Kolumne

Distanzunterricht : Warum wir über Lernlücken und Lernchancen sprechen müssen

Hört man sich die Netzstimmen von den oft innovativen Lehrkräften auf Twitter an, ist der Distanzunterricht super gelaufen, und die Schülerinnen und Schüler haben jede Menge neuer Kompetenzen entwickelt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Lehrer und Autor Bob Blume warnt davor, eigene Erfahrungen zu verallgemeinern und die durch den Lockdown angestauten Defizite kleinzureden. Vor allem plädiert er für mehr Bereitschaft, auch jenen zuzuhören, die anderweitige Erfahrungen gemacht haben. Bob Blume wird von nun an regelmäßig als Kolumnist für das Schulportal schreiben.

Bob Blume Bob Blume 04. Juni 2021
Schüler sitzt zu Hause am Laptop
18 Prozent der Schülerinnen und Schüler hatten nie Video-Unterricht.
©Ulrich Perrey/dpa

Hätte die Diskussionskultur ein Virus, dann wäre es wohl jenes der Einseitigkeit. Und wie beim gefährlichen und ungeliebten Coronavirus erleben wir dieses in verschiedenen Varianten und Mutationen, vor allem wenn es um Schule und Bildung geht. Zunächst mal ist diese Einseitigkeit von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern und von Eltern durchaus verständlich. Die Unterschiede beim digitalen Fernunterricht, der in Grundschulen des Öfteren ja eher „Homeschooling“ genannt werden muss, sind gravierend. So gravierend, dass nicht nur in Netzdiskussionen die Meinungen einander diametral gegenüberstehen.

Eigene Erfahrungen werden von Lehrkräften oft für repräsentativ gehalten

Während die einen Lehrkräfte erlebt haben, die über Wochen, manchmal Monate nicht mehr gemacht haben als nur das Nötigste, abgetaucht oder nicht ansprechbar waren oder lieblose Lösungsblätter per Mail verschickten, engagierten sich andere Lehrkräfte bis zur Erschöpfung. Diese meist innovativen Lehrerinnen und Lehrer berichteten, unter anderem auf Twitter, von ihren tollen Erfahrungen und davon, wie selbstständig die Kinder mittlerweile mit digitalen Medien umgehen können. Das ist zweifellos großartig. Und die Frage danach, was während der Corona-Pandemie gelernt worden ist, sollte in der Tat viel mehr im Fokus stehen. Aber die Erfahrungen unterscheiden sich eben gravierend.

An beiden Enden des Spektrums zeigt sich, was in der Psychologie als „Bestätigungsfehler“ bekannt ist. Die eigenen Erfahrungen werden nicht nur für mehr oder minder repräsentativ gehalten, sondern Informationen werden so ausgewählt, dass sie den eigenen Erfahrungen entsprechen. Das muss beispielsweise der Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, Professor Ludger Wößmann, immer wieder erfahren, wenn er via Twitter auf Probleme der Schulschließungen, Lernlücken oder Bildungsrückstände hinweist. Zurechtweisungen des Ökonomen geschehen dabei meist nach diesem Bestätigungsfehler: „Jetzt schauen Sie doch nicht nur auf die Defizite!“

Negative Auswirkungen der Corona-Pandemie auch bei gut aufgestellten Schulen

Das ist kontraproduktiv, denn obwohl der Innovationsschub, den es bei gut aufgestellten Schulen gab und gibt, nicht von der Hand zu weisen ist, hatten die Schließungen massive negative Auswirkungen. Es ist keine Frage, dass Prüfungen und der ewig wie ein „Heiliger Gral“ verehrte Stoff im Lehrplan einer genauen Analyse unterzogen werden muss.

Eineinhalb Jahre nach Schließung der Schulen hatten 18 Prozent der Schülerinnen und Schüler noch nie Videounterricht. Nie! Das muss mal festgestellt werden.

Es geht vielmehr darum, dass nicht alles über einen Kamm geschoren werden kann. Wir brauchen mehr Sowohl-als-auch. Denn natürlich gibt es sie, die tollen digitalen Projekte, die Vorzeigestunden, die neue Vernetzung und Zusammenarbeit unter Lehrkräften. Aber: Eineinhalb Jahre nach Schließung der Schulen hatten 18 Prozent der Schülerinnen und Schüler noch nie Videounterricht. Nie! Das muss mal festgestellt werden.

Einige Schülerinnen und Schüler sind kaum erreichbar oder ganz untergetaucht

Auch die Erreichbarkeit der Schülerinnen und Schüler ist mehr als unterschiedlich. Selbst dort, wo der sogenannte Videounterricht stattfand, wissen die Lehrerinnen und Lehrer, dass es schlicht nicht möglich ist, zu überprüfen, wer alles aktiv dabei ist und wer nicht. Und, noch schlimmer: Es gibt immer wieder Berichte von Schülerinnen und Schüler, die nicht mehr erreicht werden können. Sie sind weg, untergetaucht. Auch das muss anerkannt werden.

Und schließlich ist „Unterrichtsinhalt“ nicht gleich „Unterrichtsinhalt“. Wenn in einer Mittelstufenklasse die Analyse zu einer Textform nicht vollständig durchgeführt werden kann, ist das natürlich nicht ideal. Was aber, wenn es um die Grundfertigkeiten – die basalen Fähigkeiten beim Rechnen, Schreiben und Lesen – geht? Was, wenn in Abschlussklassen viel zu wenig Unterstützung vorhanden war? Auch jene Stimmen gibt es nicht wenige. Schülerinnen und Schüler schreiben mich immer wieder über Youtube an, um mir mitzuteilen, dass sie ohne die Erklärvideos nicht für die Prüfung hätten lernen können.

Die Lernenden brauchen Zeit, um sich ins schulische Umfeld einzufinden

Die Lehrkräfte werden im nächsten Schuljahr vor einer riesigen Herausforderung stehen. Und es ist abzusehen, dass es ein riesiges Spannungsfeld geben wird: Da ist zum einen die grundsätzliche Forderung, wieder zur schulischen Normalität zurückzukehren, und zum anderen der Anspruch, den Schülerinnen und Schülern auch Zeit zu geben für eine Erneuerung der sozialen Beziehungen und für das Wieder-Hineinfinden ins schulische Umfeld.

Wir werden nicht gleichzeitig „normal“ weitermachen können mit denselben Inhalten, derselben Anzahl der Klassenarbeiten, demselben Tempo und zusätzlich eineinhalb Jahre Ausnahmezustand abfedern können.

Von der Politik würde ich mir wünschen, dass diese Situation so weit entlastet wird, dass Lehrkräfte und Lernende nicht zwischen den verschiedenen Ansprüchen zerrieben werden. Wir werden nicht gleichzeitig „normal“ weitermachen können mit denselben Inhalten, derselben Anzahl der Klassenarbeiten, demselben Tempo und zusätzlich eineinhalb Jahre Ausnahmezustand abfedern können. Wir brauchen Zeit und Raum, um die unterschiedlichen Situationen in den Klassen zu analysieren, vorhandene Kompetenzen zu würdigen, bei Problemen zu helfen und das soziale Miteinander wieder in Gang zu bringen.

Von all jenen, die darüber nachdenken, wie es weitergeht, würde ich mir jedoch noch etwas anderes wünschen: die Bereitschaft dazu, auch jene Positionen anzuerkennen, die nicht den eigenen Erfahrungen entsprechen. Denn nur wenn wir die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen annehmen, mit denen wir zwangsläufig im nächsten Schuljahr konfrontiert werden, können wir uns auf diese Herausforderungen vorbereiten, ohne böse von ihnen überrascht zu werden.

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium im baden-württembergischen Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald. 
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanalund einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt. 
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf  Twitter  unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.