Kolumne

Klausuren abschaffen : Warum Prüfungen in der jetzigen Form niemandem helfen

Prüfungen machen wenig Sinn, im Gegenteil sie schaden sogar, schreibt Bob Blume in seiner Kolumne. Gleichzeitig wird dafür viel Zeit und Kraft von Lehrkräften aufgewendet, die viel besser eingesetzt werden könnten. Alternativen gibt es bereits.

Bob Blume Bob Blume 09. Mai 2022 Aktualisiert am 10. Mai 2022
Schüler schreiben einen Test
Was genau sollen Schülerinnen und Schüler am Ende jeder Unterrichtseinheit mit rot angestrichenen Texten anfangen?
©Shutterstock

Es gibt eine Aussage über Korrekturen, die sich mir eingebrannt hat, weil sie so treffend ist. Und weil ich damals, als ich den Tweet von Isabell Probst das erste Mal gelesen habe, nicht wusste, ob ich lachen oder weinen soll. Er lautet wie folgt: Korrektur fühlt sich an wie der Kuss eines Dementors. So als würde einem jedes Glücksgefühl, jede Hoffnung und gute Erinnerung abgesaugt, bis man glaubt, nie wieder glücklich sein zu können. Mein Patronus hat übrigens die Gestalt einer Rotweinflasche.

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Jetzt könnte man natürlich sagen, dass es in jedem Beruf Aufgaben gibt, die einem, sachte formuliert, nicht unbedingt das Herz aufgehen lassen. Das ist richtig. Das Problem an der Korrektur ist auch nicht, dass sie keinen Spaß macht. Das Problem ist, dass Klausuren und deren Korrektur grundsätzlich nicht sinnvoll sind. Weder für Schülerinnen und Schüler noch für Lehrerinnen und Lehrer. Quasi eine Lose-Lose-Situation.

Falscher Zeitpunkt, falsche Rückmeldung

Bevor wir uns anschauen, was das bewirkt, zunächst zu dem Problem, das den meisten Prüfungen und Klausuren innewohnt. Sie gaukeln vor, eine Rückmeldung zu geben, sind aber meist dort situiert, wo keiner etwas mit der Rückmeldung anfangen kann. Oder was genau sollen Schülerinnen und Schüler am Ende jeder Unterrichtseinheit mit rot angestrichenen Texten anfangen, für die sie ein paar Tage vorher gelernt haben? Sich verbessern? Und das während der Zeit, in der es ja mit neuem „Stoff“ weitergeht.

Und auf welcher Grundlage sollen sich Schülerinnen und Schüler eigentlich verbessern? Ziffern und Noten verweisen nicht darauf, was man verbessern sollte – oder gar, was man gut gemacht hat. Und das, obwohl allenthalben so getan wird, als sei das so. Dafür, dass es hier um Scheinobjektivität geht, müssen Lehrkräfte aber eine Unmenge an Zeit investieren, um Arbeiten zu korrigieren. Dass dem so ist, kann jede Lehrperson bestätigen. Der Heilige Gral Prüfung verhindert Lernen mehr, als er ihm nützt. Damit aber nicht genug: Solche Arbeiten sind das Gegenteil von sinnvoller Arbeit.

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In dem Buch unter dem Titel „10 Dinge, die ich an der Schule hasse und wie wir sie ändern können“, erschienen im Mai 2022 im Mosaik Verlag, widmet Bob Blume ein ganzes Kapitel den überholten Prüfungsformaten. Gleichzeitig werden die in dieser Kolumne angerissenen Alternativen vertieft. Das Buch soll weniger Anklage als vielmehr ein Aufruf zum Handeln sein, um Schule ins 21. Jahrhundert zu führen.

Vergeudung von Ressourcen

Es ist begrüßenswert, dass der Begriff der Resilienz in Bezug auf Lehrerkräfte wieder mehr Eingang in die Diskussion findet. Andererseits erscheint der Begriff oftmals als eine Fähigkeit, die haben muss, wer es schafft, sich den Extrembedingungen zu erwehren.

Klassenarbeiten als Extrembedingungen, ist das nicht ein wenig hochgegriffen? Nun ja, es kommt drauf an, wie man Extrembedingungen definiert. Das Extreme an der Situation der Korrektur könnte folgendermaßen zusammengefasst werden: Es wird erheblicher Zeitaufwand für etwas betrieben, das nicht einlöst, was es verspricht, nicht genutzt wird, wofür es angeblich betrieben wird, und nicht darstellt, was es darstellen soll.

Dieses Wissen kann einen um den Verstand bringen. Wochenenden gehen drauf für eine Arbeit, die im Endeffekt keinem etwas bringt und quasi jedem schadet. Was für eine Vergeudung von Zeit, Aufwand und Ressourcen!

Alternative Prüfungsformate gibt es bereits

Dabei gibt es längst Alternativen. Damit sind nicht nur die zahlreichen konkreten Beispiele gemeint, die beispielsweise beim Institut für zeitgemäße Prüfungskultur  von Kolleginnen und Kollegen eingereicht worden sind und die zeigen, dass Prüfung auch etwas ganz anderes meinen kann.

Prozessorientierung, gemeinsame Arbeit und vor allem die Möglichkeit, sich zu verbessern, sollten an viel zentralerer Stelle stehen. In der „ergänzenden Empfehlung zur Strategie ‚Bildung in der digitalen Welt” hat die Prüfungskultur schon ein eigenes Kapitel bekommen. „In zukünftige schriftliche und mündliche Prüfungsformate sind neben den fachlichen Kompetenzen verstärkt – gemäß den in der KMK-Strategie definierten Kompetenzen – Kreativität, Kollaboration, kritisches Denken und Kommunikation mit einzubeziehen.“

Dass eine solche Forderung keinem Trend folgt, sondern auch wissenschaftlich fundiert ist, zeigt ein Blick auf die unter anderem vom Institut für Bildungsforschung Baden-Württemberg herausgearbeiteten Tiefenstrukturen für wirksamen Unterricht. Eine der drei Hauptsäulen dieser Tiefenstrukturen ist der Bereich „Konstruktive Unterstützung“; dort werden das „formative Feedback“, der „konstruktive Umgang mit Fehlern“ und das „angemessene Tempo“ definiert.

Bis zu einem tatsächlichen Paradigmenwechsel scheint der Weg noch lang, das Ziel jedoch mehr als erstrebenswert. Denn eine Arbeit, die dazu führt, dass Schülerinnen und Schüler ihr Lernen verbessern, das Interesse nicht verlieren und am Ende einer Unterrichtseinheit nicht abgestraft werden, wenn sie nicht das tun, was sie tun müssen, um eine Ziffer zu erlangen, macht man auch als Lehrkraft gerne. Eine Win-Win-Situation also. Arbeiten wir daran, dass die bisherige Praxis auch weiterhin kritisch betrachtet wird. Mehr Können, weniger Pauken also. Ich bin bereit und denke, da bin ich nicht der Einzige.

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium in Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald.
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanal und einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt.
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf Twitter unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.
  • Er ist Autor des Buches „Deutschunterricht digital. Vom didaktischen Rahmen zur praktischen Umsetzung.“, erschienen im Beltz-Verlag