Kolumne

Arbeitszeitbericht : Protokoll eines ganz normalen Arbeitstages in der Schule

In den sozialen Medien scheinen alle über Lehrer:innen Bescheid zu wissen. Darüber, was und wie viel sie arbeiten – vor allem aber darüber, was sie alles nicht tun, jedoch tun sollten. Viele verwechseln dabei die „Kundenperspektive“, die sie seinerzeit als Schüler:innen hatten oder heute als Eltern haben, mit der Gesamtansicht. Ähnlich wie bei Schauspieler:innen, Ärzt:innen oder Bankmitarbeiter:innen werden einige, aber längst nicht alle Aufgaben vor Publikum erledigt. Und nicht alles, was einfach wirkt, ist es auch. Kolumnistin und Lehrerin Ulrike Ammermann gibt Einblick in einen ganz normalen Arbeitstag.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann 11. Januar 2022
Merk-Zettel an einer Glaswand
Ähnlich wie bei Schauspieler:innen gibt es auch bei Lehrer:innen viel unsichtbare Arbeitszeit.
©iStock

An einem ganz normalen Dienstag klingelt mein Wecker um kurz vor sechs. Den ersten Kaffee trinke ich gerne noch im Bett und lasse den Tag auf mich zukommen. In der Stundenplan-App meiner Schule schaue ich, ob sich an meinen heutigen Unterrichtsverpflichtungen etwas geändert hat. Manchmal haben mir die Ersten auch bis morgens um sechs schon eine Nachricht geschickt. „Frau Ammermann, ich habe meine Tage, ich kann heute wirklich nicht in die Schule kommen!“, schreibt Vivian mitten in der Nacht. Ich antworte mit einem aufmunterndem Emoji und dem Hinweis, dass die Eltern sie im Schulbüro krankmelden sollen. Zack, das war einfach: ein Kind beruhigt. Auch Avid hat mir spätabends noch eine Sprachnachricht geschickt. Er konnte seine Hausaufgaben nicht hochladen und hat mir stattdessen eine E-Mail gesendet.

Irgendjemand will immer etwas

Spätestens um kurz nach sieben muss ich aus dem Haus. Sonst schaffe ich es nicht rechtzeitig zur Schule. Wenn ich dort den breiten Schulflur betrete, bin ich für alle ansprechbar. „Frau Ammermann, wie geht es Ihnen?“, „Können Sie bitte das hier Herrn Albrecht ins Fach legen?“, „Der Julius hat mir mein Pausenbrot geklaut.“ Oder es guckt jemand empört, weil ich nicht reagiere, obwohl Maricella gerade ein kleineres Kind geschubst hat. Besonders wenn ich gerade in einem Gespräch bin, können sich manche nicht zurückhalten und müssen unbedingt, in diesem einen Moment, auch was ganz Dringendes sagen. Oft halte ich dann einen Finger vor den Mund– „Pssst!“ – und zeige mit der anderen Hand zwei Finger. In zwei Minuten habe ich Zeit für dich. Irgendjemand will eigentlich immer etwas von mir …

Oft halte ich dann einen Finger vor den Mund– „Pssst!“ – und zeige mit der anderen Hand zwei Finger. In zwei Minuten habe ich Zeit für dich. Irgendjemand will eigentlich immer etwas von mir …

Vielleicht deshalb mag ich den Moment, wenn ich unsere Klasse aufschließe und meine 13-Jährigen nach und nach eintrudeln. Es hat ein paar Wochen gedauert, bis wir alle so weit waren – aber nun haben wir eine freundliche, entspannte Klassenatmosphäre. Die Schüler:innen begrüßen einander, erzählen vom Wochenende, holen ihre Bücher und Arbeitsmaterialien aus dem Fach. Ich schreibe den groben Zeitplan für die ersten beiden Stunden auf die rechte Seite des Smartboards. Wir haben Deutsch und werden uns mit der Interpretation von Balladen beschäftigen: Ist die Geschichte des Herrn von Ribbeck ein Gedicht oder ein Tatsachenbericht, wie er in der Zeitung, äh, in einem Social-Media-Thread stehen könnte? (Unter einer Tageszeitung können sich heutige 13-Jährige nämlich eher weniger vorstellen.)

Ich schreibe grob die Arbeitsschritte in unseren Zeitplan, die Kids werden nachher selbst entscheiden, wie sie die Aufgaben bearbeiten wollen und wie viel Zeit sie für welchen Schritt benötige

Jede Lerngruppe ist anders

Tags zuvor habe ich ein Arbeitsblatt vorbereitet, das den Siebtklässler:innen noch mal Merkmale des Gedichts, so wie sie es in der fünften Klasse gelernt haben, in Erinnerung ruft. Zu Zeitungsberichten habe ich ihnen Beispiele zusammengestellt: über die staatlichen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie und den Beginn des neuen Schuljahres in Hamburg. Später werden sie diese Texte mit der Ballade vergleichen.

Als Erstes sollen die Kids die Stellen der Ballade farbig anstreichen, die sie als Gedicht erscheinen lassen. Dann entscheiden, ob es sich um ein Gedicht handelt, und das Ergebnis ihrer Analyse begründen. Das ist für Schüler:innen einer siebten Klasse oft noch etwas komplex. Deshalb habe ich ihnen ein weiteres Arbeitsblatt vorstrukturiert, in das sie ihre Analyse und ihre Begründung eintragen können. Aber bevor wir damit beginnen, hören wir per Video einem Schauspieler zu, wie er die Geschichte des Herrn Ribbeck und seines geizigen Sohns vorträgt. Diese siebte Klasse kann sich gut auf Theater-Situationen einlassen. Einige haben die Augen geschlossen, während der Sprecher die Ballade zum Leben erweckt, andere verfolgen jedes Zucken seiner Augenbrauen.

Natürlich muss ich nicht jede Unterrichtsstunde komplett neu erfinden. Schließlich behandeln wir seit Jahren Balladen in der siebten Klasse. Trotzdem ist jede Lerngruppe anders. Manche können sich an die Elfen-Gedichte aus der fünften noch erinnern, andere gar nicht. Oder sie waren zu dem Zeitpunkt noch gar nicht in Deutschland. Manche Kinder brauchen mehr Bewegung im Raum, um sich auf einen Lerninhalt einlassen zu können, andere eher ein Schriftbild. Mit einer Klasse habe ich zum Beispiel mal aus einer Ballade einen Rap gemacht, um den Gedichtrhythmus besser zu spüren. Und die aktuellen Bezüge ändern sich natürlich auch.

Manchmal habe ich bei der Recherche auch unerwartetes Glück, wie gestern, als ich die Lesung dieses Schauspielers entdeckt habe. Und manchmal muss ich im Unterricht improvisieren, weil ich in Unterrichtswochen oft recht spät nach Hause komme und – ähnlich wie eine Beraterin im Unternehmen – tagsüber von einem Unterricht zum nächsten, von einer Besprechung zur nächsten Konferenz wechsele und keine Zeitfenster habe, in denen ich in Ruhe etwas am Schreibtisch wegarbeiten kann.

Im Eilschritt in den nächsten Klassenraum

Ein normaler Schultag ist eng getaktet. Zwei Stunden sind zu einer 90-minütigen Doppelstunde zusammengefasst, gefolgt von 30 Minuten Pause. Immer wieder kontrolliere ich deshalb das Handy auf meinem Pult. Wir müssen wenigstens grob im Zeitplan bleiben, damit wir unsere Leitfrage, „Ist die Ballade eher ein Gedicht oder ein Bericht?“, zumindest vorläufig beantworten. Anschließend haben die Schüler:innen 30 Minuten Pause und ich zum Glück keine Aufsicht.

Auf die Toilette schaffe ich es trotzdem nicht. Etliche Menschen wollen mich sprechen. Marilena weiß das Passwort für die Stundenplan-App nicht mehr und braucht ein neues, die Krankentage müssen ins Klassenbuch eingetragen werden. Außerdem dürfen sich in jeder Doppelstunde zwei Schüler:innen für eine Mitarbeitsnote bewerben, die anderen beiden Schüler lasse ich in meiner Notenverwaltungs-App vom Algorithmus auswählen. Mindestens diese vier wollen am Ende der Stunde ihre Note sehen.

Die nächsten beiden Unterrichtsstunden habe ich am anderen Ende des Schulgeländes. Ich muss mich wirklich beeilen, um einigermaßen pünktlich zum Geschichtsunterricht der Oberstufe im Neubau zu erscheinen. Neunzig Minuten später führe ich die Pausenaufsicht. Vom hinteren Schulhof ist es zum Glück nicht weit bis zu unserer Laborküche, in der ich in der fünften und sechsten Stunde die Französischgruppe empfange. Wir bereiten Crêpes nach einem bretonischen Rezept zu.

Unsichtbare Arbeitszeiten

Die siebte Stunde nutze ich, um im Lehrerzimmer mit zwei Kolleginnen eine Kleinigkeit zu essen. Danach muss ich in den kleinen Konferenzraum: Wir haben unsere wöchentliche Teamkonferenz. An unserer Schule besteht ein Klassenteam aus einer oder zwei Klassenlehrer:innen, einer oder einem Sozial- und Sonderpädagog:in. Etliche unserer Schützlinge brauchen besondere pädagogische Angebote – Deutsch als Zweitsprache zum Beispiel –, bei anderen müssen wir uns mit Eltern, dem Jugendamt und Betreuern abstimmen. Viel Redebedarf.

In der achten und neunten Stunde habe ich noch mal Unterricht. Und anschließend findet unsere monatliche Konferenz zur Schulgemeinschaft statt, in der zwei Fachlehrerinnen, eine Sonderpädagogin und zwei Sozialpädagoginnen sowie ein Mitglied der Schulleitung Regeln und Hilfestellungen für das Miteinander aller erarbeiten. Wo bewahren wir Fußbälle für die aktive Pause auf? Wer setzt Regeln durch? Brauchen wir mehr Streitschlichter:innen unter den Schüler:innen? Sollte man diese an einer besonderen Bekleidung erkennen? Für solche Fragen haben wir von vier bis halb sechs Uhr abends noch mal anderthalb Stunden Zeit.

Abends führe ich von zu Hause aus noch mit Eltern zwei dringende Gespräche, auf die wir uns in der Teamkonferenz geeinigt hatten. Die Unterrichtsvorbereitung fällt dienstags immer etwas schmal aus. Kurz checken, ob ich den Vokabeltest in der richtigen Mappe liegen habe, schauen, wie weit wir im Plan der Unterrichtseinheit der achten Klasse liegen.

Und dann breche ich schließlich zum Yoga auf.

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einer Hamburger Stadtteilschule Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.