Kolumne

Hate Speech : „Man muss denen doch auch mal die Meinung sagen!“

Anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus appelliert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rassistische Gewalt und Hetze entschieden zu bekämpfen. Auch die Kultusministerkonferenz hat am 16. März eine Erklärung „Für eine Gesellschaft des Miteinanders – gegen Ausgrenzung, Hass und Gewalt“veröffentlicht, aus Anlass der Anschläge in Hanau vom 19. Februar. Schulen sollen die Grundlagen für ein respektvolles und achtsames Miteinander vermitteln, heißt es darin. Die Hamburger Lehrerin Ulrike Ammermann hat das Thema aufgegriffen. In ihrer Kolumne für das Schulportal beschreibt sie ein Gespräch mit ihren 16-jährigen Schülerinnen und Schülern über Kommunikation in Zeiten von Hate Speech.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann / 17. März 2020
Viele Schülerinnen und Schüler reagierten mit Trauer und Wut auf das Attentat in Hanau.
©dpa

In Fragen der Gerechtigkeit sind Jugendliche große Experten. Auf keinen Fall wollen sie ungerecht behandelt werden. Und wenn doch, dann soll bitte ein erwachsener Schiedsrichter eingreifen. Aber was machen wir, wenn es diesen Richter nicht gibt? Das Internet ist riesengroß, eine Menge Meinungen schwirren darin herum, und leider sagt keiner am Ende die magischen Sätze vom Schulhof: „Das kannst du so nicht sagen, du hast unrecht.“ Und auch nicht: „So, und jetzt überlegst du dir bitte, wie du dich entschuldigst!“

Gegen die AfD sind irgendwie alle meine Schülerinnen und Schüler in der elften Jahrgangsstufe. Das mag daran liegen, dass ihre Eltern oder Großeltern aus der Türkei oder aus Russland nach Deutschland eingewandert sind. Tayo verzieht das kindliche Gesicht zu einem schüchternen Grinsen, als er sagt, bei der Hamburger Bürgerschaftswahl werde er sich in die Wahlstube trauen, auch wenn er wisse, dass seine Feinde auch dort hingehen. Seine Mitschülerinnen und ihre Klassenkameraden sind stolz, dass sie mit 16 zum ersten Mal wählen dürfen. Es wird Zeit, mit ihnen über unser Wahlsystem zu reden. Was ist demokratisch? Was nicht mehr? Und vor allem: Wann wird es problematisch, selbst wenn es demokratisch ist?

Die Landtagswahl in Thüringen

Wir malen das Wahlergebnis der Thüringer Landtagswahlen 2019 an die Tafel: CDU 27,2 Prozent; SPD 10,8 Prozent; Die Linke 25,8 Prozent; Grüne 6,5 Prozent; FDP 5,4 Prozent; AfD 22 Prozent. Anschließend versuchen wir mehrheitsfähige Koalitionen zu finden. Die Schülerinnen und Schüler nehmen es sportlich, jede gefundene Mehrheit fühlt sich wie ein kleiner Sieg an. „Na bitte, geht doch!“ Und jedes Mal muss ich ihnen erklären, warum es wegen dieses oder jenes Wahlversprechens eben doch nicht geht. Vor allem, weil mit der AfD keine der im Landtag vertretenen Parteien Politik machen will. Die Schülerinnen und Schüler auch nicht. Ich erzähle ihnen, dass die Wahl von FDP-Politiker Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Gnaden der AfD ungute Erinnerungen an den ersten Testlauf der Nazis vor 90 Jahren weckt. So ganz nachvollziehen können sie meine Erklärungen nicht, dass dieser dritte Wahlgang zwar nach den Spielregeln der Demokratie legitim ist, aber Erinnerungen an Entlassungen unliebsamer Lehrerkräfte, Polizisten und Richter sowie an Verbote und Zensur von Kultur wecke.

Wut und Trauer über den Terroranschlag in Hanau

Und dann fallen am 19. Februar die tödlichen Schüsse in Hanau. Elf Menschen sterben, viele andere werden an Körper und Seele schwer verletzt, als ein Rechtsextremist in zwei Shishabars und der elterlichen Wohnung um sich schießt. Meine Schülerinnen und Schüler im fernen Hamburg sind betroffen, traurig, wütend. Das hier ist kein ödes Wahlrecht, es geht nicht um Regeln, Recht oder Koalitionsgerangel. Das hier ist das echte Leben. Sie teilen YouTube-Videos von Überlebenden, regen sich auf Twitter auf. Schimpfen und schreien nach dem Recht. Bloß gibt es auf Twitter keinen Aufsicht führenden Schiedsrichter, jedenfalls nicht so wie in der Schule. Niemand bestimmt am Ende, was gesagt werden darf.

Wie können wir miteinander reden?

Was ist also die richtige Reaktion auf Tweets wie diesen: „Schlimme Zustände in Hanau: Ein Leben zwischen Kakerlaken und Müllbergen“ oder „#Hanau Wieder ein guter Grund sämtliche Medien zu meiden. Das Geheule wegen 11 toter Kanaken, ist ja nicht zu ertragen.“ Das Netz ist voll mit wüsten Beschimpfungen aller Seiten. Alle scheinen empört. Auch die 16-Jährigen meines Oberstufenkurses regen sich auf. Sie starren auf ihre Handys. Es werden neue Twitter-Accounts eingerichtet, die nicht sofort auf ihr Privatleben verweisen.

Es fängt langsam an. Mehmet schlägt vor „Betroffene Hunde bellen“ zu schreiben. „Genau!“, ruft Eduard, „ich würde die beleidigen. Die Nazis und die AfD haben es nicht anders verdient.“ Damit hat er viele seiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden hinter sich. Kommentare wie „Nazi-Dreckschwein“, „Hurensohn“, „Habt ihr Lust auf eine Misshandlung?“ werden vorgeschlagen.

Ich weise darauf hin, dass kein Schiedsrichter den Twitter-Thread beenden wird. Und auch, dass selbst Twitter-User mit wenigen Followern durch geschickte Re-Tweets manchmal eine riesige Reichweite erreichen können, Shitstorm inklusive. „Öh, mhhmm.“ So hatten sie sich das aber nicht vorgestellt. Die erste Begeisterung legt sich merklich. Das Tolle an meinen Schülerinnen und Schülern ist: Sie mögen (noch) keine Profis für das Wahlrecht der Bundesrepublik Deutschland sein – aber mit Gerechtigkeit kennen sie sich aus.

Wie können konstruktive Diskussionen gelingen?

„Auf keinen Fall beleidigen“, schlägt Elif vor. Ihr Tischnachbar Mehmet stimmt ihr zu: „Sachlich bleiben. Das wirkt seriös.“ Dann höre auch auf, dass jeder immer das letzte Wort haben müsse, glauben die Jugendlichen. Man solle mit Argumenten und Fakten zeigen, dass nicht alle Migranten gleich sind und man sie einfach loswerden kann. Das sei die schlaueste Reaktion, da ist sich die Klasse einig. Bloß Spaß bringt dieses Reaktion nicht.

Enttäuschte Gesichter. „Man muss denen doch auch mal die Meinung sagen!“, „Mann, also wirklich!“ Die Schülerinnen und Schüler beschließen ein Experiment. Einige ihrer neuen Twitter-Accounts posten beleidigende Reaktionen. Die AfD und ihre Anhängerinnen und Anhänger hätten es schließlich nicht anders verdient. Einige der Schüler-Accounts tweeten sachliche, höfliche Reaktionen. Die Ergebnisse wollen sie später  gemeinsam auswerten.

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einem Hamburger Gymnasium Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.