Kolumne

Lehre aus Corona : Schulen brauchen mehr Freiheit und Verantwortung

Eine deutliche Mehrheit der Lehrkräfte wünscht sich mehr Eigenverantwortung für ihre Schulen im Umgang mit der Pandemie. Das ist das Ergebnis des Deutschen Schulbarometers Spezial. Für den Schulleiter und Schulportal-Kolumnist Matthias Förtsch ist das eine zentrale Lehre aus der Corona-Pandemie. Nicht nur weil eigenständige Schulleitungen ihre Schulen besser durch die Krise manövriert haben, sondern weil alle Schulen lernen sollten, gute Lösungen vor Ort zu finden.
Matthias Förtsch Matthias Förtsch 04. März 2021 Aktualisiert am 23. Juni 2021
Mädchen macht mein Hüpfspiel auf dem Asphalt
Können wir Schulen auch unabhängig vom Gebäude denken? Schulen brauchen Freiheit, um die Lehren aus der Krise nachhaltig zu nutzen.
©iStock

März 2020 … und plötzlich waren alle Schulen zu, und niemand war wirklich gründlich auf diese Situation vorbereitet. Chaos, meinten die einen, eine Chance zur Veränderung sahen die anderen. Was jedoch für alle schnell deutlich wurde, war die fehlende Handlungsfähigkeit der Kultusverwaltungen. Es gab schlicht und ergreifend keine Top-down-Lösungen für diese neue Situation, man musste von heute auf morgen auf die Ideen der Schulen vor Ort vertrauen.

Und so sahen sich auf einmal viele Schulleitungen in der Verantwortung, das schulische Lehren und Lernen weitgehend ohne die sonst so peniblen bürokratischen Regelungen zu organisieren. Lehrende mussten sich von bekannten Mustern der Unterrichtsgestaltung, die an die Präsenz im Klassenzimmer gekoppelt sind, verabschieden und sich zügig fortbilden. Schülerinnen und Schüler mussten beweisen, wie eigenständig sie wirklich lernen können und wie gut ihre digitalen Fähigkeiten jenseits von Gaming, Streaming und Social Media ausgeprägt sind.

Entscheidungen der Kultusverwaltungen werden oft als praxisfern wahrgenommen

Bei aller medienwirksamen Schelte im ersten Lockdown: Ganz so schlecht scheinen die Schulleitungen die Krise seither nicht gemanagt zu haben. Laut dem Deutschen Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise, einer Forsa-Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT, wünschen sich 68 Prozent der befragten Lehrkräfte mit Blick auf die pandemiebedingten Maßnahmen mehr Eigenverantwortung und Entscheidungsbefugnisse für ihre Schule. Die Folgebefragung wurde im Dezember durchgeführt, kurz vor dem zweiten Lockdown und 300 Tage nach den ersten Schulschließungen.

Die Erfahrungen in der Krise haben also anscheinend gezeigt, dass vor Ort oft gute Lösungen gefunden wurden bzw. man jetzt darauf vertraut, diese in der eigenen Schule zu finden, und oftmals Entscheidungen der Kultusverwaltungen als praxisfern wahrgenommen wurden.

Während viele Schulen Freude am Gestalten hatten, warteten manche lieber auf Vorgaben der Kultusministerien. Diese kamen dann auch spätestens nach den Sommerferien, zum Beispiel in Form von Mindeststandards für den Fernunterricht. Im aktuellen Lockdown ist der Spielraum eingeschränkter als im Frühjahr 2020. Trotzdem läuft der Fernunterricht gerade in den Schulen besser, die sich aktiv auf den Weg gemacht und für die nächste Schließung intensiv fortgebildet haben.

Eigenverantwortliche Schulen könnten als Organisation Haltungen vorleben, die die Schülerinnen und Schüler in ihrem Leben mehr prägen als die Taktung des Schulalltages oder Mathe, dienstags in der 5. Stunde.

Lässt sich die gewonnene Eigenverantwortung auch nach der Krise erhalten?

Und wie geht es nach dieser zweiten Schließung weiter? Spannend wird jetzt nämlich der Übergang von der Krisensituation zur neuen Normalität des Schulalltages: Überträgt sich die gewonnene Freiheit und Eigenverantwortung (bei allen am Schulleben Beteiligten) auf die Frage, wie wir Lernen zukünftig denken wollen? Wenn ja, dann brauchen Schulen Freiräume dafür. „School is not a place anymore“:

Können wir Lernen unabhängig vom Schulgebäude denken? Dazu gehört:

  1. Können wir das 45-Minuten-Zeitraster in der Breite der Schullandschaft aufbrechen (lassen)?
  2. Können wir – wenn die Anforderungen der Abschlussprüfungen feststehen – den Schulen mehr Freiheiten geben, wie sie die Schülerinnen und Schüler darauf vorbereiten?
  3. Dürfen Schulen irgendwann selbstständig über die Kontingentstundentafel, die Verteilung der Stunden über die Fächer und Jahre, entscheiden?
  4. Dürfen neue, zum Beispiel hybride Konzepte entstehen, die Schülerinnen und Schüler für bestimmte Arbeiten von der Präsenzpflicht entbinden?

Und wenn das alles zugelassen werden sollte: Werden Kultusverwaltungen den Mut haben, Schulen nicht nur die Verantwortung für unangenehme Entscheidungen „zuzuschieben“, sondern sie in der Eigenverantwortung und Selbstverwaltung zu stärken, gerade auch in Bezug auf Personalauswahl und Finanzierung? Der Silberstreif am Horizont der Corona-Krise ist die Schulreform. Eigenverantwortliche Schulen könnten als Organisation Haltungen vorleben, die die Schülerinnen und Schüler in ihrem Leben mehr prägen als die Taktung des Schulalltages oder Mathe, dienstags in der 5. Stunde.

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Schulleiter am Gymnasium des Bischof Sproll Bildungszentrums in Biberach. Er ist zudem Autor und Coach für die Themen Schulentwicklung und Kultur der Digitalität. Über diese Themen schreibt er auch auf Twitter und in seinem Blog.
  • Für das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.