Kolumne

Drei Thesen : Warum unser Bildungssystem Kreativität blockiert

Kreativität ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die die Menschen brauchen, um die globalen Probleme zu lösen. Doch gerade das Denken „out of the box“ wird in den Schulen oft verhindert. Matthias Förtsch entwickelt in seiner Kolumne drei Thesen, warum das so ist und wie sich das ändern ließe.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch / 24. Februar 2020
Mann mit einer Kiste über dem Kopf
Kinder haben eine Fähigkeit, die sie offenbar im Laufe der Zeit verlieren: divergent denken, auch „Thinking outside the box“.
©stock.adobe.com

Versuchen Sie doch mal folgendes Experiment: Schreiben Sie in den nächsten zwei Minuten alle Dinge auf, die man mit einer Büroklammer machen kann.

Na, wie viele Dinge sind Ihnen eingefallen? Nehmen Sie es nicht persönlich: Wenn Sie eher unterdurchschnittlich kreativ sind, dann steht auf dem Zettel jetzt vermutlich so etwas wie „Blätter zusammenhalten“, „die SIM-Karte aus dem Handy entfernen“, „ein Schloss knacken“ oder, bei Langhaarigen, vielleicht auch noch das „Wegklammern von Haaren“. Die meisten Menschen kommen innerhalb der vorgegebenen zwei Minuten auf 10 bis 15 Ideen. Aber es gibt auch Menschen, die – natürlich mit mehr Zeit – bis zu 200 Ideen haben.

Interessanterweise kommen fast alle Kindergartenkinder auf über 100 Ideen, wenn man ihnen genug Zeit lässt. Sie können etwas, das wir offenbar im Laufe der Zeit verlieren: divergent denken, auch „Thinking outside the box“. Schließlich könnte die Büroklammer ja auch aus Schaumstoff sein, und man könnte darauf schwimmen. Oder sie ist aus Schokolade, und man kann sie essen oder zum Dekorieren von Kuchen verwenden. Dieser Test ist übrigens als „Büroklammertest“ oder auch „Guilford’s Alternative Uses Task“ bekannt.

  • These 1: Schule vernachlässigt die Kreativität, obwohl gerade Kreativität eine der wenigen Eigenschaften ist, die den Menschen von einer zukünftigen KI unterscheiden könnte.

Sir Ken Robinson hat in seinem sehr bekannten „TED-Talk“ zur Kreativität in der Schule die These aufgestellt, dass es unser industriell geprägtes Schulsystem ist, das die Kreativität der Schülerinnen und Schüler nicht nur blockiert, sondern regelrecht „abtötet“. Wir leben die Fließband-Mentalität der Industrialisierung einfach weiter: Die Schulglocke gibt den Takt vor, wir optimieren die Arbeitsteilung in Fachbereichen, und das Produktionsdatum des Menschen ist unser Kriterium für die Einordnung in eine Gruppe (vgl. Sir Ken Robinson, „Changing Education Paradigms“).

Wenn man wirklich an zeitgemäßer Bildung interessiert ist, dann sollte man nicht mit den bekannten Vorstellungen von Schule beginnen. Jeder Mensch weiß, dass wir je nach Tageszeit, Gruppengröße etc. besser lernen oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch besser in unterschiedlichen Dingen sind.

  • These 2: Wir müssen weg von der Fließband-Metapher von Schule.

Sind Sie bereit für ein weiteres Experiment? Stellen Sie sich vor, Sie haben folgende Gegenstände:

  • eine Packung Streichhölzer
  • eine Kerze
  • eine Schachtel mit Reißnägeln darin

Ihre Aufgabe besteht darin, eine brennende Kerze so an der Wand zu befestigen, dass das Wachs nicht auf den Boden tropfen kann.

Diese Aufgabe ist als „Kerzenproblem“ (Achtung: Hinter dem Link verbirgt sich direkt die Lösung!) bekannt geworden, zuletzt populär gemacht durch den Schriftsteller und Motivationsexperten Dan Pink. In der ursprünglichen Studie (veröffentlicht 1945) bat man Vergleichsgruppen, das Problem zu lösen. Eine der Gruppen sollte einfach das Rätsel schnellstmöglich lösen, der anderen wurde als Anreiz ein Geldbetrag in Aussicht gestellt (umgerechnet in den heutigen Geldwert: ca. 170 Euro), sollte sie die schnellste werden. Interessanterweise schnitten diejenigen, die kein Geld versprochen bekamen, im Schnitt deutlich besser ab und lösten das Rätsel schneller.

Dies ist nur dadurch zu erklären, dass das externe Anreizsystem die stark wirkende intrinsische Motivation ersetzte und den Blick auf die Problemlösung verengte. Betrachten wir nun das System Schule, so fällt auf, dass wir mit Noten ein ebensolches Anreizsystem im Einsatz haben. Und dabei wollen wir doch eigentlich Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, kreative Lösungen zu finden.

  • These 3: Komplexe (Welt-)Probleme erfordern Menschen, die diese lösen können. Schule setzt dafür oft die falschen Anreize.

Wir brauchen also sinnstiftendes, auch selbst gewähltes Lernen, bei dem Schülerinnen und Schüler sich komplexen, weil übergreifenden Fragestellungen widmen, wie zum Beispiel beim Projektlernen. Und wir brauchen dafür auch längere unbenotete Phasen. Das wissen wir eigentlich alles, und trotzdem fällt es uns so schwer, „out of the box“ zu denken und unsere Schulen zu verändern. Aber immerhin wissen wir jetzt, warum das so ist …

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist er hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für das deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.