Kolumne

Persönlichkeitsbildung : Plädoyer für ein verpflichtendes soziales Jahr

Wäre ein verpflichtendes soziales Jahr ein Eingriff in die Freiheit? Lehrer und Kolumnist Bob Blume findet das nicht. Im Gegenteil: Um wirklich eigene Entscheidungen über die Zukunft treffen zu können, sei es für junge Menschen wichtig, verschiedene Perspektiven kennenzulernen.
Bob Blume Bob Blume 08. März 2022 Aktualisiert am 09. März 2022
Junge Menschen brauchen eine Zeit, in der etwas anderes gemacht werden kann als das, was man sowieso gewöhnt ist.
©Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild

Bevor wir uns gemeinsam ans Lagerfeuer setzen und unsere Gemüter erhitzten, wenn ich zum Titel komme (und das wird dauern), beginnen wir zunächst mit einer kurzen zeitlichen Einordnung: 3 Jahre Kindergarten, 4 Jahre Grundschule, 8 Jahre weiterführende Schule und dann drei Monate, um zu überlegen, was man die nächsten 40 Jahre machen möchte.

Schon klar, das ist pauschal. Und ja, es gibt junge Menschen, die nach der Mittleren Reife oder nach dem Abitur schon genau wissen, was sie tun wollen. Aber oftmals eben nicht. Das allein wäre noch kein Problem, aber zu der Orientierungslosigkeit, die wohl jeder kennt, kommen zwei Faktoren, die in den letzten Jahren zugenommen haben: Druck und eine schier erschlagende Vielfalt.

Der Druck ergibt sich zwangsläufig aus den Bedingungen, die Bologna hinterlassen hat. Es ist ein Imperativ, dem sich viele Eltern anschließen: Wenn du schon ein Jahr weniger in der Schule bist, dann sorge auch dafür, schnell in der Universität zu landen. „Schnell“ ist das Stichwort, denn wenn man sich die Abbrecherquoten anschaut, dann ist die kürzere Schullaufbahn mit anschließender Stoßbefüllung der Unis vor allem eines nicht: effizient. Kein Wunder, kann man doch momentan aus mehr als 16.000 Studiengängen auswählen. Nein, Sie haben sich nicht verlesen. Die Zeit, in der zwischen Germanistik und Soziologie ein kulturwissenschaftliches Randgebiet für Aufsehen sorgte, ist vorbei. Das ist schön. Das erzeugt Auswahl. Aber das erzeugt eben auch Ohnmacht.

Insofern ist es mir folgerichtig unmöglich, der marktwirtschaftlichen Logik einer schnellen Zuführung des Humankapitals auf den Arbeitsmarkt zu folgen. Was genau soll denn ein 21-jähriger Bachelor-Student tun, wenn er durch den vorgefertigten Stundenplan gezogen wurde und die einstmalige wissenschaftliche Freiheit in einem Happen PowerPoint über Humboldt kennengelernt hat?

„Viele schaffen es doch“, höre ich nun die Stimmen, und weiter: „Wir müssen den jungen Menschen vertrauen und ihnen Verantwortung geben.“ Oder einfacher: „Soll man all denen, die schon wissen, was sie tun, diese Möglichkeit nehmen, indem man sie in eine Lücke im Lebenslauf schickt?“ Ja, diese Platte kenne ich. Vertrauen und Verantwortung schenkt man immer dann, wenn man jemanden alleine lassen will und politisch aussehen lassen möchte, als kümmere man sich. Das kennen junge Leute übrigens aus der Schule in Zeiten der Pandemie.

Bildung bedeutet Bildung der Persönlichkeit

Der Punkt ist nämlich ein anderer: Um eine Entscheidung über das zukünftige Leben zu treffen, wäre es nicht schlecht, ein wenig Lebenserfahrung gesammelt zu haben. Und ja, dass dies innerhalb der Schule zu wenig möglich ist, weil die Berge von Stoff abgearbeitet werden müssen, ist ein Defizit, das dringend behoben werden muss.

Aber Bildung ist keine Ausbildung, auch wenn die Universitäten sich immer mehr an einer Angleichung orientieren. Bildung bedeutet Bildung der Persönlichkeit, Entfaltung und Erfahrung. Aber was so vage daherkommt, bedeutet vor allem eines: sozialen Kontakt. Austausch mit Menschen, die gelebt haben. Auseinandersetzung mit einem selbst und anderen. Das Kennenlernen von alternativen Lebensentwürfen.

Beinahe hätten wir es nun zum Thema geschafft, aber geben Sie mir noch eine weitere Runde, bevor ich zum Kern komme.

Alle Menschen haben die Tendenz, ihr Leben rückwirkend als gradlinig zu betrachten. Das ist kein Wunder, bietet es doch den Schutz davor, Zufällen, zumal wenn diese einen zunächst negativen Effekt haben, zu viel Raum zu geben. Es bleibt einem zu sagen: Ohne das eine wäre es nicht zum anderen gekommen. Und natürlich hat man immer recht. Diese Trivialität lädt man dann aber auf, um ihr die Bedeutung eines sinnvollen Lebenswegs zu geben, vor allem, wenn dieser schlussendlich unter das gesellschaftliche Zertifikat „erfolgreich“ fällt.

Bis dahin ist das alles nachvollziehbar. Aber nun kommt es: Wenn man sich der rückwirkenden Aufhübschung nicht mehr bewusst ist, dann kommt es schnell dazu, dass man seinen eigenen Lebensweg als Beispiel einer eben eigentlich nicht existenten Linearität sieht. Und das ist der Schritt zu: „Mach das, das führt dazu, und dann bist du das.“ Und am Ende steht jemand, der ist, was er nie sein wollte.

Neue Perspektiven eröffnen

Wie also schafft man es, dass sich jungen Menschen Räume öffnen, die aus mehr bestehen als aus den immer gleichen Wänden des Klassenzimmers, das in einem nahtlosen Übergang mit dem des Seminarraums wechselt?

Es ist klar, dass die Antwort auf diese Frage auf den Titel zurückführt. Ein soziales Jahr ist deshalb ein soziales, weil man auf Menschen trifft. Auf Menschen übrigens, von denen man nicht weiß, ob sie einem helfen, ob sie neue Perspektiven eröffnen.

Ein soziales Jahr ist deshalb ein soziales, weil man auf Menschen trifft. Auf Menschen übrigens, von denen man nicht weiß, ob sie einem helfen, ob sie neue Perspektiven eröffnen.

Ich erinnere mich sehr gut, wie ich in meiner Heimatstadt Hagen nach meinem Schulabschluss in einer sogenannten Jugendbildungsstätte mit Jugendlichen arbeitete, Filme drehte, Theater spielte, rausging und am Lagerfeuer saß und in den Himmel schaute (pathetischer wird es heute nicht, versprochen). Damals konnten wir alle miterleben, wie wichtig es für viele junge Leute war, ein anderes Leben mitzubekommen. Ein Kind im Grundschulalter, das nie zuvor an einem Lagerfeuer saß, sagte damals zu mir: „Das ist das Schönste, was ich jemals erlebt habe.“ Ich gebe zu, dass ich damals nicht daran dachte, dass auch diejenigen auf der anderen Seite von diesen Erlebnissen maßgeblich beeinflusst werden.

Insofern war ich damals ein entschiedener Gegner des Wegfalls des Zivildienstes und ja, auch der Wehrpflicht, der ich deutlich kritischer gegenüberstand, als ich es mittlerweile tue. Die Frage nach einem verpflichtenden Wehrdienst ist aber auch aufgrund der aktuellen Diskussion, die erst nach der ersten Fassung der Kolumne aufkam, eine andere. Während es sich beim Wehrdienst um eine zu diskutierende gesellschaftliche Notwendigkeit handelt, ergibt sich meine Argumentation aus dem Blick aufs Individuum.

Und bevor mir vorgeworfen wird, dass ich die schwierigsten Aspekte eines verpflichtenden sozialen Jahres umschiffe, sage ich frei heraus: Ja, das tue ich. Und ich bin mir dessen bewusst.

Wie dafür sorgen, dass die jungen Menschen nicht als billige Arbeitskräfte verbraucht werden? Wie dafür sorgen, dass die Arbeitsbereiche, in denen die jungen Menschen arbeiten, nicht für eine allgemeine Lohnsenkung sorgen? Wie dafür sorgen, dass im Zuge dessen noch weniger Menschen eine Arbeitsstelle in einem Bereich annehmen, in dem sowieso junge Hilfskräfte arbeiten? Entschuldigen Sie, aber: Was weiß ich? Das ist eine Aufgabe der politischen Verantwortlichen.

Worum es mir geht, ist weniger die Frage nach sozialpolitischen Maßnahmen, die eine solche Entscheidung ermöglichen würden, sondern jene danach, was das für die Kinder und Jugendlichen bedeutet.

Sie brauchen eine Zeit, in der etwas anderes gemacht werden kann als das, was man sowieso gewöhnt ist. Ich gehe davon aus, dass selbst die, die schon zu wissen meinen, dass sie studieren wollen, profitieren werden. Und überhaupt: Dieses Studieren, dessen Möglichkeit doch allzu oft verwechselt wird mit einer Pflicht, für deren Ablehnung man sich rechtfertigen muss: „Wie, du studierst nicht? Du hast Abitur!“

Das, was das Studium bei all jenen ausgemacht hat, die mit Freude daran zurückdenken, ist die Freiheit der Wahl, das Eingraben in Fragen ohne Antworten, die Diskussion über spannende Sachverhalte, deren Bedeutung eben nicht im Sekundentakt mit einem möglichen gesellschaftlichen Nutzen abgeglichen werden muss. Mir ist es völlig fremd, wie junge Studierende, nachdem sie auf Facebook nach dem einfachsten Professor gefragt haben, keine Lust haben können, zu studieren. Immerhin, muss man ja sagen, habt ihr es doch selbst gewählt. Und damit wären wir fast am Anfang der Kolumne.

Denn wie soll man jemandem vorwerfen, dass er oder sie sich so verhält, wie es nun mal erwartet wird. Aus der Schule in die Schule, die irgendwie anders heißt, also Uni.

Ist ein verpflichtendes soziales Jahr ein Eingriff in die Freiheit?

Aber klar: Auf die wichtigste Frage bin ich noch nicht eingegangen. Sollte der Staat einmal mehr in die Freiheit eingreifen und alle dazu zwingen, etwas zu tun, das sie vielleicht gar nicht wollen? Schwierig. Ich sage deshalb ja, weil der Nicht-Eingriff nicht automatisch Freiheit bedeutet. Mit anderen Worten:

Wenn nun erwidert wird, dass ein verpflichtendes soziales Jahr ein Eingriff in die Freiheit der jungen Menschen ist, dann bedeutet das ja nichts anderes, als dass diese Freiheit momentan besteht. Aber was ist eine Freiheit, deren Grenzen aus sozialer Norm auf der einen und einer nicht zu überblickenden Wahl auf der anderen Seite besteht? Was nützt einem die andere Seite des Ufers, wenn man nicht schwimmen kann?

Da dies eine Kolumne und keine empirische Untersuchung ist und ich als Verfasser natürlich genau das tue, was ich uns allen vorwerfe, indem ich Teile meiner Argumente auf meinen eigenen Lebensweg beziehe, bleibt für mich eine These, die schwer zu verifizieren ist: Ein verpflichtendes soziales Jahr bietet die dringend notwendige Möglichkeit für junge Leute, zu sich zu kommen, sich zu orientieren, sich zu engagieren und ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Ich glaube einfach nicht daran, dass sich zwei alte Männer auf der Parkbank unterhalten und rückblickend sagen werden: Beinahe wäre ich Professor geworden. Beinahe wäre ich Millionär geworden. Beinahe wäre ich supererfolgreich geworden. Aber dieses eine Jahr damals, dieses soziale Jahr. Das hat mir für alle Tage diese Möglichkeit genommen.

Was ich stattdessen aber sehe, sind Jugendliche, die ihre Orientierungslosigkeit als Defizit wahrnehmen und den Druck mit jedem Post ihrer Freunde weiter wachsen lassen, die schon eine Entscheidung getroffen haben. Die irgendwo irgendwas studieren und dann entweder unglücklich sind damit oder es durchziehen und dann später unglücklich sind. Das trifft besonders auf eine Berufsgruppe zu, aber ich sage mal nicht, welche.

Ich glaube, das muss nicht sein. Und ich denke, dass ein verpflichtendes soziales Jahr, eingepackt in das deutscheste aller Wörter – eine „Wahlpflicht“ in verschiedenen Bereichen – dazu führen könnte, ein wenig vom Druck herauszunehmen, die Orientierungslosigkeit nicht mehr als Defizit zu sehen. Und in sich zu gehen, um aus sich heraus eine Entscheidung zu treffen, die auf mehr beruht als auf einer schnellen Internetrecherche.

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium in Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald.
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanal und einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt.
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf Twitter unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.
  • Unter dem Titel „Deutschunterricht digital. Vom didaktischen Rahmen zur praktischen Umsetzung.“ erscheint im April 2022 im Beltz-Verlag ein Buch von Bob Blume. Es richtet sich an  Deutschlehrer:innen, Lehramtsanwärter:innen sowie Fachleiter:innen der Sekundarstufen, die Unterricht digital erweitern möchten.