Kolumne

Stresstest Schulöffnung : 20 Fragen, die Schulen jetzt beachten sollten

Die Frage, wie sich die Schulöffnungen während der Corona-Pandemie organisieren lassen, wird vielfältige Herausforderungen für Schulleitungen, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler mit sich bringen. Es ist Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen und nötige Konsequenzen abzuleiten. Die Autoren und Schulpraktiker Matthias Förtsch und Kai Wörner haben für Schulen eine Checkliste mit den 20 wichtigsten Fragen, die im Kollegium jetzt beantwortet werden sollten.

Schultafel mit Daumenhoch-Symbol
Wie können Schulen auf die kommenden Hygienevorschriften reagieren? Gibt es konkrete Abläufe, benennbare Kapazitäten, klare Verantwortlichkeiten? Auf diese und andere Fragen müssen Schulen jetzt Antworten finden.
©Uwe Anspach/dpa

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

physisch und psychisch verlangt die Corona-Krise den Beteiligten am schulischen Leben derzeit einiges ab. Eltern werden plötzlich zu Hilfspädagogen, Schülerinnen und Schüler verwenden digitale Geräte auf einmal zu Arbeitszwecken und finden sich dabei je nach Lehrperson im Spannungsfeld zwischen Videokonferenz und Druckertoner wieder. Lehrerinnen und Lehrer hadern mit den neuen Möglichkeiten des Unterrichtens oder wetteifern sogar um die innovativsten neuen digitalen Lehr-Lern-Methoden.

Diese Krise zeigt aber auch: Unser Bildungssystem ist erstaunlich flexibel und wandlungsfähig, trotz oder wegen des Föderalismus. Wo Lernplattformen zusammenbrechen oder sogar fehlen, wird improvisiert. Wo Vorgaben fehlen oder auf sich warten lassen, wird gehandelt. Im Berufsethos der Lehrerinnen und Lehrer steckt das Bedürfnis, den so wichtigen persönlichen Kontakt mit den Lerngruppen aufrechtzuerhalten. „Flexibilität“ ist das Stichwort der Stunde. So lassen sich wohl bei vielen die Wochen vor den Osterferien zusammenfassen.

Jetzt treten Schulen allerdings in eine neue Phase ein. Die Frage, wie sich die Schulöffnungen organisieren lassen, wird vielfältige Herausforderungen für Schulleitungen, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler mit sich bringen. Für die Autoren, beide Optimisten, stellt sich nun die Frage, wie ein möglicher „Stresstest“ für Schulen aussehen könnte, der …

  • … nicht nur die nötigen Sofortmaßnahmen für Schulschließungen beinhaltet, sondern auch …
  • … Werkzeuge mit einbauen will, wie die zum Teil auch positiven Erfahrungen während der Schließzeit in den pädagogischen Alltag nach Covid-19 übertragen werden können, und darüber hinaus …
  • … weitere Handlungsempfehlungen mitdenkt, die im hoffentlich nie eintretenden Wiederholungsfall derartige Ausnahmesituationen noch besser meistern lassen.

Lassen Sie uns einmal über folgende Aspekte nachdenken:

Fragen zur Schulkultur

1. War Ihr Schulprofil bzw. waren die Stärken Ihrer Schule auch während der Corona-Schließzeit erkennbar? Welche Maßnahmen haben Sie dafür getroffen?

2. Wie würdigen Sie die Arbeit aller Lehrkräfte, auch wenn diese mit dem „Homeschooling“ vielleicht überfordert waren? Sehen Sie Anknüpfungspunkte, wie man „Unterricht neu denken“ könnte?

3. Welche Auswirkungen hat die Corona-Phase auf Ihren Medienentwicklungsplan und die technische Ausstattung? Wägen Sie jetzt anders darüber ab, ob Sie in Zukunft eher auf mobile Geräte oder auf interaktive Whiteboards setzen wollen?

4. Welche Konsequenz hat die Corona-Phase für Ihr schulisches Leitbild und den schulischen Alltag? Beziehen Sie dabei auch das Sekretariat, Hausmeister, Schulträger mit ein!

5. Wie zufrieden sind Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und Eltern mit der Kommunikation in der Corona-Phase? Gab es schon eine Befragung, oder planen Sie eine?

6. Wie schaffen Sie ein Gefühl von Gemeinschaft (neu)?

Organisatorische Fragen

7. Wie könnten Sie auf die kommenden Hygienevorschriften reagieren? Gibt es konkrete Abläufe, benennbare Kapazitäten, klare Verantwortlichkeiten? Sie sind die Experten für die Lösungen vor Ort.

8. Wie passt Ihre räumliche Situation mit künftig eventuell zu bildenden kleineren Klassengruppen zusammen? Denken Sie insbesondere über „Alltags- und Prüfungssituationen“ nach.

9. Ist eine Mischung aus Präsenzunterricht und digitaler Organisation denkbar, um die Risikogruppen zu schützen? Welche Kolleginnen und Kollegen brauchen Sie vor Ort, welche virtuell im Homeoffice?

10. Wie kommen die Stärken der jeweiligen Kolleginnen und Kollegen in solch einem Setting des „Blended Learning“ zum Tragen?

11. Welche (digitalen) Tools kamen bisher zum Einsatz, welche könnten helfen, die Situation zu verbessern? Setzen Sie vielleicht derzeit auf (zu) viele unterschiedliche digitale Plattformen?

12. Wie thematisieren Sie das Thema Datenschutz in Ihrem Kollegium? Gibt es dazu Fortbildungen oder Lösungen, die Sie digital bedenkenlos umsetzen können?

13. Wie führen Sie Konferenzen durch, wie Teamsitzungen? Halten Sie es für denkbar, derartige Termine für Einzelne oder sogar für alle digital ablaufen zu lassen?

14. Wie wird die Kinderbetreuung für die Kolleginnen und Kollegen mit Familie geregelt, wenn Kindergärten und Kitas weiterhin geschlossen bleiben?

15. Wie viele „digitale“ Hilfsangebote von Start-ups oder Verlagen haben Sie in den vergangenen Wochen angenommen oder zumindest in Erwägung gezogen? Welche wollen Sie – nach sorgfältiger Abwägung – weiterführen, noch ausprobieren oder canceln?

16. Wie werden Schülerinnen und Schüler, die zu Hause keine Unterstützung beim Lernen erfahren, gesondert gefördert bzw. betreut? Wie kann ein Qualitätsmanagement diesbezüglich aussehen?

17. Kann die Schule technische Geräte bereitstellen, wenn zu Hause keine geeigneten vorhanden sind? Welche Nutzungsregeln soll es dafür geben, und wie könnte gegebenenfalls eine möglichst kontaktlose Übergabe organisiert werden?

18. Gibt es Vorgaben seitens der Schulleitung, offenere Aufgabenformate zu verwenden, um die PDF-Arbeitsblattberge zu reduzieren? (So könnten kurze Video/Audio-Beiträge als Ergebnis einer längeren Recherche, die begleitet wird, zum Beispiel ein Produkt sein)

19. Seien Sie ehrlich zu sich selbst: Wie selbstständig sind die Schülerinnen und Schüler? Haben die meisten die Phase der Schließung gut für sich nutzen können und weitgehend eigenverantwortlich gelernt?

20. Was bräuchte es, um diese „Key Skills“ zukünftig noch stärker zu fördern bzw. aufzubauen? Wie sehen Sie Ihre Schule beim Thema „Selbstständiges Lernen“ aufgestellt?

Dies alles können natürlich nur Anregungen für Interessierte sein, denn den Masterplan für alle haben wir nicht, und den wird es vermutlich auch nicht für alle Schulen gleichzeitig geben. Auch eine ethische Bewertung, ob die Schulöffnungen jetzt und im geplanten Umfang richtig sind, können wir nicht treffen, da auch die Voraussetzungen in den Bundesländern bzw. Regionen verschiedenartig sind.

Bleiben Sie alle gesund, und kommen Sie gut durch diese Zeit!

Foe/Woe

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist Förtsch hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule. Für das Schulportal schreibt er regelmäßig eine Kolumne.
  • Kai Wörner unterrichtet Deutsch, Ethik und als Seminarrektor das Fach Geschichte an der für Medienbildung ausgezeichneten Realschule am Europakanal Erlangen II in Bayern.
  • Digitalisierung ist Wörners Thema: Er verwendet Tablets in seiner Klasse, engagiert sich in der Lehrerfortbildung und schreibt digitale Schulbücher.
  • Beide Autoren twittern regelmäßig (@herr_foertsch und @Woe_Real) und sind vernetzt unter den Hashtags #BayernEdu und #DiBiS (Digitale Bildung im Seminar).