Kolumne

Fake News erkennen : Was passiert in der Nachbarklasse?

Die Propaganda in den sozialen Netzwerken zeigt ihre Wirkung bei den Schülerinnen und Schülern. Unglaubliche Gräueltaten machen auf dem Schulhof die Runde und all die mühsam erlernte Medienkompetenz scheint wieder vergessen. Lehrerin und Kolumnistin Ulrike Ammermann hat mit ihrer siebten Klasse eine wirksame Übung gemacht, um den Kindern zu zeigen, was Wahrheit bedeutet und wie man sie herausfindet.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann 17. Mai 2022 Aktualisiert am 20. Mai 2022
Blick durch die Tür auf eine Schülerin
Der Blick durch den Türspalt der Nachbarklasse, verrät noch nicht viel.
©iStock

Einige Schülerinnen und Schüler bringen sehr laute Meinungen mit in die Schule. „Natürlich ist Corona ungefährlich“ oder „Ukrainer sind fiese Lügner.“ Egal, um welche Frage des aktuellen Geschehens es geht – eine Meinung dazu haben die meisten meiner Siebtklässler, gesichertes Wissen nicht unbedingt. Woher auch? Die Kids sind zwölf bis vierzehn Jahre alt. In dem Alter sind auch die wenigsten Erwachsenen schon eifrige Leser von Tageszeitungen und wissenschaftlichen Studien gewesen. Genau genommen gehen selbst die wenigsten Erwachsenen regelmäßig den wissenschaftlich bewiesenen Fakten auf den Grund. Kinder, Job, Partner, meist steht eine Menge Alltag vor so viel Genauigkeit. Trotzdem brauchen wir alle Handlungskompetenzen, wie wir mit dem eigenen Halbwissen umgehen können.

Der Krieg gegen die Ukraine hat es mir mal wieder gezeigt: Mit der mühsam erarbeiteten Medienkompetenz meiner Schülerinnen und Schüler ist es nicht weit her, wenn ein emotional aufgeladenes Thema wie der Krieg in ihr Leben tritt. Knapp ein Drittel der Kinder hat russische Wurzeln. Russisch ist in vielen Familien Alltagssprache.

Als die ersten Meldungen vom Krieg gegen die Ukraine eintrudelten, haben sich meine Teenager ein Klassen-Gespräch über den Krieg gewünscht. Einige hatten Angst, einige fragten sich, was der Krieg für sie ganz persönlich bedeuten würde, und einige hatten wohl bloß Sensationslust. So was Aufregendes wie ein Krieg passiert ja nicht alle Tage. Das Gespräch verlief dann … anders. Die Stimmung in der Klasse war aufgeladen, besonders einigen russisch-stämmigen Jungs ging es hauptsächlich um die Ehre Russlands und weniger um die betroffenen Menschen in der Ukraine. Ich war entsetzt. Das konnte ich so nicht stehen lassen.

In ruhiger Atmosphäre kommen auch leise Kinder zu Wort

Eine Woche später führe ich mit der Klasse im Rahmen unseres Unterrichts im Fach „Soziales Lernen“ noch einmal ein Gespräch. Ob sie das wirklich ernst gemeint hätten, dass es egal sei, ob Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser bombardiert werden, solange nur Russland gewinne, frage ich. Schließlich sterben dabei eben auch Kinder, Mütter, Väter, eben alle, die das Pech haben, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, betone ich. Dieses Mal achte ich bewusst darauf, dass auch leisere Kinder zu Wort kommen. Wir überlegen gemeinsam, woran man wohl im Alltag merkt, dass Krieg ist. An den Warnsirenen, daran, dass man auch tagsüber in den Keller rennt, um sich in Sicherheit zu bringen. Vielleicht wird jemand verwundet, den man kennt, oder es stirbt jemand. Dass Krieg ist, merkt man an kaputten Straßen, an gar keinen Straßen mehr, an zerstörten Häusern. „Also, ich würde gar nicht rausgehen, wenn es so gefährlich ist“, ist sich Alicia* sicher.

Mit ein paar Impulsen fällt den Teenagern dann doch so einiges ein. Vor allem gelingt es, das Gespräch weg von der Video-Ästhetik, in der jeder Waffenbesitzer ein allmächtiger Held ist, hin zu den Folgen für die Opfer zu wenden. In dieser ruhigeren Atmosphäre können auch die lauten Jungs zugeben, dass sie niemandem den Tod wünschen. „Also nicht so in der Wirklichkeit!“, wie Sergej es ausdrückt. Trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass bei einigen keine neue Erkenntnis oder echte Einsicht gewachsen ist. Vielleicht weil Krieg in der Fantasie der Kinder zu blass bleibt, zu unwirklich. Zum Glück haben sie keine Erfahrungen damit.

In der kleinen Pause erzählt mir Konstantin er hoffe bloß, es kämen keine ukrainischen Kinder zu uns in die Schule, Ukrainer seien alle hinterhältige Lügner. Zum Beweis erzählt er mir die Geschichte von den ukrainischen Meuchelmördern, die russische Soldaten auf der Schlangeninsel auf dem Gewissen hätten. Das habe er von Tiktok, erklärt er auf Nachfrage. Auch Artur und Juri unterhalten sich zu Beginn der großen Pause über unglaubliche Gräueltaten irgendwelcher schlimmen Nazis – sie meinen Ukrainer, wie ich im Verlauf des Gespräches heraushöre. Es ist zum Verzweifeln, die mühsam erlernte Medienkompetenz hält immer nur bis zum nächsten Klassen-Test vor, das Mitgefühl bei manchen wohl auch.

Eine Übung zur Wahrheit und ihrer Wahrnehmung

So geht es nicht weiter. Ich muss meinen Schülern das Problem mit dem Halb- und Nichtwissen, mit seriösen und unseriösen Quellen begreifbarer machen. Wir müssen in ihrer Lebensrealität anfangen. Also bitte ich sie in der nächsten Doppelstunde, genau hinzusehen. Und zwar so: Bastele aus einem DIN-A4-Blatt ein Fernrohr. Schaue hindurch und schreibe dann alles auf, was du sehen kannst. Die Antworten der Siebtklässler sind vielfältig, von der akribischen Beschreibung eines Ausschnittes des Klassenraumes – „Ich sehe mein Pult mit den pinken Glitzerstiften, der Deutschmappe, einem Radiergummi, dem fast abgerissenen Namensschild und Lasses Cola-Dose, die auf meiner Seite unseres Tischs steht“ – über viele Notizen mit nur ein bis zwei hingekritzelten Beobachtungen bis zum Text einen Scherzkeks, der ein Stück weiße Wand beschrieben hat, ist alles dabei. Im Klassengespräch fällt die Beobachtung auf, dass jede und jeder etwas anderes gesehen hat. Zur Sicherheit wiederhole ich das noch einmal, aber ob es wirklich alle im Raum mitbekommen haben?

Ich stelle die nächste Frage: „Was passiert gerade jetzt in der 8a, unserer Nachbarklasse?“ – „In der Klasse stehen Tische und Stühle wie bei uns“, erklärt Olga. „Außerdem haben die auch ’ne gelbe Wand“, ergänzt Lasse. Und, die würden wohl Unterricht haben, meint er noch. „Genau, wir haben schließlich gerade Schule, was sollen die da jetzt sonst machen?“, fragt Jonas. „Außerdem“, erklärt Silas, „steht das ja auch so im Stundenplan, den jeder auf seinem Handy sehen kann.“ Auf einmal sind sich alle sicher. „Sehen Sie, Frau Ammermann, wir haben Ihr Rätsel schon gelöst.“

„Nicht ganz!“ Ich bin mal wieder die Spielverderberin. Woher wisst ihr denn, wie es nebenan aussieht?“, frage ich. Und viel wichtiger noch: „Was machen die Achtklässler nebenan gerade wirklich? Seid ihr euch sicher, was da drüben in diesem Moment passiert? Vielleicht liegen die alle tot auf dem Boden? Oder sie hatten früher Schluss und sind schon zu Hause?“

Julia lässt das keine Ruhe, sie fragt, ob sie zur Toilette gehen kann. Zurück in der Klasse, verkündet sie triumphierend: „Drüben sind bloß noch fünf Schüler, die die Klasse aufräumen, die anderen sind schon nach Hause.“ Julia wird gefragt, wen sie genau gesehen hat. Nicht von allen kennt sie die Namen. Dann ist sie sich nicht mehr ganz sicher, ob sie wirklich fünf Schüler gesehen hat. Vielleicht waren es bloß vier? Auch Lasse hat kurz den Klassenraum verlassen und kommt mit der Information wieder, dass drüben doch nur vier Schüler und ein Lehrer seien. Aber natürlich kann in der Zwischenzeit die fünfte Schülerin, die Julia gesehen hatte, auch gegangen sein. Einige aus der Klasse zweifeln Julias Glaubwürdigkeit an. Klar, sie würden sie gut kennen. Deshalb wüssten sie aber auch, dass sie schon mal die Unwahrheit sage. „Aber ich sage euch, was ich gesehen habe.“ Julia ist empört: „Dann geht halt selbst gucken!“

Wem kann man vertrauen?

So einfach entlasse ich die Klasse nicht aus dem Dilemma. „Lasst uns bei uns bleiben“, fordere ich die Mädchen und Jungs auf. „Wir haben eine Augenzeugin, die wir kennen, das ist schon mal gut. Aber offensichtlich reicht es nicht. Wir alle sehen ja auch unterschiedliche Sachen. Erinnert ihr euch?“ Alle, wirklich alle sind genervt. „Dann vertrauen wir halt niemandem!“ Das ist die Schlussfolgerung von gleich mehreren Kindern. Einzig Jonas fällt auf, dass das nicht die Lösung sein kann. Er hat Asthma und musste deshalb besonders vorsichtig sein, kein Corona zu bekommen. „Doch!“, sagt er. „Man muss Experten vertrauen, die sich mit was auskennen, sonst ist man tot.“ Vielleicht ist er ein bisschen dramatisch, aber er hat ja recht. Auf niemanden zu hören, ist auch gefährlich. Da stimmen ihm die anderen zu. Mit viel Fantasie spinnen die Kids meine Idee vom Anfang der Stunde weiter. Was, wenn ein Amokläufer in der 8a gewütet hätte und dort drüben jetzt alle tot wären? Dann wären gesicherte Informationen wohl doch irgendwie wichtig. „Mann, das ist ja hier schon fast wie in der Politik“, ruft Konstantin erstaunt, „wir reden die ganze Zeit davon, wem wir vertrauen können.“

Also wem kann man vertrauen? „Den Lehrern“, schlägt Silas vor. „Die haben studiert, die müssen doch wissen, was sie tun.“ Ich ergänze, dass Lehrkräfte tatsächlich ihre Arbeitsstelle riskieren könnten, wenn sie sich falsch verhielten. Das leuchtet den Kindern ein. Die Stundenplan-App und die Auskünfte der Klassenlehrerin scheinen also eine ganz gute Quelle für vertrauenswürdige Informationen zu sein. Die Klassenkameradin, die alles mit eigenen Augen gesehen hat, auch. Sie kann sich ja aber auch mal vertun. Besser sind also zwei Klassenkameraden, finden die Kids. Am besten zwei, die nicht miteinander befreundet sind.

Vier Faktenchecks und eine Erkenntnis

Am Ende der Stunde sammeln wir unsere Ergebnisse. Wir kommen auf vier wichtige Faktenchecks und eine Erkenntnis: Erstens: Jemand, den wir kennen, bürgt mit seinem echten Namen für die Information. In unserem Fall war das Julia.

Zweitens: Eine zweite Person bestätigt oder ergänzt die Information, am besten jemand, der unabhängig von der ersten Person ist. In unserem Fall war das Lasse, der nicht mit Julia befreundet ist. „Die machen keine gemeinsame Sache“, erklärt Alicia.

Drittens: Sind diese Personen vertrauenswürdig? Da fiel in unserem Fall das Urteil gemischt aus.

Viertens: Eine Institution wie die Schule mit ihren Lehrkräften ist vertrauenswürdiger als irgendein Schüler, befanden die Kids.

Fünftens und letztens schien es meinen Schülerinnen und Schülern nach einigem Nachdenken doch besser, den richtigen Menschen zu vertrauen als niemandem – damit keine Lügen weitererzählt werden.

Ob die Teenager meiner siebten Klasse das in Zukunft auch auf Propaganda-Lügen anwenden können? Wir werden es gemeinsam sehen und weiter daran arbeiten.

*Namen aller Kinder geändert

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einer Hamburger Stadtteilschule Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.