Kolumne

Corona-Folgen : Bitte weniger basteln!

Als unsere Kolumnistin Sandra Garbers in der Schule die perfekten Bastelarbeiten gesehen hat, wusste sie: Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Fortan hat sie in der Corona-Pandemie selbst viel Zeit mit Basteln verbracht, um ihren Sohn nicht zu blamieren. Dafür haben ihre Kinder in den vergangenen Monaten aber andere Fähigkeiten und Interessen neu entwickelt.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 02. Juni 2021
Basteln Kind vor Hund aus Toilettenpapierrollen
Wer hat den Dackel wirklich gebastelt – das Kind, oder waren es doch die Eltern?
©Plainpicture/Iris Wolf

Endspurt. Bald ist nun endlich auch die dritte Corona-Welle bezwungen. Zum Glück, denn langsam kann ich nicht mehr: Immerzu nur ausmalen, ausschneiden, kleben, falten – da wird man irgendwann ganz rammdösig. So als Erwachsener. Oder glauben die Lehrerinnen und Lehrer etwa, dass die Kinder im Homeschooling die erforderlichen Bastelarbeiten selbst ausführen? Da lachen wir alle mal kurz und herzlich.

Bei uns an der Schule sind diese Bastelaufgaben Ehrensache – äh, Elternsache, meinte ich. Aber ich glaube, die Lehrerinnen und Lehrer ahnen etwas. Es kann ja nicht nur am Designer-Schreibtisch liegen, wenn die Ella, die sonst im Kunstunterricht noch nicht mal eine ordentliche Katze malen kann, plötzlich Landkarten vom Nil und seiner Umgebung in 3-D-Perspektive aufs Papier zaubert. Zuerst sind wir Eltern, die ganz fest an so etwas Toll-Pädagogisches wie Selbstwirksamkeit glauben, natürlich standhaft geblieben: „Nee, nee, nee, mal deinen Schmetterling mal schön allein aus.“

Wir Eltern kommen vermutlich auf so viele unbezahlte Bastelstunden, dass es mindestens bis zur Vorweihnachtszeit im Jahr 2050 reicht.

Aber irgendwann sieht man dann im großen Glaskasten vor der Schule die Schmetterlinge der anderen, ahnt, dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, und nimmt sich vor, das eigene künstlerisch eher unterdurchschnittlich entwickelte Kind besser zu unterstützen. „Dann gib mal her den Schmetterling, du kannst ja schon mal Mathe machen …“

Statt bruchrechnen können die Kinder jetzt Klavier spielen

Wenn man die eigene Kindergartenkindheit plus das Jahr mit Homeschooling/Wechselunterricht zusammenrechnet, kommen wir Eltern vermutlich auf so viele unbezahlte Bastelstunden, dass es mindestens bis zur Vorweihnachtszeit im Jahr 2050 reicht. (Ab da müssen wir dann wieder mit unseren Enkeln basteln, denn unsere Kinder haben es ja nicht gelernt.)

Ich habe ja keinerlei Ahnung, aber eine ganz leise Stimme in mir sagt: weniger Basteln, mehr Theorie, wenn die Schulzeiten schon so arg reduziert sind. Aber das ist nur, weil ich langsam die Nerven verliere und mich frage, wie die Kinder jemals Hedgefondsmanager in Singapur werden sollen oder Lehrer in Hamburg-Bergedorf, wenn sie immerzu nur Monster, Bäume oder Schmetterlinge ausmalen. Aber ich will mich nicht beschweren. Die Kinder sind meistens zufrieden, und die Lehrerinnen und Lehrer haben trotz aller Widrigkeiten immer wieder neue Ideen, wie man auch aus der Ferne etwas in die kleinen Köpfe bekommt.

Garten bedeutet: „Muskelkater, schmutzige Fingernägel und Freiheit“

Wir hier am Waldrand von Berlin haben ohnehin leicht reden, wir haben die härteste Währung der Corona-Zeit vor der Haustür: Gärten! Vor 2020 definitiv ein Ort, der an den Wochenenden vor allem schmutzige Fingernägel, Efeu-Kontaktallergie und Muskelkater verhieß. Neuerdings aber Muskelkater, schmutzige Fingernägel und Freiheit. Ganzjährig.

Deshalb beschweren wir Vorstädter uns nicht – und wenn überhaupt, nur ganz leise. Und wenn wir uns Sorgen machen, dann nur ganz wenig. Und wenn wir ausrasten, dann nur ein bisschen. Weil es sich mit Garten so anfühlt, als habe man eigentlich kein Recht darauf, unglücklich, gestresst oder verzweifelt zu sein. Und vermutlich hat man es auch nicht.

Die positiven Seiten dieser seltsamen Zeit

Das macht es wesentlich einfacher, auch die positiven Seiten dieser seltsamen Zeit zu sehen – und die sind nicht nur im Garten zu finden. Die Kinder können zwar noch nicht bruchrechnen, dafür aber neuerdings Klavier spielen. So richtig mit Noten und Bassschlüssel. Die Bundesjugendspiele fallen wieder aus, aber der Rekord auf dem Trampolin liegt mittlerweile bei 14 Flickflacks hintereinander. Das Einmaleins sitzt noch nicht perfekt, dafür hat der Achtjährige den Roboter programmiert und kocht Pasta mit Spinat, getrockneten Tomaten, Passata und Pinienkernen. Ob er damit dann auch gleich behaupten muss, der beste Koch der Familie zu sein, sei dahingestellt.

Kinder wachsen über sich selbst hinaus unter der Corona-Glocke.

Die 13-jährige Cousine ist mittlerweile inmitten ihrer Zoomkonferenzen und Abgabetermine so perfekt organisiert, wie man es bisher frühestens von Erstsemestern an der Uni erwartet hätte. Die Kinder sagen Erwachsenensätze wie „Springtraining lasse ich heute ausfallen, ich muss noch für die Deutscharbeit lernen“, und man muss sich als Mutter bei so viel Weitsicht zusammenreißen, um nicht zu sagen: „Geht doch bestimmt beides …“

Nach chaotischen ersten Monaten packen sie nun selbst die Schulranzen und erfahren die Konsequenzen dafür ohne Elternfilter. Und nach der Schule? Da streifen die zehnjährigen Schulfreundinnen mit ihren Hunden durch die Parks und rufen bei der Verabschiedung kurz, dass sie sich übrigens noch ein Eis holen. Und dass sie danach auf die alte Buche im Park klettern werden.

Macht euch also keine Sorgen! Sie fragen weniger und verkünden mehr. Kurz: Sie wachsen über sich selbst hinaus unter der Corona-Glocke. Wenn man sie lässt. Wenn sie diese Freiheit mitnehmen ins nächste Schuljahr, haben sie verdammt viel gelernt. Nur das Basteln muss eindeutig besser werden.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die fünfte, ihr Sohn in die zweite Klasse.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb Sandra Garbers die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für das Schulportal aus Elternperspektive auf den Schulalltag.