklich flüssig schreiben zu können.

Kinder, die die Buchstaben nicht im richtigen Bewegungsablauf schreiben lernen, laufen Gefahr, niemals wirklich flüssig schreiben zu können.

Aller Erfahrung nach machen sich aber die wenigsten Kinder die Mühe, sich später den richtigen Bewegungsablauf anzueignen. Die Folge sind oft Schmerzen in den Händen beim Schreiben, die sich teilweise über den Arm-Schulter-Bereich bis zum Kopf ziehen und gegebenenfalls sogar Haltungsprobleme verursachen. Oder eben eine Abneigung gegen das Schreiben hervorrufen.

Kinder kommen mit verschiedenen Fähigkeiten aus dem Homeschooling zurück

Das Problem ist nicht, dass die Kinder das nicht nachlernen könnten. Im Gegenteil – sie sind dann ein paar Monate älter und sollten sogar leichter lernen. Das Problem ist allerdings, dass bislang in den Schulen für diese Inhalte keine weitere Zeit mehr zur Verfügung gestellt wird, die Lehrpläne brechend voll sind und für den weiteren Schulverlauf diese Grundfähigkeiten vorausgesetzt werden. Zudem hat die Heterogenität extrem zugenommen, da einige Kinder daheim mit der 1:1-Betreuung durch die Eltern teilweise sogar mehr und besser gelernt haben als im Klassenverband. Für eine wirklich individuelle Betreuung der Kinder in der Schule fehlt wiederum das Personal – eine Lehrkraft kann das nicht sinnvoll für 28 Kinder schaffen, insbesondere wenn diese vom Alter her noch kaum oder nur sehr kurze Zeit in der Lage sind, allein zu arbeiten.

Lehrpläne in den ersten Jahrgängen jetzt drastisch abspecken

Ich halte – zum jetzigen Zeitpunkt – wenig davon, das Schuljahr zu verlängern, samstags zusätzlich in die Schule zu gehen oder die Ferien zu streichen, denn Kinder brauchen erholsame Pausen und Normalität. Insbesondere helfen ein paar Stunden zusätzlich am Stück zudem recht wenig bei einem Langzeitprozess. Mehr als sinnvoll wäre dagegen, Lehrpläne gerade in den ersten und zweiten Jahrgängen drastisch abzuspecken, auch unabhängig von der Pandemie. Und an sich sollte es seit Jahren unabdingbar sein, Grundschulen grundsätzlich so aufzustellen, dass sie den mittlerweile stark unterschiedlichen Vorerfahrungen und Vorkenntnissen der einzelnen Kinder gerecht werden und damit jedem Kind gute Bildungschancen ermöglichen.

Um dem dargestellten Problem nun situativ beizukommen, wären zwei Dinge denkbar. Zum einen sollte man sich klarmachen, dass es gerade in anderen Fächern der Grundschule viele Inhalte gibt – zum Beispiel das Thema Obst und Gemüse –, die die Kinder in den kommenden Jahren entweder durch das Alltagsgeschehen sowieso lernen oder in höherem Alter aufgrund ausgeprägterer Reife und Lernerfahrung in weit kürzerer Zeit. Auch die Hefteinträge, die vielen Details und die Ausweitungen einer Thematik sind eigentlich nur für die Prüfungen nötig, die in den unteren Jahrgangsstufen noch keine Entscheidungskraft für den weiteren schulischen Weg haben.

Ich plädiere daher dafür, an ebendiesen Stellen Zeit zu gewinnen und die Priorität für das kommende Schuljahr ganz eindeutig auf das Lesen- und Schreibenlernen zu lenken und durchaus auch auf den Aufbau einer grundlegenden Zahlenvorstellung – ein vergleichbarer Prozess, der sicher auch nur unzureichend während der Pandemiezeit fortgeführt werden konnte. Kinder, die diese Kompetenzen im Fernlernen erworben haben, könnten beispielsweise durch Portfolioarbeiten oder andere weiterführende Aufgabenstellungen in die Breite gefördert werden.

Studierende, Eltern, Senioren – Grundschulen brauchen jetzt Helferinnen und Helfer beim Lesenlernen

Zum anderen erfordert es Helferinnen und Helfer. Lesen lernt man nicht allein: Dafür braucht es den Input von außen. Denkbar wäre, eine Art Initiative auszurufen, nach dem Motto „Wir helfen Kindern lesen lernen“. Sobald der Impfstatus es zulässt, erscheint es gut denkbar, dass sich ausreichend Eltern, Studierende und Seniorinnen sowie Senioren finden, die tatkräftig mithelfen, die Kinder täglich für eine Viertel- bis halbe Stunde aus der Klasse nehmen und einzeln mit ihnen lesen und verschriften üben. So sollte es gut möglich sein, das entstandene Defizit über das kommende Schuljahr hinweg gut auszugleichen.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.