Kolumne

Wechsel nach der Grundschule : „Im Pandemie-Blindflug suchen wir die passende Schule“

Die Tage der offenen Tür sind wegen Corona gestrichen – stattdessen gibt es nur virtuelle Rundgänge und eine Menge Gerüchte. Wie soll man da die richtige weiterführende Schule fürs Kind finden?, fragt sich unsere Kolumnistin Sandra Garbers. Und wenn man eine Wunschschule hat – wie überstehen Kind und Eltern das Vorstellungsgespräch, und wie lassen sie die Konkurrenz beim Schulwechsel hinter sich? Schließlich kann jede Bewerbung von anderen Kindern die Chancen fürs eigene Kind schmälern. Über eine der größten und schwersten Entscheidungen in der Schulzeit der Kinder.

Sandra Garbers Sandra Garbers 18. Februar 2022 1 Kommentar
Schulwechsel Kind schaut durch Fenster einer Schule
Wenn es pandemiebedingt an den Schulen keine Tage der offenen Tür gibt, ist es schwer, sich für den Schulwechsel ein eigenes Bild zu machen.
©Vuk Saric/iStock

Die Aufzucht von Kindern ist eine Abfolge kleiner Abschiede. Es beginnt mit der Kita, wenn man die behüteten Kleinen zum ersten Mal in fremde Hände gibt und nicht mehr selbst und in Echtzeit auf die Übergriffe von psychisch auffälligen Frederiks und Elsas reagieren kann. Und es geht weiter mit solch schmerzhaften Meilensteinen wie dem Abbau der Sandkiste, dem Ausbau der Autokindersitze und dem Umbau des Hochbetts in ein Sofabett mit neuen Kissen, die zur Wandfarbe passen müssen. Dass die Suche nach neuen Kinderschuhen nun in den Regalen der Größen 38 bis 40 stattfindet, fördert auch nicht unbedingt die Laune von uns Übermüttern, die nicht loslassen können.

Der bisher größte Umbau steht allerdings jetzt bevor: der Übergang aufs Gymnasium. Was gleichzeitig der Abschied von der Grundschule und damit irgendwie auch vom clearasilfreien Kleinsein ist.

Keine Chance, den Verrottungsgrad der Chemieräume zu begutachten

Eltern, die schon weiter und deutlich abgeklärter sind als ich, die das alles schon hinter sich haben, prophezeien eine düstere Zukunft: Du wirst sehen, die machen einen riesigen Sprung, sie spielen nicht mehr mit dem kleinen Bruder, sondern orientieren sich an den Großen, sie werden süchtig nach TikTok-Videos, und abends sitzen sie schlechtgelaunt und mit Gurkenmaske auf dem Sofa, um mit den anderen schlechtgelaunten Wesen zu facetimen, die sie ohnehin täglich sieben bis acht Stunden um sich haben. Sie kuscheln weniger, jedenfalls mit den Eltern, und hängen Stopp-Schilder an die Zimmertür.

Die Kontrolle geben wir nicht erst nach den Sommerferien ab – wir haben sie längst verloren. Quasi im Pandemie-Blindflug suchen wir die passende Schule. Tage der offenen Tür, bei denen man früher zumindest den Zustand der Toiletten und den eventuellen Verrottungsgrad der Chemieräume begutachten konnte, fielen in den meisten Schulen in den vergangenen beiden Jahren aus. Stattdessen Videopräsentationen, bei denen immer irgendein Vater vergessen hat, sein Mikro auszustellen. Und virtuelle Rundgänge, bei denen man sich von Stockwerk zu Stockwerk klicken kann, bis einem schwindlig wird.

Für die einen die tollste Schule, für die anderen geht sie gar nicht

Zum Glück gibt es genügend Gerüchte, um sich eine fundierte Meinung zu bilden: Schule XY geht gar nicht, da geht es ab der Sieben mit den Drogen los. Oder auch: Schule XY hat eine ganz tolle Schülermischung, und der Schulleiter ist legendär. Drogen hast du doch heute überall – Alkohol natürlich auch.

Schulwechsel werden so diskret gehandhabt wie Zielvereinbarungen mit der Personalabteilung.

Doch nicht nur wir Eltern sind in heller Aufregung darüber, dass wir eventuell nicht die richtige Entscheidung für die kommenden sechs Jahre, ach was, für das Leben treffen. Auch die Kinder versorgen sich untereinander mit Geschichten der Freundin einer Cousine, die sagt, dass nur die Musikprofilklasse gute Lehrerinnen und Lehrer bekommt, alle anderen dagegen seien sooooo schlecht und gemein. Zweiklassengesellschaft im fünfzügigen Gymnasium. Und dann mehr als 30 Kinder in der Klasse! Wie soll das gehen?, fragen wir Eltern uns. Ist doch toll, da haben wir eine große Auswahl an neuen Freunden, sagt die Tochter.

Jeder könnte beim Schulwechsel ein Konkurrent sein

Unter uns Eltern werden weniger Gerüchte getauscht. Es ist im Gegenteil verdächtig still geworden. Ach, sind doch alle gut, die Schulen hier in der Umgebung. Ist doch eigentlich egal. Hahaha, einmal kurz lachen. Schulwechsel werden so diskret gehandhabt wie Zielvereinbarungen mit der Personalabteilung. Jeder könnte ein Konkurrent sein. Jede Bewerbung des anderen an der Wunschschule schmälert die Chancen fürs eigene Kind.

Nicht alle Schulen entscheiden nur nach den Zeugnisnoten, was nach zwei Jahren erratischer Corona-Beschulung mit überproportionaler Elternbeteiligung nur vernünftig ist. Und so haben die Kinder ihre ersten Bewerbungsgespräche: Was sind deine Stärken, wie schlichtest du Konflikte, was erwartest du von dem neuen Lebensabschnitt? Ist dir klar, dass du nun viel weniger Freizeit haben wirst? „Ja, das ist mir klar, aber ich muss dazu sagen, dass ich in einem Alter bin, wo ich auch noch meine Kindheit habe, die sehr wichtig ist“, hat die Tochter geantwortet. War das jetzt eine gute oder eine schlechte Antwort? Warum hat sie nicht gesagt, dass sie den Vorlesewettbewerb gewonnen hat? „Ich wollte nicht so angeben.“

Mit Zweitwunsch kommt man nicht rein. Drittwunsch? Träumen Sie weiter.

Man lernt Schulleitungen kennen, die die Kinder mit größtem Respekt und Verständnis befragen. Und andere, die einen Fragenkatalog abarbeiten ohne echtes Interesse für den Menschen, der vor ihnen sitzt. Und so ganz allmählich beginnt man zu ahnen, welche Wahl die richtige sein könnte. Jetzt muss nur noch das Kind wollen. Aber kann es eine so große Entscheidung überhaupt treffen? Es hat doch nicht unseren Weitblick.

Die Tochter zur Geheimniskrämerei anstiften

Und was heißt eigentlich Wahl? Drei Schulen darf man ankreuzen: Erstwunsch, Zweitwunsch, Drittwunsch. Hört sich komfortabel an, bis man von sämtlichen Schulleiterinnen und Schulleitern zu hören bekommt, dass sie ohnehin nur den Erstwunsch berücksichtigen. Mit Zweitwunsch kommt man nicht rein. Drittwunsch? Träumen Sie weiter.

Irgendwann hatten wir sie, die Traumschule, die Wunschschule. „Am besten sagst du gar nicht erst, dass du auf diese Schule möchtest“, riet ich der Tochter. „Nicht, dass da jemand am Ende noch etwas kaputt macht…“ Die Tochter schaute mich enttäuscht an: „Jetzt wirst du schon genauso wie die blöden Mütter. Hauptsache, niemand macht was in uns kaputt…“ Ich schluckte. Wie groß sie war, wie weise, wie recht sie hatte. „Du darfst allen alles erzählen!“

Ich glaube die größte Entwicklung findet nicht erst auf dem Gymnasium statt, sondern schon auf dem Weg dorthin. Ab jetzt ist es ihr Weg. Und sie wird es gut machen. Egal auf welcher Schule.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die 6., ihr Sohn in die 3. Klasse.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb Sandra Garbers die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für das Schulportal aus Elternperspektive auf den Schulalltag.