Kolumne

Jahresendstimmung : Warum mir momentan die Kraft für große Ideen fehlt

Von der Aufbruchstimmung, die die Corona-Pandemie in Sachen Innovation an Schulen ausgelöst hatte, ist angesichts der Dauerbelastung und schleppender Digitalisierung oft nicht mehr viel übrig. Lehrer Bob Blume beobachtet zum Jahresende, wie sich Resignation breitmacht, und hofft, dass sich das im kommenden Jahr wieder ändert!

Bob Blume Bob Blume 20. Dezember 2021 4 Kommentare
Wenn der Druck der Umstände zu groß wird.
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Gäbe es eine Stellenbeschreibung, zu der der Begriff „Nudging“  passen würde, dann wäre es die für eine:n Kolumnist:in. Beim Nudging (engl.; anstoßen, stupsen) möchte man man jemanden, mehr oder weniger subtil, dazu bewegen, etwas dauerhaft zu tun oder zu lassen. Das ist ein hoher Anspruch – gerade im Bereich Schule. Der Kontext bzw. die Ausgangssituationen fürs Nudging mögen in den Schulen unterschiedlich sein, und dennoch bleibt die Hoffnung, dass eine pointierte Meinung dazu führen kann, dass über den Sinn und den Unsinn von Ideen, Maßnahmen und neuen didaktischen Trends zumindest diskutiert wird. Vielleicht im Kollegium. Vielleicht in einem persönlichen Gespräch.

In meinen bisherigen Kolumnen habe ich versucht, solche Diskussionen anzustoßen. Ob es darum ging, dass wir mehr Freiheit für Lehrkräfte wagen sollten, oder darum, dass wir mehr Unterstützung bei der Digitalisierung brauchen. Dass über viele Artikel diskutiert wurde – gerade auch, wenn es kontroverse Stimmen waren –, zeigte mir, dass Ideen und deren kritische Betrachtung gefragt sind.

Das Thema meiner letzten Kolumne dieses Jahres ist: das Fehlen dieser Themen. Mir fehlen die großen Ideen. Das liegt vor allem daran, dass ich – gemeinsam mit vielen anderen – das Gefühl habe, in einer großen Maschine zu stecken, die alles, was vorgeschlagen werden kann, in ein großes Loch fallen lässt, aus dem die Idee dann nicht mehr rauskommt. Oder wenn doch, dann als kleine, traurige Gestalt, der man aufhelfen und die man trösten möchte.

Beispiel: digitaler Distanzunterricht

Am Beispiel des Distanzunterrichts lässt sich aus meiner Sicht sehr gut nachvollziehen, wie Ideen so eingestampft werden können, dass nichts mehr von ihnen übrig bleibt. Die Geschichte des digitalen Fernunterrichts, der dort, wo er nicht zustande kam, Homeschooling genannt wurde, geht ungefähr so: Erst gab es offiziell zunächst keine Mittel, keine Hilfe, keine Unterstützung – und die Hoffnung, dass sich die Schulen irgendwie an den eigenen Haaren aus dem Dreck ziehen. Das war ungefähr Anfang 2020.

Und was machten die Schulen? Die zogen mit vereinten Kräften und den bescheidenen Mitteln, die sie hatten. Während diejenigen, die sich mit der Materie auskennen, von Webinar zu Webinar tingelten, um zu erklären, was alles möglich ist, kamen die ersten offiziellen Schreiben von offizieller Seite, um offiziell mitzuteilen, was offiziell möglich ist. Meistens zu spät, aber sie kamen. Darin: eine Erklärung, was alles nicht möglich ist. Was alles nicht geht. Was man nicht darf und was man nicht machen soll. Das war ungefähr Anfang 2021.

Allein, die Lösungsvorschläge ließen weiter auf sich warten. Man hatte wohl gehofft, dass die Administrator:innen vom Himmel fielen, dass die Sofortausstattungsprogramme ihrem Namen gemäß funktionierten und dass plötzlich alle damit beginnen würden, digitale Expert:innen zu sein. Dass dem nicht so war, war wohl für die meisten genauso überraschend wie die Tatsache, dass die nächste Corona-Welle schon da ist, wenn man nichts tut. Und so tat man auch wieder: nichts!

In hochgradig besetzten Podiumsdiskussionen konnte man noch, symbolisch, darüber sprechen, was alles gut wäre. So als wolle man tatsächlich etwas ändern. Damit war es dann aber auch gut. Denn nun ist klar: Mehr als eine schöne Phrase war das wohl nicht.

Als gebe es nur eine Alternative: zurück zu alten Routinen

Dass überhaupt nicht mehr über digitalen Fernunterricht gesprochen wird, hängt an Gründen, die oft wiederholt werden: Ja, Kinder und Jugendliche waren abgeschnitten. Ja, sie brauchen Beziehungspflege. Ja, es kam zu psychischen Schäden, die uns noch Jahre beschäftigen werden.

Aber, und nun stelle ich eine böse Vermutung in den Raum: Das kommt vielen vielleicht ganz gelegen. Denn was man befürchten konnte, ist vielfach eingetreten: Digitales Arbeiten? Ist das nicht das, wo ich zu Hause vor dem Bildschirm sitze und mit einer Liste von Namen spreche, weil die Kameras nicht funktionieren? Ist das nicht das, was mich so gestresst hat? Ist das nicht das, wo man gar nicht mehr kontrollieren kann?

Kreative Wege? Das wäre ja noch schöner.

Ja, ich werde zynisch. Oder, anders: resignaggressiv. Das ist die Steigerung von mütend – also dem Zustand, in dem man zu müde ist, um wütend zu sein.

Erst waren wir also nicht vorbereitet, und dann schauten wir zurück, erklärten, dass es nicht geklappt hat, zuckten mit den Schultern und taten so, als gebe es nur eine Alternative, nämlich: zurück zu alten Routinen.

Unterm Rad“ als ohnmächtige Figur

Meine momentane Stellenbeschreibung als Kolumnist würde sich wohl eher nicht vom „Nudging“ ableiten. Wenn etwas angestoßen werden will, dann bin das eher wohl ich selbst. Und auch hier weiß ich von zahlreichen Nachrichten, dass ich damit nicht allein bin. Mir geht es ungefähr so, wie Hermann Hesse seinen Protagonisten in „Unterm Rad“ beschrieben hat: als ohnmächtige Figur, die von allen Seiten den Druck der Umstände spürt.

Gerade kann ich also nicht darüber schreiben, wie wir mehr Freiheit wagen könnten, weil ich trotz Pandemie und Inzidenz-Höchstständen Arbeiten korrigiere. Wie jedes Wochenende. Weil: Pandemie hin oder her – es gibt Prioritäten!

Ich kann auch nicht mehr zu besserer Digitalisierung anregen, denn ich verstehe, dass jeder Kollege, dem ich damit komme, anderes zu tun hat. Oder immer noch keine vernünftige Ausstattung hat. Einen weiteren Corona-Fall, eine weitere Konfliktsituation, ein weiteres ungeklärtes Problem.

Momentan fehlt mir die Kraft für große Ideen. Gern würde ich mich, meine Kolleg:innen und andere entlasten. Aber das kann ich nicht. Und die Verantwortlichen, die das könnten, tun es nicht.

Und so gehe ich – wie viele andere – in die Schule und hoffe, dass diese Situation bald aufhört. Auf dass ich, auf dass wir wieder große Ideen diskutieren können.

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium im baden-württembergischen Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald. 
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanalund einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt. 
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf  Twitter  unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.