Kolumne

Post-Corona : Die neue Normalität – oder zurück im Familienchaos

Plötzlich ist alles wieder da: Die Hektik am Morgen, das Chaos im Schulranzen, sogar der Schnupfen. Und die Eltern bekommen jetzt nur noch am Rande mit, was in der Schule passiert. Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers beschreibt, wie sie mit der neuen alten Normalität umgeht und in welchen Momenten sie doch ein klein wenig zusammenzuckt.

Sandra Garbers Sandra Garbers 05. Oktober 2021
Kind macht Handstand die neue Normalität nach Corona
Morgens fallen Kindern oft viele Dinge ein, die sie eher machen könnten, als zu frühstücken, die Zähne zu putzen und sich pünktlich auf den Weg zur Schule zu machen.
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„Habt ihr schon Zähne geputzt?… Nein, jeden Morgen!!… Deine Federtasche liegt ja noch auf dem Tisch… Wo ist denn dein Füller?… Ich hatte doch gestern Abend gesagt, dass ihr eure Schulsachen zusammenpacken sollt… Natürlich nicht die kurzen Shorts, es sind 12 Grad draußen und Regen… Es ist mir egal, wie die das im englischen Königshaus machen. Lange Hose!… Nein, den blauen Ordner habe ich nicht gesehen, aber ich hatte gestern Abend gesagt, dass… Ich weiß nicht, wo dein zweiter Schuh ist… Nein, den hat bestimmt nicht der Fuchs geklaut… Beeilt euch, in zwölf Minuten fängt die Schule an… Was musst du noch ausdrucken??? Jetzt???“

Wir haben einfach den Rhythmus noch nicht wiedergefunden, nach all der rhythmuslosen Zeit.

Es ist wieder wie immer. Nur mit Maske. Schulstress hat bei uns nichts mit Unterricht oder Klassenarbeiten zu tun. Schulstress ist die morgendliche Hektik, kurz bevor es in die Schule geht. Dann fegt ein Tornado durchs Haus, der Adrenalinpegel bei vier Menschen steigt exponentiell mit jeder verstreichenden Minute. Und dann kurz vor acht ist fast alles gefunden, gepackt und gekämmt. Punkt acht Uhr: Allgemeine Entspannung.

Wir schieben unsere Unfähigkeit zum geordneten Abzug auf Corona. Wir haben einfach den Rhythmus noch nicht wiedergefunden, nach all der rhythmuslosen Zeit. Allerdings hatten wir den vor Corona auch nicht, wenn ich ganz ehrlich bin. Egal, wir schieben alles auf Corona: Schlechte Laune, schlechte Noten, überhaupt alles, was schiefläuft.

Jeans statt Schlafanzug

Wir sind zurück auf Normal. Früh aufstehen, Jeans statt Schlafanzug. Die zwei Schnelltests pro Woche sind zur Routine geworden wie Zähneputzen, wir Eltern werden nicht gleich hysterisch, wenn ein Kind mal mit Schnupfen nach Hause kommt, sind etwas lässiger geworden, was das Händewaschen angeht, die Schule ist wieder Sache der Kinder und wir sind wieder abgeschnitten vom Informationsfluss. „Wie war es in der Schule?“ – „Gut.“ Wir sind raus, meine Mitwirkung beschränkt sich wieder auf gelegentliche Hausaufgabenkontrollen und das Unterschreiben von Klassenarbeiten.

Durch das viele Basteln und Ausmalen bin ich viel geduldiger geworden.

Dabei lief es gerade so gut. Endlich habe ich Bruchrechnung verstanden, durch das viele Basteln und Ausmalen bin ich viel geduldiger geworden, und ich kenne jetzt die Hauptstädte auch der der Staaten auswendig, die zu meiner Schulzeit noch Jugoslawien oder Sowjetunion hießen. Die letzten eineinhalb Jahre waren eine Art Volkshochschulkurs der längst vergessenen Dinge. Und jetzt bitte eine Lernstandserhebung für Eltern.

Nach dem Ende der Maskenpflicht erst mal einen Schnupfen

Zur neuen, alten Normalität gehört auch, dass es endlich wieder Streit unter den Kindern gibt. Verabredungen sind nicht länger Luxus, sondern normale Nachmittagsbeschäftigung. Die Mädchen zicken sich wieder gelegentlich an, die Jungs rempeln wieder. Schulhofspiele heißen nicht mehr Corona-Ticker, sondern wie vorher „Jungs fangen Mädchen“ oder umgekehrt. Es gibt wieder Einladungen zu Kindergeburtstagen. Und bei wem der achte Geburtstag coronabedingt ausgefallen ist, der hat eben ein paar Monate später den achteinhalbten mit den Freundinnen und Freunden gefeiert – die Queen macht es ja auch so ähnlich.

Sie finden zur Leichtigkeit zurück. Und jetzt hat Berlin mit einem besonderen Sinn für Timing und Originalität die Maskenpflicht in Grundschulen aufgehoben. Eine Woche vor den Herbstferien, drei Wochen vor den Reiserückkehrerinnen und Reiserückkehrern und mitten hinein in die wieder steigenden Zahlen. Vermutlich gäbe es bessere Zeitpunkte. Die Kinder haben vor lauter Freude erst einmal einen ordentlichen Schnupfen bekommen.

Schnell noch alles erlauben

Und was machen wir Eltern? Schauen mit gemischten Gefühlen auf den bald maskenlosen Herbst, legen schon mal Taschentuchvorräte für die vielen nachzuholenden Erkältungswellen an und polieren Fieberthermometer. Und zucken wirklich nur ganz kurz zusammen, wenn mal wieder von der „Pandemie der Ungeimpften die Rede ist“ oder davon, dass nun ja schließlich alle ein Impfangebot bekommen hätten und man die Maßnahmen doch langsam sein lassen könne.

Wir sagen ja zu allen Übernachtungspartys und Spontanverabredungen, auch wenn es unsere Pläne umwirft. In die Trampolinhalle? Na klar. Kletterwald? Gleich morgen. Schnell noch alles erlauben – bevor aus der neuen Normalität vielleicht doch wieder der alte Ausnahmezustand wird.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die 6., ihr Sohn in die 3. Klasse.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb Sandra Garbers die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für das Schulportal aus Elternperspektive auf den Schulalltag.