Kolumne

Coming-out : Und plötzlich geht es um Liebe

Spätestens ab der achten Klasse geht es in der Schule auch um Liebe. Wie reagiert man als Lehrerin, wenn eine Schülerin sich im Englischunterricht als lesbisch outet? Ulrike Ammermann, Lehrerin an einem Gymnasium, beschreibt in ihrem Gastbeitrag das Gespräch im Lehrerzimmer.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann / 03. Januar 2020
Die Regenbogenfahne weht während des Umzugs zum Christopher Street Day (CSD) vor der Siegeschule.
Es ist nicht von ungefähr so, dass Schülerinnen und Schüler nur in Ausnahmefällen zu ihrer Homosexualität stehen. Es fehlt an Vorbildern. Die wenigsten schwul-lesbischen Lehrkräfte geben sich zu erkennen.
©Wolfgang Kumm/dpa

Über Liebe reden wir im Lehrerzimmer öfter, als sich meine Freunde das vorstellen. In Notenkonferenzen etwa, wenn das veränderte Leistungsniveau schon mal mit neuen Freundschaften erklärt wird. Auch während der Pausenaufsicht lässt sich so manche zart aufkeimende Verbindung beobachten. Spätestens ab der achten Klasse müssen wir mit den Gefühlsstürmen unterrichten, die der steigende Hormonspiegel bei vielen Teenagern auslöst. Das ist manchmal wunderschön und manchmal unerwartet herausfordernd.

In der jüngsten Notenkonferenz zum Beispiel wunderte sich die Chemielehrerin über die gestiegenen Leistungen von Hakim aus der Neunten. Bisher habe der ja meist durch nicht erledigte Hausaufgaben geglänzt und sein Nichtwissen durch rüpelhaften Charme wettzumachen versucht. Der Klassenlehrer der 9b konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. „Jaaa“, sagte er gedehnt, „der Hakim sei neuerdings eng mit der Lisa befreundet.“ Eine fleißige Schülerin mit soliden Leistungen im Zweierbereich und sorgfältig geführten Mappen. Ganz offensichtlich traf man sich jetzt öfter bei Lisa, um Hausaufgaben zu machen. Wir konnten uns in der Konferenz gut vorstellen, dass es Hakim nicht vorrangig um die Hausaufgaben ging. Aber ganz offensichtlich taten ihm auch nachrangige Hausaufgaben gut.

Das Outing von Marie blieb fast unbemerkt

Eine ganz andere Herausforderung brachte die Englischlehrerin aus meiner Klasse mit. Sie hatte die Teenies nach ihren Vorstellungen von Liebe und Beziehungen gefragt. Während die meisten Mädchen aufgeregt giggelten, wie der perfekte Junge aussehen müsse und ob sie später ein oder lieber zwei Kinder haben wollten, und: „Was heißt noch mal ,Schwarm‘ auf englisch?“ fragten, hatte Marie ganz ruhig erklärt: „Kids are not an option, because I love girls.“ Dass sie Frauen liebe, bekam fast niemand mit. Alle in Maries Klasse waren viel zu sehr mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt. Ich kenne ehemalige Schülerinnen, die sich an der Uni als lesbisch geoutet haben. Dass jemand in der Dating-Hölle der 16-Jährigen sich zu sagen traut, er oder sie sei anders als die anderen, das war mir vorher noch nicht passiert.

„Das habe ich mir gedacht!“, entfuhr es mir. Philipp, der Einzige in unserem Kollegium, der offen mit einem Mann zusammenlebt, schaute pikiert von seiner Kaffeetasse auf: „Was willst du damit sagen?“ Ich wurde rot – auf keinen Fall wollte ich, dass der hilfsbereite Philipp mich für homophob hielt. „Du willst doch nicht etwa behaupten, wir sähen anders aus?“, setzte Philipp nach.

„Nein, Philipp, so meine ich das nicht. Aber, na ja – eigentlich lasse ich den Gedanken, ob ein Mann sexuell für mich interessant ist, immer im Hinterkopf mitlaufen.“ Philipp wollte mir das nicht so recht abnehmen, schließlich sei er selbst nicht dauernd auf der Suche. „Ja“, gab ich zu, „das ist auch bei mir so. Ich bin glücklich mit meinem Alltagsprinzen. Aber trotzdem realisiere ich immer, ob ein Mann grundsätzlich infrage kommt. Und wenn einer eben gar nicht zur Verfügung steht, dann merke ich das irgendwie.“

Philipps Mann Jonas ist schrecklich eifersüchtig. Aber auch er reagiere nicht auf jeden anderen Mann in ihrer Umgebung allergisch, gab Philipp schließlich zu.

Mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen

Wie aber gehen wir nun mit dem nahezu unbemerkten Outing von Marie um? Früher oder später werden ihre Klassenkameraden es bemerken. Und dann wird sie mit ihrem Outing die Einzige sein. Es ist nicht von ungefähr so, dass Schülerinnen und Schüler nur in Ausnahmefällen zu ihrer Homosexualität stehen. Es fehlt an Vorbildern. Die wenigsten schwul-lesbischen Lehrkräfte geben sich zu erkennen.

Druck gibt es aber auch vonseiten der Mitschülerinnen und Mitschüler. Die meisten Mädchen und Jungs wollen in der Schulzeit vor allem eins: dazugehören, sein wie alle anderen. Das verträgt sich schlecht mit einer sexuellen Neigung von etwa 10 Prozent der Menschen. Die Mehrheit erzeugt einen enormen Gruppendruck. Unsere Schulen sind relativ geschlossene Systeme. Kinder können ihren Mitschülerinnen und Mitschülern nicht ausweichen, man begegnet sich jeden Morgen wieder. Hunderte von Teenie-Filmen erzählen davon. Egal, ob „American Pie“ oder „La Boum“ – der Brillenträger oder die mit der Zahnspange möchte niemand sein. Wie schwer muss es erst sein, wenn man die mit der anderen Liebe ist?

Auf dem kleinen Dienstweg der Sofaecke im Lehrerzimmer haben die Englischlehrerin, der Geografielehrer Philipp und ich als Deutschlehrerin beschlossen, in der Woche vor Weihnachten Geschichten und Filme zum schwul-lesbischen Leben zu behandeln. Vielleicht schauen wir im Englischunterricht „Call me by your name“ an, vielleicht lesen wir Passagen aus Manns „Der Zauberberg“. Irgendwie müssen wir mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen. Dringend.

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einem Hamburger Gymnasium Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.