Kolumne

Schule mal anders : Über die Vorzüge des Unterrichts in Corona-Zeiten

Wegen der Corona-Pandemie kann Präsenzunterricht derzeit meist nur eingeschränkt und in kleinen Gruppen stattfinden. Grundschullehrerin und Schulportal-Kolumnistin Sabine Czerny kann darin viele Vorzüge entdecken: mehr Ruhe, keine Noten, ausgeschlafene Kinder, zum Beispiel. „Wir sollten das, was sich als gut erweist, beibehalten“, schreibt sie.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 01. Juli 2020
Grundschulkinder sitzen mit Abstand im Klassenraum
Vor den Sommerferien findet der Unterricht meist nur in kleinen Gruppen statt. Das verschafft den Kindern mehr Platz und Aufmerksamkeit.
©dpa

In COVID-19-Zeiten können die Bestimmungen von heute Morgen nachmittags schon überholt sein – und zudem auch noch überall anders. Schulklassen mussten geteilt, gedrittelt oder gar geviertelt werden, in vielen Schulen sind Räume Mangelware, und Klassen von Lehrkräften der Risikogruppen mussten von Kolleginnen und Kollegen aufgefangen werden. Die Belastung der Eltern ist unter diesen Umständen zu großen Teilen nicht weniger geworden, die der Lehrerinnen und Lehrer dagegen nochmals mehr. Und bislang spricht man kaum darüber, welche Bedürfnisse, Nöte und Ängste Kinder in und nach so einer Ausnahmesituation haben und wie man diesen gerecht werden kann.

Dennoch: Es gibt auch in diesen von Corona belasteten Schulzeiten so viel Gutes. Und sollte es einen geeigneten Zeitpunkt geben, um Schule nachhaltig besser zu gestalten, dann jetzt! Gerade jetzt sind Dinge möglich, die sich Schulreformer bislang nur erträumen konnten!

Im Klassenzimmer ist es ungewöhnlich ruhig

Was mir im Präsenzunterricht auffällt? Als Allererstes: die Ruhe! Die kleinere Gruppengröße bringt es mit sich, dass weniger Kinder quatschen, weniger Kinder im Schulranzen kruschteln, weniger Kinder mit dem Stift auf den Tisch klopfen. Und das ist spürbar – auch für die Kinder. Um wie viel entspannter sie gerade lernen!

Das liegt auch an dem Platz, den sie jetzt haben. Denn jetzt endlich haben sie einen Tisch für sich allein, auf dem sie Heft und Buch sowie Federmäppchen ausbreiten können, ohne eines mit dem anderen zu überlagern und nicht selten dadurch über den Tischrand zu Boden zu schieben oder ständig umorganisieren zu müssen, um beispielsweise die Aufgabe im Buch lesen zu können, die sie in ihrem Heft bearbeiten sollen. Viele Klassenzimmer haben eine Größe von gerade mal etwa 50 – 60 Quadratmetern. Wenn man bedenkt, dass an den Wänden meist Regale und Schränke stehen, um die Materialien verstauen zu können, die Lehrkraft selbst auch etwas Platz benötigt und meist ein paar Quadratmeter frei gehalten werden, um beispielswiese einen Sitzkreis zu machen, kann man sich ausrechnen, wie viel Platz jedes Kind normalerweise für sich hat.

Man kann dann auch erahnen, wie bei diesem Platzangebot Gruppenarbeit, Stationentraining oder Projektarbeit möglich sein sollen … Letztlich eben nur mit geringstem Materialaufwand, weil einfach der Raum fehlt – oft bleibt es also beim Lernen mit Bleistift und Papier, somit vorrangig Theorie statt handelndem Lernen. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass in den Klassenzimmern, die in Fernsehsendungen gezeigt werden, nie 28 Kinder sitzen, sondern, wenn überhaupt, nur die Hälfte? Und man dennoch den Eindruck hat, das Klassenzimmer sei voll?

In jedem Fall haben die Kinder jetzt endlich mal ein wenig Platz, können so auch besser Ordnung halten, stolpern nicht über die zwischen den Tischen auch noch liegenden Schultaschen und kommen an die Arbeitsmaterialien im Regal, ohne dass mehrere Kinder aufstehen und ihren Stuhl verschieben müssen.

Jedes Kind kann sich im Unterricht einbringen

Und: Sie kommen endlich mal dran! Dadurch dass weniger Kinder da sind, ist der Austausch intensiver, und jedes Kind kann sich gut einbringen, auch zwei- oder dreimal zu einem Thema. Mit einer größeren Gruppe ist das undenkbar. Und natürlich macht das auch was mit der Motivation! Die Kinder sind aktiver und freudiger dabei. Und natürlich kann eine Lehrerin oder ein Lehrer ein viel individuelleres Feedback geben, weil er oder sie jedes Kind viel genauer beobachten und auf diese Weise wahrnehmen kann, was es gerade lernt und arbeitet.

Dadurch dass weniger Kinder da sind, ist der Austausch intensiver, und jedes Kind kann sich gut einbringen, auch zwei- oder dreimal zu einem Thema.

Gut, als Lehrerin bin ich zurzeit in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, weil ich Abstand halten muss und mehr oder weniger nur Frontalunterricht erlaubt ist. Da die Kinder die Aufgaben während des Fernunterrichts aber höchst unterschiedlich bearbeitet haben und jedes Kind von daher einen anderen Lernstand hat, geht es derzeit gar nicht anders, als dass die Kinder weiterhin in einigen Bereichen sehr individuell arbeiten. Wenn ich mir vorstelle, ich könne unter diesen Umständen wieder zu jedem Kind oder zu jeder Kleingruppen hingehen … oder die Kinder zu mir kommen lassen und ihnen helfen … Ein Traum!

Jedes Kind braucht einfach immer wieder mehrere Minuten Zeit allein mit der Lehrkraft, um individuell arbeiten zu können. Ganz allein, ohne Rückmeldung, ohne eine gewisse Anleitung oder Tipps können die Kleinen, aber selbst auch die Größeren, das noch nicht. Wie viele Kinder man da in einer Stunde begleiten kann, lässt sich leicht ausrechnen – aber 28 sind es ganz bestimmt nicht. Um genau zu sein: nicht mal die Hälfte. Und es ist nicht damit getan, den Kindern einfach korrigierte Arbeiten zurückzugeben: Die wenigsten schauen sich die Anmerkungen an oder verbessern daraufhin ihre Arbeiten selbstständig, und auch immer weniger Eltern gehen die Korrekturen noch mal mit ihren Kindern durch. Was Kinder tatsächlich brauchen, ist das Gespräch – und Gespräch kostet Zeit.

Den Kindern tut es gut, nicht ständig geprüft zu werden

Eine Folge des unterschiedlichen Lernstands der Kinder durch die Schulschließung ist, dass ganz offiziell derzeit keine Prüfungen oder Tests geschrieben werden. Warum erkennt man nicht ganz grundsätzlich an, dass Kinder niemals den gleichen Lernstand haben – und damit vergleichende Prüfungen an sich immer unsinnig sind? Dass Kinder – nicht nur jetzt zu Corona-Zeiten, sondern immer – individuelle Rückmeldungen brauchen, die sich an ihrem Lernweg und gern auch an einer allgemein vorgegebenen sachlichen Zielsetzung orientieren? Den Kindern zumindest tut es jedenfalls sooo gut, nicht ständig geprüft zu werden, nicht ständig beurteilt und verglichen zu werden. Es ist, als wenn sie endlich frei atmen können.

Warum erkennt man nicht ganz grundsätzlich an, dass Kinder niemals den gleichen Lernstand haben – und damit vergleichende Prüfungen an sich immer unsinnig sind?

Und noch etwas anderes trägt dazu bei: die Konzentration aufs Wesentliche. Viele Unterrichtsinhalte fallen derzeit weg, der Unterricht insgesamt ist zeitlich kürzer, und ich habe zunehmend das Gefühl, dass es von der Menge her genau das ist, was Kinder gut aufnehmen können. Ergänzt werden sollte das, sobald wieder möglich, durchaus mit musischen Inhalten – aber bitte wirklich praktisch! Singen, Musik machen, Bilder malen – der Musik- und Kunstlehrplan war, selbst bei den Kleinsten, bisher  schon so voll mit Theorie, dass man nicht mehr guten Gewissens von einer musischen Ausbildung sprechen kann. An sich reihen sich diese für die Seele so wichtigen Fächer mit ihren Anforderungen mittlerweile nahtlos ein in die vielen anderen, die um der Theorie und der Prüfungen willen und nicht wegen der Entwicklung tatsächlicher Fertigkeiten und Fähigkeiten unterrichtet werden.

Der richtige Zeitpunkt, um Lehrpläne zu entrümpeln

In Corona-Zeiten geht es dagegen derzeit selbst in Fächern wie Mathematik um das ganz Konkrete: Rechnen. Jetzt zeigt sich, was wirklich wichtig ist!  Viel abstrakte Theorie und einige andere Themenbereiche von Vor-Corona, die für das Alter und die dementsprechende biologische Entwicklung der Kinder meist sowieso viel zu früh im Lehrplan gestanden haben, dürfen derzeit weggelassen werden. Das schafft endlich mal Zeit zum Üben, Vertiefen und Sichern! Die Corona-Pandemie ist aus meiner Sicht der perfekte Zeitpunkt, um Lehrpläne zu entrümpeln. Einerseits sollte jetzt noch mal gut überlegt werden, welche Inhalte in welcher Jahrgangsstufe wirklich Sinn machen, und andererseits sollte, realitätsnah, der Zeitbedarf dafür gegeben werden. Dafür besteht seit Jahren ein dringender Bedarf.

Es ist das erste Mal in meinem Lehrerleben, dass ich alle Kinder ausgeschlafen erlebe.

Dass die Kinder entspannter sind, merke ich gleich am Morgen. Der Unterricht beginnt in einigen Schulen später als sonst, um halb neun oder neun Uhr. Es ist das erste Mal in meinem Lehrerleben, dass ich alle Kinder ausgeschlafen erlebe. Bei einem Schulbeginn um acht Uhr bedenken wir ja häufig nicht, dass viele Kinder deutlich früher aufstehen müssen, weil sie beispielsweise mit dem Bus von weit her kommen. Dabei macht es für das Wohlbefinden einen entscheidenden Unterschied, ob der Wecker vor oder nach sieben Uhr klingelt. Was eine halbe Stunde späterer Unterrichtsbeginn ausmachen kann – ich bin selbst überrascht!

Mehr Zeit, um Kinder für das Selbstlernen fit zu machen

Und last, but not least: das Digitale und das Selbstlernen. Ein weites Feld. Während des für alle sehr überraschend eingeleiteten Fernlernens wurde deutlich, dass Grundschulkinder weniger am Fachlichen scheitern als daran, dass sie bisher zu wenig Struktur aufbauen konnten, das Miteinander vermisst haben und häufig noch nicht über die notwendige Arbeitshaltung verfügten. Neben den fehlenden technischen Voraussetzungen für das digitale Lernen – die ja schon seit Jahren auf der Agenda stehen – sollte in der Schule ausreichend Zeit zur Verfügung stehen, um Kinder, unabhängig von Corona, für das Selbstlernen sowohl im Digitalen als auch mit herkömmlichen Materialien fit zu machen. Denn letztlich werden nur dann alle Kinder erfolgreich lernen, wenn sie selbst die Verantwortung für ihr Lernen übernehmen und neben dem Erwerb grundlegender Fertigkeiten individuelle Wege gehen und ihren individuellen Interessen folgen können.

So befremdlich es in dieser außergewöhnlichen Zeit klingen mag: Viele Aspekte von „Schule neu denken“ könnten, zumindest an einigen Schulen, gerade jetzt gelebt werden. Wir sollten wachen Auges hinschauen und das, was sich als gut erweist, beibehalten: deutlich kleinere Gruppen, individuelle Rückmeldungen statt vergleichender Leistungsbewertung, bewusst ausgewählte altersangemessene Inhalte, zeitlich entspanntere Lernsituationen und den Aufbau sowie die Unterstützung des Selbstlernens.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­­schule im Groß­­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­­unter­­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundes­weit Schlag­­zeilen: Weil ihre Schüler­­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.