Kolumne

Schülerorientierung : Warum auch sehr gute Ideen zu weit gehen können

Schülerorientierung wird in sozialen Netzwerken von Lehrkräften häufig zum Dogma erhoben, schreibt Schulportal-Kolumnist und Netzlehrer Bob Blume. Zwar sollten Schülerinnen und Schüler viel stärker an der Unterrichtsgestaltung beteiligt werden, doch der Bezug zu ihren Interessen sollte nicht allein im Vordergrund stehen. Aufgabe der Lehrkraft sei es auch, den Kindern und Jugendlichen unbekannte Welten zu eröffnen, die es zu entdecken gilt.

Bob Blume Bob Blume 09. August 2021 Aktualisiert am 13. August 2021 2 Kommentare
Lehrkräfte sollten Welten eröffnen, die die Schülerinnen und Schüler noch nicht kennen.
©plainpicture/Kniel Synnatzschke

Moment, der wird doch nicht … – Der wird doch nicht etwa in einer Kolumne schreiben, dass wir uns nicht an Schülerinnen und Schülern orientieren sollten. Verräter!

Doch, er wird. Ein wenig zumindest. Denn wenn die Ausrichtung an Schülerorientierung so weit geht, dass sie zum Dogma wird, konterkariert sie die Idee dessen, was Bildung sein kann.

Zunächst mal zum vielleicht offensichtlichsten: Wir haben zu wenig Beteiligung von Schülerinnen und Schülern in Schulen. Sie sollten in der Tat mehr ins schulische Handeln eingebunden werden, das ist gar keine Frage. Auch agile Angebote, bei denen Schülerinnen und Schüler selbst die Themenfelder bestimmen, Fragen an einen Bereich richten und sich stärker damit beschäftigen können, was sie wirklich interessiert, sind absolut sinnvoll. Kein Wunder und begrüßenswert also, dass jede Form dieser Praxis in den sozialen Netzwerken gelobt und mit Herzchen goutiert wird. Wer Schülerorientierung großschreibt, ist ein Guter!

Das alles ist nicht neu. Meyers Thesen zu gutem Unterricht, die wohl jeder Lehrperson ein Begriff sind, beinhalten sowohl den hohen Anteil echter Lernzeit als auch Planungsbeteiligung und vieles mehr. Und es sei nochmals darauf hingewiesen: Daran fehlt es in deutschen Schulen! Gerade Schülervertretungen sind augenscheinlich weniger politisch als vor 20, 30 Jahren. Das muss thematisiert werden.

Ein Unterrichtsthema ist eine Einladung, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert

Und in der Tat sollte die Frage nach den Gründen für die Relevanz eines Fachs oder Themas viel mehr im Mittelpunkt stehen. Schülerinnen und Schülern wird so auf Augenhöhe begegnet, indem ihnen die Möglichkeit gegeben wird, Bedeutung und Relevanz eines Themas zu verstehen. Es ist eine Einladung, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Ein freiwilliger geistiger Vertrag: Glaube mir, dass ich alles versuchen werde, damit du verstehst, dass dieses Thema wichtig ist. Ich vertraue dir, dass du alles tun wirst, um mir bei der Erkundung zu folgen.

Wir merken schon: Es wird unangenehmer. Folgen? Führen? Weiß da etwa jemand mehr? Arbeiten wir uns vor in die Höhle des Löwen, in der tatsächlich eine Lehrperson bestimmt, was zu tun ist? Ja, das tun wir. Mit Freude und Leidenschaft.

Schauen wir uns dazu drei Kommentare unter Youtube-Videos an, in denen ich mit meinem Freund Sebastian Treyz etwa eine Stunde jede Szene von Goethes „Faust“ bespreche. Eine Stunde. Ein Schüler schreibt: „Auch wenn bei mir eine Grundfaszination für Literatur schon besteht, haben Sie mir noch mehr Wege und Aspekte der Interpretation aufgezeigt, durch die die Arbeit mit Texten und Szenen noch viel mehr Spaß macht und noch intensiver wurde.“ Spaß, Intensität! Wir behalten das im Auge!

Ein weiterer schreibt: „Ich werde aufgrund Ihrer Hilfe auch in Zukunft mehr Texte schreiben sowie lesen, um mich weiterhin zu verbessern.“ Und ein Dritter: „Diese Reihe schafft, was keiner meiner bisherigen Deutschlehrer geschafft hat. Ich fange tatsächlich an, mich für den ,Faust‘ zu interessieren.“

Die Entscheidung für oder gegen etwas braucht eine Grundlage

Davon abgesehen, dass solche Kommentare jene Stimmen konterkarieren, die Lehrkräften auf Youtube generell vorwerfen, „Teaching to the Test“ zu manifestieren, zeigt sich hier etwas, das selbstverständlich nicht nur für Youtube-Videos, sondern vor allem für den realen Unterricht gilt: Dieser schafft es im besten Fall, dass jemand beginnt, sich zu interessieren.

Das setzt aber etwas voraus: Dass er oder sie zuvor nicht interessiert war! Weil vielleicht gar nicht bekannt war, was sich hinter dem Phänomen, der Methode oder dem Text verbirgt. Wie denn auch? Die Entscheidung für oder gegen etwas geschieht ja nicht im luftleeren Raum, sondern auf der Grundlage von etwas anderem. Das ist es, was jene vergessen, die naiv darauf hinweisen, man könne ja alles googeln.

Sich an Schülerinnen und Schülern zu orientieren bedeutet, sich zu fragen, wie ein Inhalt sie ansprechen kann. Das gelingt auch durch Alltagsbezug. Aber eben nicht nur. Alltagbezug haben die Schülerinnen und Schüler auch in ihrem Alltag. Der Trick ist ja eben, zu zeigen, dass ein Stoff auch für sich sprechen kann, wenn man den Schlüssel hat, ihn zum Sprechen zu bringen. Und damit meine ich nicht den ominösen „Schulstoff“, durch den man „durchkommen“ muss, weil er auf der Seite eines Schulbuchs ist. Sondern den Stoff als Träger von Geschichten, Phänomenen und Ereignissen, die mitreißen, Emotionen erwecken und zum Nachdenken anregen.

Nicht jeder Inhalt muss sofort als gut, interessant und relevant erkannt werden. Manches wird erst nach und nach deutlich, macht erst Spaß, wenn man den Schlüssel gefunden hat.

Der blinde Fleck der Social-Media-Lehrkräfte, die in jedem zweiten Tweet die Schülerorientierung loben, ist es, ihre eigene Autodidaktik quasi zur Grundkompetenz zu erheben, die jeder nur kurz entdecken muss. Die eigene persönliche, gesellschaftliche und professionelle Sozialisierung wird dabei erstaunlich wenig reflektiert. Der Fakt also, dass die zweifelsohne richtige Erkenntnis und das darauffolgende Plädoyer für das lebenslange Lernen nicht vom Himmel fallen, sondern aus einem langjährigen Prozess entstanden ist. Wer etwas können will, muss davor etwas können. Deshalb gibt es ja überhaupt Bildungspläne. Überladene, ja, durchaus! Die überarbeitet werden müssten, ja! Über die man sich grundsätzliche Gedanken machen müsste, ja! Bei denen aber deutlich zu sehen ist, dass die Festlegung an einem kognitiven Reifeprozess zumindest versucht worden ist.

Ich habe mal gesagt, dass ich lieber Schülerinnen und Schüler dazu zwingen würde, Kants kategorischen Imperativ kennenzulernen, damit sie mit mithilfe von diesem erklären könnten, warum sie diesen Zwang ablehnen – als es nicht zu tun. Dabei bleibe ich.

Manches macht erst Spaß, wenn man den Schlüssel gefunden hat

Schülerorientierung ist Einbeziehung, nicht Unterordnung. Nicht jeder Inhalt muss sofort als gut, interessant und relevant erkannt werden. Manches wird erst nach und nach deutlich, macht erst Spaß, wenn man den Schlüssel gefunden hat. Manches wird erst Jahre später zu einem Orientierungspunkt, von dem man lange gar nicht wusste, dass er einem hilft. Manches wird gar nicht relevant. Und auch das ist in Ordnung, denn sich zu bilden heißt eben auch, Dinge kennenzulernen, gegen die man sich entscheiden kann.

Ich glaube fest daran, dass Schülerinnen und Schüler es wertschätzen, wenn wir ihre Gedanken, Ideen und Vorschläge einbeziehen. Aber genauso glaube ich, dass sie es verstehen, wenn wir ihnen nicht nach dem Mund reden, sondern ihnen Welten eröffnen, die sie ohne uns nicht kennenlernen würden.

Denn wenn wir das nicht versuchen würden, dann bräuchten wir gar keine Schule mehr. Dieser Meinung kann man natürlich sein – aber das ist dann keine Schülerorientierung mehr, sondern Anarchie.

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium im baden-württembergischen Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald. 
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanalund einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt. 
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf  Twitter  unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.